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Volksmärchen der Deutschen

Johann Karl August Musäus: Volksmärchen der Deutschen - Kapitel 11
Quellenangabe
typefairy
booktitleVolksmärchen der Deutschen
authorJohann Karl August Musäus
noteBilder von Ludwig Richter, A. Schröter, R. Jordan und G. Osterwald aus der Ausgabe von 1842
year1976
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05655-2
titleVolksmärchen der Deutschen
pages3-816
created20040312
sendergerd.bouillon
firstpub1782
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Zwote Legende

Die Mutter Erde war also von jeher der Zufluchtsort, wohin sich gestörte Liebe barg. Die unglücklichen Wichte unter den Adamskindern, welche Wunsch und Hoffnung täuscht, öffnen sich unter solchen Umständen den Weg dahin durch Strick und Dolch, durch Blei und Gift, durch Darrsucht und Bluthusten, oder sonst auf eine unbequeme Art. Aber die Geister bedürfen all der Umständlichkeiten nicht, und genießen überdies des Vorteils, daß sie nach Belieben in die Oberwelt zurückkehren können, wenn sie ausgetrotzt, oder ihre Leidenschaft ausgetobet haben, da den Sterblichen der Weg zur Rückkehr auf ewig verschlossen ist. Der unmutsvolle Gnome verließ die Oberwelt mit dem Entschluß, nie wieder das Tageslicht zu schauen; doch die wohltätige Zeit verwischte nach und nach die Eindrücke seines Grams, gleichwohl erforderte diese langwierige Operation einen Zeitraum von neunhundertundneunundneunzig Jahren, ehe die alte Wunde ausheilte. Endlich da ihn die Beschwerde der Langenweile drückte und er einsmal sehr übelaufgeräumt war, brachte sein Favorit und Hofschalksnarr in der Unterwelt, ein drolliger Kobold eine Lustpartie aufs Riesengebürge in Vorschlag, welchen Seine Herrlichkeit zu goutieren nicht ermangelte. Es brauchte nicht mehr als den Zeitblick einer Minute, so war die weite Reise vollendet, und er befand sich mitten auf dem großen Rasenplatze seines ehemaligen Lustgartens, dem er nebst dem übrigen Zubehör die vorige Gestalt gab; doch blieb alles für menschlichen Augen verborgen: die Wanderer, die übers Gebürge zogen, sahen nichts als eine fürchterliche Wildnis. Der Anblick dieser Objekte, die er in der ehemaligen Liebesepoke in einem rosenfarbenen Lichte schimmern sahe, erneuerten alle Ideen der verjährten Liebschaft, und ihm dünkte die Geschichte mit der schönen Emma sei erst seit ehegestern vorgefallen, ihr Bild schwebte ihm noch so deutlich vor, als stünd sie neben ihm. Aber die Erinnerung, wie sie ihn überlistet und hintergangen hatte, machte seinen Groll gegen die ganze Menschheit wieder rege. »Unseliges Erdengewürm«, rief er aus, indem er aufschauete, und vom hohen Gebürge die Türme der Kirchen und Klöster in Städten und Flecken erblickte, »treibst, seh ich, dein Wesen noch immer unten im Tale. Hast mich baß geäfft durch Tücken und Ränke, sollst mir nun büßen; will dich auch hetzen und wohl plagen, daß dir soll bange werden für dem Treiben des Geistes im Gebürge!«

Kaum hatte er dies Wort gesagt, so vernahm er in der Ferne Menschenstimmen, drei junge Gesellen wanderten durchs Gebürge und der keckste unter ihnen rief ohn Unterlaß: »Rübezahl komm herab! Rübezahl Mädchendieb!« Von undenklichen Jahren her hatte die Lästerchronik die Liebesgeschichte des Berggeists in mündlichen Überlieferungen getreulich aufbewahrt, sie wie gewöhnlich mit lügenhaften Zusätzen vermehrt, und jeder Reisende der das Riesengebürge betrat, unterhielt sich mit seinem Gefährten von den Abenteuern desselben. Man trug sich mit unzähligen Spukhistörchen, die sich niemals begeben hatten, machte damit zaghafte Wanderer zu fürchten, und die starken Geister, Witzlinge und Philosophen, die am hellen Tage und in zahlreicher Gesellschaft keine Gespenster glauben, und sich darüber lustig machen, pflegten aus Übermut oder um ihre Herzhaftigkeit zu beweisen, den Geist oft zu zitieren, ihn aus Schäkerei bei seinem Ekelnamen zu rufen und auf ihn zu schimpfen. Man hatte nie gehört, daß dergleichen Insulten von dem friedsamen Berggeiste wären gerüget worden, denn in den Tiefen des Abgrundes erfuhr er von diesem mutwilligen Hohn kein Wort. Desto mehr war er betroffen, da er seine ganze chronique scandaleuse jetzt so kurz und bündig ausrufen hörte. Wie der Sturmwind rast' er durch den düstern Fichtenwald und war schon im Begriff den armen Tropf, der sich ohne Absicht über ihn lustig gemacht hatte, zu erdrosseln; als er in dem Augenblick bedachte, daß eine so exemplarische Rache groß Geschrei im Lande erregen, alle Wanderer aus dem Gebürge wegbannen und ihm die Gelegenheit rauben würde, sein Spiel mit den Menschen zu treiben. Darum ließ er ihn nebst seinen Konsorten geruhig ihre Straße ziehen, mit dem Vorbehalt, seinen verübten Mutwillen ihm doch nicht ungenossen hingehen zu lassen.

Auf dem nächsten Scheidewege trennte sich der Hohnsprecher von seinen beiden Kameraden, und gelangte diesmal mit heiler Haut in Hirschberg seiner Heimat an. Aber der unsichtbare Geleitsmann war ihm bis zur Herberge gefolget, um ihn zu gelegner Zeit dort zu finden. Jetzt trat er seinen Rückweg ins Gebürge an, und sann auf Mittel sich zu rächen. Von ungefähr begegnete ihm auf der Landstraße ein reicher Israelit, der nach Hirschberg wollte, da kam ihm in den Sinn diesen zum Werkzeuge seiner Rache zu gebrauchen. Also gesellt' er sich zu ihm in der Gestalt des losen Gesellen, der ihn gefoppt hatte, und kosete freundlich mit ihm, führt' ihn unvermerkt seitab von der Straße, und da sie ins Gebüsche kamen, fiel er dem Juden mörderisch in den Bart, zausete ihn weidlich, riß ihn zu Boden, knebelt' ihn und raubt' ihm seinen Säckel, worin er viel Geld und Geschmeide trug. Nachdem er ihn mit Faustschlägen und Fußtritten zum Valet noch gar übel traktiert hatte, ging er davon, ließ den armen geplünderten Juden, der sich seines Lebens verzieh, halbtot im Busche liegen.

Als sich der Israelit von seinem Schrecken erholet hatte und wieder Leben in ihm war, fing er an zu wimmern und laut um Hülfe zu rufen, denn er fürchtete in der grausenvollen Einöde zu verschmachten. Da trat ein feiner ehrbarer Mann zu ihm, dem Ansehen nach ein Bürger aus einer der umliegenden Städte, frug, warum er also sein beginne, und wie er ihn geknebelt fand, löset' er ihm die Banden von Händen und Füßen und leistete ihm alles das, was der barmherzige Samariter im Evangelium dem Manne tat, der unter die Mörder gefallen war. Nachher labt' er ihn mit einem herrlichen Schluck Kordialwasser das er bei sich trug, führt' ihn wieder auf die Landstraße und geleitet' ihn freundlich, wie der Engel Raphael den jungen Tobias, bis er ihn brachte gen Hirschberg an die Tür der Herberge, dort reicht' er ihm einen Zehrpfennig und schied von ihm. Wie erstaunte der Jud, da er beim Eintritt in den Krug seinen Räuber am Zechtisch erblickte, so frei und unbefangen als ein Mensch sein kann, der sich keiner Übeltat bewußt ist. Er saß hinter einem Schoppen Landwein, trieb Scherz und gute Schwänke mit andern lustigen Zechbrüdern, neben ihm lag der nämliche Wadsack, in welchem er den geraubten Säckel geborgen hatte. Der bestürzte Jud wußte nicht ob er seinen Augen trauen sollte, schlich sich in einen Winkel und ging mit sich selbst zu Rate, wie er wieder zu seinem Eigentum gelangen möchte. Es schien ihm unmöglich sich in der Person geirret zu haben, darum dreht' er unbemerkt sich zur Tür hinaus, ging zum Richter und brachte seinen Diebesgruß an.

Die Hirschberger Justiz stund damals in dem Rufe, daß sie schnell und tätig sei Recht und Gerechtigkeit zu handhaben wenn's was zu liquidieren gab; wo sie aber ex officio ihrer Pflicht Gnüge leisten mußte, ging sie wie anderwärts ihren Schneckengang. Der erfahrne Israelit war mit dem gewöhnlichen Gange derselben schon bekannt, und verwies den unentschlossenen Richter, der lange zögerte, die Denunziation niederzuschreiben, auf das blendende Corpus delicti, und diese güldne Hoffnung unterließ nicht einen Verhaftungsbefehl auszuwirken. Häscher bewaffneten sich mit Spießen und Stangen, umringten das Schenkhaus, griffen den unschuldigen Verbrecher und führten ihn vor die Schranken der Ratsstube, wo sich die weisen Väter indes versammlet hatten. »Wer bist du?« frug der ernsthafte Stadtrichter als der Inquisit hineintrat, »und von wannen kommst du?« Er antwortete freimütig und unerschrocken: »Ich bin ein ehrlicher Schneider meines Handwerks, Benedix genannt, komme von Liebenau und stehe hier in Arbeit bei meinem Meister.«

»Hast du nicht diesen Juden im Walde mörderisch überfallen, übel geschlagen, gebunden und seines Säckels beraubt?«

»Ich habe diesen Juden nie mit Augen gesehen, hab ihn auch weder geschlagen noch gebunden, noch seines Säckels beraubt. Ich bin ein ehrlicher Zünftler und kein Straßenräuber.«

»Womit kannst du deine Ehrlichkeit beweisen?«

»Mit meiner Kundschaft und dem Zeugnis meines guten Gewissens.«

»Weis auf deine Kundschaft.«

Benedix öffnete getrost den Wadsack, denn er wußte wohl, daß er nichts als sein wohlerworbnes Eigentum darin verwahrte. Doch wie er ihn ausleerte, sieh da! da klingelt's unter dem herausstürzenden Plunder wie Geld. Die Häscher griffen hurtig zu, störten den Kram auseinander, und zogen den schweren Säckel hervor, welchen der erfreute Jud alsbald als sein Eigentum, deductis deducendis reklamierte. Der Wicht stund da wie vom Donner gerührt, wollte vor Schrecken umsinken, ward bleich um die Nase, die Lippen bebten, die Kniee wankten, er verstummete und sprach kein Wort. Des Richters Stirn verfinsterte sich, und eine drohende Gebärde weissagte einen strengen Bescheid.

»Wie nun Bösewicht!« donnerte der Stadtvogt, »erfrechst du dich noch den Raub zu leugnen?«

»Erbarmung, gestrenger Herr Richter!« winselte der Inkulpat auf den Knieen, mit hochaufgehobnen Händen. »Alle Heiligen im Himmel ruf ich zu Zeugen an, daß ich unschuldig bin an dem Raube, weiß nicht wie des Juden Säckel in meinen Wadsack kommen ist, Gott weiß es.«

»Du bist überwiesen«, redete der Richter fort, »der Säckel zeihet dich gnugsam des Verbrechens, tue Gott und der Obrigkeit die Ehre und bekenne freiwillig, ehe der Peiniger kommt dir das Geständnis der Wahrheit abzufoltern.«

Der geängstigte Benedix konnte nichts als auf seine Unschuld provozieren; aber er predigte tauben Ohren: man hielt ihn für einen hartnäckigen Gaudieb, der sich nur aus der Halsschlinge herausleugnen wollte. Meister Hämmerling der fürchterliche Wahrheitsforscher wurde hereinberufen, durch die stählernen Argumente seiner Beredsamkeit ihn zu vermögen, Gott und der Obrigkeit die Ehre anzutun, sich um den Hals zu bekennen. Jetzt verließ den armen Wicht die standhafte Freudigkeit seines guten Gewissens, er bebte zurück für den Qualen die seiner warteten. Da der Peiniger im Begriff war ihm die Daumenstöcke anzulegen, bedacht er, daß diese Operation ihn untüchtig machen würde, jemals wieder mit Ehren die Nadel zu führen, und eh er wollt ein verdorbner Kerl bleiben sein Leben lang, meint' er, es sei besser, der Marter mit einemmal abzukommen und gestund das Bubenstück ein, davon sein Herz nichts wußte. Der Kriminalprozeß wurde hierauf brevi manu abgetan, der Inquisit, ohne daß sich das Gericht teilte, von Richter und Schoppen zum Strange verurteilt, welcher Rechtsspruch zu Pflegung prompter Justiz, und zu Ersparung der Atzungskosten gleich Tages darauf bei frühen Morgen vollzogen werden sollte.

Alle Zuschauer, welche das hochnotpeinliche Halsgericht herbeigelockt hatte, fanden das Urteil des wohlweisen Magistrats gerecht und billig; doch keiner rief den Richtern lautern Beifall zu als der barmherzige Samariter, der sich mit in die Kriminalstube eingedrungen hatte, und nicht satt werden konnte, die Gerechtigkeitsliebe der Herren von Hirschberg zu erheben, und in der Tat hatte auch niemand nähern Anteil an der Sache, als eben dieser Menschenfreund, der mit unsichtbarer Hand des Juden Säckel in des Schneiders Wadsack verborgen hatte, und kein anderer als Rübezahl selbst war. Schon am frühen Morgen lauerte er am Hochgericht in Rabengestalt auf den Leichenzug, der das Opfer seiner Rache dahin begleiten sollte, und es regte sich bereits in ihm der Rabenappetit, dem neuen Ankömmlinge die Augen auszuhacken; aber diesmal harrete er vergebens. Ein frommer Ordensbruder, der von dem Werte der Bekehrungen auf dem Rabensteine ganz andere Gedanken hegte, als einige neoterische Theologen, und alle Malefikanten, die er zum Tode bereitete, mit dem Geruch der Heiligkeit zu imbibieren sich beeiferte, fand an dem unwissenden Benedix einen so rohen wüsten Klotz, daß es ihm unmöglich schien in so kurzer Zeit, als ihm zu dem Bekehrungsgeschäfte übrig blieb, einen Heiligen daraus zu schnitzeln; er bat deshalb das Kriminalgericht um einen dreitägigen Aufschub, den er dem frommen Magistrat nicht ohne große Mühe, und unter Androhung des Kirchenbannes endlich abzwang. Als Rübezahl davon hörte, flog er ins Gebürge den Exekutionstermin daselbst zu erwarten.

In diesem Zwischenraume durchstrich er nach Gewohnheit die Wälder, und erblickte auf dieser Promenade eine junge Dirne, die sich unter einen schattenreichen Baum gelagert hatte. Ihr Haupt sank schwermütig in den Busen herab, und sie unterstützte solches mit einem schwanenweißen Arm, ihre Kleidung war nicht kostbar, aber reinlich und der Zuschnitt daran bürgerlich. –

Von Zeit zu Zeit verwischte sie mit der Hand eine herabrollende Zähre von den Wangen, und stöhnende Seufzer quollen aus der vollen Brust hervor. Schon ehemals hatte der Gnome die mächtigen Eindrücke jungfräulicher Zähren empfunden, auch jetzt war er so gerührt davon, daß er von dem Gesetz, welches er sich auferleget hatte, alle Adamskinder die durchs Gebürge ziehen würden, zu tücken und zu quälen, die erste Ausnahme machte, die Empfindung des Mitleidens sogar als ein wohltuend Gefühl erkannte, und Verlangen trug die Schöne zu trösten. Er gestaltete sich wieder als ein reputierlicher Bürger, trat die junge Dirne freundlich an und sprach: »Mägdlein was trauerst du hier in der Wüste so einsam? Verhehle mir nicht deinen Kummer, daß ich zusehe wie dir zu helfen stehe.«

Die Dirne, die ganz in Schwermut verschwebt war, schreckte auf, da sie diese Stimme hörte, und erhob ihr erdwärts gesenktes Haupt. Ha, was für ein schmachtendes lasurfarbenes Augenpaar blickte da hervor, deren sanft gebrochnes Licht ein Herz von Stahl zu schmelzen fähig war! Zwo helle Tränen glänzten darinnen wie Karfunkeln, und das holde jungfräuliche Antlitz war mit dem Ausdruck banger Schmerzensgefühle übergossen, wodurch die Reize des lieblichen Nonnengesichtes nur noch mehr erhoben wurden. Da sie den ehrsamen Mann vor sich stehen sah, öffnete sie ihren Purpurmund und sprach: »Was kümmert Euch mein Schmerz guter Mann, sintemal mir nicht zu helfen stehet: ich bin eine Unglückliche, eine Mörderin, habe den Mann meines Herzens gemordet und will abbüßen meine Schuld mit Jammer und Tränen, bis mir der Tod das Herz zerbricht.«

Der ehrbare Mann staunte. »Du eine Mörderin?« frug er, »bei diesem himmlischen Gesicht trügst du die Hölle im Herzen? Unmöglich! – Zwar die Menschen sind aller Ränke und Bosheit fähig, das weiß ich; gleichwohl ist mir's hier ein Rätsel.«

»So will ich's Euch lösen«, erwiderte die trübsinnige Jungfrau, »so Ihr verlangt es zu wissen.«

Er sprach: »Sag an!«

Sie: »Ich hatte einen Gespielen von Jugend an, den Sohn einer tugendsamen Wittib meiner Nachbarin, der mich zu seinem Liebchen erkor als er heranwuchs. Er war so lieb und gut, so treu und bieder, liebte so standhaft und herzig, daß er mir das Herz stahl und ich ihm ewige Treu gelobte. – Ach das Herz des lieben Jungen habe ich Natter vergiftet, hab ihn der Tugendlehren seiner frommen Mutter vergessen gemacht, und zu einer Übeltat verleitet, wofür er das Leben verwirket hat!«

Der Gnome rief emphatisch: »Du?«

»Ja Herr«, sprach sie, »ich bin seine Mörderin, hab ihn gereizt einen Straßenraub zu begehen und einen schelmischen Juden zu plündern, da haben ihn die Herren von Hirschberg gegriffen, Halsgericht über ihn geheget, und o Herzeleid! morgen wird er abgetan.«

»Und das hast du verschuldet?« frug verwundert Rübezahl.

Sie: »Ja Herr! Ich hab's auf meinem Gewissen das junge Blut!«

»Wie das?«

»Er zog auf die Wanderschaft übers Gebürge, und als er beim Valet an meinem Halse hing sprach er: ›Fein Liebchen bleib mir treu. Wenn der Apfelbaum zum dritten Male blühet, und die Schwalbe zu Neste trägt, kehr ich von der Wanderschaft zurück dich heimzuholen, als mein junges Weib', und das gelobt' ich ihm zu werden durch einen teuern Eid. Nun blühete der Apfelbaum zum dritten Male und die Schwalbe nistete, da kam Benedix wieder, erinnerte mich meiner Zusage und wollte mich zur Trau führen. Ich aber neckt' und höhnt' ihn, wie die Mädchen oft den Freiern tun und sprach: ›Dein Weib kann ich nicht werden, mein Bettlein hat für zwei nicht Raum, und du hast weder Herd noch Obdach. Schaff dir erst blanke Batzen an dann frage wieder zu.‹ Der arme Junge wurde durch diese Rede sehr betrübt, ›ach Klärchen!‹ seufzt er tief, mit einer Trän im Auge, ›steht dir dein Sinn nach Geld und Gut: so bist du nicht das biedre Mädchen mehr, das du vormals warest! Schlugst du nicht ein in diese Hand, da du mir deine Treue schwurest? Und was hatt ich mehr als diese Hand, dich einst damit zu nähren? Woher dein Stolz und spröder Sinn? Ach Klärchen ich verstehe dich: ein reicher Buhler hat mir dein Herz entwendet! Lohnst du mir also Ungetreue? Drei Jahre hab ich mit Sehnsucht und Harren traurig verlebt, hab jede Stunde gezählt bis auf diesen Tag, da ich kam dich heimzuführen. Wie leicht und rasch machte meinen Fuß Hoffnung und Freude, da ich übers Gebürge wandelte, und nun verschmähst du mich!‹ Er bat und flehete, doch ich blieb fest auf meinem Sinn: ›Mein Herz verschmäht dich nicht, o Benedix!‹ antwortete ich, ›nur meine Hand versag ich dir vor jetzt, zieh hin, erwirb dir Gut und Geld, und hast du das, so komm, dann will ich gern mein Bettlein mit dir teilen.‹ ›Wohlan‹, sprach er mit Unmut, ›du willst es so, ich gehe in die Welt, will laufen, will rennen, will betteln, stehlen, schmorgen, sorgen, und eher sollst du mich nicht wieder sehn, bis ich erlange den schnöden Preis, um den ich dich erwerben muß. Leb wohl, ich fahre hin Ade!‹ So hab ich ihn betört, den armen Benedix, er ging ergrimmt davon, da verließ ihn sein guter Engel, daß er tat was nicht recht war, und was sein Herz gewiß verabscheuete.«

Der ehrsame Mann schüttelte den Kopf über diese Rede, und rief nach einer Pause mit nachdenklicher Miene: »Wunderbar!« Hierauf wendete er sich zu der Dirne: »Warum«, frug er, »erfüllst du aber hier den leeren Wald mit deinen Wehklagen, die dir und deinem Buhlen nichts nützen noch frommen können?«

»Lieber Herr«, fiel sie ihm ein, »ich war auf dem Wege nach Hirschberg, da wollte mir der Jammer das Herz abdrücken, darum weilt ich unter diesem Baume.«

»Und was willst du in Hirschberg tun?«

»Ich will dem Blutrichter zu Fuße fallen, will mit meinem Klaggeschrei die Stadt erfüllen, und die Töchter der Stadt sollen mir wehklagen helfen, ob das die Herren erbarmen möchte, dem unschuldigen Blut das Leben zu schenken, und so mir's nicht gelingt meinen Buhlen dem schmähligen Tode zu entreißen, will ich freudig mit ihm sterben.«

Der Geist wurde durch diese Rede so bewegt, daß er von Stund an seiner Rache ganz vergaß und der Trostlosen ihren Buhlen wiederzugeben beschloß. »Trockne ab deine Tränen«, sprach er mit teilnehmender Gebärde, »und laß deinen Kummer schwinden. Ehe die Sonne zu Rüste gehet, soll dein Buhle frank und frei sein. Morgen um das erste Hahnengeschrei sei wach und horchsam, und wenn ein Finger ans Fenster klopft, so tu auf die Tür zu deinem Kämmerlein: denn es ist Benedix der davor stehet. Hüte dich ihn nicht wieder wild zu machen durch deinen spröden Sinn. – Du sollst auch wissen, daß er das Bubenstück nicht begangen hat, dessen du ihm zeihest, und du hast des gleichfalls keine Schuld: denn er hat sich durch deinen Eigensinn zu keiner bösen Tat reizen lassen.«

Die Dirne, verwundert über diese Rede, sah ihm starr und steif ins Gesicht, und weil darin das Fältlein der Schälkelei oder des Trugs sich nicht veroffenbarte, gewann sie Zutrauen, ihre trübe Stirn klärte sich auf, und sie sprach mit froher Zweifelmütigkeit: »Lieber Herr, wenn Ihr mein nicht spottet, und dem also ist wie Ihr saget, so müßt Ihr ein Seher oder der gute Engel meines Buhlen sein, daß Ihr das all so wisset.«

»Sein guter Engel?« versetzte Rübezahl betroffen, »nein der bin ich wahrlich nicht; aber ich kann's werden, und du sollst's erfahren! Ich bin ein Bürger aus Hirschberg, habe mit zu Rate gesessen als der arme Sünder verurteilt wurde; aber seine Unschuld ist ans Licht gebracht, fürchte nichts für sein Leben. Ich will hin ihn seiner Banden zu entledigen, denn ich vermag viel in der Stadt. Sei gutes Muts und kehre heim in Frieden.« Die Dirne machte sich alsbald auf und gehorchte, obgleich Furcht und Hoffnung in ihrer Seele kämpften.

Der ehrwürdige Pater Graurock hatte sich's die drei Tage des Aufschubs blutsauer werden lassen, den Delinquenten behörig zu beschicken, um seine arme Seele der Hölle zu entreißen, der sie seiner Meinung nach verpfändet war von Jugend auf. Denn der gute Benedix war ein unwissender Laie, der um Nadel und Schere ungleich bessern Bescheid wußte, als um den Rosenkranz. Den Engelgruß und das Paternoster mengt' er stets durcheinander, und von dem Credo wußt er keine Silbe, der eifrige Mönch hatte alle Mühe von der Welt ihm das letztere zu lehren, und brachte mit dieser Arbeit zwei volle Tage zu. Denn wenn er sich die Formel aufsagen ließ, und das Gedächtnis des armen Sünders auch nicht strauchelte, so unterbrach doch oft ein Gedanke an das Irdische, und der halblaute Seufzer: »Ach Klärchen!« die ganze Lektion, darum es die religiöse Politik des frommen Bruders zuträglich fand, dem verlornen Schafe die Hölle recht heiß zu machen, und das gelang ihm auch dergestalt, daß der geängstigte Benedix kalten Todesschweiß schwitzte, und zu geheiligter Freude seines Bekehrers Klärchen rein darüber vergaß. Aber die Vorstellung der angedroheten Martern in der Hölle folterten ihn so unablässig, daß er nichts als bocksfüßige gehörnte Teufel vor Augen sahe, die mit Kärsten und Hacken die fasenackten Scharen verdammter Seelen in den ungeheuren Walfischrachen des höllischen Feuerschlundes hineinlotseten. Diesen qualvollen Zustand seines Seelenpfleglings ließ der eifrige Ordensmann in so weit sich zu Herzen gehen, daß er der geistlichen Klugheit gemäß erachtete, den Vorhang im Hintergrunde fallen zu lassen und die gräßliche Teufelsszene zu verbergen, dagegen hitzte er den Schmelzofen des Fegefeuers nun desto stärker, welches für den feuerscheuen Benedix ein leidiger Trost war.

»Deine Missetat mein Sohn ist groß«, sprach er, »aber verzage drum nicht, die Flammen des Fegfeuers werden dich davon reinigen. Wohl dir, daß du das Verbrechen nicht an einem rechtgläubigen Christen verübt hast; denn da würdest du tausend Jahre in dem siedenden Schwefelpfuhle bis an den Hals versenkt, dafür büßen müssen. Weil du aber nur einen verworfenen Juden geplündert hast, so wird in hundert Jahren deine Seele rein, wie ausgebranntes Silber sein, und ich will so viel Seelmessen für dich lesen, daß du nicht tiefer bis an den Gürtel in der unauslöschlichen Lava waden sollst.« Ob sich nun wohl Benedix völlig unschuldig wußte, so glaubt' er doch so feste an den Binde- und Löseschlüssel seines Beichtigers, daß er auf die Revision seines Prozesses in jener Welt gar nicht rechnete; und in dieser Welt nochmals darauf zu provozieren, schreckte ihn die Furcht für der Folter ab. Darum legt' er sich aufs Bitten, flehete seinen geistlichen Rhadamant um Barmherzigkeit an, und suchte von den Qualen des Fegfeuers so viel abzudingen als möglich, wodurch sich denn der strenge Pönitenziarius bewogen fand, ihn endlich nur bis an die Kniee ins Feuerbad zu versenken, wobei es sein Verbleiben hatte, denn aller Lamenten ungeachtet, ließ er sich weiter keinen Zoll breit abnegoziieren.

Eben verließ der unerbittliche Sündenrüger den Kerker, nachdem er dem trostlosen Delinquenten zum letzten Male gute Nacht gewünscht hatte, als ihm Rübezahl unsichtbarerweise beim Eingange begegnete, noch unentschlossen, wie er sein Vorhaben, den Delinquenten in Freiheit zu setzen so auszuführen vermöchte, daß den Herren von Hirschberg der Spaß nicht verdorben würde, einen Aktus ihrer verjährten Kriminaljurisdiktion auszuüben, denn der Magistrat hatte sich durch die sträckliche Gerechtigkeitspflege bei ihm in guten Kredit gesetzt. In dem Augenblicke geriet er auf einen Einfall, der recht nach seinem Sinne war. Er schlich dem Mönche ins Kloster nach, stahl aus der Kleiderkammer ein Ordenskleid, fuhr hinein, und begab sich in Gestalt des Bruder Graurocks ins Gefängnis, welches ihm der Kerkermeister ehrerbietig öffnete.

»Das Heil deiner Seelen«, redete er den Gefangenen an, »treibt mich nochmals hierher, da ich dich kaum verlassen habe. Sag an, mein Sohn, was hast du noch auf deinem Herzen und Gewissen, damit ich dich tröste.« »Ehrwürdiger Vater«, antwortete Benedix, »mein Gewissen beißt mich nicht; aber Euer Fegfeuer bangt und ängstet mich und preßt mir das Herz zusammen, als läg's zwischen den Daumenstöcken.« Freund Rübezahl hatte von kirchlichen Lehrmeinungen sehr unvollständige und verworrene Begriffe, daher war ihm die Querfrage: »Wie meinst du das?« wohl zu verzeihen. »Ach«, gegenredete Benedix, »in dem Feuerpfuhl bis an die Kniee zu waden, Herr das halt ich nicht aus!« »Narr«, versetzte Rübezahl, »so bleib davon, wenn dir das Bad zu heiß ist.« Benedix ward an dieser Rede irre, sah den Pfaffen starr ins Gesicht, daß dieser merkte er habe irgend eine Unschicklichkeit vorgebracht, darum lenkt' er ein: »Davon ein andermal; denkst du auch noch an Klärchen? Liebst du sie noch als deine Braut? Und hast du ihr etwas vor deiner Hinfahrt zu sagen, so vertrau es mir.« Benedix staunte bei diesem Namen noch mehr, der Gedanke an sie, den er mit großer Gewissenhaftigkeit in seiner Seele zu ersticken, bemüht gewesen war, wurde auf einmal wieder so heftig angefacht, besonders da vom Abschiedsgruße die Rede war, daß er überlaut anfing zu weinen und zu schluchzen, und kein Wort vorzubringen vermögend war. Diese herzbrechende Gebärdung jammerte den mitleidigen Pfaffen also, daß er beschloß dem Spiel ein Ende zu machen. »Armer Benedix«, sprach er, »gib dich zufrieden, und sei getrost und unverzagt, du sollst nicht sterben. Ich hab in Erfahrung gebracht, daß du unschuldig bist an dem Raube, und deine Hand mit keinem Laster befleckt hast, darum bin ich kommen, dich aus dem Kerker zu reißen und der Banden zu entledigen.« Er zog einen Schlüssel aus der Tasche, »laß sehen«, fuhr er fort, »ob er schließe.« Der Versuch gelang, der Entfesselte stund da frank und frei, das Geschmeide fiel ab von Händen und Füßen. Hierauf wechselte der gutmütige Pfaff mit ihm die Kleider und sprach: »Gehe gemachsam wie ein frommer Mönch durch die Schar der Wächter vor der Tür des Gefängnisses und durch die Straßen, bis du der Stadt Weichbild hinter dir hast, dann schürze dich hurtig und schreite rüstig zu, daß du gelangest ins Gebürge endelich, und raste nicht, bis du in Liebenau vor Klärchens Tür stehest, klopfe leise an, dein Liebchen harret deiner mit ängstlichem Verlangen.«

Der gute Benedix wähnte das alles sei nur ein Traum, rieb sich die Augen, zwickte sich in die Arme und Waden, um zu versuchen, ob er wache oder schlafe, und da er inne ward daß sich alles so verhalte, fiel er seinem Befreier zu Fuße und umfing seine Kniee, wollte eine Danksagung stammlen und lag da in stummer Freude, denn die Worte versagten ihm. Der liebreiche Pfaff trieb ihn endlich fort, und reicht' ihm noch ein Laib Brot und eine Knackwurst zur Zehrung auf den Weg. Mit wankendem Knie schritt der Entledigte über die Schwelle des traurigen Kerkers, fürchtete immer erkannt zu werden. Aber sein ehrwürdiger Rock gab ihm einen solchen Wohlgeruch von Frömmigkeit und Tugend, daß die Wächter nichts von Delinquentenschaft darunter witterten.

Klärchen saß indessen bänglich einsam in ihrem Kämmerlein, horchte auf jedes Rauschen des Windes, und spähete jeden Fußtritt der Vorübergehenden. Oft dünkt' ihr es rege sich was am Fensterladen, oder es klinge der Pfortenring, sie schreckte auf mit Herzklopfen, sahe durch die Luke und es war Täuschung. Schon schüttelten die Hähne in der Nachbarschaft die Flügel und verkündeten durch ihr Krähen den kommenden Tag; das Glöcklein im Kloster läutete zur Frühmetten, das ihr wie Totenruf und Grabesklang tönte; der Wächter stieß zum letztenmal ins Horn und weckte die schnarchenden Bäckermägde zu ihrem frühen Tagewerke. Klärchens Lämpgen fing an dunkel zu brennen, weil's ihm an Öl gebrach, ihre Unruh mehrte sich mit jedem Augenblick, und ließ ihr nicht die herrliche Rose von guter Vorbedeutung bemerken, die an dem glimmenden Tocht brannte, sie saß auf ihrer Bettlade, weinte bitterlich und erseufzete: »Benedix! Benedix! Was für ein bänglicher Tag für dich und mich dämmert jetzt heran!« Sie lief ans Fenster, ach! Blutrot war der Himmel nach Hirschberg hin und schwarze Nebelwolken schwebten wie Trauerflor und Leichentücher hin und wieder am Horizonte. Ihre Seele bebte von diesem ahndungsvollen Anblick zurück, sie sank in dumpfes Hinbrüten, und Totenstille war um sie her.

Da pocht's dreimal leise an das Fenster als ob sich's eignete. Ein froher Schauer durchlief ihre Glieder, sie sprang auf, tat einen lauten Schrei: denn eine Stimme flüsterte durch die Luke: »Fein Liebchen bist du wach?« Husch war sie an die Tür: »Ach Benedix bist du's oder ist's dein Geist?« Wie sie aber den Bruder Graurock erblickte, sank sie zurück und starb vor Entsetzen hin. Da umschlang sie sanft sein treuer Arm, und der Kuß der Liebe, das große Mittel gegen alle hysterischen Ohnmachten, brachte sie bald wieder ins Leben.

Nachdem die stumme Szene des Erstaunens und die Ergießungen der ersten freudigen Herzensgefühle vorüber waren, erzählte ihr Benedix seine wunderbare Errettung aus dem peinlichen Kerker; doch die Zunge klebt' ihm am Gaumen vor großem Durst und Ermattung. Klärchen ging ihm einen Trunk frisch Wasser zu holen, und nachdem er sich damit gelabt hatte, fühlt' er Hunger, aber sie hatte nichts zum Imbiß als die Panazee der Liebenden, Salz und Brot, wobei sie voreilig geloben zufrieden und glücklich miteinander zu sein ihr Leben lang. Da gedachte Benedix an seine Knackwurst, zog sie aus der Tasche, und wunderte sich baß, daß sie schwerer war als ein Hufeisen, brach sie voneinander, siehe! da fielen eitel Goldstücken heraus, worüber Klärchen nicht wenig erschrak, meinte das Gold sei eine schändliche Reliquie von dem Raube des Juden, und Benedix sei nicht so unschuldig als ihn der ehrsame Mann gemacht habe, der ihr im Gebürge erschienen war. Allein der truglose Gesell beteuerte höchlich, daß der fromme Ordensmann ihm diesen verborgenen Schatz vermutlich als eine Hochzeitsteuer verliehen habe, und sie glaubte seinen Worten. Drauf segneten beide mit dankbarem Herzen den edelmütigen Wohltäter, verließen ihre Vaterstadt und zogen gen Prag, wo Meister Benedix mit Klärchen seinem Weibe lange Jahre als ein wohlbehaltner Mann, in friedlicher Ehe bei reichem Kindersegen lebte. Der Galgenscheu war so tief bei ihm eingewurzelt, daß er seinen Kunden nie etwas veruntraute, und wider Natur und Brauch seiner Zunftgenossen, auch nicht den kleinsten Abschnitt in die Helle warf.

In der frühen Morgenstunde, da Klärchen mit schauervoller Freude den Finger ihres Buhlen am Fenster vermerkte, klopfte auch in Hirschberg ein Finger an die Tür des Gefängnisses. Das war der Bruder Graurock, der von frommen Eifer aufgeweckt, den Anbruch des Tages kaum erwarten konnte, die Bekehrung des armen Sünders zu vollenden, und ihn als einen halben Heiligen dem gewaltsamen Arm des Henkers zu überantworten. Rübezahl hatte einmal die Delinquentenrolle übernommen, und war entschlossen sie zur Ehre der Justiz rein auszuspielen. Er schien wohlgefaßt zum Sterben zu sein, und der fromme Mönch freuete sich darüber und erkannte diese Standhaftigkeit alsbald für die gesegnete Frucht seiner Arbeit an der Seele des armen Sünders, darum ermangelte er nicht ihn in dieser Gemütsfassung durch seinen geistlichen Zuspruch zu erhalten, und beschloß seinen Sermon mit dem tröstlichen Weidespruch: »So viel Menschen du bei deiner Ausführung erblicken wirst, die dich an die Gerichtsstätte geleiten, siehe, so viel Engel stehen schon bereit deine Seele in Empfang zu nehmen, und sie einzuführen ins schöne Paradeis.« Drauf ließ er ihn der Fesseln entledigen, wollt ihn Beicht hören und dann absolvieren; doch fiel ihm ein, vorher noch die gestrige Lektion zu rekapitulieren, damit der arme Sünder unterm Galgen, im geschlossenen Kreise sein Glaubensbekenntnis frei und ohne Anstoß zur Erbauung der Zuschauer hersagen möchte. Aber wie erschrak der Ordensmann, da er inne ward, daß der ungelehrige Delinquent sein Credo die Nacht über völlig ausgeschwitzt hatte! Der fromme Mönch war gänzlich der Meinung, der Satanas sei hier im Spiel, und wolle dem Himmel die gewonnene Seele entreißen, darum fing er kräftig an zu exorzisieren; aber der Teufel wollte sich nicht austreiben und das Credo nicht in des Malefikanten Kopf hineinzwingen lassen.

Die Zeit war darüber verlaufen, das peinliche Gericht hielt dafür, daß es nun an der Stunde sei den Leib zu töten, und kümmerte sich nicht weiter um den Seelenzustand seines Schlachtopfers. Ohne der Exekution länger Aufschub zu gestatten, wurde der Stab gebrochen, und obwohl Rübezahl als ein verstockter Sünder ausgeführet wurde, so unterwarf er sich doch allen übrigen Formalitäten der Hinrichtung ganz willig. Wie er von der Leiter gestoßen wurde, zappelte er am Strange nach Herzenslust und trieb das Spiel so arg, daß dem Henker dabei übel zu Mute ward, denn es erhob sich ein plötzliches Getöse im Volk und einige schrieen, man solle den Hangmann steinigen, weil er den armen Sünder über die Gebühr martere. Um also Unglück zu verhüten, streckte sich Rübezahl lang aus und stellte sich an, als sei er tot. Da sich aber das Volk verlaufen hatte, und nachher einige Leute in der Gegend des Hochgerichts hin- und herwandelten, aus Vorwitz hinzutraten und das Kadaver beschauen wollten, fing der Scherztreiber am Galgen sein Spiel von neuem an und erschreckte die Beschauer durch fürchterliche Grimassen. Daher lief gegen Abendzeit in der Stadt ein Gerücht um, der Gehangene könne nicht ersterben und tanze noch immer am Hochgericht, welches den Senat bewog, des Morgens in aller Frühe durch einige Deputierten die Sache genau untersuchen zu lassen. Wie sie nun dahin kamen, fanden sie nichts als ein Wischlein Stroh am Galgen mit alten Lumpen bedeckt, als man pflegt in die Erbsen zu stellen, die genäschichen Spatzen damit zu scheuchen. Worüber sich die Herren von Hirschberg baß wunderten, ließen in aller Stille den Strohmann abnehmen und breiteten aus, der große Wind habe zur Nachtzeit den leichten Schneider vom Galgen über die Grenze gewehet.

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