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Volkserzählungen, Märchen und Skizzen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen, Märchen und Skizzen - Kapitel 12
Quellenangabe
authorLeo Tolstoi
titleVolkserzählungen, Märchen und Skizzen
publisherVerlag von Josef Habbel
yearo.J.
translatorHanny Brentano
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170422
projectid2fc745ae
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Die beiden Brüder und das Gold.

Es lebten in alten Zeiten nicht weit von Jerusalem zwei Brüder. Der ältere hieß Athanasius, der jüngere Johannes. Sie lebten auf einem Berge, nicht weit von der Stadt, und nährten sich von dem, was die Leute ihnen gaben. Alle Tage verbrachten die Brüder mit Arbeit. Sie arbeiteten nicht für sich, sondern für die Armen. Wo es mit Arbeit Überbürdete gab, wo es Kranke, Witwen und Waisen gab, dorthin gingen die Brüder und halfen, und verabschiedeten sich, ohne Bezahlung anzunehmen. So verbrachten die Brüder die ganze Woche und trafen nur Samstag abends in ihrer Wohnung zusammen. Am Sonntag aber blieben sie daheim, beteten und plauderten miteinander, und der Engel Gottes stieg zu ihnen hernieder und segnete sie.

An einem Montag, als die Brüder wieder auf Arbeit ausgingen und sich eben getrennt hatten, tat es dem älteren Bruder Athanasius leid, den geliebten Bruder verlassen zu müssen, und er blieb stehen und schaute ihm nach. Johannes ging mit gesenktem Haupt seines Weges und blickte sich nicht um. Plötzlich aber blieb auch er stehen, und als wenn er etwas Auffallendes bemerkt hätte, blickte er angestrengt, die Augen mit der Hand beschattend, auf eine bestimmte Stelle. Dann näherte er sich dem, was er sah, sprang plötzlich zur Seite und lief, ohne sich umzuschauen, fort über Berg und Tal, als würde er von einem wilden Tier verfolgt. Athanasius verwunderte sich und kehrte zurück zu der Stelle, um zu erfahren, was seinen Bruder so sehr entsetzt hatte. Er trat herzu und sah irgend etwas in der Sonne glänzen. Er ging noch näher heran – da liegt im Gras, wie mit einem Maß hingeschüttet, ein Haufen Gold! Athanasius wunderte sich nun noch mehr, sowohl über das Gold als über die Flucht seines Bruders.

»Warum ist er denn so erschrocken und warum ist er fortgelaufen?« dachte Athanasius, »im Golde steckt doch keine Sünde, die Sünde ist drin im Menschen. Mit dem Golde kann man zwar Böses tun, man kann aber auch sehr viel Gutes damit tun. Wieviel Witwen und Waisen kann man ernähren, wieviel Nackte kleiden, wieviel Armen und Kranken mit diesem Golde helfen! Wir dienen jetzt den Menschen, aber unsere Dienste sind geringer als unsere Kräfte; mit diesem Golde aber können wir den Menschen viel größere Dienste erweisen.«

So dachte Athanasius und wollte das alles dem Bruder sagen. Johannes aber war schon außer Hörweite und nur noch am nächsten Bergrücken zu entdecken, so klein wie ein Käferchen.

Und Athanasius warf sein Gewand ab, schüttete so viel Gold hinein als er fortschleppen konnte, packte es auf die Schulter und trug es in die Stadt. Er trat in ein Gasthaus, gab dem Wirt das Gold zum Aufbewahren und ging wieder fort, um das übrige zu holen. Als er alles Gold herbeigeschleppt hatte, ging er zu Kaufleuten, kaufte Grundstücke in der Stadt, kaufte Steine und Bauholz, nahm Arbeiter auf und begann drei Häuser zu bauen. Athanasius lebte drei Monate in der Stadt und baute drei Häuser. Das eine war ein Asyl für Witwen und Waisen, das zweite ein Siechen- und Armenhaus, das dritte eine Herberge für Pilger und Bettler. Und Athanasius machte drei fromme Greise ausfindig, betraute den einen mit der Leitung des Asyls, den zweiten mit der des Armenhauses und den dritten setzte er über die Pilgerherberge. Nun blieben ihm noch dreitausend Goldstücke übrig. Da übergab er jedem Greis eintausend davon, um sie an die Armen zu verteilen, und alle drei Häuser begannen sich mit Leuten zu füllen, und die Leute begannen Athanasius zu loben für alles, was er getan. Und Athanasius freute sich darüber so sehr, daß er die Stadt am liebsten nicht mehr verlassen hätte. Doch er liebte ja seinen Bruder und wollte ihn wiedersehen. So verabschiedete er sich denn von den Leuten, und ohne ein Goldstück mitzunehmen, in demselben alten Gewand, in dem er gekommen war, kehrte er heim zu seiner alten Wohnung.

Athanasius nähert sich seinem Berge und denkt: »Mein Bruder hat unrecht gehandelt, als er vor dem Golde davonlief; hab' ich's nicht besser gemacht?«

Kaum aber hatte er das gedacht, als er plötzlich vor sich auf dem Wege den Engel erblickte, der früher ihn und seinen Bruder gesegnet hatte, jetzt aber ihn finster anschaute. Athanasius erstarrte vor Schreck und konnte nur fragen:

»Wofür, o Herr?«

Da öffnete der Engel die Lippen und sprach:

»Geh fort von hier, du bist nicht würdig, mit deinem Bruder zusammenzuleben. Die Flucht deines Bruders ist mehr wert als alle die Werke, die du mit deinem Golde getan hast.«

Da begann Athanasius davon zu sprechen, wieviel Arme und wieviel Pilger er gesättigt, wieviel Waisen er untergebracht hatte. Und der Engel sagte zu ihm:

»Derselbe Teufel, der jenes Gold ausgeschüttet hatte, um dich zu verführen, der hat dich auch diese Worte gelehrt.«

Nun schlug Athanasius das Gewissen und er begriff, daß er seine guten Werke nicht um Gottes willen getan hatte, und er begann zu weinen und zu bereuen. Da trat der Engel aus dem Wege und gab den Pfad frei, auf dem Johannes schon stand und seinen Bruder erwartete.

Seit jenem Tage unterlag Athanasius nicht mehr der Versuchung des Teufels, der das Gold ausgeschüttet hatte; er erkannte, daß man nicht durch Gold, sondern nur durch Arbeit Gott und den Menschen dienen kann. Und die beiden Brüder lebten wieder nach alter Art.

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