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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherVerlag Projekt Gutenberg-DE
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20170420
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Der Schneesturm

Übertragen von Alexander Eliasberg

1

Gegen sieben Uhr abends verließ ich, nachdem ich Tee getrunken, die Poststation, deren Name mir entfallen ist; ich weiß nur, daß es im Gebiete der Donkosaken, irgendwo in der Nähe von Nowotscherkask war. Als ich mich, in Pelz und Wagendecke gehüllt, neben Aljoschka in den Schlitten setzte, war es schon dunkel. Hinter dem Stationsgebäude schien es warm und windstill. Obwohl es gar nicht schneite, war kein einziger Stern zu sehen, und der Himmel schien im Vergleich mit der weißen Schneefläche, die vor uns lag, ungewöhnlich tief und schwarz.

Als wir die dunklen Silhouetten der Windmühlen, von denen die eine unbeholfen ihre großen Flügel bewegte, und das Dorf hinter uns hatten, bemerkte ich, daß der Weg beschwerlicher und schneereicher wurde; der Wind begann mir heftiger in die linke Seite zu blasen, die Mähnen und die Schweife der Pferde auf die Seite zu wehen und den von den Kufen und Hufen aufgewühlten Schnee trotzig emporzuwirbeln und davonzutragen. Das Schellengeläute klang leiser, ein kalter Luftstrom drang mir durch irgendeine Öffnung im Ärmel in den Rücken, und ich mußte an den Rat des Stationsaufsehers denken, die Reise lieber aufzugeben, um nicht die ganze Nacht ohne Weg umherzuirren und vielleicht noch zu erfrieren.

»Daß wir uns nur nicht verirren!« sagte ich zum Fuhrknecht. Da er mir aber keine Antwort gab, stellte ich meine Frage deutlicher: »Werden wir die Station erreichen, Kutscher? Werden wir uns nicht verirren?«

»Gott weiß!« gab er mir zur Antwort, ohne den Kopf zu wenden. »Sie sehen ja selbst, was für ein Gestöber aufsteigt: vom Wege ist nichts zu sehen. Herrgott!«

»Sage mir doch lieber, ob du mich zur nächsten Station zu bringen hoffst oder nicht«, fragte ich weiter. »Werden wir hinkommen?«

»Wir werden wohl hinkommen müssen«, sagte der Fuhrknecht; er sprach noch weiter, ich konnte ihn aber im Winde nicht verstehen.

Ich hatte keine Lust, umzukehren; doch auch die Aussicht, die ganze Nacht bei Frost und Schneesturm in diesem Teil des Donkosakenlandes, einer völlig nackten Steppe, umherzuirren, schien mir wenig verlockend. Außerdem gefiel mir mein Kutscher nicht recht, obwohl ich ihn im Finstern nicht genau sehen konnte, und ich hatte zu ihm kein Vertrauen. Er saß genau in der Mitte des Bockes und nicht seitwärts, wie Kutscher sonst zu sitzen pflegen; er war von übermäßigem Wuchs, seine Stimme klang träge, und auf dem Kopfe hatte er keine richtige Kutschermütze, sondern eine ihm viel zu große, die immer hin und her rutschte; auch kutschierte er nicht auf die richtige Art: er hielt die Zügel mit beiden Händen wie ein Lakai, der aushilfsweise die Stelle des Kutschers vertritt; doch der Hauptgrund meines Mißtrauens war, daß er sich ein Tuch um die Ohren gebunden hatte. Mit einem Worte: der ernste, gekrümmte Rücken, der vor mir ragte, wollte mir nicht gefallen und verhieß mir nichts Gutes.

»Ich bin dafür, daß wir umkehren,« sagte Aljoschka, »es ist gar nicht so lustig, sich in der Steppe zu verirren!«

»Gott im Himmel! Dieses Schneegestöber! Ich kann den Weg nicht sehen, der Schnee hat mir die Augen verklebt ... Gott im Himmel!« brummte der Fuhrknecht.

Wir waren noch keine Viertelstunde gefahren, als der Fuhrknecht die Pferde halten ließ, die Zügel Aljoschka übergab, die Beine mit großer Mühe aus dem Schlitten herauszog und sich auf die Suche nach dem Weg machte; unter seinen schweren Stiefeln knirschte der Schnee.

»Was gibts? Wo gehst du hin? Haben wir etwa den Weg verloren?« fragte ich; der Fuhrknecht gab mir aber keine Antwort: er hielt den Kopf vom Winde, der ihm in die Augen peitschte, weggewandt und entfernte sich vom Schlitten.

»Nun, hast du den Weg gefunden?« fragte ich, als er zurückgekehrt war.

»Nein, nichts«, sagte er unwirsch und ärgerlich, als ob ich schuld daran wäre, daß er den Weg verloren hatte; er steckte die Beine wieder langsam in den Vorderteil des Schlittens und ergriff mit seinen hartgefrorenen Handschuhen die Zügel.

»Was werden wir nun tun?« fragte ich, als der Schlitten sich wieder in Bewegung gesetzt hatte.

»Was sollen wir tun? Wir werden aufs Geratewohl weiterfahren.«

Nun fuhren wir in kurzem Trab weiter, offenbar ganz ohne Weg, bald durch tiefen Pulverschnee, in dem der Schlitten zu einem Viertel versank, bald über eine spröde nackte Eisdecke.

Obwohl es recht kalt war, schmolz der Schnee auf meinem Mantelkragen sehr rasch; das Gestöber über der Erde wurde immer stärker, und von oben begann es einzelne trockene Flocken zu schneien.

Es war klar, daß wir Gott weiß wohin fuhren; denn als wir auch noch eine weitere Viertelstunde gefahren waren, hatten wir keinen einzigen Werstpfahl gesehen.

»Nun, was glaubst du,« fragte ich wieder den Kutscher, »werden wir die Station erreichen?«

»Welche Station? Zurück werden wir wohl kommen können, wenn wir die Pferde frei laufen lassen: sie werden uns schon zurückbringen; doch auf die nächste Station werden wir kaum kommen ... Wir werden dabei höchstens den Tod finden.«

»Wir wollen dann doch lieber umkehren«, sagte ich. »Was sollen wir auch riskieren...«

»Soll ich umkehren?« wiederholte der Kutscher.

»Ja, gewiß, kehre nur um!«

Der Kutscher ließ die Zügel los. Die Pferde begannen schneller zu laufen. Obwohl ich gar nicht gesehen hatte, wie wir umgekehrt waren, merkte ich doch, daß der Wind auf einmal von einer andern Seite blies; bald konnte ich schon durch das Schneegestöber hindurch die Windmühlen erkennen. Der Kutscher faßte neuen Mut und wurde gesprächig.

»Neulich fuhren sie mit Retourschlitten von der andern Station in solchem Schneesturm heim; sie mußten in Heuschobern übernachten und kamen erst am Morgen nach Hause. Es war noch ein Glück, daß sie auf die Heuschober stießen, denn sonst wären sie wohl alle erfroren der Frost war stark. Der eine hat sich auch wirklich die Beine erfroren; nach drei Wochen ist er daran gestorben.«

»Jetzt ist es aber gar nicht so kalt, auch der Sturm hat sich etwas gelegt«, sagte ich. »Werden wir vielleicht doch weiterfahren?«

»Warm ists schon, doch der Schneesturm! Weil wir jetzt zurück fahren, scheints uns nicht so arg; es stürmt aber ordentlich! Ich würde schon weiterfahren, wenn ich einen Kurier zu fahren hätte, oder auf eigene Gefahr ... So kann mir aber der Fahrgast erfrieren, und das ist beileibe kein Spaß! Wie kann ich für Euer Gnaden die Verantwortung tragen?«

2

In diesem Augenblick erklang hinter uns das Schellengeläute mehrerer Troikas, die uns rasch einholten.

»Es ist die Glocke der Kuriertroika,« sagte mein Kutscher, »es gibt auf der ganzen Station nur ein solches Geläute.«

Das Geläute der vorderen Troika, das im Winde deutlich wahrnehmbar war, klang wirklich außerordentlich schön: es war ein reiner, tiefer, etwas klirrender Ton. Wie ich später erfuhr, war dieses Geläute eine besondere Liebhaberei des Posthalters: es waren im ganzen drei Glocken die größte in der Mitte mit dem sogenannten tiefroten Ton, und zwei kleinere, die auf eine Terz abgestimmt waren. Der Klang dieser Terz und der klirrenden Quinte klang in der wüsten, leeren Steppe wunderbar schön.

»Es ist die Post«, sagte mein Kutscher, als die erste der drei Troikas uns eingeholt hatte. »Wie ist der Weg? Kann man fahren?« rief er dem Fuhrknecht in der letzten Troika zu; jener schrie aber nur auf seine Pferde ein und gab meinem Kutscher keine Antwort.

Kaum hatte uns die Post überholt, als auch schon das Schellengeläute schnell im Winde verhallte.

Mein Kutscher schämte sich wohl ein wenig.

»Wollen wir doch weiterfahren, Herr!« sagte er. »Die Leute sind eben vorbeigefahren, und ihre Spur ist noch frisch.«

Ich stimmte zu; wir wendeten wieder gegen den Wind und schleppten uns durch den tiefen Schnee weiter. Ich blickte immer von der Seite auf den Weg, um die Spuren der Troikas nicht zu verlieren. Etwa zwei Werst waren die Spuren gut sichtbar; dann konnte ich nur eine leichte Unebenheit unter den Kufen wahrnehmen; schließlich konnte ich nicht mehr unterscheiden, ob ich die Spur oder eine vom Wind aufgewühlte Schneefurche vor mir hatte. Die Augen wurden bald so müde, daß sie die unaufhörlich unter den Kufen dahingleitende Schneefläche nicht weiter verfolgen konnten,und ich begann geradeaus zu schauen. Den dritten Werstpfahl sahen wir noch, doch den vierten konnten wir unmöglich finden; wir fuhren wie vorhin bald mit dem Wind, bald gegen den Wind, bald nach rechts, bald nach links, und waren endlich so weit, daß der Kutscher behauptete, wir seien vom richtigen Wege nach rechts abgeschweift, ich erklärte, nach links, und Aljoschka meinte, daß wir überhaupt zurück führen. Wir blieben wieder einigemal stehen, der Kutscher streckte seine großen Beine aus dem Schlitten heraus und machte sich auf die Suche nach dem Wege; doch alles war umsonst. Ich stieg auch einmal aus, um festzustellen, ob dort, wo es mir schien, nicht doch der Weg liege; aber kaum war ich mit großer Mühe etwa sechs Schritt gegen den Wind gegangen und hatte mich überzeugt, daß überall die gleiche eintönige weiße Schneefläche lag und daß der Weg nur in meiner Einbildung existierte, als ich plötzlich den Schlitten aus den Augen verlor. Ich schrie: »Kutscher! Aljoschka!«, doch ich fühlte, wie der Wind mir meine Stimme direkt vom Munde wegriß und sie in einem Augenblick weit von mir davontrug. Ich ging zu der Stelle, wo eben erst der Schlitten gestanden hatte, doch der Schlitten stand nicht mehr da; ich ging nach rechts und fand ihn wieder nicht. Ich schäme mich noch heute, wenn ich daran denke, wie durchdringend, laut, beinahe verzweifelt ich dann geschrien habe: »Kutscher!«, während er zwei Schritt vor mir stand. Seine dunkle Gestalt mit der Peitsche in der Hand und der auf die Seite gerutschten großen Mütze war ganz plötzlich vor mir aufgetaucht. Er geleitete mich zum Schlitten.

»Es ist noch ein Glück, daß es warm ist«, sagte er zu mir. »Wenn ein richtiger Frost kommt, sind wir verloren! ... Gütiger Gott im Himmel!«

»Laß die Zügel los, mögen uns die Pferde wieder zurückführen«, sagte ich, nachdem ich wieder im Schlitten Platz genommen. »Werden sie uns auch zurückführen? Was meinst du, Kutscher?«

»Sie müssen es wohl.«

Er ließ die Zügel locker, hieb das Gabelpferd einige Male mit der Peitsche auf den Rücken, und wir fuhren wieder irgendwohin. Wir fuhren etwa eine halbe Stunde. Plötzlich erklang vor uns wieder das mir bekannte Liebhabergeläute, daneben bimmelten noch zwei andere Glocken; jetzt kamen sie uns aber entgegen. Es waren die gleichen drei Troikas, die ihre Post bereits abgeliefert hatten und nun mit den Retourpferden, die hinten angebunden waren, auf ihre Station zurückkehrten. Die mit kräftigen großen Pferden bespannte Kuriertroika mit dem Liebhabergeläute fuhr schnell vor den andern her. Auf dem Bocke saß ein Fuhrknecht und trieb die Pferde mit lauten Schreien an. In den beiden andern Schlitten saßen je zwei Fuhrknechte; ich hörte sie laut und lustig miteinander sprechen. Einer von ihnen rauchte eine Pfeife; ein Funke, der im Winde aufflog, beleuchtete einen Teil seines Gesichts.

Als ich sie sah, schämte ich mich, daß ich mich vorhin gefürchtet hatte, weiterzufahren; auch mein Kutscher empfand wohl das gleiche Gefühl. Daher sagten wir wie aus einem Munde: »Wir wollen ihnen nachfahren!«

3

Bevor noch die letzte Troika an uns vorbeigefahren war, begann mein Kutscher seinen Schlitten umzuwenden; er machte es sehr ungeschickt und geriet mit der Femerstange mitten in die hinter den Troikas angebundenen Pferde. Ein Dreigespann scheute, riß sich los und lief davon.

»Du schieläugiger Teufel! siehst gar nicht, wohin du wendest: mitten in die Leute hinein! Daß dich der Henker!« schimpfte mit heiserer, zitternder Stimme einer der Fuhrknechte, ein kleiner alter Mann, soviel ich nach seiner Stimme und Gestalt schließen konnte, der in der letzten Troika saß; er sprang rasch aus seinem Schlitten und lief den Pferden nach, wobei er fortfuhr, roh und derb auf meinen Kutscher zu schimpfen.

Die Pferde ließen sich aber nicht einfangen. Der Fuhrknecht lief ihnen nach, und in einem Augenblick waren Pferde und Fuhrknecht im weißen Nebel des Schneesturms verschwunden.

»Wassili, bring den Falben her! Ich kann sie sonst gar nicht einfangen«, hörte man seine Stimme.

Einer von den Fuhrknechten, ein auffallend großer Kerl, sprang aus seinem Schlitten, band schweigend sein Dreigespann los, stieg, sich am Geschirr festhaltend, auf eines der Pferde, sprengte über den knirschenden Schnee in kurzem Galopp davon und verschwand in der gleichen Richtung.

Wir fuhren aber mit den beiden andern Troikas dem Kurierschlitten nach, der mit Schellengeläute in vollem Trab vorauslief.

»Der glaubt wohl, daß er sie einfängt!« sagte mein Kutscher von dem, der den Pferden nachgeeilt war. »Wenn das Pferd nicht sofort zu den andern Pferden gegangen ist, so ist es ein übermütiges Pferd; es kann den Mann so weit forttragen, daß er keinen Weg mehr zurückfindet.«

Als mein Fuhrknecht nun hinter den andern fuhr, schien er auf einmal lustiger und gesprächiger, was ich, da ich noch nicht schlafen wollte, selbstverständlich gehörig ausnützte. Ich begann ihn auszufragen, woher er stamme und wer er sei. Ich erfuhr von ihm, daß er mein Landsmann aus der Gegend von Tula wäre, ein leibeigener Bauer aus dem Kirchdorfe Kirpitschnoje; sie hätten dort wenig Land, und die Ernte sei seit der Cholera fortwährend schlecht; sie seien zwei Brüder zu Hause, während der dritte beim Militär diene; sie könnten heuer mit dem Brot bis Weihnachten nicht mehr auskommen und müßten sich daher nach Verdienst umsehen; der jüngere Bruder sei der Herr im Hause, weil er Familie habe; er selbst sei Witwer; aus seinem Dorfe ginge jeden Winter eine Artel von Fuhrknechten in diese Gegend; er selbst sei zwar noch nie Fuhrknecht gewesen, habe aber doch den Dienst bei der Post angenommen, um den Bruder unterstützen zu können; hier bekomme er, Gott sei Dank, hundertzwanzig Rubel jährlich, von denen er hundert nach Hause schicke; das Leben hier sei sonst ganz gut, »wenn die Kuriere nur nicht so wild wären und das Volk nicht so fürchterlich fluchte«.

»Warum hat nur dieser Fuhrknecht so furchtbar geflucht? Mein Gott! Habe ich denn absichtlich die Pferde losgerissen? Will ich denn jemand etwas Böses? Und warum ist er ihnen nachgesprungen? Sie wären auch von selbst zurückgekommen; so wird er umsonst die Pferde abhetzen und auch selbst zugrunde gehen«, sagte der gottesfürchtige Bauer.

»Was ist das Schwarze dort?« fragte ich, als ich einige dunkle Silhouetten vor uns sah.

»Es ist ein Zug von Lastwagen. Das ist wirklich ein angenehmes Fahren!« fügte er hinzu, als wir die riesengroßen, mit Bastmatten bedeckten Wagen, die einer hinter dem andern daherrollten, eingeholt hatten. »Schauen Sie nur hin, kein Mensch ist zu sehen, alle schlafen. Die klugen Pferde kennen selbst den Weg und lassen sich davon nicht abbringen ... Auch ich bin früher einmal mit solchen Lastfuhren gefahren,« sagte er nach einer Pause, »daher kenne ich es.«

Die riesengroßen Wagen, die von den Rädern bis zu den Bastmatten hinauf mit Schnee bedeckt waren und sich ganz von selbst fortzubewegen schienen, boten wirklich einen seltsamen Anblick. Erst als unsere Schellen dicht neben den Wagen erklangen, hob sich im vordersten Winkel etwa zwei Finger hoch die schneeverwehte Matte, und eine Mütze lugte für einen Augenblick heraus. Ein großer scheckiger Gaul mit gestrecktem Hals und gespanntem Rücken schritt gleichmäßig über den gänzlich verwehten Weg; er schaukelte im Takt seinen zottigen Kopf unter dem schneebedeckten Krummholz und spitzte, als wir ihn einholten, das eine verschneite Ohr.

Nach einer weiteren halben Stunde wandte sich der Fuhrknecht wieder zu mir:

»Was glauben Sie, Herr, fahren wir recht?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete ich.

»Der Wind kam früher von dort her, und jetzt fahren wir mit dem Wind. Nein, wir fahren sicher falsch. Wir haben uns wieder verirrt«, schloß er mit großer Ruhe.

Obwohl er eigentlich recht feige war, hatte er sich, wie ich sah, vollkommen beruhigt, seit wir in Gesellschaft fuhren und er nicht mehr die Führung und die Verantwortung hatte: gemeinsames Unglück läßt sich eben leichter ertragen. Er machte kaltblütig Bemerkungen über die Fehler des Fuhrknechtes, der vorn fuhr, als ob ihn das Ganze nicht im geringsten anginge. Ich merkte auch wirklich, daß die vordere Troika uns bald die linke und bald die rechte Seite zukehrte; ich hatte den Eindruck, als ob wir auf einer sehr kleinen Fläche immer im Kreise herumführen. Es konnte übrigens auch eine Sinnestäuschung sein, wie es mir zuweilen auch vorkam, daß die erste Troika bald bergauf und bald bergab fahre, während die Steppe nach allen Seiten vollkommen eben war.

Nachdem wir noch einige Zeit so gefahren waren, glaubte ich fern am Horizont einen langen, schwarzen, beweglichen Streifen zu sehen; doch schon im nächsten Augenblick wurde es mir klar, daß es dieselben Lastfuhren waren, die wir schon einmal überholt.hatten. Die knarrenden Räder, von denen sich einige gar nicht mehr drehten, waren ganz wie vorhin von Schnee bedeckt; die Leute schliefen noch immer unter den Bastmatten, und das scheckige Pferd vor der ersten Fuhre blähte wie vorhin die Nüstern, beschnüffelte den Weg und spitzte die Ohren.

»Nun sehen Sie es selbst: wir haben uns so lange gedreht, bis wir wieder zu denselben Lastfuhren zurückgekommen sind!« sagte mein Fuhrknecht ärgerlich. »Die Kurierpferde sind kräftig und können etwas vertragen; daher kann er sie auch so abhetzen; wenn wir aber auch so die ganze Nacht herumfahren wollten, würden unsere Pferde bald stehen bleiben.«

Er hüstelte.

»Wollen wir doch lieber umkehren, Herr, damit es kein Unglück gibt?«

»Warum? Wir werden doch irgendwohin kommen.«

»Wohin können wir kommen? Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als in der Steppe zu übernachten. Wie es nur stürmt ... Herrgott im Himmel!«

Obwohl ich mich wunderte, daß der Fuhrknecht in der ersten Troika, der offenbar Weg und Richtung verloren hatte, gar nicht versuchte, den Weg zu finden, sondern unter lustigem Geschrei in vollem Trabe weiterfuhr, wollte ich doch nicht mehr hinter den andern Schlitten zurückbleiben.

»Fahr ihnen nach!« sagte ich.

Der Fuhrknecht tat, was ich ihn geheißen, trieb aber die Pferde noch mißmutiger an als vorhin und sprach nicht mehr mit mir.

4

Der Schneesturm wütete immer schlimmer, und von oben fiel feiner trockener Schnee; es begann anscheinend zu frieren: Nase und Wangen schmerzten mir immer mehr vor Kälte, und immer öfter kam mir ein kalter Luftstrom unter den Pelz, den ich vorn fest zusammenhalten mußte. Zuweilen klapperten die Kufen auf dem nackten, hartgefrorenen Boden, von dem der Schnee weggeweht war. Da ich schon beinahe sechshundert Werst zurückgelegt hatte, ohne irgendwo Nachtquartier zu nehmen, schloß ich, obwohl mich der Ausgang unserer Irrfahrt aufs höchste interessierte, zeitweise die Augen und schlummerte ein. Als ich einmal wieder die Augen öffnete, war ich ganz erstaunt: die weiße Ebene war, wie es mir im ersten Augenblick schien, von einem grellen Licht überflutet; der Horizont hatte sich bedeutend erweitert, der niedrige schwarze Himmel war verschwunden, von allen Seiten sah man die weißen schrägen Linien des fallenden Schnees, die Umrisse der vorderen Troikas waren deutlicher sichtbar, und als ich die Augen hob, schien mir im ersten Augenblick, daß die Wolken sich verzogen hätten und der Himmel nur vom fallenden Schnee verdeckt sei. Während ich geschlafen hatte, war der Mond aufgegangen; nun warf er sein kaltes, grelles Licht durch die undichten Wolken auf den fallenden Schnee. Alles, was ich deutlich sehen konnte, war mein Schlitten mit den Pferden und dem Fuhrknecht und die drei Troikas vor uns: zuerst kam der Kurierschlitten, auf dessen Bock noch immer der eine Kutscher saß, der die Pferde zu scharfem Trab antrieb; im zweiten Schlitten saßen zwei Fuhrknechte, die die Zügel locker gelassen, sich aus einem Mantel einen Windschutz gemacht hatten und unaufhörlich ihre Pfeifchen rauchten, was man an den Funken, die ab und zu aufflackerten, erkennen konnte; im dritten Schlitten war aber niemand zu sehen: der Fuhrknecht schlief wohl mitten im Schlitten. Seitdem ich wach war, hielt der erste Fuhrknecht ab und zu seine Pferde an und sah sich nach dem Wege um. Wenn wir stehen blieben, hörten wir deutlicher den Wind heulen und sahen die erstaunlichen Schneemassen, die durch die Luft wirbelten. Ich konnte im Mondlichte, das vom Schneegestöber getrübt war, sehen, wie der kleine Fuhrknecht sich im Lichtnebel hin und her bewegte, mit dem Peitschenstiel den Schnee vor sich betastete, dann wieder zum Schlitten zurückkehrte und von der Seite auf den Bock sprang; ich hörte durch das eintönige Pfeifen des Windes das helle und laute Klingen und Bimmeln der Schellen. Sooft der erste Fuhrknecht aus dem Schlitten stieg, um sich nach dem Wege oder nach Heuschobern umzuschauen, hörte ich aus dem zweiten Schlitten die muntere und selbstbewußte Stimme eines der Fuhrknechte, der dem vorderen zurief:

»Hör doch, Ignaschka! Wir sind ja zu weit nach links abgekommen! Such doch mehr nach rechts, mit dem Winde zu kommen!« Oder: »Was drehst du dich so dumm im Kreise herum? Richte dich nach dem Schnee, wie er gerade liegt, dann kommst du sicher auf den Weg!« Oder: »Nach rechts, nach rechts, Bruder! Siehst du, dort steht etwas Schwarzes, ich glaube, es ist ein Pfahl.« Oder: »Was drehst du dich wieder im Kreise? Um Gottes willen! Spann doch den Schecken aus und laß ihn vorauslaufen: er wird dich schnell und sicher auf den Weg bringen. So muß es besser gehen!«

Der Mann, der diese Ratschläge erteilte, war nicht nur zu faul, das Nebenpferd auszuspannen oder den Weg im Schnee zu suchen, sondern auch, die Nase aus seinem Mantelkragen herauszustecken: Ignaschka rief ihm auf einen seiner Ratschläge zu, er möchte doch selbst vorausfahren, wenn er so gut wisse, wohin man fahren solle; der Ratgeber gab zur Antwort, daß er gern vorausfahren und leicht den richtigen Weg finden würde, wenn er nur die Kurierpferde hätte. »Meine Pferde werden bei diesem Sturm nicht vorauslaufen wollen,« schrie er, »denn es sind nicht solche Pferde.«

»Dann rede auch nichts drein!« antwortete ihm Ignaschka und pfiff munter seinen Pferden zu.

Der andere Fuhrknecht, der mit dem Ratgeber im gleichen Schlitten saß, sagte nichts zu Ignaschka und mischte sich überhaupt nicht in diese Sache, obgleich er gar nicht schlief: sein Pfeifchen glomm ununterbrochen, und sooft wir hielten, hörte ich seine eintönige Stimme. Er erzählte ein Märchen. Einmal nur, als Ignaschka zum sechsten oder siebenten Male hielt, ärgerte er sich wohl darüber, daß die Fahrt, die ihm solches Vergnügen machte, unterbrochen wurde, und schrie ihm zu:

»Nun, was stehst du schon wieder? Er will, scheint es, wirklich den Weg finden! Man sagt dir ja: es ist der Schneesturm! Selbst der Feldmesser würde jetzt den Weg nicht finden; du solltest lieber vorwärtsfahren, solange die Pferde noch ziehen. So Gott will, werden wir wohl nicht erfrieren ... Vorwärts!«

»Warum nicht gar! Im vorigen Jahre ist ja ein Postillion erfroren!« mischte sich mein Kutscher ein.

Der Fuhrknecht in der dritten Troika hatte die ganze Zeit über geschlafen. Als wir einmal hielten, rief ihm der Ratgeber zu:

»Philipp! He, Philipp!« Und als er keine Antwort bekam, bemerkte er: »Ob er nicht erfroren ist? Geh doch hin, Ignaschka, und schau nach!«

Ignaschka, der alles tun mußte, ging auf den hinteren Schlitten zu und begann den Schlafenden zu rütteln.

»Sieh einer, von einem Viertel Schnaps ist er schon umgefallen! Wenn du erfroren bist, so sags!« redete er auf ihn ein, indem er ihn hin und her rüttelte.

Der Schläfer brummte etwas in den Bart und begann zu schimpfen.

»Er lebt noch, Brüder!« sagte Ignaschka und lief wieder voraus. Wir fuhren weiter und sogar so schnell, daß das kleine braune Nebenpferd, das mein Kutscher ununterbrochen mit der Peitsche schlug, zuweilen in einen ungeschickten Galopp verfiel.

5

Es wird Mitternacht gewesen sein, als der alte Fuhrknecht und Wassili, die den davongelaufenen Pferden nachgeeilt waren, zu uns zurückkamen. Sie hatten die Pferde eingefangen und uns eingeholt; wie sie uns aber im finstern, blinden Schneesturm in der kahlen Steppe gefunden hatten, blieb mir für immer ein Rätsel. Der Alte ritt, mit den Ellbogen und Beinen schlenkernd, auf dem Gabelpferde (die beiden andern Pferde waren an dem Kummet angebunden: im Schneesturm darf man die Pferde nicht frei laufen lassen). Als er meinen Schlitten erreichte, begann er von neuem auf meinen Kutscher zu schimpfen:

»Das nenn ich einen schieläugigen Teufel! Wirklich...«

»Seht doch: da ist ja Onkel Mitritsch!« rief der Märchenerzähler aus dem zweiten Schlitten. »Lebst du noch? Komm zu uns herein!«

Der Alte gab ihm aber keine Antwort und fuhr fort zu fluchen. Als er glaubte, es sei genug, ritt er an den zweiten Schlitten heran.

»Hast du alle eingefangen?« fragte man ihn aus dem Schlitten.

»Was denn sonst?«

Und seine gedrungene Gestalt legte sich während des Trabes auf den Rücken des Pferdes, sprang dann in den Schnee, lief, ohne auch nur einen Augenblick stehen zu bleiben, um den Schlitten herum und schwang sich von hinten hinein, wobei die Beine über den hintern Schlittenrand hoch in die Luft ragten. Der große Wassili setzte sich schweigend auf seinen früheren Platz im vorderen Schlitten zu Ignaschka und begann mit ihm zusammen den Weg zu suchen.

»Wie er nur so fluchen kann . . . Herrgott im Himmel!« murmelte mein Kutscher vor sich hin.

Dann fuhren wir lange, ohne Halt zu machen, über die weiße Wüste im kalten, durchsichtigen und schwankenden Lichtschein des Schneesturmes. Wenn ich die Augen öffne, sehe ich immer dieselbe plumpe Mütze und denselben beschneiten Rücken vor mir ragen, denselben Kopf des Gabelpferdes mit der schwarzen, vom Winde gleichmäßig zur Seite gewehten Mähne unter dem niedrigen Krummholz zwischen den straff gespannten Zugriemen auf und nieder wippen; hinter dem Kutscherrücken sehe ich dasselbe braune rechte Nebenpferd mit dem kurz aufgebundenen Schweif und dem Strangholz, das ab und zu gegen die Vorderwand des Schlittens klopft. Blicke ich nach unten, so sehe ich denselben Pulverschnee; die Kufen wühlen ihn auf, und der Wind wirbelt ihn unaufhörlich empor und trägt ihn immer in der gleichen Richtung fort. Vor mir gleiten immer im gleichen Abstand voneinander die drei andern Troikas; rechts und links flimmert es weiß. Vergeblich sucht das Auge nach einem neuen Gegenstand: weder Pfahl, noch Heuschober, noch Zaun nichts ist zu sehen. Ringsum ist alles weiß, weiß und beweglich: bald erscheint der Horizont unendlich weit, bald von allen Seiten eingeengt und kaum zwei Schritt breit; bald türmt sich zur Rechten eine hohe weiße Mauer auf und läuft mit uns mit, dann verschwindet sie und taucht nach einer Weile vor uns auf, um eine Zeitlang vor uns herzulaufen und dann wieder zu verschwinden. Wenn ich hinaufschaue, erscheint mir der Himmel im ersten Augenblick ganz hell, und ich sehe durch den Nebel die Sterne; die Sterne fliehen aber vor meinem Blick in die Höhe und entschwinden, und ich sehe nichts als den Schnee, der an meinen Augen vorüber auf mein Gesicht und meinen Pelzkragen fällt; der Himmel ist überall gleichmäßig hell, gleichmäßig weiß, farblos, eintönig und in steter Bewegung. Der Wind scheint jeden Augenblick seine Richtung zu wechseln: bald bläst er mir ins Gesicht und verklebt mir die Augen mit Schnee, bald wirft er mir, um mich zu ärgern, den Pelzkragen von der Seite über den Kopf und tätschelt mir mit ihm neckisch das Gesicht, bald brummt er von hinten durch irgendein Loch. Ich höre das leise, doch unaufhörliche Knirschen der Kufen und Hufe im Schnee und das Klingen der Schellen; es verhallt, sooft wir in tiefen Schnee geraten. Nur ganz selten, wenn wir über Eiskrusten und gegen den Wind fahren, dringt das energische Pfeifen Ignats und das muntere Läuten des Glöckchens mit der widerhallenden zitternden Quinte an mein Ohr; diese Töne stören so unerwartet und so angenehm die düstere Stimmung der Wüste; dann klingt wieder eintönig, mit unerträglicher Genauigkeit immer dieselbe Weise, die ich in das Schellengeläute hineinlege. Mir beginnt der eine Fuß zu frieren, und wenn ich mich umwende, um mich besser einzuhüllen, gleitet mir der Schnee, der sich auf Kragen und Mütze angesammelt hat, in den Hals und läßt mich erschauern; im allgemeinen aber fühle ich mich in meinem erwärmten Pelz recht wohlig, und mich überkommt der Schlummer.

6

Erinnerungen und Vorstellungen ziehen in raschem Wechsel an meinem Geiste vorüber.

›Was mag wohl der Ratgeber, der immer aus dem zweiten Schlitten herüberschreit, für ein Mann sein? Wahrscheinlich ist er rothaarig, stämmig und kurzbeinig, denke ich mir, vom selben Schlage wie unser früherer Küchenmeister Fjodor Filipytsch. Und da sehe ich plötzlich die Treppe unseres großen Hauses und fünf Mann von der leibeigenen Dienerschaft, die, schwer einhertappend, auf Handtüchern ein Klavier aus dem Seitengebäude hinüberschleppen; ich sehe auch Fjodor Filipytsch, wie er die Ärmel seines Nankingrocks aufgekrempelt hat, mit einem Pedal in der Hand vorausläuft, die Riegel öffnet, hier an einem der Handtücher zieht, dort etwas nachschiebt, zwischen den Beinen der Träger durchkriecht, allen im Wege ist und mit besorgter Stimme kommandiert:

»Ihr Vorderen dort, nehmt die Last mehr auf euch! So, mit dem Schwanzende hinauf, noch mehr hinauf! In die Türe hinein! So ists recht!«

»Erlauben Sie doch, Fjodor Filipytsch! Wir werden schon allein fertig,« wendet schüchtern der Gärtner ein, der, an das Treppengeländer gedrückt, über und über rot vor Anstrengung, mit den letzten Kräften das eine Ende des Klaviers festhält.

Aber Fjodor Filipytsch will sich nicht beruhigen.

›Was hat er eigentlich?‹ frage ich mich. ›Hält er sich wirklich für so nützlich und unentbehrlich, oder freut er sich einfach darüber, daß Gott ihm diese selbstbewußte und überzeugende Beredsamkeit gegeben hat, die er nun mit solchem Genuß verschwendet? Es wird wohl wirklich so sein. Und ich sehe ganz unvermittelt einen Teich, das ermüdete Hofgesinde, das, bis an die Kniee im Wasser watend, ein Netz herauszieht, während Fjodor Filipytsch mit einer Gießkanne in der Hand am Ufer hin und her rennt, alle anschreit und sich nur von Zeit zu Zeit dem Wasser nähert, um das trübe Wasser aus der Kanne herauszulassen und frisches nachzufüllen, wobei er die golden schimmernden Karauschen mit der einen Hand festhält. Und dann ist es ein Julimittag. Ich gehe irgendwohin über das frisch gemähte Gras des Gartens unter den brennenden senkrechten Sonnenstrahlen; ich bin noch sehr jung, mir fehlt etwas, ich will etwas. Ich gehe zum Teich, an meine Lieblingsstelle zwischen den Heckenrosen und der Birkenallee, und lege mich schlafen. Ich kann mich noch gut an das Gefühl erinnern, mit dem ich im Liegen durch die roten, stachelbesetzten Stämme der Heckenrosen auf das schwarze, trockene, körnige Erdreich und den hindurchschimmernden grellblauen Spiegel des Teiches blickte. Es war das Gefühl einer naiven Selbstzufriedenheit und Trauer. Alles um mich her war so schön, und diese Schönheit wirkte auf mich so stark ein, daß es mir schien, ich sei auch selbst schön und gut; das einzige, was mich ärgerte, war, daß mich niemand bewunderte. Es ist heiß. Ich will einschlafen, um mich zu trösten; doch die Fliegen, die unausstehlichen Fliegen lassen mich auch hier nicht in Ruhe: sie sammeln sich um mich und hüpfen unaufhörlich, hart wie Kirschkerne, von meiner Stirn auf die Hände. In meiner Nähe summt in der Sonnenglut eine Biene; gelbbeschwingte Schmetterlinge flattern träge von Halm zu Halm. Ich blicke hinauf, die Augen schmerzen mir die Sonne scheint zu grell durch das hellgrüne Laub der lockigen Birke, die hoch über mir ganz leise ihre Zweige bewegt; und die Sonnenglut scheint mir noch unerträglicher. Ich bedecke mir das Gesicht mit einem Tuche; nun wird es mir schwül, und die Fliegen kleben mir förmlich an den schwitzenden Händen. Im Dickicht der Heckenrosen machen sich Sperlinge zu schaffen. Einer von ihnen springt einen Schritt von mir entfernt auf die Erde, tut einigemal so, als picke er ernergisch die Erde, und fliegt lustig zwitschernd und in den Zweigen raschelnd aus dem Gebüsch; dann springt ein zweiter Sperling herab, bewegt das Schwänzchen, schaut sich um und fliegt wie ein Pfeil unter lebhaftem Gezwitscher dem ersten nach. Vom Teiche her höre ich die Schläge des Waschholzes auf die nasse Wäsche; diese Schläge hallen tief unten über dem Wasserspiegel nach. Ich höre das Lachen, Sprechen und Plätschern von Badenden. Ein Windstoß rauscht in den Wipfeln der Birken, zuerst fern von mir, kommt dann immer näher; ich höre, wie er das Gras bewegt; nun sehe ich, wie die Blätter der Heckenrosenbüsche sich auf ihren Zweigen hin und her wiegen; nun lüftet ein frischer Windhauch einen Zipfel des Tuches, mit dem ich mich bedeckt habe, und kitzelt mein schweißbedecktes Gesicht. Eine Fliege schlüpft unter das Tuch, wo es der Wind gelüftet hat, und schwirrt erschrocken um meine feuchten Lippen herum. Ein trockener Ast drückt mich in den Rücken. Nein, ich will nicht länger liegen, ich will baden gehen. Da höre ich ganz nahe an der Hecke eilende Schritte und erschrockene Frauenstimmen:

»Ach Gott! Was soll man nur tun? Und kein Mann in der Nähe!«

»Was ist denn los?« frage ich, in die Sonne hinaustretend, eine Dienstmagd, die jammernd an mir vorüberläuft. Sie blickt sich nur um, fuchtelt mit den Händen und rennt weiter. Da läuft auch schon die siebzigjährige Matrjona; sie hält mit der einen Hand das Tuch fest, das ihr immer vom Kopfe rutscht, und humpelt, den einen Fuß im wollenen Strumpf mühselig nachschleppend, zum Teich. Zwei kleine Mädchen laufen Hand in Hand; ein zehnjähriger Junge im Rocke seines Vaters folgt ihnen im Laufschritt, sich am hanfleinenen Kleide eines der Mädchen festhaltend.

»Was ist geschehen?« frage ich sie.

»Ein Bauer ist ertrunken.«

»Wo?«

»Im Teich.«

»Wer ists? Einer von den unsrigen?«

»Nein, ein Fremder.«

Der Kutscher Iwan rennt, mit seinen großen Stiefeln beständig im gemähten Gras ausrutschend, zum Teich; auch der dicke Verwalter Jakow läuft ganz außer Atem, und ich laufe mit.

Ich kann mich noch an das Gefühl erinnern, das mir sagte: »Spring ins Wasser, zieh den Bauern heraus, und alle werden dich bewundern, und danach ging ja mein ganzes Streben.

»Wo ist es denn, wo?« frage ich die Leute, die sich am Ufer drängen.

»Dort an der tiefsten Stelle, mehr am andern Ufer, beinahe an der Badehütte,« sagt die Wäscherin, indem sie die nasse Wäsche auf das Tragholz auflädt. Ich sehe, wie ein Mensch immer untertaucht; bald zeigt er sich, bald taucht er wieder unter. Dann zeigt er sich wieder und schreit: »Mein Gott, ich ertrinke!« und dann taucht er wieder unter, nur Luftblasen steigen auf. Da begreife ich erst, daß der Mann ertrinkt. Und ich schreie, was ich schreien kann: »Leute, ein Mann ertrinkt!« Die Wäscherin legt sich das Tragholz auf die Schulter und geht, sich in den Hüften wiegend, über den Fußpfad vom Teiche weg.

»Dieses Pech!« sagt der Verwalter Jakow Iwanow ganz verzweifelt. »Was das jetzt für Scherereien mit dem Gericht geben wird! Das wird kein Ende nehmen!«

Ein Bauer mit einer Sense drängt sich durch die Menge der Weiber, Kinder und Greise, die auf dem andern Ufer stehen, vor, hängt die Sense an einen Weidenast und zieht sich langsam die Bastschuhe aus.

»Wo ist es denn? Wo ist er ertrunken?« frage ich in einem fort, vom Wunsche beseelt, ins Wasser zu springen und irgend etwas Außergewöhnliches zu vollbringen.

Man zeigt mir nur die glatte Wasserfläche, die sich ab und zu im leisen Winde kräuselt. Ich kann unmöglich begreifen, daß er ertrunken ist; das Wasser steht so glatt, schön und gleichgültig über ihm und schimmert golden in der Mittagssonne, und ich muß einsehen, daß ich nichts tun kann und niemand in Erstaunen versetzen werde, besonders da ich nicht gut schwimme; der Bauer hat sich aber schon das Hemd über den Kopf gezogen und ist bereit, ins Wasser zu springen. Alle blicken auf ihn mit verhaltenem Atem und voller Hoffnung; doch als der Bauer so weit gelangt ist, daß das Wasser ihm bis an die Schultern reicht, kehrt er langsam zurück und zieht sein Hemd wieder an: er kann nämlich gar nicht schwimmen.

Es kommen immer mehr Leute herbei, die Menge wächst an, die Weiber klammern sich aneinander, doch niemand bringt Hilfe. Die Neuankommenden geben Ratschläge, jammern, und ihre Blicke drücken Entsetzen und Verzweiflung aus; einige von denen, die schon früher da waren, sind vom Stehen müde und setzen sich ins Gras, andere gehen nach Hause. Die alte Matrjona fragt ihre Tochter, ob sie nicht vergessen habe, daheim den Ofen zu schließen; der Junge mit dem Rocke seines Vaters wirft eifrig Steine ins Wasser.

Da läuft vom Hause her, bellend und sich verständnislos umschauend, Fjodor Filipytschs Hund Tresor; dann kommt hinter der Rosenhecke auch Fjodor Filipytsch selbst zum Vorschein; er rennt den Abhang herunter und schreit.

»Was steht ihr so herum?« schreit er, sich im Laufen seinen Rock anziehend. »Ein Mensch ist ertrunken, und sie stehen so da! Einen Strick her!«

Alle blicken mit banger Hoffnung auf Fjodor Filipytsch, während er, sich mit der Hand auf die Schulter eines dienstfertig herbeigesprungenen Knechtes stützend, mit der Spitze des linken Stiefels den rechten herunterzerrt.

»Es ist dort, wo die Leute stehen, rechts von der Weide, Fjodor Filipytsch, dort ist es!« sagt ihm jemand.

»Ich weiß schon,« antwortet er. Er zieht die Brauen zusammen wohl als Antwort auf die Zeichen von Schamhaftigkeit, die die Weiber äußern, zieht sich das Hemd aus, nimmt sich das Kreuz vom Hals, übergibt es dem Gärtnerjungen, der ehrerbietig vor ihm steht, und nähert sich, energisch über das gemähte Gras schreitend, dem Teiche.

Tresor, der gar nicht begreifen kann, was diese ungewöhnlich schnellen Bewegungen seines Herrn bedeuten, bleibt vor dem Menschenhaufen stehen, rupft sich einige Hälmchen am Ufer, wirft einen fragenden Blick auf seinen Herrn und springt plötzlich, vergnügt winselnd, mit dem Herrn ins Wasser. Im ersten Augenblick sieht man nichts als Schaum und Wasserstaub, der bis zu uns herüberspritzt; da sieht man aber schon Fjodor Filipytsch in kräftigen Zügen zum andern Ufer schwimmen; er rudert graziös mit den Armen und hebt und senkt gleichmäßig den Rücken. Tresor, der etwas Wasser geschluckt hat, kehrt rasch um, schüttelt sich in der Nähe des Menschenhaufens das Wasser aus dem Fell und wälzt sich am Ufer auf dem Rücken. In dem Augenblick, als Fjodor Filipytsch das andere Ufer erreicht, erscheinen bei der Weide zwei Kutscher mit einem zusammengerollten Fischernetz. Fjodor Filipytsch wirft, man weiß nicht, warum, die Arme in die Höhe, taucht unter, einmal, zweimal, dreimal, wobei er jedesmal einen Wasserstrahl aus dem Munde bläst, schüttelt anmutig die Haare und gibt auf keine der Fragen, mit denen man ihn von allen Seiten bestürmt, Antwort. Endlich steigt er ans Ufer und übernimmt, soviel ich sehe, nur die Oberleitung beim Auswerfen des Netzes. Das Netz wird herausgezogen, doch es enthält nichts als Schlamm, in dem einige kleinere Karauschen zappeln. Während das Netz von neuem ausgeworfen wird, gehe ich an das andere Ufer hinüber.

Man hört nur die Kommandorufe Fjodor Filipytschs, das Plätschern des feuchten Strickes im Wasser und Seufzer des Entsetzens. Der nasse Strick, der an den rechten Flügel des Netzes gebunden ist, kommt, immer mehr mit Wasserpflanzen bedeckt, weiter und weiter aus dem Wasser hervor.

»So, jetzt! Zieht alle zusammen, auf Kommando!« dröhnt Fjodor Filipytschs Stimme.

»Es ist etwas drin! Es geht so schwer, Brüder!« sagt eine Stimme.

Nun kommen auch beide Flügel des Netzes, in denen zwei, drei kleine Karauschen zappeln, das Gras niederdrückend und befeuchtend, an das Ufer. Durch die dünne, schwankende Schicht des getrübten Wassers schimmert im gespannten Netz etwas Weißes. In der Menge ertönt ein leiser, doch in der Totenstille erstaunlich deutlich wahrnehmbarer Seufzer des Entsetzens.

»Zieht heraus, alle auf einmal! Aufs Trockene!« hört man Fjodor Filipytschs energische Stimme, und der Ertrunkene wird über die Stoppeln der abgemähten Kletten und Lattiche zur Weide gezogen.

Und ich sehe meine gute alte Tante in ihrem seidenen Kleid, ich sehe ihren lila Sonnenschirm, der unten eine Franse hat und so wenig zu diesem in seiner Einfachheit schrecklichen Bilde des Todes paßt, und ihr Gesicht, das in Tränen ausbrechen möchte. Ich erinnere mich noch an den Ausdruck von Enttäuschung auf diesem Gesicht, daß man in diesem Falle kein Arnika anwenden kann, und an das schmerzvolle Gefühl, das mich überkam, als sie mit ihrem naiven Egoismus der Liebe zu mir sagte: »Komm, mein Kind! Ach, es ist so schrecklich! Und du badest und schwimmst immer allein!«

Ich weiß noch, wie grell und glühend die Sonne auf die trockene, lockere Erde brannte; wie sie auf dem Spiegel des Teiches spielte; wie munter am Ufer große Karpfen umherschwammen, während in der Mitte des Teiches Schwärme winziger Fische den glatten Wasserspiegel kräuselten; wie hoch am Himmel ein Habicht seine Kreise zog, über den jungen Entchen schwebend, die plätschernd und lärmend durch das Schilf in die Mitte des Teiches hinausschwammen; wie sich weiße, flockige Gewitterwolken am Horizont ansammelten; wie der vom Netz ans Ufer gebrachte Schlamm sich allmählich wieder im Wasser verlor, und wie ich, auf dem Damm vorübergehend, wieder die über den Teich dahinhallenden Schläge des Waschholzes hörte.

Doch das Waschholz klingt so, als ob zwei Waschhölzer in einer Terz zusammenklängen, und dieser Klang quält und peinigt mich, um so mehr, als ich weiß, daß das Waschholz eigentlich eine Glocke ist, die Fjodor Filipytsch nicht zum Schweigen bringen will. Und dieses Waschholz preßt mir wie ein Folterwerkzeug meinen frierenden Fuß zusammen, und ich schlafe ein.

Ich erwachte, weil wir, wie mir schien, sehr schnell fuhren und weil zwei Stimmen dicht neben mir sprachen:

»Ignat! Hör, Ignat!« sagt die Stimme meines Fuhrknechts: »Nimm meinen Fahrgast zu dir hinüber du mußt ja sowieso fahren, was soll ich aber umsonst meine Pferde abhetzen? Nimm ihn doch!«

Ignats Stimme antwortet dicht neben mir: »Glaubst du, daß es mir ein Vergnügen ist, die Verantwortung für deinen Fahrgast zu tragen? ... Willst du mir dafür eine Halbe Schnaps geben?«

»Was, eine Halbe! . . . Wenn es schon sein muß ein Viertel...«

»Was du nicht sagst ein Viertel!« ruft eine andere Stimme dazwischen: »Für ein Viertel soll man die Pferde abhetzen!«

Ich öffne die Augen. Vor meinen Augen flimmert noch immer derselbe unerträgliche wirbelnde Schnee, ich sehe dieselben Fuhrknechte und Pferde, doch neben mir fährt ein fremder Schlitten. Mein Kutscher hat Ignat eingeholt, und wir fahren längere Zeit nebeneinander. Obgleich die Stimme aus dem hinter uns fahrenden Schlitten empfiehlt, es nicht billiger als für eine Halbe zu tun, hält Ignat doch plötzlich seine Troika an.

»Lade ihn um, in Gottes Namen! Du hast Glück. Das Viertel wirst du mir morgen, wenn wir ankommen, spendieren. Ist viel Gepäck dabei, he?«

Mein Kutscher springt mit einer ihm gar nicht eigenen Behendigkeit in den Schnee und bittet mich unter Verbeugungen, zu Ignat umzusteigen. Ich bin damit vollkommen einverstanden; der gottesfürchtige Bauer ist offenbar außer sich vor Glück und muß seine Freude und Dankbarkeit durchaus in Worte ergießen: unter fortwährenden Verbeugungen bedankt er sich bei mir, Aljoschka und Ignat.

»Nun, Gott sei Dank! Wie wäre es denn sonst, du lieber Gott! Die halbe Nacht fahren wir schon und wissen selbst nicht, wohin. Er wird Sie schon hinbringen, Väterchen; meine Pferde können nicht mehr.«

Und er beginnt mit großem Eifer mein Gepäck abzuladen.

Während sie das Gepäck umluden, ging ich mit dem Wind, der mich förmlich trug, zum zweiten Schlitten. Er war besonders von der Seite, wo sich die beiden Fuhrknechte zum Schutze gegen den Wind über ihren Köpfen den Mantel aufgespannt hatten, zu einem Viertel verschneit; hinter dem Mantel war es aber windstill und behaglich. Der Alte lag noch immer mit hinausgehängten Beinen, und der Märchenerzähler fuhr in seiner Erzählung fort: »Zu derselben Zeit, als der General also im Namen des Königs zu Maria ins Gefängnis kommt, zu derselben Zeit sagt also Maria zu ihm: General! Ich bedarf deiner nicht und kann dich nicht lieben, du bist also nicht mein Geliebter; denn mein Geliebter ist der nämliche Prinz...«

»Zu derselben Zeit . . .« fuhr er fort; doch als er mich sah, hielt er inne und begann sein Pfeifchen anzublasen.

»Nun, Herr, sind Sie auch hergekommen, um das Märchen mit anzuhören?« sagte der andere, den ich den Ratgeber genannt habe.

»Bei euch ist es ja so gemütlich und lustig!« sagte ich.

»Was fängt man nicht alles aus Langerweile an! So macht man sich wenigstens keine Gedanken.«

»Wißt ihr vielleicht, wo wir jetzt sind?«

Diese Frage schien den Fuhrknechten nicht zu gefallen.

»Wer soll sich da auskennen, wo wir sind! Vielleicht sind wir gar zu den Kalmücken geraten«, antwortete der Ratgeber.

»Was werden wir denn anfangen?«

»Was wir anfangen werden? Wir fahren ja, vielleicht kommen wir noch irgendwo heraus,« sagte er mit verdrießlicher Stimme.

»Und wenn wir nicht herauskommen und die Pferde im Schnee stecken bleiben, was dann?«

»Was soll dann sein?! Nichts.«

»Wir können ja erfrieren.«

»Gewiß können wir das: es sind ja weit und breit keine Heuschober zu sehen folglich sind wir wirklich zu den Kalmücken geraten. Wir müssen uns vor allen Dingen nach dem Schnee richten.«

»Du fürchtest gar zu erfrieren, Herr?« fragte mit zitterndem Stimme der Alte.

Obwohl er sich wohl über meine Angst lustig machte, konnte ich ihm ansehen, daß er bis auf die Knochen durchfroren war. »Ja, es wird bitter kalt,« sagte ich.

»Ach Herr! Du solltest es machen wie ich: von Zeit zu Zeit aus dem Schlitten steigen und eine Strecke laufen so wirst du dich erwärmen.«

»Am besten läufst du hinter dem Schlitten her,« sagte der Ratgeber.

7

Jetzt können Sie kommen: alles fertig!« rief mir Aljoschka aus dem vorderen Schlitten zu.

Der Sturm war so stark, daß ich nur mit großer Mühe, ganz vornübergebeugt und mit beiden Händen die Schöße des Pelzmantels festhaltend, über den lockeren Schnee, den der Wind unter meinen Füßen aufwirbelte, die wenigen Schritte, die mich vom Schlitten trennten, zurücklegen konnte. Mein früherer Kutscher kniete bereits in der Mitte des leeren Schlittens; als er mich sah, zog er seine große Mütze, wobei der Wind wütend seine Haare packte und nach oben richtete, und bat mich um ein Trinkgeld. Er hatte wohl auch gar nicht erwartet, daß ich ihm eins geben würde, denn meine abschlägige Antwort betrübte ihn nicht im geringsten. Er dankte mir auch dafür, setzte seine Mütze wieder auf und sagte: »Vergelts Gott, Herr...« Dann zog er die Zügel an, schmatzte mit den Lippen und fuhr an uns vorbei. Gleich darauf gab sich auch Ignaschka einen Ruck und rief die Pferde an. Wieder wurde das Heulen des Windes, das besonders laut zu hören war, wenn wir hielten, vom Knirschen des Schnees unter den Hufen, den Zurufen der Fuhrknechte und dem Schellengeläute abgelöst.

Nach dem Umsteigen blieb ich etwa eine Viertelstunde wach und vertrieb mir die Zeit damit, daß ich die Gestalt meines neuen Kutschers und seine Pferde studierte. Ignaschka saß auf dem Bock wie ein Held, hüpfte immer auf und nieder, schwang die Hand mit der herabhängenden Peitsche über den Pferden, stieß kurze Schreie aus, schlug einen Fuß an den andern und beugte sich jeden Augenblick vor, um den Schwanzriemen des Gabelpferdes geradezurichten, der immer nach rechts hinüberrutschte. Ignaschka war nicht sehr groß, schien aber gut gebaut. Über dem kurzen Pelzrock trug er einen weiten kamelhaarenen Mantel ohne Gürtel; der Mantelkragen war fast ganz zurückgeschlagen und ließ den Hals frei; er trug keine Filz-, sondern Lederstiefel und eine kleine Mütze, die er jeden Augenblick abnahm und geraderückte. Die Ohren waren nur durch die Haare geschützt. Alle seine Bewegungen zeugten weniger von Energie als von dem Bestreben, sich zur Energie anzuspornen. Doch je länger wir fuhren, um so öfter sprang er empor, rückte auf dem Bock hin und her, schlug einen Fuß an den andern und zog mich oder Aljoschka ins Gespräch: ich hatte den Eindruck, daß er fürchtete, den Mut zu verlieren. Er hatte auch allen Grund dazu: seine Pferde waren zwar gut, doch der Weg wurde mit jedem Schritt beschwerlicher, und man sah, daß die Pferde immer weniger Lust zum Laufen hatten: er mußte sie schon ab und zu mit Peitschenhieben ermuntern, und das Gabelpferd, ein kräftiges, großes, zottiges Pferd, war schon einigemal gestolpert; es zog aber jedesmal vor Schreck mit starkem Ruck wieder an und warf den zottigen Kopf so hoch empor, daß er beinahe die Schellen berührte. Das rechte Nebenpferd, das ich unwillkürlich beobachtete, ließ zugleich mit der langen Quaste des Schwanzriemens, die an der Feldseite baumelte und hin und her sprang, merklich die Stränge herabhängen und verlangte nach der Peitsche; da es aber doch ein gutes, sogar feuriges Pferd war, ärgerte es sich, wie es schien, über seine eigene Schwäche und hob und senkte unwillig den Kopf, als wolle es, daß man die Zügel fester anziehe. Es war wirklich unheimlich anzusehen, wie Schneesturm und Frost immer stärker, die Pferde immer schwächer, der Weg immer schlechter wurde und wir gar nicht wußten, wo wir uns befanden und wie wir fahren sollten, um, wenn auch nicht zur Station, doch wenigstens zu irgendeinem Obdach zu gelangen; es war komisch und befremdend, anzuhören, wie trotzdem unentwegt und heiter die Schellen klangen, wie munter und keck Ignaschka die Pferde anschrie, als ob wir an einem Feiertag, bei frostklarem, sonnigem Wetter auf der Dorfstraße spazieren führen; am seltsamsten war aber dabei der Gedanke, daß wir ununterbrochen und in schnellster Fahrt von der Stelle kamen. Ignaschka stimmte irgendein Lied an; er sang zwar mit ziemlich widerwärtiger Fistelstimme, aber so laut und mit so häufigen Pausen, die er mit Pfeifen ausfüllte, daß es beinahe unmöglich war, ängstlich zu werden, wenn man ihm zuhörte.

»He! He! Was brüllst du so, Ignat?« erklang die Stimme des Ratgebers. »Halt eine Weile!«

»Was?«

»Haaalt!«

Ignat hielt an. Wieder begann der Wind zu heulen und zu pfeifen, während die andern Laute verstummten und der Schnee in größeren Mengen in den Schlitten wirbelte. Der Ratgeber kam zu uns heran.

»Was gibts denn?«

»Was es gibt? Wohin fahren wir?«

»Wer weiß wohin!«

»Sind dir die Beine erfroren, daß du so trampelst?«

»Sie sind ganz steif.«

»Du solltest ein wenig gehen; dort sehe ich etwas wie ein Kalmückenlager. Geh hin, wirst dir dabei die Beine erwärmen.«

»Gut. Halt inzwischen die Pferde, hier sind die Zügel...« Und Ignat lief in der angegebenen Richtung fort.

»Man muß immer aufpassen und ab und zu auch ein wenig gehen; dann findet man auch was. Was soll man auch so ohne Weg und Steg fahren?« wandte sich der Ratgeber an mich. »Sieh nur, wie er die Pferde in Schweiß gejagt hat!«

Während Ignat auf der Suche war und das dauerte so lange, daß ich sogar schon fürchtete, er habe sich verirrt, trug mir der Ratgeber in selbstbewußtem, ruhigem Tone vor, wie man sich bei einem Schneesturm zu verhalten habe: wie man am besten das Pferd ausspannen und frei laufen lassen solle es werde schon, so wahr Gott lebt, den richtigen Weg finden, wie man sich auch nach den Sternen richten könne und wie gewiß wir schon auf der Station wären, wenn er und nicht Ignat die Führung hätte.

»Nun, hast du was gefunden?« fragte er Ignat, als dieser, mit Mühe im beinahe kniehohen Schnee watend, zurückkam.

»Es ist wirklich etwas wie ein Kalmückenlager zu sehen«, antwortete Ignat ganz atemlos; »man weiß aber nicht, was für eines es ist. Ich glaube, wir sind gar in die Nähe des Pargolowschen Gutes geraten. Wir müssen mehr nach links fahren...«

»Was redest du für Unsinn! Das sind ja die Kalmückenlager, die hinter unserm Dorfe liegen«, entgegnete der Ratgeber.

»Ich sage nein!«

»Mir genügt ein Blick. Ich weiß schon, daß es doch so ist; und wenn nicht, so ist es Tamyschewskoje. Wir müssen mehr nach rechts halten, wir kommen dann gerade an der großen Brücke bei der achten Werst heraus.«

»Aber ich sage nein! Ich habs ja gesehen!« erwiderte Ignat ärgerlich.

»Ei, Bruder! Und du willst Fuhrmann sein!«

»Gewiß will ich einer sein! Geh mal selbst hin!«

»Was soll ich gehen? Ich weiß es auch so.«

Ignat wurde offenbar böse; ohne zu antworten, sprang er auf den Bock und trieb die Pferde an.

»Sieh mal an, die Füße sind mir so steif geworden, daß ich sie gar nicht mehr erwärmen kann«, sagte er zu Aljoschka, wobei er immer öfter die Beine aneinanderschlug und den Schnee, der sich in seinen Stiefelschäften angesammelt hatte, herausholte und abschüttelte.

Mich überkam furchtbare Schläfrigkeit.

8

Erfriere ich denn schon?‹ dachte ich im Einschlafen. ›Es heißt, das Erfrieren beginne immer damit, daß man einschläft. Ich möchte schon lieber ertrinken als erfrieren mag man mich dann mit dem Netz herausziehen; übrigens ist es mir einerlei, ob ich erfriere oder ertrinke, wenn mich nur nicht dieser Stock, oder was es ist, im Rücken drückte, und wenn ich sanft einschlummern könnte.

Ich schlummere für einen Augenblick ein.

›Doch wie wird das alles enden?‹ sage ich mir plötzlich, für eine Minute die Augen öffnend und in den weißen Raum hinausblickend. Wie wird das alles enden? Wenn wir keine Heuschober finden und wenn die Pferde stehen bleiben, was anscheinend bald geschehen wird, werden wir wohl alle erfrieren. Ich muß gestehen, obgleich ich mich auch etwas fürchtete, war doch der Wunsch, etwas Außergewöhnliches und einigermaßen Tragisches zu erleben, in mir noch stärker als die nicht allzu große Furcht. Es schien mir gar nicht so übel, wenn die Pferde uns erst gegen Morgen von selbst in irgendein fernes, unbekanntes Dorf in halberfrorenem Zustand hinbrächten und wenn einige von uns sogar gänzlich erfroren wären. Ähnliche Gedanken gingen mir mit ungewöhnlicher Klarheit und Schnelligkeit durch den Kopf. Die Pferde bleiben stehen, der Wind häuft immer mehr und mehr Schnee an, und nun kann man von den Pferden nur die Ohren und die Krummhölzer sehen. Plötzlich erscheint irgendwo oben Ignaschka mit seiner Troika und fährt an uns vorüber. Wir flehen ihn an und schreien, daß er uns mitnehmen möchte, doch der Wind trägt unsere Stimmen fort, und sie verhallen ungehört. Ignaschka lacht, schreit etwas seinen Pferden zu, pfeift und entschwindet unseren Blicken in einem tiefen, schneeverwehten Graben. Der Alte springt auf ein Pferd, schlenkert mit den Ellenbogen und will davonsprengen, kann sich aber nicht von der Stelle rühren; mein früherer Fuhrknecht mit der großen Mütze fällt über ihn her, zerrt ihn vom Pferde herunter und tritt ihn in den Schnee. »Du bist ein Hexenmeister!« schreit er ihm zu: »Du kannst gotteslästerlich fluchen! Laß uns zusammen herumirren!« Doch der Alte arbeitet sich mit dem Kopfe aus dem Schneehaufen heraus; es ist nun aber nicht mehr der Alte, sondern ein Hase, und er rennt von uns weg. Alle Hunde rennen ihm nach. Der Ratgeber, der eigentlich Fjodor Filipytsch ist, sagt, wir möchten uns alle im Kreise herumsetzen; es mache nichts, wenn wir vom Schnee verweht würden: wir würden es dann wärmer haben. Es ist uns wirklich warm und gemütlich, nur haben wir Durst. Ich hole meine Reisetasche hervor, gebe allen Rum mit Zucker zu trinken und trinke auch selbst mit großem Behagen. Der Märchenerzähler erzählt irgendein Märchen vom Regenbogen, und da wölbt sich schon über uns eine Decke aus Schnee und ein Regenbogen. »Jetzt soll sich ein jeder im Schnee eine Kammer bauen, und dann wollen wir schlafen!« sage ich. Der Schnee ist weich und warm wie Pelzwerk. Ich baue mir eine Kammer und will hineingehen; doch Fjodor Filipytsch, der in der Reisetasche mein Geld bemerkt hat, sagt: »Wart! Gib dein Geld her! Mußt ja sowieso sterben!« und mit diesen Worten packt er mich am Bein. Ich gebe ihm mein ganzes Geld und bitte nur, man möchte mich loslassen; sie glauben mir aber nicht, daß dies mein ganzes Geld sei, und wollen mich töten. Ich ergreife die Hand des Alten und beginne sie mit unsagbarer Wonne zu küssen: die Hand ist zart und süß. Er will sie mir zuerst entreißen, überläßt sie mir aber dann und beginnt mich sogar mit der andern Hand zu liebkosen. Doch da naht schon Fjodor Filipytsch und droht mir. Ich laufe in mein Zimmer; es ist aber kein Zimmer, sondern ein langer, weißer Korridor, und jemand hält mich an den Beinen fest. Ich reiße mich los. In der Hand dessen, der mich festhält, bleibt meine Kleidung und ein Teil meiner Haut zurück; doch ich empfinde nur Kälte und Scham ich schäme mich um so mehr, als mir meine Tante mit dem Sonnenschirm und ihrer homöopathischen Apotheke, Arm in Arm mit dem Ertrunkenen, entgegenkommt. Sie lachen und verstehen die Zeichen nicht, die ich ihnen mache. Ich werfe mich in den Schlitten, meine Beine schleifen im Schnee nach, doch der Alte rennt, mit den Ellenbogen schlenkernd, hinterher. Er hat mich schon beinahe erreicht; da höre ich aber vor mir zwei Glocken läuten, und ich weiß, daß ich gerettet bin, wenn ich sie erreiche. Die Glocken tönen immer lauter und lauter; doch der Alte hat mich bereits eingeholt und ist mit dem Bauch über mein Gesicht gefallen, so daß ich das Glockengeläut kaum noch hören kann. Ich ergreife wieder seine Hand und beginne sie zu küssen; doch der Alte ist nicht mehr der Alte, sondern der Ertrunkene, und er schreit: »Ignaschka! Halt! Da sind schon, scheint mir, die Heuschober von Achmetka! Geh mal hin und schau nach!« Das ist schon zu schrecklich. Nein, ich will lieber erwachen...

Ich öffne die Augen. Der Wind hat mir den Schoß von Aljoschkas Mantel übers Gesicht geworfen, und eines meiner Kniee ist unbedeckt; wir fahren über eine nackte Eiskruste, und die Terz der Schellen mit der klirrenden Quinte tönt ungemein hell durch die Luft.

Ich schaue nach den Heuschobern; doch statt ihrer sehe ich, schon im Wachen, ein Haus mit einem Balkon und eine zackige Festungsmauer. Das Haus und die Festung interessieren mich recht wenig: ich möchte viel lieber wieder den weißen Korridor, durch den ich gelaufen bin, sehen, die Kirchenglocken hören und die Hand des Alten küssen. Ich schließe wieder die Augen und schlafe ein.

9

Ich schlief fest; doch ich hörte die ganze Zeit hindurch die Terz der Schellen, und sie erschien mir im Schlafe bald als ein Hund, der sich bellend auf mich stürzte, bald als eine Orgel, in der ich eine der Pfeifen war, bald als ein französisches Gedicht, das ich verfaßte. Bald erschien sie mir als ein Marterwerkzeug, mit dem mir jemand unaufhörlich die rechte Ferse zusammenpreßte. Der Schmerz war so stark, daß ich erwachte, die Augen öffnete und mir den Fuß rieb. Er begann bereits zu erfrieren. Um mich her war noch immer dieselbe helle, trübe, weiße Nacht. Der Schlitten rüttelte noch immer im selben Takt; derselbe Ignaschka saß seitwärts auf dem Bock und schlug die Beine aneinander; dasselbe Nebenpferd lief mit gestrecktem Hals, mit Mühe die Beine hebend, im Trabe durch den tiefen Schnee; die Quaste am Schwanzriemen sprang auf und nieder und schlug an den Bauch des Pferdes. Der Kopf des Gabelpferdes mit der im Winde flatternden Mähne wippte gleichmäßig auf und nieder, die an das Krummholz gebundenen Zügel bald spannend und bald locker lassend. Doch alles das war noch mehr als früher vom Schnee verweht. Der Schnee wirbelte vorn, verschüttete rechts und links die Schlittenkufen und die Pferdebeine bis an die Kniee und fiel von oben auf unsere Kragen und Mützen. Der Wind kam bald von rechts, bald von links, spielte mit meinem Kragen, mit den Schößen von Ignaschkas Mantel, mit der Mähne des Nebenpferdes und fuhr heulend durch das Krummholz und zwischen die Femerstangen.

Es war entsetzlich kalt geworden; kaum steckte ich den Kopf aus dem Mantelkragen hervor, als der trockene, eisige Schnee mir wirbelnd auf Augenwimpern, Mund und Nase fiel und hinter den Kragen drang; ringsumher war alles weiß, hell und schneeig, nichts als nebeliges Licht und Schnee. Ich bekam ernstlich Angst. Aljoschka schlief zu meinen Füßen auf dem Boden des Schlittens; sein ganzer Rücken war von einer dicken Schneeschicht bedeckt. Ignaschka ließ den Mut nicht sinken: er zog jeden Augenblick die Zügel an, stieß kurze Schreie aus und schlug die Beine aneinander. Die Schellen klangen noch immer wundervoll. Die Pferde schnaubten; sie stolperten immer öfter, liefen aber weiter, wenn auch etwas langsamer. Ignaschka sprang wieder auf, fuchtelte mit einem Handschuh herum und stimmte mit seiner dünnen Fistelstimme ein Lied an. Ohne das Lied zu Ende zu singen, hielt er plötzlich die Troika an, warf die Zügel über den Vorderteil des Schlittens und stieg aus. Der Wind heulte wütend; der Schnee fiel in unglaublichen Mengen auf unsere Mäntel. Ich blickte zurück: die dritte Troika war nicht mehr hinter uns (sie war irgendwo zurückgeblieben). Ich konnte durch den Schneenebel sehen, wie der Alte am zweiten Schlitten von einem Fuß auf den andern hüpfte. Ignaschka ging etwa drei Schritt zur Seite, setzte sich in den Schnee, löste seinen Gürtel und begann sich die Stiefel auszuziehen.

»Was machst du da?« fragte ich ihn.

»Ich muß die Fußlappen wechseln, denn mir sind beinahe die Füße abgefroren«, antwortete er mir, in seiner Beschäftigung fortfahrend.

Es war mir zu kalt, den Hals aus dem Kragen hervorzustecken, um zu sehen, wie er das machte. Ich saß gerade da und sah auf das Seitenpferd, das, ein Bein zurückgesetzt, müde den aufgebundenen schneebedeckten Schweif bewegte. Der Stoß, den Ignat dem Schlitten versetzte, als er auf den Bock sprang, weckte mich.

»Was gibts, wo sind wir jetzt?« fragte ich; »werden wir noch vor Tagesanbruch am Ziel sein?«

»Machen Sie sich keine Sorgen, wir werden Sie schon hinbringen«, gab er mir zur Antwort. »Jetzt, da ich die Fußlappen gewechselt habe, habe ich wunderbar warme Füße bekommen.«

Er fuhr los, die Schellen erklangen, der Schlitten begann wieder zu schwanken, und der Wind pfiff unter den Kufen hin. Und wir segelten weiter über das endlose Schneemeer.

10

Ich war fest eingeschlafen. Als Aljoschka mich weckte, indem er mich mit dem Fuße anstieß, und ich die Augen öffnete, war es schon Morgen. Der Frost schien noch stärker als in der Nacht. Von oben schneite es nicht mehr, doch der heftige trockene Wind wirbelte noch immer den Schneestaub im Felde empor, besonders aber unter den Hufen der Pferde und den Schlittenkufen. Der Himmel war rechts im Osten von einer bleiernen graublauen Farbe; doch immer heller und heller traten auf ihm grelle, rotgelbe schräge Streifen hervor. Über dem Kopfe sah ich hinter den dahineilenden weißen, von der Morgenröte kaum gefärbten Wolken ein blasses Blau hervorschimmern; links waren die Wolken hell, leicht und beweglich. Ringsumher, so weit das Auge reichte, lag in der Steppe weißer, in scharf begrenzten Schichten aufgewehter, tiefer Schnee. Hier und da ragte ein grauer Erdhügel, über den unaufhörlich feiner trockener Schneestaub dahinwirbelte. Nirgends war eine Spur zu sehen, weder die eines Schlittens, noch eines Menschen, noch eines Tieres. Die Umrisse und die Farben des Kutscherrückens und der Pferde waren selbst auf weißem Hintergrund deutlich zu sehen ... Der Rand von Ignaschkas dunkelblauer Mütze, sein Kragen, seine Haare und sogar seine Stiefel waren weiß. Der Schlitten war gänzlich verweht. Beim grauen Gabelpferd war die ganze rechte Hälfte des Kopfes und der Mähne mit einer Schneekruste bedeckt; bei meinem Nebenpferd waren die Füße bis an die Kniee verschneit und das ganze schweißige Hinterteil zottig geworden und rechts mit Schnee beklebt. Die Quaste hüpfte auf und nieder im Takte jeder Melodie, die mir gerade einfiel, und auch das Nebenpferd lief im gleichen Takt; man konnte nur an seinem eingefallenen Bauch, der sich oft hob und senkte, und an den herabhängenden Ohren erkennen, wie sehr es abgehetzt war. Ein einziger neuer Gegenstand lenkte meine Aufmerksamkeit auf sich: ein Werstpfahl, von dem der Schnee auf die Erde herabfiel; der Wind hatte an seiner rechten Seite einen ganzen Berg angehäuft und warf noch immer den Pulverschnee von der einen Seite auf die andere. Es wunderte mich sehr, daß wir eine ganze Nacht, volle zwölf Stunden lang, mit denselben Pferden gefahren waren, ohne zu wissen, wohin, mit mehrmaligen Pausen, und schließlich doch irgendwo angelangt waren. Unsere Schellen schienen lustiger zu klingen. Ignat schlug jeden Augenblick seinen Mantel vorn zusammen und schrie die Pferde an; hinter uns schnaubten die Pferde und tönten die Schellen der Troika des Alten und des Ratgebers; doch den Fuhrknecht, der geschlafen hatte, hatten wir endgültig hinter uns verloren. Nachdem wir noch eine halbe Werst weitergefahren waren, gerieten wir auf eine frische, noch kaum verwehte Spur einer Troika; hier und da waren auf dem Schnee hellrote Blutflecken zu sehen, wahrscheinlich von einem Pferde, das sich in die Eisen gehauen hatte.

»Das muß Philipp sein! Sieh mal an, er ist doch noch früher angekommen als wir!« sagte Ignaschka.

Da steht auch schon am Wege mitten im Schnee ein einsames Häuschen mit einem Schilde; es ist fast bis an das Dach und an die Fenster verweht. Vor der Schenke steht ein Dreigespann von Grauschimmeln; sie sind von Schweiß zottig geworden und stehen mit gespreizten Beinen und traurig gesenkten Köpfen da. Vor der Tür ist gefegt; auch eine Schaufel steht da; doch der heulende Wind weht und wirbelt vom Dach immer neuen Schnee herab.

Auf unser Schellengeläut erscheint vor der Tür ein großer, rothaariger Fuhrknecht mit einem Glas Branntwein in der Hand und ruft uns etwas entgegen. Ignaschka wendet sich zu mir um und bittet um Erlaubnis, zu halten. Da sehe ich zum ersten Male seine gutmütige Fratze.

11

Sein Gesicht war gar nicht dunkel, trocken und gradnasig, wie ich es nach seinem Haar und seiner Figur erwartet hatte. Es war eine runde, lustige, stumpfnasige Fratze mit großem Mund und hellblauen, runden Augen. Die Wangen und der Hals waren rot, wie mit einem Tuchlappen abgerieben; die Augenbrauen, die langen Wimpern und der Flaum, der gleichmäßig den unteren Teil seines Gesichts bedeckte, waren mit Schnee verklebt und über und über weiß. Wir hatten bis zur Station nur noch eine halbe Werst zu fahren; wir hielten an.

»Mach es schnell ab!« sagte ich.

»In einer Minute«, antwortete Ignaschka, vom Bocke springend und auf Philipp zugehend.

»Gib her, Bruder!« sagte er, den rechten Handschuh und die Peitsche in den Schnee werfend. Dann warf er den Kopf zurück und stürzte in einem Zuge das Glas Schnaps hinunter, das ihm Philipp gereicht hatte.

Aus der Tür trat der Schankwirt, anscheinend ein gedienter Kosak, mit einer Schnapsflasche in der Hand.

»Wem soll ich einschenken?« fragte er.

Der lange Wassili, ein hagerer, blonder Kerl mit einem Ziegenbart, und der Ratgeber, ein dicker, mit weißen Wimpern und Augenbrauen und dichtem weißem Vollbart, der sein rotes Gesicht umrahmte, traten vor und tranken jeder ein Glas. Auch der Alte ging auf die Trinkenden zu, man schenkte ihm aber nicht ein; er ging zu seinen hinter dem Schlitten angebundenen Pferden und streichelte eines von ihnen über Rücken und Hinterteil.

Der Alte sah genau so aus, wie ich ihn mir vorgestellt hatte: klein, hager, mit einem zusammengeschrumpften, blau angelaufenen Gesicht, einem dünnen Bärtchen, einer spitzen Nase und stumpfen gelben Zähnen. Er trug eine nagelneue Kutschermütze und dabei einen abgeschabten, mit Teer beschmierten und auf den Schultern und in den Schößen zerrissenen Halbpelz, der nicht einmal seine Kniee und die hanfleinenen Unterhosen bedeckte, die in den riesengroßen Filzstiefeln steckten. Er war ganz zusammengeschrumpft, hielt sich gekrümmt und machte sich, an allen Gliedern zitternd, am Schlitten zu schaffen, anscheinend, um sich zu erwärmen.

»Nun, Mitritsch, kauf dir doch ein Viertel! Das wird dich ordentlich erwärmen«, sagte der Ratgeber zu ihm.

Mitritsch zuckte zusammen. Er rückte den Schwanzriemen seines Pferdes und das Krummholz zurecht und ging auf mich zu.

»Nun, wie war es, Herr?« sagte er zu mir, die Mütze von seinem grauen Haar ziehend und sich verbeugend. »Wir sind ja die ganze Nacht zusammen umhergeirrt, haben den Weg gesucht ein Viertel könnten Sie schon spendieren. Wirklich, Väterchen, Durchlaucht! Ich habe ja nichts, um mich zu erwärmen«, fügte er mit sklavischem Lächeln hinzu.

Ich schenkte ihm fünfundzwanzig Kopeken. Der Wirt brachte ein Viertel Schnaps und reichte es dem Alten. Er zog sich einen Handschuh aus, legte die Peitsche weg und streckte seine kleine dunkle, rauhe, etwas blau angelaufene Hand nach dem Glase aus; doch sein Daumen wollte ihm nicht gehorchen: er konnte das Glas nicht halten, ließ es in den Schnee fallen und verschüttete den ganzen Schnaps.

Alle Fuhrknechte brachen in schallendes Lachen aus.

»Seht doch, der Mitritsch ist so erfroren, daß er nicht einmal den Schnaps halten kann!«

Mitritsch war aber sehr traurig darüber, daß er den Schnaps verschüttet hatte.

Man schenkte ihm jedoch ein zweites Glas ein und goß es ihm in den Mund. Er wurde sofort lustig, machte einen Sprung in die Schenke, zündete sich die Pfeife an und begann mit seinen gelben stumpfen Zähnen zu grinsen und bei jedem Wort, das er sprach, unflätig zu schimpfen. Nachdem das letzte Viertel Schnaps ausgetrunken war, gingen die Fuhrknechte zu ihren Troikas, und wir fuhren weiter.

Der Schnee wurde immer weißer und blendender, so daß es den Augen weh tat, ihn anzusehen. Die orangefarbenen und roten Streifen am Himmel zogen immer höher und höher und wurden immer greller und greller; da kam auch schon am Horizont hinter den graublauen Wolken die rote Sonnenscheibe zum Vorschein, und das Blau wurde leuchtender und dunkler. Vor dem Dorfe waren auf der Landstraße deutliche, gelbliche Schlittenspuren zu sehen; stellenweise war der Weg ausgefahren und schlecht. In der frostigen herben Luft spürte ich eine eigentümliche angenehme Leichtigkeit und Frische.

Meine Troika lief sehr schnell. Der Kopf und der Hals des Gabelpferdes mit der um das Krummholz flatternden Mähne wippte schnell, fast immer genau an der gleichen Stelle, unterhalb der Liebhaberschellen, deren Zünglein an den Wandungen nicht mehr anschlugen, sondern nur schabten. Die kräftigen Nebenpferde hatten die hartgefrorenen schiefen Stränge angezogen und liefen energisch vorwärts; die Riemenquaste schlug gegen Bauch und Schwanzriemen. Zuweilen geriet eines der Nebenpferde von der eingefahrenen Straße in einen Schneehaufen und arbeitete sich geschickt heraus, uns die Augen mit Schnee verschüttend. Ignaschka schrie mit seiner lustigen Tenorstimme die Pferde an; der trockene Frost knirschte unter den Kufen; hinter uns klangen hell und festlich die Schellen und die trunkenen Rufe der Fuhrknechte der beiden anderen Schlitten. Ich blickte mich um: die grauen, zottigen Nebenpferde sprangen mit gestrecktem Halse, den Atem gleichmäßig verhaltend, mit verhängten Zügeln durch den Schnee. Philipp schwang die Peitsche und rückte seine Mütze zurecht; der Alte lag noch immer mit hochgezogenen Beinen mitten im Schlitten.

Nach zwei Minuten knirschte der Schlitten über die vom Schnee gesäuberten Bretter der Stationsauffahrt; Ignaschka wandte mir sein schneeverwehtes, frostatmendes, lustiges Gesicht zu und sagte:

»Nun haben wir Sie doch an Ort und Stelle gebracht, Herr!«

*

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