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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 67
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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19

Wo sind diese Träume?‹ dachte jetzt der Jüngling, als er nach seinen Besuchen dem Hause zuschritt. ›Es ist nun schon mehr als ein Jahr her, daß ich Glück suche auf diesem Wege, und was habe ich denn gefunden? Freilich, bisweilen fühlte ich, daß ich mit mir zufrieden sein könne, das ist aber so eine trockene, vernünftige Zufriedenheit. Ja und nein, ich bin einfach unzufrieden, weil ich hier kein Glück kenne, das Glück aber ersehne, leidenschaftlich ersehne. Ich habe noch keine Genüsse der Welt erlebt, und schon habe ich mich von allem losgerissen, was sie gewährt. Weshalb? Wofür? Wem ward es dadurch leichter? Die Wahrheit schrieb mein Tantchen, als sie meinte, daß es leichter sei, für sich selber Glück zu finden, als es anderen zu geben. Sind denn meine Bauern etwa reicher geworden? Haben sie sich gebildet oder sittlich entwickelt? Nicht im geringsten! Mit ihnen wurde nichts besser, mir aber wird es mit jedem Tage schwerer. Wenn ich wenigstens einen Erfolg in meinem Unternehmen erschaut, wenn ich Dankbarkeit gesehen hätte! . . . Aber nein, ich sehe verlogene Gewohnheit, Laster, Mißtrauen, Hilflosigkeit! Ich verbrauche umsonst die besten Jahre meines Lebens‹, dachte er, und ihm kam es irgendwie in Erinnerung, daß ihn die Nachbarn, wie er von seiner Wärterin gehört hatte, ›Grünspecht‹ nannten, daß bei ihm im Kontor schon gar kein Geld mehr geblieben war, daß die von ihm ausgedachte neue Dreschmaschine zum allgemeinen Gelächter der Bauern nur gepfiffen, aber nicht gedroschen habe, als man sie zum ersten Male vor zahlreichem Publikum auf der Dreschtenne in Gang gesetzt hatte; daß man jeden Tag die Ankunft des Kreisrichters erwarten müsse zur Aufnahme des Gutes, da er den Zinszahlungstermin versäumt hatte, indem er sich von verschiedenen wirtschaftlichen Unternehmungen hatte fortreißen lassen. Und plötzlich trat ihm ebenso lebhaft wie vorher sein ländlicher Spaziergang im Walde und der Gedanke an das Gutsbesitzerleben, sein Moskauer Studentenzimmerchen vor den inneren Blick, wie er da spät in der Nacht saß bei einer Kerze mit seinem Kameraden und vergötterten sechzehnjährigen Freund. Sie hatten ununterbrochen fünf Stunden gelesen und wiederholten irgendwelche langweilige Paragraphen des bürgerlichen Rechts, und nachdem sie sie beendet hatten, hatten sie nach Abendessen geschickt, zu einer Flasche Sekt Geld zusammengelegt und von der Zukunft gesprochen, die sie erwarte. Wie völlig anders hatte sich der junge Student seine Zukunft vorgestellt! Damals war die Zukunft voll von Entzückungen, mannigfaltiger Tätigkeit, Glanz der Erfolge, und führte sie beide, wie es ihnen schien, zweifellos zum besten Gute der Welt – zum Ruhm.

›Er schreitet schon und schreitet rasch auf diesem Pfade‹ dachte Nechljudow von seinem Freunde, ›aber ich . . .‹

Währenddessen war er zum Eingang des Hauses gelangt, wo zehn Bauern und Hofleibeigene standen, die mit verschiedenen Bitten den gnädigen Herrn erwartet hatten, und von Träumen mußte er sich der Wirklichkeit zuwenden.

Da war das abgerissene, zerzauste und blutende Bauernweib, das sich weinend beklagte über ihren Schwiegervater, der sie töten wolle. Da waren zwei Brüder, die schon vor Jahresfrist ihren Bauernhof unter sich geteilt hatten und nun mit mißtrauischer Wut aufeinander blickten. Da war auch der unrasierte, ergraute Hofleibeigene mit vor Trunkenheit zitternden Händen, den sein eigener Sohn, der Gärtner, zum gnädigen Herrn führte, um Klage zu führen über des Vaters haltloses Betragen. Da war der Bauer, der sein Weib aus dem Hause gejagt hatte, weil sie das ganze Frühjahr über nicht gearbeitet hatte. Und da war auch jenes kranke Weib selber: schluchzend und ohne ein Wort zu äußern saß sie auf dem Grase beim Eingang des Hauses und ließ ihr entzündetes, nachlässig mit irgendeinem schmutzigen Lappen verbundenes geschwollenes Bein sehen. Nechljudow hörte alle Bitten und Beschwerden an, riet den einen, versöhnte die anderen, versprach dem Dritten – und empfand bei alledem ein seltsames Gefühl, das gemischt war aus Müdigkeit, Scham, Machtlosigkeit und Reue, und ging in sein Zimmer.

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