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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 66
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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18

Mein Gott! Mein Gott!‹ dachte Nechljudow, während er mit großen Schritten durch die schattigen Alleen des verwilderten Gartens seinem Hause zueilte und zerstreut Blätter und Zweige abbrach, die ihm unterwegs gerade unter die Hand kamen. ›Waren denn wirklich alle meine Gedanken über den Zweck und die Verpflichtungen meines Lebens Unsinn? Weshalb ist es mir denn so schwer, so kummervoll zumute, gleich als ob ich mit mir unzufrieden sei, während ich mir doch vorstellte, daß ich, einmal auf diesem Wege, beständig jene Fülle des sittlich befriedigten Gefühles empfinden werde, die ich zu der Zeit empfand, als mir zum ersten Male diese Gedanken kamen.‹ Und er versetzte sich mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit und Klarheit in der Vorstellung um ein Jahr zurück, in eben jenen glücklichen Augenblick.

Früh am Morgen war er aufgestanden, vor allen anderen im Hause. Und qualvoll erregt von einem geheimnisvollen, nicht mit Worten zu nennenden Drängen seiner Jugend, war er ohne Ziel in den Garten gegangen, von dort in den Wald, und inmitten der maienhaften; starken, saftigen, aber ruhigen Natur schweifte er lange umher, allein, ohne irgendwelchen Gedanken, und er litt dabei an dem Übermaß eines Gefühls, für das er keinen Ausdruck zu finden vermochte. Bald wies ihm seine junge Vorstellungskraft im vollen Glanze des noch Unbekannten das wollüstige Bild des Weibes, und es schien ihm: ›Das ist es, das Verlangen, das ich nicht deuten kann!‹ Aber irgendein anderes höchstes Gefühl sprach: ›Das ist es nicht!‹ und zwang ihn, weiterzusuchen. Bald erhob sich sein unerfahrener, feuriger Geist höher und höher in die Sphären des Wesenlosen und eröffnete ihm, so kam es ihm vor, neue Gesetze des Seins. Und er verharrte in feurigem Entzücken bei diesen Gedanken. Wiederum aber sprach das höchste Gefühl: ›Das ist es nicht!‹ Und wiederum zwang es ihn, zu suchen und unruhig zu sein. Ohne Gedanken und ohne Wünsche, wie es immer so ist nach übergroßer Anstrengung, legte er sich endlich auf den Rücken unter einen Baum und blickte auf die durchsichtigen Morgenwölkchen, die über ihm herliefen am tiefen, unendlichen Himmel. Plötzlich, ohne jede Ursache, traten ihm Tränen in die Augen und, Gott weiß auf welchem Wege, kam ihm ein klarer Gedanke und erfüllte seine ganze Seele, und er hielt sich mit Entzücken fest an ihm: der Gedanke, daß die Liebe und das Gute die Wahrheit ist und das Glück, und die einzige Wahrheit und das einzig mögliche Glück auf der Welt. Das höchste Gefühl sprach diesmal nicht mehr: ›Das ist es nicht!‹ Er erhob sich und begann seinen Gedanken zu prüfen: ›Das ist es, das ist es!‹ sprach er zu sich selber mit Begeisterung, indem er alle seine früheren Überzeugungen, alle ihm geworbenen Offenbarungen des Lebens auf diese neu entdeckte, wie es ihm schien, völlig neue Wahrheit hin prüfte. ›Was für eine Dummheit war doch alles, was ich wußte, woran ich glaubte und was ich liebte!‹ sprach er zu sich selber. ›Die Liebe, die Aufopferung – das ist das einzig wahre, vom Zufall unabhängige Glück!‹ wiederholte er, und er lachte dabei und vermochte sich nicht ruhig zu halten. Indem er diesen Gedanken an allen Offenbarungen des Lebens nachprüfte und ihm eine Bestätigung fand sowohl im Leben wie in jener inneren Stimme, die ihm gesagt hatte, daß dies es sei, erlebte er ein neues Gefühl freudiger Erregung und Entzückung. ›Also muß ich das Gute tun, um glücklich zu sein‹, dachte er, und seine ganze Zukunft trat lebhaft vor ihn hin, schon nicht mehr nur in Gedanken, vielmehr in Bildern. Die wiesen ihm ein Leben als Gutsherr.

Er sah vor sich ein gewaltiges Arbeitsfeld für ein ganzes Leben, das er dem Guten widmete und in dem er folglich glücklich sein werde. Er braucht sich nicht eine Sphäre der Tätigkeit auszusuchen: sie liegt bereit, er hat eine unmittelbare Verpflichtung – er hat Bauern . . . Und was für eine erfreuliche und dankbare Tätigkeit stellt sich ihm vor: ›Einzuwirken auf diese einfache, empfängliche, unverdorbene Volksklasse, sie von der Armut zu befreien, ihnen Wohlstand zu geben, ihnen die Bildung zu übermitteln, die ich selber durch Glücksfall genieße, sie von ihren Lastern zu heilen, die geboren sind aus Unbildung und Aberglauben; ihre Sittlichkeit zu entwickeln, sie das Gute lieben zu lehren . . . Was für eine glänzende, glückliche Zukunft! Und für dies alles werde ich, der ich dies für mein eigenes Glück tun werde, mich an ihrer Dankbarkeit erquicken, werde ich sehen, wie ich mit jedem Tag weiter und weiter gehen werde, dem erstrebten Ziele zu. Eine wundervolle Zukunft! Wie konnte ich das denn nicht vorher sehen?‹

›Und außerdem,‹ dachte er zu jener Zeit, ›was hindert mich denn daran, selber glücklich zu sein in der Liebe zu einem Weibe, im Glück des Familienlebens?‹ Und seine junge Phantasie zeichnete ihm eine noch bezauberndere Zukunft. ›Ich und meine Frau, die ich so liebe, wie noch niemand irgendwen auf der Welt liebte, wir werden immer leben inmitten dieser ruhigen, poetischen, ländlichen Natur, mit den Kindern, vielleicht mit der alten Tante; wir haben unsere Liebe zueinander, die Liebe zu den Kindern, und wir beide wissen, daß unsere Berufung das Gute ist. Wir werden einander beistehen im Streben nach diesem Ziele. Ich treffe die allgemeinen Anordnungen, gebe allgemeine, gerechte Hilfen, führe das Pachtgut ein, Sparkassen, Werkstätten; sie aber, mit ihrem hübschen Köpfchen, in einfachem weißem Kleide, es leicht aufhebend über ihren wohlgestalteten Füßchen, geht durch den Schmutz in die Bauernstube, ins Lazarett, zu dem unglücklichen Bauern, der eigentlich keine Hilfe verdient, überall tröstet sie, hilft sie . . . Die Kinder, Greise, Weiber vergöttern sie und blicken auf sie wie auf einen Engel, wie auf die Vorsehung. Dann kehrt sie zurück und verheimlicht mir, daß sie zum unglücklichen Bauern ging und ihm Geld gab, ich aber weiß es und umarme sie fest und küsse fest und zärtlich ihre reizenden Augen, ihre schamhaft errötenden Wangen und lachenden roten Lippen . . .‹

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