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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 65
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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17

Als er in die Hütte trat, verneigte sich der Greis nochmals, fegte mit seinem Rockschoß von der vorderen Ecke der Bank den Staub ab und fragte lächelnd:

»Was soll ich Ihnen anbieten. Euer Erlaucht?«

Die Hütte war geräumig, sie hatte einen Schornstein, Schlafgerüste und Schlafbänke. Die frischen Espenstämme, zwischen denen kaum verwelktes Moos herausschaute, waren noch nicht schwarz geworden; die neuen Bänke und Schlafstätten waren noch nicht glatt, und der Boden war noch nicht festgetreten. Ein junges, hageres Bauernweib mit länglichem, nachdenklichem Gesicht, die Frau Iljas, saß auf einer Pritsche und schaukelte mit dem Fuß eine Wiege, die an einer langen Stange an der Decke befestigt war. In der Wiege schlief kaum merklich atmend und die Äuglein geschlossen, lang ausgestreckt ein Brustkind; ein anderes, stämmiges, rotbäckiges Weib, Karps Frau, die Ärmel aufgeschlagen an ihren bis zum Ellenbogen gebräunten Armen, schnitt Zwiebeln in einer hölzernen Schüssel. Ein drittes, pockennarbiges, schwangeres Weib, das sich ihren Ärmel vor das Gesicht hielt, stand beim Ofen. In der Hütte war es außer von der Sommerhitze auch noch heiß vom Ofen, und es roch stark nach eben erst ausgebackenem Brot. Von der Schlafstätte her schauten neugierig auf den gnädigen Herrn die blonden Köpfchen von zwei Burschen und einem Mädchen herab, die in Erwartung des Mittagessens da hinaufgeklettert waren.

Nechljudow tat es gut, diesen Wohlstand zu sehen, und dabei war es ihm doch aus irgendeinem Grunde peinlich vor den Weibern und Kindern, die alle auf ihn hinschauten. Er setzte sich errötend auf die Bank.

»Gib mir ein Stückchen heißes Brot, ich liebe es . . .« sprach er und errötete noch mehr.

Karps Frau schnitt ein großes Stück Brot ab und reichte es auf einem Teller dem gnädigen Herrn. Nechljudow schwieg und wußte nicht, was er sagen sollte; die Weiber schwiegen ebenfalls; der Greis lächelte freundlich.

›Weshalb schäme ich mich denn eigentlich? Gleich als ob ich in irgend etwas schuldig wäre?‹ dachte Nechljudow. ›Weshalb soll ich denn nicht den Vorschlag wegen des Pachthofes machen? Was für eine Dummheit!‹ Aber gleichwohl schwieg er immer noch.

»Wie denn, Väterchen, Dmitri Nikolajewitsch, wie werden Sie hinsichtlich der Kinder befehlen?« fragte der Greis.

»Ja, ich würde dir raten, sie überhaupt nicht ziehen zu lassen, ihnen vielmehr hier Arbeit zu suchen«, sagte plötzlich Nechljudow, Mut fassend. »Ich, weißt du, was ich mir für dich ausdachte: Kaufe du mit mir zur Hälfte einen Wald im Staatsforst, ja, und auch noch Land . . .«

»Wie denn, Euer Erlaucht, mit welchem Gelde sollen wir denn kaufen?« unterbrach der Greis den gnädigen Herrn.

»Ja, siehst du, einen nicht eben großen Wald, für zweihundert Rubel . . .« bemerkte Nechljudow.

Der Greis lächelte grimmig.

»Schön, wenn Geld da wäre, weshalb nicht kaufen?« sagte er.

»Hast du denn dieses Geld schon nicht mehr?« fragte vorwurfsvoll der gnädige Herr.

»Ach, Väterchen, Euer Erlaucht!« antwortete mit kummervoller Stimme der Greis, indem er zur Tür schaute, »wenn es nur für die Familie ausreichte, so denken wir gar nicht daran, Wald zu kaufen.«

»Ja, aber du hast ja doch Geld; was soll es denn so liegen?«

Der Greis kam plötzlich in heftige Erregung, seine Augen funkelten, seine Schultern begannen zu zittern.

»Vielleicht haben böse Leute das von mir gesagt«, begann er mit zitternder Stimme. »So, glauben Sie Gott,« sprach er, indem er sich mehr und mehr erregte und die Augen auf das Heiligenbild richtete, »mögen jetzt gleich meine Augen platzen, möge ich auf der Stelle in die Erde versinken, wenn ich etwas habe außer den fünfzehn Rubeln, die Iljuschka brachte, und dann muß man doch Kopfsteuer zahlen. Sie selber geruhen zu wissen, eine Hütte haben wir gebaut . . .«

»Nun schön, schön!« sprach der gnädige Herr, indem er sich von der Bank erhob. »Lebt wohl, Wirte!«

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