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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 63
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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15

Nechljudow schritt gebückt durch die niedrige Pforte unter dem schattigen Schirmdach hervor zu dem hinter dem Hofe befindlichen Bienenstand. Der mäßig große Raum, umgeben von Stroh und einem Zaun, durch den das Licht schimmerte und in dem in symmetrischer Ordnung mit Brettabfällen bedeckte Bienenstöcke standen, um die goldfarbige Bienen summend schwärmten, war ganz überströmt von den heißen, leuchtenden Strahlen der Junisonne. Von der Pforte aus führte ein gestampfter kleiner Pfad nach der Mitte, zu einem hölzernen Kreuz mit einem auf ihm stehenden metallenen Heiligenbild, das grell in der Sonne leuchtete. Einige junge Linden, die stattlichen Wuchses ihre krausen Wipfel über das Strohdach des Nachbarhofes erhoben hatten, bewegten kaum hörbar, unter dem Summen der Bienen, ihre dunkelgrünen frischen Blätter. Alle Schatten – von dem gedeckten Zaun, von den Linden und den mit Brettern bedeckten Bienenständen – fielen schwarz und kurz auf das niedrige krause Gras, das zwischen den Bienenstücken kümmerlich gedieh. Eine gebeugte, nicht große Greisengestalt, mit in der Sonne glänzendem weißem Haupte und einer Glatze zeigte sich bei der Tür einer aus Balken gezimmerten, mit frischem Stroh bedeckten und mit Moos ausgelegten Hütte, die zwischen den Linden stand. Als der Greis das Knarren der Tür hörte, ging er dem gnädigen Herrn entgegen, wobei er sich mit den Schößen seines Hemdes das schwitzende, gebräunte Gesicht abtrocknete und sanft und freudig lächelte.

Im Bienenstand war es so gemütlich, froh, still, sonnenhell, die Gestalt des grauhaarigen alten Männchens mit den vielen strahlenförmigen Runzeln um die Augen, der, die nackten Füße in eine Art weiter Schuhe gesteckt, watschelnd und gutmütig selbstzufrieden lächelnd den gnädigen Herrn in seinen ausschließlichen Besitztümern begrüßte, war so aufrichtig freundlich, daß Nechljudow augenblicklich die schweren Eindrücke des heutigen Morgens vergaß und ihm sein Lieblingsgedanke lebhaft vor die Augen trat. Er sah bereits alle seine Bauern ebenso reich und gutmütig, wie der Greis Dutlow war, und alle lächelten ihm freundlich und freudig zu, weil sie ihm allein ihren Reichtum und ihr Glück verdankten.

»Würden Sie nicht ein Netz befehlen, Euer Erlaucht? Jetzt ist die Biene böse, sie sticht«, sprach der Greis, wobei er einen nach Honig riechenden schmutzigen Leinwandsack, der an eine Rute genäht war, vom Zaune nahm und ihn dem gnädigen Herrn anbot. »Mich kennt die Biene, mich sticht sie nicht«, fügte er mit sanftem Lächeln hinzu, das fast gar nicht von seinem hübschen, gebräunten Gesicht wich.

»So ist es auch für mich nicht nötig. Wie, schwärmt sie schon?« sprach Nechljudow, und ohne selber zu wissen, weshalb, lächelte auch er.

»Ja, sie schwärmt, Väterchen, Dmitri Nikolajewitsch,« antwortete der Greis, indem er eine ganz besondere Freundlichkeit ausdrückte in dieser Benennung des gnädigen Herrn nach Namen und Vatersnamen, »nur eben, eben erst hat sie damit begonnen. Dies Jahr war das Frühjahr kalt, geruhen Sie zu wissen.«

»Ich habe aber in einem Buch gelesen,« begann Nechljudow, indem er sich der Bienen erwehrte, die sich in seine Haare verkrochen und ihm grade unter der Nase summten, »daß, wenn die Wabe gerade steht an den dünnen Stangen, dann die Biene früher schwärmt. Darum macht man auch solche Bienenstöcke aus Brettern . . . mit Querhölzern . . .«

»Geruhen Sie nicht die Bienen abzuwehren, das macht es schlimmer«, sprach das alte Männchen; »oder befehlen Sie nicht doch, Ihnen das Netz zu geben?«

Nechljudow war es unbehaglich, aber aus irgendeiner kindlichen Selbstliebe wollte er das nicht eingestehen; er schlug noch einmal das Netz aus und fuhr fort, dem alten Männchen von der Einrichtung der Bienenstöcke zu erzählen, von der er im ›Maison rustique‹ gelesen hatte und bei der seiner Meinung nach die Biene öfters zweimal schwärmen mußte. Eine Biene stach ihn aber in den Hals, und er verlor den Faden und begann zu stottern inmitten der Erörterung.

»Das ist richtig, Väterchen, Dmitri Nikolajewitsch,« sprach der Greis, indem er mit väterlicher Protektion auf den gnädigen Herrn schaute, »genau so schreibt man im Buch. Ja, vielleicht ist das so . . . schlecht geschrieben, daß man es, so heißt das wohl, machen soll, wie wir schreiben, und wir lachen dann später darüber. Auch das kommt vor! Wie kann man aber die Biene lehren, woran sie ihre Wabe befestigen soll! Sie macht es so, wie es ihr im Stocke paßt, bald quer, bald gerade. Geruhen Sie hier zuzuschauen«, fügte er hinzu, indem er einen von den nächsten Stöcken aufmachte und in die Öffnung schaute, die in der Richtung der krummen Waben mit lärmenden und kriechenden Bienen bedeckt war. »Sehen Sie, das sind junge Bienen; sie sehen, daß die Königin über ihnen sitzt; so führen sie die Wabe gerade aus oder schräg, wie es ihnen im Bienenstock besser paßt«, sprach der Greis, der sich augenscheinlich an seinem Lieblingsgegenstand begeisterte und die Lage des gnädigen Herrn gar nicht bemerkte. »Sehen Sie, heute geht sie in ›Höschen‹, heute ist ein warmer Tag, alles kann man sehen«, fügte er hinzu, indem er den Bienenstock wieder zustopfte und mit einem Tuch die kriechenden Bienen andrückte und dann mit seiner rauhen Handfläche einige Bienen von seinem runzligen Nacken wegschob. Die Bienen stachen ihn nicht, dafür konnte aber Nechljudow schon kaum mehr den Wunsch unterdrücken, aus dem Bienenstand davonzulaufen. Die Bienen hatten ihn an drei Stellen gestochen und summten von allen Seiten um seinen Kopf und seinen Hals.

»Hast du denn viele Stöcke?« fragte er, während er zur Pforte zurückwich.

»Was Gott gab,« antwortete lächelnd Dutlow, »zählen soll man nicht, Väterchen, die Bienen lieben das nicht. Sehen Sie, Euer Erlaucht, ich wollte Euer Gnaden bitten,« fuhr er fort, auf die schmalen Bienenstöcke hinweisend, die beim Zaune standen, »wegen Ossip, dem Mann Ihrer Amme; wenn Sie ihm nur sagten: es sei nicht schön, sich so schlecht zu seinem Dorfnachbar zu benehmen.«

»Wie denn das? – Au, sie stechen doch!« antwortete der gnädige Herr, der schon die Klinke der Pforte erfaßt hatte.

»Ja, sehen Sie, es gibt kein Jahr, wo er nicht seine Bienen auf meine jungen Bienen losläßt. Sie sollen sich erholen; die fremden Bienen ziehen aber bei ihnen die Wabe heraus, ja, und das verdirbt den ganzen Bienenstock«, sprach der Greis, ohne die Grimassen des gnädigen Herrn zu bemerken.

»Schön, nachher, sogleich . . .« murmelte Nechljudow, und außerstande, weiter auszuhalten, und mit beiden Händen abwehrend, lief er im Trab durch die Pforte hinaus.

»Man muß mit Erde reiben. Das macht nichts«, meinte der Greis, als er hinter dem gnädigen Herrn her den Hof betrat. Der rieb mit Erde die Stellen, wo er gestochen worden war; errötend schaute er sich dabei rasch nach Karp und Ignaz um, die gar nicht auf ihn hinsahen, und verzog zornig sein Gesicht.

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