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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 62
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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14

Soll ich nicht lieber nach Hause gehen?‹ dachte Nechljudow, während er dem Tor der Dutlows zuschritt und irgendeine unbestimmte Betrübnis und ein moralisches Müdesein fühlte.

Da öffnete sich aber gerade vor ihm knarrend das neue Brettertor, und im Tore zeigte sich ein hübscher, rotbäckiger blonder Bursche von achtzehn Jahren in Fuhrmannstracht, der hinter sich ein Dreigespann starkfüßiger, noch schweißbedeckter, struppiger Pferde führte und, indem er mit kecker Bewegung sein weißblondes Haar zurechtrückte, sich vor dem gnädigen Herrn verneigte.

»Wie, ist der Vater zu Hause, Ilja?« fragte Nechljudow.

»Beim Bienenstand, hinter dem Hofe«, antwortete der Bursche, während er die Pferde, eines nach dem anderen, durch das halb geöffnete Tor führte.

›Nein, ich werde Charakter beweisen, ich werde ihm den Vorschlag machen und tun, was von mir abhängt‹, dachte Nechljudow, und nachdem er die Pferde vorbeigelassen hatte, betrat er den geräumigen Hof Dutlows. Man sah, daß eben erst Mist aus dem Hofe herausgefahren worden war: die Erde war noch schwarz, feucht, und an manchen Stellen, besonders in den Toren, lagen Spuren davon. Auf dem Hofe und hinter hohen Schirmdächern standen in guter Ordnung viele Karren, Pflüge, Schlitten, Holzstöcke, Kufen und jederart Bauerngut; Tauben flatterten umher und girrten im Schatten unter hohen, festen Dachsparren; es roch nach Mist und Teer. In einer Ecke legten Karp und Ignaz ein neues Kissen auf einen großen, mit Eisen beschlagenen, für ein Dreigespann eingerichteten Wagen. Alle drei Söhne Dutlows hatten fast dasselbe Gesicht. Der jüngste, Ilja, der Nechljudow im Toreingang begegnete, war fast bartlos, kleiner von Wuchs, rotbäckiger und schmucker angezogen als die älteren; der zweite, Ignaz, war etwas höher gewachsen, brünetter, trug ein Stutzbärtchen, und wenn er auch gleichfalls in Stiefeln, Fuhrmannshemd und Lammfellmütze war, so hatte er doch nicht das feiertägliche, sorglose Aussehen wie der jüngere Bruder. Der älteste, Karp, war noch höher von Wuchs, trug Bastschuhe, einen grauen Kaftan und ein Hemd ohne Achselzwickel. Er hatte einen breiten roten Bart und zeigte eine nicht nur ernste, sondern fast finstere Miene.

»Befehlen Sie, nach dem Väterchen zu schicken. Euer Erlaucht?« sprach er, indem er zum gnädigen Herrn heranschritt und sich ungeschickt ein wenig verneigte.

»Nein, ich werde selber zu ihm in den Bienenstand gehen – ich will mir seine Einrichtung dort anschauen; ich habe aber mit dir zu sprechen«, sagte Nechljudow, während er nach der andern Seite des Hofes schritt, damit Ignaz nicht hören könne, was er mit Karp zu reden beabsichtigte.

Die Selbstsicherheit und ein gewisser Stolz, der in allen Äußerungen dieser beiden Bauern bemerkbar war, und das, was ihm die Amme gesagt hatte, verwirrten den jungen gnädigen Herrn derart, daß ihm der Entschluß schwer fiel, mit ihnen über die beabsichtigte Sache zu sprechen. Er kam sich wie schuldig vor, und es schien ihm leichter, mit dem einen Bruder so zu sprechen, daß der andere es nicht höre. Es schien, als sei Karp darüber erstaunt, daß ihn der gnädige Herr zur Seite führte, er folgte ihm aber.

»Darum handelt es sich,« begann Nechljudow stotternd, »ich wollte dich fragen: habt ihr viele Pferde?«

»Fünf Dreigespanne wird man zusammenbringen. Füllen sind gleichfalls da«, antwortete Karp ungezwungen, indem er sich den Rücken kratzte.

»Deine Brüder fahren für die Post?«

»Wir fahren für die Post nur mit drei Dreigespannen, sonst ist Iljuschka als Fuhrmann gegangen; er ist eben erst zurückgekehrt.«

»Ist denn das auch vorteilhaft? Wieviel verdient ihr damit?«

»Ja, was für ein Verdienst denn, Euer Erlaucht? Wenigstens füttern wir uns und die Pferde – auch dafür sei Gott gedankt.«

»Weshalb beschäftigt ihr euch denn dann nicht mit irgend etwas anderem? Ihr könntet ja Wälder kaufen oder Land pachten.«

»Es ist natürlich, Euer Erlaucht; Land pachten kann man, wenn irgendwo welches zur Hand wäre.«

»Siehst du, das ist es, was ich euch vorschlagen will: Warum wollt ihr euch mit Fuhrgeschäft abgeben, um euch nur zu nähren? Pachtet lieber dreißig Dessjatinen Land bei mir. Den ganzen Streifen, der hinter den Sapows liegt, werde ich euch abgeben, ja, und führt eure eigene große Wirtschaft!«

Und Nechljudow, begeistert von seinem Plan eines Pachtgutes, den er mehr als einmal selber für sich wiederholt und überdacht hatte, begann, schon nicht mehr stotternd, dem Bauern seinen Vorschlag hinsichtlich dieses Pachtgutes auseinanderzusetzen. Karp lauschte sehr aufmerksam den Worten des gnädigen Herrn.

»Wir sind sehr zufrieden mit Euer Gnaden«, sprach er, als Nechljudow verstummt war und eine Antwort erwartend ihn anschaute. »Es ist bekannt, daß dabei nichts Schlechtes ist. Mit der Erde sich zu beschäftigen, ist für den Bauern besser, als mit der Knute zu fahren. Zu fremden Leuten zu gehen, jeder Art Volk zu sehen – dabei wird unser Bruder verwöhnt. Die allerbeste Sache ist es, daß der Bauer sich mit der Erde beschäftigen muß.«

»Wie denkst du also?«

»Solange das Väterchen am Leben ist, was kann ich da denken, Euer Erlaucht? Dafür ist sein Wille da.«

»So geleite mich denn zum Bienenstand, ich werde mit ihm sprechen.«

»Bemühen Sie sich hierher!« sprach Karp, indem er sich langsam zum hinteren Schuppen bewegte. Er öffnete die niedrige Pforte, die in den Bienenstand führte, ließ den gnädigen Herrn ein, schloß sie, ging dann zu Ignaz und machte sich wiederum schweigend an die unterbrochene Arbeit.

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