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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 61
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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13

So werde ich es auch machen!‹ sprach Nechljudow zu sich selber in froher Selbstzufriedenheit; und da er sich erinnerte, daß er noch zu dem reichen Bauern Dutlow gehen müsse, wandte er sich einem hohen und geräumigen Bau mit zwei Schornsteinen zu, der in der Mitte des Dorfes stand. Auf dem Wege dahin begegnete er bei der Nachbarhütte einem hochgewachsenen, einfach gekleideten Weibe von vierzig Jahren, das ihm entgegenkam.

»Zum Feiertag, Väterchen!« sagte, nicht im geringsten schüchtern, das Weib, indem es neben ihm stehen blieb, froh lächelte und sich verneigte.

»Guten Tag, Amme!« antwortete er, »wie geht es dir? Ich gehe gerade zu deinem Nachbar.«

»So, Väterchen, Euer Erlaucht. Das ist eine gute Sache. Wie aber, werden Sie nicht auch zu uns kommen? Wie würde sich mein Alter freuen!«

»Natürlich werde ich kommen; wir wollen miteinander plaudern, Amme. Ist das deine Hütte?«

»Gerade diese, Väterchen.«

Und die Amme lief voraus. Nechljudow folgte ihr in den Vorraum, setzte sich auf ein Wasserfaß, nahm eine Zigarette heraus und zündete sie an.

»Dort ist es heiß, besser werden wir schon hier sitzen und plaudern«, antwortete er auf die Aufforderung der Amme, in die Hütte zu treten. Die Amme war ein noch frisches und hübsches Weib. In den Zügen ihres Gesichtes und besonders in ihren großen schwarzen Augen war eine große Ähnlichkeit mit dem Gesicht des gnädigen Herrn. Sie faltete die Hände unter ihrem Brustlatz, und indem sie keck dem gnädigen Herrn ins Gesicht schaute und unaufhörlich den Kopf bewegte, begann sie mit ihm zu sprechen.

»Was ist denn das, Väterchen, weshalb geruhen Sie zu Dutlow zu gehen?«

»Ja, ich will, daß er bei mir Land pachten soll, dreißig Dessjatinen, und seine eigene Wirtschaft einrichte, ja auch noch, daß er einen Wald mit mir gemeinsam kaufen soll. Geld hat er ja, was soll es denn bei ihm umsonst liegen? Wie denkst du darüber, Amme?«

»Ja, wie denn? Es ist bekannt, Väterchen, die Dutlows sind starke Leute, im ganzen Dorfe beinahe der erste Bauer«, antwortete die Amme, ihren Kopf hin und her bewegend. »Vergangenen Sommer hat er einen neuen Bau aus eigenem Holz errichtet, die Herrschaft hat er nicht bemüht. Pferde wird er außer den Füllen, ja, und den Halbgroßen, sechs Dreigespanne zusammenbringen. Sein Vieh aber, Kühe und Schafe, wenn man sie vom Felde treibt, ja, und die Weiber auf die Straße herauskommen, sie einzutreiben, dann drängen sie sich im Tor, daß es eine Not ist; ja, und auch Bienen hat er zweihundert Stöcke, wenn nicht mehr. Ein sehr starker Bauer, und Geld muß er auch haben.«

»Aber wie denkst du, hat er viel Geld?« fragte der gnädige Herr.

»Die Leute sagen, natürlich aus Ärger, der Greis habe nicht wenig Geld; nun ja, darüber wird er nicht sprechen, auch den Söhnen eröffnet er das nicht, es muß aber wohl welches da sein. Weshalb sollte er sich nicht mit dem Wald befassen? Er fürchtet wohl, das Gerücht von seinem Gelde zu verbreiten. Er wollte sich auch, es ist fünf Jahre her, mit dem Schkalik, dem Verwalter, mit einem kleinen Anteil an Wiesen beteiligen; ja, der hat ihn aber betrogen, der Schkalik, meine ich, so daß der Greis dreihundert Rubel verlor. Von da an hat er das aufgegeben. Ja, wie soll es ihm denn nicht ordentlich gehen, Väterchen, Euer Erlaucht?« fuhr die Amme fort. »Bei drei Landanteilen leben sie, eine große Familie, alles Arbeiter, ja, und von dem Greis – was ist da Schlechtes zu sagen? – sagt man, er sei der richtige Hauswirt. In allem, was er tut, ist Segen, so daß sogar das Volk sich wundert, sowohl in Hinsicht auf Brot wie Pferde, Vieh und Bienen. Auch mit seinen Kindern hat er Glück. Jetzt hat er alle verheiratet. Vorher hat er aus unserem Dorfe Mädchen genommen, jetzt aber hat er den Iljuschka an eine Freie verheiratet, selber hat er sie losgekauft. Und auch die wurde ein gutes Weib.«

»Und leben sie in Eintracht?« fragte der gnädige Herr.

»Wo im Hause ein wirkliches Haupt ist, da wird auch Eintracht sein. Wenn auch bei den Dutlows die Schwiegertöchter – das ist nun einmal so bei Weibern – sich schelten, sich hinter dem Ofen zanken, so leben aber gleichwohl unter dem Greise auch die Söhne in Eintracht.«

Die Amme schwieg ein wenig.

»Nun will der Greis seinen ältesten Sohn, Karp, so hört man, zum Herrn im Hause machen. Alt sei er schon geworden, so sagt er. ›Meine Sache‹, spricht er, ›ist bei den Bienen.‹ Nun, auch Karp ist ein guter Bauer, ein ordentlicher Bauer, aber gleichwohl, gegen den Greis kommt er als Hauswirt nicht auf. Den Verstand hat er schon nicht!«

»So wird vielleicht Karp den Wunsch haben, sich mit Ackerland und Wäldern zu beschäftigen; was meinst du?« sprach der gnädige Herr, der von der Amme alles herausbekommen wollte, was sie von ihren Nachbarn wußte.

»Wohl kaum, Väterchen«, fuhr die Amme fort; »der Greis hat dem Sohne nichts von seinem Gelde gesagt. Solange er selber lebt, ja, und das Geld bei ihm im Hause ist, so bedeutet das, alles leitet der Verstand des Greises, ja, und sie beschäftigen sich auch mehr mit Fuhrgeschäft.«

»Wird der Greis aber nicht einverstanden sein?«

»Er wird Bedenken haben.«

»Was für Bedenken denn?«

»Ja, Väterchen, wie ist es denn einem Herrschaftsbauern möglich, einzugestehen, daß er Geld hat? Es kann so kommen, er wird alles Geld verlieren. Er hat sich ja schon einmal mit dem Verwalter in Geschäfte eingelassen, ja, und sich geirrt. Wo soll er denn mit ihm prozessieren! So ist denn auch das Geld verloren gegangen: mit dem Gutsbesitzer aber wird man schon überhaupt auf einmal quitt sein.«

»Ja, davor . . ;.« sprach Nechljudow, indem er errötete. »Leb wohl, Amme!«

»Leben Sie wohl, Väterchen, Euer Erlaucht! Wir danken ergebenst.«

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