Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Lew Tolstoi >

Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 60
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
Schließen

Navigation:

12

Oh, meine Verwaistheit!« sprach Arina mit schwerem Seufzer. Sie blieb stehen und schaute zornig auf den Sohn. Dawidka kehrte sich sogleich um, und nachdem er seinen dicken Fuß in dem gewaltigen schmutzigen Bastschuh schwer über die Schwelle gewälzt hatte, verschwand er durch die entgegengesetzte Tür.

»Was soll ich denn mit ihm anfangen, Vater?« fuhr Arina fort, indem sie sich zum gnädigen Herrn wandte. – »Du siehst ja selber, was er für einer ist! Er ist ja kein schlechter Bauer, ein nüchterner und friedfertiger Bauer, er tut keinem kleinen Kinde etwas zuleide – es ist Sünde, anders zu sagen; Schlechtes ist gar nichts an ihm, aber Gott allein weiß, was sich mit ihm zutrug, daß er sich selber zu einem Übeltäter wurde. Er ist ja auch selber nicht froh darüber. Glaubst du es wohl, Väterchen, das Herz blutet mir, wenn ich auf ihn schaue, was für eine Qual er auf sich nimmt. Was er auch immer für einer ist, mein Leib hat ihn doch getragen; ich bemitleide ihn, und er tut mir leid! Es ist ja nicht so, als ob er gegen mich oder den Vater oder gegen die Obrigkeit wäre oder auch nur irgend etwas täte; er ist ein furchtsamer Bauer, man möchte sagen, er ist wie ein kleines Kind. Warum soll er Witwer sein? Hilf du uns, Ernährer!« wiederholte sie, indem sie augenscheinlich den schlechten Eindruck wieder gutmachen wollte, den ihr Schimpfen auf den gnädigen Herrn hervorgerufen haben konnte. – »Ich, Väterchen, Euer Erlaucht,« fuhr sie in zutraulichem Geflüster fort, »ich habe auch so hin und her gedacht: ich kann nicht daraus klug werden, weshalb er so ist. Es ist nicht anders, als ob ihn böse Leute verdorben hätten!«

Sie schwieg ein wenig.

»Wenn man nur einen Menschen finden könnte! Man kann ihn heilen.«

»Was du da für einen Unsinn sprichst, Arina! Wie kann man denn einen Menschen verderben?«

»So sehr kann man jemand verderben, du mein Vater, daß er in Ewigkeit kein Mensch mehr ist! Gibt es wohl wenig schlechte Menschen auf der Welt? Aus Bosheit nimmt einer Erde aus der Fußstapfe oder sonst was . . . und auf ewig wird er kein Mensch mehr sein. Ist es weit bis zur Sünde? Ich denke nur so bei mir: soll ich nicht zu dem alten Dunduk gehen, der in Worobjewka wohnt? er weiß allerart Worte, auch die Kräuter kennt er, auch die Besessenheit zu heilen versteht er und vom Kreuz das Wasser herabfallen zu lassen; wird er denn nicht helfen?« sprach das Weib. »Vielleicht wird er ihn heilen.«

›So ist sie, die Armut und die Unbildung!‹ dachte der junge gnädige Herr, als er, traurig das Haupt geneigt, mit großen Schritten die Dorfstraße hinabschritt. ›Was soll ich mit ihm machen? Ihn in dieser Lage lassen ist unmöglich, sowohl für mich wie auch als Beispiel für die anderen und für ihn selber‹, sprach er bei sich selbst, wobei er diese Gründe an den Fingern herzählte. ›Ich kann ihn nicht in solcher Lage sehen; aber wodurch soll ich ihn da herausführen? Er zerstört alle meine besten Pläne hinsichtlich meiner Landwirtschaft. Wenn solche Bauern bleiben, werden meine Träume niemals erfüllt werden‹, dachte er, und er empfand Zorn und Verdruß gegen den Bauern, weil der seine Pläne zerstört habe. ›Soll ich ihn zur Ansiedlung schicken, wie Jakow sagt, wenn er schon selber nicht will, daß es ihm wohl sei, oder soll ich ihn unter die Soldaten stecken? So soll es werden; dadurch befreie ich mich wenigstens von ihm und erhalte noch einen guten Bauern dafür‹, überlegte er.

Er dachte mit Vergnügen daran; dabei sagte ihm aber irgendein unklares Bewußtsein, daß er hier nur mit einer Seite seines Verstandes denke und daß da irgend etwas nicht recht sei. Er blieb stehen. ›Halt, woran denke ich?‹ sprach er zu sich selber. ›Ja, unter die Soldaten, zur Ansiedlung. Wozu? Er ist ein guter Mensch, besser als viele andere, ja, und woher weiß ich denn . . . Ihn freilassen?‹ dachte er, wobei er die Frage nicht mehr nur mit einer Seite seines Verstandes erörterte wie vordem. ›Ungerecht wäre das, ja, und auch unmöglich!‹ Plötzlich kam ihm ein Gedanke, der ihn sehr erfreute; er lächelte mit dem Ausdruck eines Menschen, der eine schwere Aufgabe gelöst hat. ›Ihn zu mir auf den Hof nehmen,‹ sagte er sich, ›selber auf ihn achtgeben und ihn durch Sanftmut und Ermahnungen, durch die Auswahl seiner Beschäftigung an die Arbeit gewöhnen und ihn bessern.‹

 << Kapitel 59  Kapitel 61 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.