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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 59
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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11

Wie denn zu Tode gearbeitet?« fragte ungläubig Nechljudow.

»Vor Überanstrengung ist sie gestorben, Ernährer; so wahr Gott heilig ist, sie hat sich zu Tode gearbeitet. Wir nahmen sie vorvoriges Jahr aus Baburino«, fuhr sie fort, wobei sich plötzlich ihr erzürnter Ausdruck in einen weinerlichen und traurigen verwandelte. »Nun, das Weib war jung, frisch, friedfertig, mein Lieber! Bei ihrem Vater zu Hause als Mädchen hatte sie es gut gehabt, keine Not gesehen, und als sie zu uns kam, als sie erfahren hatte, was unsere Arbeit ist – für den Herrn und zu Hause und überall. Sie, ja, und ich – weiter war niemand da. Mir macht das nichts! Ich bin an das alles gewöhnt, sie aber war in Umständen, du mein Vater, ja, Kummer begann sie zu erdulden, sie arbeitete aber über ihre Kräfte – nun, und überanstrengte sich, die Liebe. Vergangenen Sommer zur Peter-Pauls-Zeit hat sie auch noch zum Unglück einen Knaben geboren; Brot gab es aber nicht, wir aßen irgend etwas, du mein Vater, die Arbeit war aber eilig, bei ihr ist denn auch die Brust vertrocknet. Das Kindchen war das erste, eine Kuh hatten wir nicht, ja, und unsere Sache ist eine bäuerliche: wie hätten wir schon aus der Flasche nähren können; nun, Weiberdummheit ist bekannt, sie begann damit, sich noch mehr zu grämen. Als aber das Kindchen gestorben war, da hat sie schon aus Gram geheult, geheult, geschrien, geschrien, ja die Not, ja die Arbeit, immer schlechter und schlechter ging es mit ihr: so erschöpfte sie ihre Kraft im Sommer, die Liebe, daß sie am Pokrowtag auch selber starb. Er hat sie zugrunde gerichtet, du, Bestie!« wandte sie sich von neuem mit verzweifelter Wut an den Sohn. »Um was ich dich bitten wollte, Euer Erlaucht«, fuhr sie fort nach einem kurzen Schweigen, indem sie leiser sprach und sich verneigte.

»Was denn?« fragte Nechljudow zerstreut, noch ganz aufgeregt von ihrer Erzählung.

»Er ist ja noch ein junger Bauer! Von mir, was kann man da noch für Arbeit erwarten: heute lebe ich, morgen bin ich tot. Warum soll er ohne Frau sein? Er wird dir ja dann kein Bauer sein. Hilf du uns ein wenig, du unser Vater.«

»Das heißt, du willst ihn verheiraten? Wie denn, das ist noch eine Sache!«

»Übe du göttliche Gnade! Ihr seid unser Vater und unsere Mutter!«

Und nachdem sie ihrem Sohn ein Zeichen gegeben hatte, fiel sie mit ihm gemeinsam dem gnädigen Herrn krachend zu Füßen.

»Weshalb fällst du mir denn zu Füßen?« sprach Nechljudow, indem er sie verdrießlich an den Schultern aufhob, »kann man das denn nicht so sagen? Du weißt, daß ich das nicht liebe. Verheirate deinen Sohn, bitte; ich bin sehr froh, wenn du eine Braut für ihn in Aussicht hast.«

Die Alte erhob sich und begann mit dem Ärmel ihre trockenen Augen zu reiben. Dawidka folgte ihrem Beispiel, und nachdem er sich mit seiner dicken Faust die Augen gerieben hatte, fuhr er in ganz derselben geduldig ergebenen Haltung fort, zu stehen und zu hören, was Arina sprach.

»Eine Braut ist da, wie sollte es keine geben! Da ist Wassjutka Micheikina, es ist nichts gegen das Mädchen zu sagen; ja, aber ohne deinen Willen wird sie ihn nicht nehmen.«

»Ist sie denn nicht einverstanden?«

»Nein, Ernährer, wenn sie nach eigenem Willen gehen darf, nicht.«

»Nun, was soll man da machen? Ich kann sie doch nicht zwingen; sucht eine andere, wenn nicht bei euch, so bei Fremden; ich werde sie loskaufen, wenn sie nur aus freiem Willen geht, gewaltsam verheiraten geht nicht an. Es gibt kein solches Gesetz, ja, und das ist auch große Sünde.«

»Eeech! Ernährer! Ist das denn möglich, wenn man auf unser Leben blickt, ja, auf unsere Armut, daß sie gern käme? Selbst eine Soldatenfrau – sogar sie wird nicht eine solche Not auf sich nehmen wollen. Welcher Bauer wird denn sein Mädchen zu uns auf den Hof geben? Wir sind ja bettelarm. ›Eine‹, wird man sagen, ›haben sie durch Hunger zum Tode gebracht, so wird es auch der meinigen gehen.‹ Wer wird seine Tochter geben?« fügte sie hinzu, indem sie ungläubig den Kopf schüttelte. »Überlege doch, Euer Erlaucht!«

»Was kann ich dann aber machen?«

»Hilf du uns irgendwie, Vater!« wiederholte mit Überzeugung Arina. »Was sollen wir denn anfangen?«

»Ja, was kann ich denn da helfen? Auch ich kann in diesem Falle nichts für euch tun.«

»Wer wird uns denn dann helfen, wenn nicht du?« sprach Arina. Sie hatte den Kopf gesenkt und rang die Hände mit dem Ausdruck ratloser Trauer.

»Ihr habt um Brot gebeten; ich werde also befehlen, euch welches abzulassen«, sprach der gnädige Herr nach einigem Schweigen, während Arina seufzte und Dawidka ihrem Beispiel folgte. »Weiter kann ich aber nichts tun.«

Nechljudow trat in den Vorraum, Mutter und Sohn folgten unter Verbeugungen dem gnädigen Herrn.

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