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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 58
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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10

Um diese Zeit huschte am Fenster der Kopf einer Bauernfrau vorüber, die Leinwand auf einem Tragejoch trug, und einen Augenblick später trat Dawidkas Mutter in die Hütte, ein hochgewachsenes Weib von fünfzig Jahren, sehr frisch und lebhaft. Ihr von Pockennarben und Runzeln durchfurchtes Gesicht war nicht hübsch, aber die gerade, feste Nase, die zusammengepreßten dünnen Lippen und die flinken grauen Augen drückten Verstand und Willenskraft aus. Ihre eckigen Schultern, ihre flache Brust, ihre trockenen Hände und die entwickelten Muskeln an ihren schwarzen nackten Füßen zeugten davon, daß dies Weib längst schon aufgehört hatte, Frau zu sein und nur noch Arbeiter war. Sie kam flink in die Hütte, schloß die Tür, zog ihren Rock zurecht und blickte erzürnt auf den Sohn. Nechljudow wollte ihr irgend etwas sagen, sie wandte sich aber von ihm weg und begann sich zu bekreuzigen nach dem hinter dem Webstuhl hervorschauenden schwarzen hölzernen Heiligenbild zu. Als sie damit fertig war, rückte sie das schmutzige karierte Tuch zurecht, mit dem ihr Kopf umwunden war, und verneigte sich tief vor dem gnädigen Herrn.

»Zum Feiertage des Herrn, Euer Erlaucht,« sprach sie, »errette dich Gott, du unser Vater . . .«

Kaum hatte Dawidka die Mutter erblickt, so wurde er merklich verlegen, beugte ein wenig den Rücken und ließ seinen Kopf noch tiefer hängen.

»Danke, Arina!« antwortete Nechljudow. »Siehst du, ich habe eben mit deinem Sohn über eure Wirtschaft gesprochen.«

Arina, oder, wie man die Bäuerin schon von ihrer Mädchenzeit an nannte, Arischka Burlak, legte das Kinn auf die Faust der rechten Hand, während der Ellenbogen sich auf die linke Handfläche stützte, und begann, ohne den gnädigen Herrn ausreden zu lassen, so scharf und klangvoll zu sprechen, daß die ganze Hütte erfüllt war von dem Schall ihrer Stimme und es von draußen scheinen konnte, als sprächen plötzlich mehrere Weiberstimmen.

»Wozu denn, du mein Vater, wozu denn mit ihm sprechen! Er kann ja nicht einmal sprechen wie ein Mensch. Er steht ja da . . . Tölpel!« fuhr sie fort, indem sie mit dem Kopfe verächtlich auf die jämmerliche massige Figur Dawidkas hinwies. »Wie meine Wirtschaft ist, Väterchen, Euer Erlaucht? Wir sind bettelarm! Schlechteres als uns gibt es im ganzen Dorfe bei dir nicht: weder für uns selber noch für den Herrendienst – Schmach! Aber alles hat er dahin gebracht! Wir gebaren ihn, nährten ihn, tränkten ihn, wir hofften gar nicht den Burschen zu erwarten. Nun, da haben wir ihn denn erwartet: Brot frißt er, Arbeit aber leistet er wie dieser faulende Holzklotz hier. Er weiß nur auf dem Ofen zu liegen, oder er steht gerade wie jetzt und kratzt sich seinen dummen Schädel«, sprach sie, indem sie ihn nachäffte. »Wenn du, Vater, ihn wenigstens durchprügeln würdest! Ich selber bitte schon darum: strafe du ihn um des Herrgotts willen, oder zu den Soldaten mit ihm! – Das kommt auf dasselbe heraus. Ich habe mit ihm alle Kräfte verloren – das ist es.«

»Nun, wie, ist es dir denn nicht sündhaft, Dawidka, deine Mutter soweit zu bringen?« sprach Nechljudow, indem er sich vorwurfsvoll an den Bauern wandte.

Dawidka rührte sich nicht.

»Ja, ein kränklicher Bauer ginge noch an,« fuhr Arina fort, mit derselben Lebhaftigkeit und denselben Bewegungen, »aber da braucht man ja nur auf ihn hinzublicken, er ist ja aufgebläht wie eine Müllersau. Er ist, scheint es, um zu arbeiten – ein zu großer Fettkloß! Nein, da wird er auf dem Ofen als Taugenichts zugrunde gehen. Macht er sich hinter etwas, so kann ich es kaum mit ansehen: bis er sich erhebt, bis er sich vorwärts bewegt, bis er etwas anfaßt . . .« sprach sie, indem sie die Wörter hinzog und sich ungeschickt mit ihren eckigen Schultern von einer Seite zur anderen drehte. »Gerade heute ist der Greis selber nach Reisig in den Wald gefahren, ich aber habe ihm befohlen, einen Graben zu graben. Damit ist es also wieder nichts, er hat nicht einmal die Schaufel in die Hand genommen.« (Einen Augenblick schwieg sie.) »Zugrunde gerichtet hat er mich Waise«, kreischte sie plötzlich auf, indem sie die Arme schwang und mit drohender Miene auf den Sohn zuschritt. »Dein glattes Maul, dein nichtsnutziges, verzeih mir Gott!« (Sie wandte sich verächtlich und dabei verzweifelt von ihm ab.) Sie spuckte aus, drehte sich wiederum dem gnädigen Herrn zu und fuhr fort, mit derselben Lebhaftigkeit und unter Tränen die Arme zu schwingen. »Ich bin ja immer allein, Ernährer! Mein Alter ist ja krank, ja, und auch von ihm hat man nichts, ich aber habe immer alles allein zu tun, ja ganz allein. Ein Stein – und der wird noch zerspringen. Wenn ich doch sterben könnte, es wäre mir leichter; es kommt auf dasselbe heraus. Er hat mich zu Tode gequält, der Schuft! Du, unser Vater! Ich habe schon keine Kraft mehr! Unsere Schwiegertochter hat sich zu Tode gearbeitet – auch mit mir wird dasselbe sein.«

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