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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 57
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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9

Dawidka Bjely bat um Brot und Zaunpfähle‹, stand im Notizbüchelchen geschrieben, nach Juchwanka.

Als Nechljudow an einigen Höfen vorübergegangen war, begegnete er beim Einbiegen in eine Seitengasse seinem Verwalter Jakow Alpatitsch, der von weitem seinen Herrn erschaut hatte, seine Wachstuchmütze abnahm, sein seidenes Taschentuch herauszog und sich damit sein dickes rotes Gesicht abzutrocknen begann.

»Bedeck dich, Jakow! Jakow, bedeck dich doch; ich sag es dir doch . . .«

»Wo geruhten Sie gewesen zu sein, Euer Erlaucht?« fragte Jakow, indem er sich mit der Mütze vor der Sonne schützte, sie aber nicht aufsetzte.

»Ich war bei Mudreny. Sage mir, bitte, warum ist der so geworden?« sprach der gnädige Herr im Weitergehen.

»Was denn, Euer Erlaucht?« fragte der Verwalter, der in respektvoller Entfernung seinem Herrn folgte und, nachdem er seine Mütze aufgesetzt hatte, seinen Schnurrbart zupfte.

»Wie, was denn? Er ist ein völliger Taugenichts, ein Faulpelz, ein Dieb, ein Lügner; er quält seine Mutter und ist offenbar ein so eingefleischter Schuft, daß er sich niemals bessern wird!«

»Ich weiß nicht, Euer Erlaucht, weshalb er Ihnen so mißfällt.«

»Und seine Frau«, unterbrach der gnädige Herr den Verwalter, »ist, scheint es, ein sehr übles Weib. Die Alte ist schlechter angezogen als irgendeine Bettlerin, hat nichts zu essen; sie selber dagegen ist herausgeputzt, und er ebenso. Was soll man mit ihm anfangen? Ich weiß es wirklich nicht.«

Jakow war merklich verlegen geworden, als Nechljudow von Juchwankas Frau sprach.

»Was ist da zu machen? Wenn er sich so gehen ließ, Euer Erlaucht,« begann er, »so muß man eben Maßregeln ausfindig machen. Er ist wirklich in Armut, wie alle einzeln wohnenden Bauern; aber er sieht gleichwohl irgendwie auf sich, anders als die andern. Er ist ein gescheiter Bauer, versteht zu lesen und zu schreiben, und da ist nichts zu sagen: es scheint, er ist ein ehrlicher Bauer. Zum Einsammeln der Kopfgelder geht er immer. Auch Ältester ist er, während ich Verwalter bin, schon drei Jahre gewesen; gleichfalls in nichts ertappt. Vor zwei Jahren beliebte es dem Vormund, ihn aufs Land zurückzunehmen, er war auch im Herrendienst ordentlich. Es mag sein, als er in der Stadt bei der Post angestellt war, daß er hier und da ein wenig trank; dagegen muß man eben Maßregeln ausfindig machen. Es kam vor, er trieb Unfug, man strafte ihn – er kam wieder zur Vernunft: es geht ihm gut, und in der Familie herrscht Eintracht. Wenn es Ihnen aber nicht gefällig ist, das heißt eben, diese Maßnahmen zu treffen, so weiß ich schon nicht, was mit ihm anzufangen. Er hat sich also wirklich sehr gehen lassen? Zu den Soldaten taugt er nicht, weil, wie Sie zu bemerken geruhten, ihm zwei Zähne fehlen. Er hat sie sich längst schon absichtlich ausgeschlagen. Ja, ich erkühne mich mitzuteilen, er ist es nicht allein, der keine Furcht hat . . .«

»Das laß schon sein, Jakow«, antwortete Nechljudow mit leichtem Lächeln; »darüber haben wir beide schon genug gesprochen. Du weißt, wie ich darüber denke, und was du mir auch sagen wirst, ich werde gleichwohl so denken.«

»Natürlich, Euer Erlaucht, dies alles ist Ihnen bekannt«, sprach Jakow, indem er die Achseln zuckte und von hinten so auf den gnädigen Herrn schaute, als habe das, was er gesehen hatte, nichts Gutes versprochen. »Daß Sie sich aber hinsichtlich der Greisin zu beunruhigen geruhten, ist umsonst«, fuhr er fort. »Es ist natürlich wahr, daß sie die Waisen erzog und nährte und Juchwanka verheiratete und alles dergleichen; aber das ist doch überhaupt so bei den Bauern, wenn die Mutter oder der Vater dem Sohne die Wirtschaft übergibt, dann ist dieser Hauswirt – der Sohn und die Schwiegertochter; die Alte muß dann schon ihr Brot nach ihren Kräften, soweit die reichen, erarbeiten. Sie haben natürlich nicht zärtliche Gefühle, aber bei den Bauern geht es schon überhaupt so zu. Darum erkühne ich mich auch, Ihnen mitzuteilen, daß die Alte Sie umsonst bemühte. Sie ist doch eine kluge Greisin und eine Hausfrau: ja, wozu denn den gnädigen Herrn wegen diesem allem beunruhigen? Nun, sie hat mit der Schwiegertochter gezankt, die hat sie vielleicht auch gestoßen – das ist Weibersache! – und sie hätten sich lieber wieder versöhnen sollen, statt Sie zu beunruhigen. Schon so geruhen Sie sich alles zu sehr zu Herzen zu nehmen«, sprach der Verwalter, wobei er mit väterlicher Zärtlichkeit und Nachsicht auf den gnädigen Herrn schaute, der schweigend mit großen Schritten vor ihm her die Straße hinaufschritt.

»Geruhen Sie nach Hause zu gehen?« fragte er.

»Nein, zu Dawidka Bjely oder ›Geisbock‹ . . . was hat er für einen Spitznamen?«

»Sehen Sie, das ist auch so ein Unglück, ich sage es Ihnen. Schon dies ganze Geschlecht der Koslows ist solches. Was ich auch mit ihm tat, nichts führt zum Ziele. Gestern fuhr ich am Bauernfeld vorüber, bei ihm ist der Buchweizen nicht ausgesät. Was werden Sie befehlen, mit einem solchen Völkchen anzufangen? Wenn wenigstens der Alte den Sohn lehren würde, aber der ist ebenso ein Taugenichts, weder für sich noch zum Herrendienst taugt er; überall erweist er sich als ein Tölpel. Was haben nicht schon alles der Vormund und ich mit ihm angefangen: zur Polizei geschickt und bei uns gestraft – das ist es aber, was Sie nicht zu lieben geruhen . . .«

»Wen meinst du denn, doch nicht den Alten?«

»Gerade ihn. Der Vormund hat ihn so oft schon selbst vor der ganzen Bauernversammlung gestraft; glauben Sie, Euer Erlaucht, daß das nur irgend etwas genützt hätte? Er schüttelt sich nur und geht, und immer das gleiche. Und sehen Sie, Dawidka, ich sage es Ihnen, ist ein friedfertiger Bauer und auch nicht dumm, das heißt, er raucht nicht und trinkt nicht,« erklärte Jakow, »aber dabei ist er schlechter als ein andrer, der trinkt. Es bleibt nur das eine: daß er zu den Soldaten kommt oder zur Ansiedlung geschickt wird; weiter bleibt gar nichts zu tun. Das ganze Geschlecht der Koslows ist schon ein solches Unglück: auch Matrjuschka, der in der schwarzen Hütte wohnt, ist ein ebensolches verfluchtes Unglück . . . So haben Sie mich also nicht nötig, Euer Erlaucht?« fügte der Verwalter hinzu, da er bemerkt hatte, daß der Herr ihm gar nicht zuhörte.

»Nein, geh nur deiner Wege«, antwortete Nechljudow zerstreut und wandte sich zu Dawidka Bjely.

Dessen Hütte stand schief und einsam am Rande des Dorfes. Bei ihr war weder ein Hof, noch eine Getreidedarre, noch eine Scheune, nur irgendwelche schmutzige Ställchen für das Vieh klebten auf der einen Seite; auf der anderen Seite lagen, auf einen Haufen zusammengelegt, für den Bau des Hofes vorbereitetes Strauchholz und Balken. Hohes grünes Unkraut wuchs an der Stelle, wo einstmals der Hof gewesen war. Niemand war bei der Hütte außer einem Schwein, das an der Schwelle im Schmutz lag und grunzte.

Nechljudow pochte an das zerbrochene Fenster; da ihm aber niemand antwortete, ging er zum Vorraum und rief: »Hausleute!« Aber auch darauf erfolgte keine Entgegnung. Er durchschritt den Vorraum, blickte in die leeren Ställchen und betrat die offen stehende Hütte. Ein alter roter Hahn und zwei Hühner gingen, den Hals hin und her bewegend und mit ihren Zehen aufklopfend, auf dem Fußboden und den Bänken hin und her. Als sie den Fremden gewahrten, breiteten sie mit verzweifeltem Gackern die Flügel aus, stießen sich an den Wänden, und eines von ihnen flog auf den Ofen. Das sechs Arschin große Hüttchen war völlig ausgefüllt durch einen Ofen mit zerbrochener Ofenröhre, einen Webstuhl, der ungeachtet der Sommerzeit noch nicht hinausgetragen war, und einen schwarz gewordenen Tisch mit verbogener und gesprungener Tischplatte. Obgleich es draußen trocken war, stand doch an der Schwelle eine schmutzige Pfütze, die von einem früheren Regen her durch ein Loch in der Decke und im Dach entstanden war. Schlafgerüste gab es nicht. Schwerlich konnte man dies für einen Wohnraum halten – einen so entschiedenen Anblick von Verödung und Unordnung bot die Hütte von außen und von innen; gleichwohl wohnte in dieser Hütte Dawidka Bjely mit seiner ganzen Familie. Augenblicklich schlief Dawidka einen festen Schlaf. Er hatte sich trotz der Hitze des Junitages mit dem Kopf in seinen Schafpelz gewickelt und in die Ofenecke verkrochen. Das erschreckte Huhn, das auf den Ofen geflogen war, sich noch nicht von seiner Aufregung erholt hatte und auf dem Rücken Dawidkas hin und her lief, weckte ihn nicht einmal auf.

Da Nechljudow in der Hütte niemand sah, wollte er schon hinausgehen, als ein langgezogener Seufzer den Hausherrn verriet.

»Ei! wer ist denn da?« rief der gnädige Herr.

Vom Ofen her war noch ein gedehnter Seufzer zu vernehmen.

»Wer da? Kommt doch herunter!«

Noch ein Seufzer, ein Brüllen und ein lautes Gähnen antworteten auf den Anruf des gnädigen Herrn.

»Nun, wo bleibst du denn?«

Auf dem Ofen rührte es sich langsam: es zeigten sich die Schöße eines abgetragenen Schafpelzes; ein großer Fuß ließ sich herab in zerrissenem Bastschuh, dann ein anderer, und endlich zeigte sich die ganze Figur Dawidka Bjelys, der auf dem Ofen saß und sich langsam und unzufrieden mit seiner großen Faust die Augen rieb. Er erhob langsam den Kopf, schaute gähnend in die Hütte, und als er den gnädigen Herrn erblickt hatte, begann er sich ein wenig rascher zu bewegen als vordem, aber gleichwohl noch so langsam, daß Nechljudow es fertigbrachte, dreimal von der Pfütze zum Webstuhl und zurück zu gehen, während Dawidka immer noch vom Ofen herabstieg. Dawidka ›der Weiße‹ war wirklich weiß: seine Haare, sein Körper, sein Gesicht – alles war außerordentlich weiß. Er war von hohem Wuchs und sehr dick, aber so, wie das die Bauern sind, das heißt, nicht dick am Bauch, vielmehr am ganzen Körper. Seine Dicke war aber ganz weich und ungesund. Sein ziemlich hübsches Gesicht mit hellblauen, ruhigen Augen und einem breiten, großen Bart trug den Stempel der Kränklichkeit. An ihm war weder Bräunung von der Sonne noch Backenröte zu bemerken; es war gleichmäßig von einer ganz blassen, gelblichen Farbe, mit leichtem lilafarbigem Schatten um die Augen, und es sah aus, als sei es völlig von Fett aufgeschwemmt oder aufgeschwollen. Seine Hände waren sehr dick, gelblich wie die Hände Wassersüchtiger und bedeckt mit dünnen weißen Haaren. Er war so verschlafen, daß er durchaus nicht die Augen öffnen konnte und auch nicht zu stehen vermochte, ohne zu wanken und zu gähnen.

»Nun, wie, schämst du dich denn nicht,« begann Nechljudow, »am hellen, lichten Tag zu schlafen, wenn du den Hof bauen mußt, weil du kein Brot hast?«

Als Dawidka nur eben vom Schlafe zu sich gekommen war und zu begreifen begann, daß der gnädige Herr vor ihm stehe, faltete er die Hände unter dem Bauch, senkte den Kopf, neigte ihn ein wenig zur Seite und rührte kein Glied mehr. Er schwieg; aber der Ausdruck seines Gesichtes und die Haltung seines ganzen Körpers sagte: ›Ich weiß, ich weiß; ich muß das nicht zum ersten Male hören. Nun, schlagen Sie mich doch, wenn es so nötig ist – ich werde es schon ertragen.‹ Es schien, als wünschte er, der gnädige Herr möchte aufhören zu sprechen und ihn lieber schlagen, ihn sogar so, daß es weh täte, auf die dicken Backen schlagen, ihn aber nur möglichst bald wieder in Ruhe lassen. Da Nechljudow merkte, daß ihn Dawidka gar nicht verstand, bemühte er sich, durch verschiedene Fragen den Bauern aus seinem ergeben-geduldigen Schweigen aufzurütteln.

»Weshalb hast du mich denn eigentlich um Holz gebeten, da doch solches schon einen ganzen Monat bei dir liegt und die allerfreieste Zeit über so liegt, wie?«

Dawidka schwieg hartnäckig und rührte sich nicht.

»Nun, so antworte doch!«

Dawidka murmelte irgend etwas und zuckte mit seinen weißen Wimpern.

»Man muß aber doch arbeiten, Brüderlein; ohne Arbeit, was wird denn da sein? Siehst du, jetzt hast du kein Brot; aber weshalb das alles? Weil bei dir der Boden schlecht gepflügt ist; ja, gar nicht zum zweiten Male, ja, nicht zur Zeit besät – alles aus Faulheit. Du bittest mich um Brot: nun, nehmen wir an, ich würde dir etwas geben, weil es nicht angeht, daß du Hungers stirbst; ja aber, siehst du, so zu tun taugt doch nichts. Wessen Brot werde ich dir denn geben? Wessen glaubst du wohl? Antworte doch, wessen Brot werde ich dir geben?« fragte Nechljudow hartnäckig.

»Herrenbrot . . .« murmelte Dawidka, indem er schüchtern und bittend die Augen erhob.

»Aber das Herrenbrot, woher kommt es denn? Urteile doch selber. Wer hat es gepflügt? Wer hat es geeggt? Wer hat es gesät? Wer hat es geerntet? Die Bäuerlein? Ist es so? Du siehst also: wenn man schon den Bauern Herrenbrot austeilen muß, so muß man denen mehr davon zuteilen, die mehr dafür gearbeitet haben; du aber hast weniger als alle andern gearbeitet – über dich beklagt man sich auch beim Dienst für die Herrschaft –, weniger als alle andern hast du gearbeitet, und mehr als alle bettelst du um Herrenbrot. Wofür soll man denn dir geben und den andern nicht? Siehst du, wenn alle wie du auf der Seite lägen, so wären wir alle auf der Welt längst schon Hungers gestorben. Man muß sich mühen, Brüderchen, dies aber ist schlecht – hörst du, Dawid?«

»Ich höre«, sprach er langsam durch die Zähne.

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