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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 56
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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8

Komm, zeig mir deine Pferde! Sind sie bei dir auf dem Hofe?«

»Genau so. Euer Gnaden, wie es mir befohlen ist, so ward es auch getan, Euer Gnaden. Können wir denn ungehorsam sein, Euer Gnaden? Mir befahl Jakow Alpatitsch, die Pferde morgen nicht aufs Feld zu lassen, der Fürst werde sie anschauen; wir haben sie auch nicht fortgelassen. Wir wagen schon nicht, Euer Gnaden ungehorsam zu sein.«

Während Nechljudow zur Tür schritt, nahm Juchwanka die Pfeife vom Schlafgerüst und warf sie hinter den Ofen; seine Lippen bewegten sich ganz ebenso unruhig auch zu der Zeit, als der gnädige Herr nicht auf ihn schaute.

Eine magere graue Stute wühlte unter dem Schirmdach in faulem Stroh, ein zweimonatiges langbeiniges Füllen von einer ganz unbestimmten Farbe, mit bläulichen Füßen und bläulichem Maul, ging nicht von ihrem hageren Schwanz weg, in dem Kletten hingen. Inmitten des Hofes stand, die Augen geschlossen und nachdenklich das Haupt geneigt, ein dickbäuchiger brauner Wallach, augenscheinlich ein gutes Bauernpferd.

»So, sind das hier alle deine Pferde?«

»Keineswegs, Euer Gnaden, da ist noch eine kleine Stute, ja, und da noch ein kleines Füllchen,« antwortete Juchwanka, indem er auf die Pferde zeigte, die sein Herr gar nicht übersehen konnte.

»Ich sehe schon. Welches willst du denn verkaufen?«

»Aber da gerade dieses da, Euer Gnaden,« antwortete er, und er wies mit seinem Rockschoß auf den verschlafenen Wallach, wobei er unaufhörlich mit den Augen zwinkerte und seine Lippen bewegte. Der Wallach öffnete die Augen und drehte ihm faul seine Rückseite zu.

»Er ist dem Augenschein nach nicht alt und an sich ein stämmiges Pferdchen,« sprach Nechljudow. »Fasse es und zeige mir die Zähne! Ich erkenne, ob es alt ist.«

»Ich kann es auf keine Weise allein festkriegen. Euer Gnaden. Das ganze Vieh ist keinen Groschen wert, es hat Mucken, beißt und schlägt mit den Vorderfüßen aus, Euer Gnaden,« antwortete Juchwanka. Er lachte dabei sehr vergnügt und wandte die Augen nach verschiedenen Seiten hin.

»Was für ein Unsinn! Faß es, sag ich dir!«

Juchwanka lächelte lange, indem er von einem Fuß auf den andern trat, und erst als Nechljudow zornig schrie: »Nun, wirds bald?« stürzte er hinter das Schirmdach, brachte ein Halfter hervor und begann hinter dem Pferde herzujagen, wobei er es erschreckte und von hinten, nicht von vorn, auf dieses zukam.

Dem jungen gnädigen Herrn war es offenbar langweilig geworden, dem zuzuschauen, ja, und vielleicht wollte er auch seine Geschicklichkeit zeigen. »Gib mir das Halfter!« sprach er.

»Erbarmen Sie sich! Wie ist das möglich für Euer Gnaden? Geruhen Sie doch nicht . . .«

Nechljudow schritt aber gerade von vorn auf das Pferd zu, und es unversehens an den Ohren fassend, beugte er es mit einer solchen Kraft zur Erde nieder, daß der Wallach, der, wie es sich erwies, ein sehr frommes Bauernpferdchen war, schwankte und zu röcheln begann, wobei er sich bemühte, sich loszureißen. Als Nechljudow gemerkt hatte, daß es völlig unnötig war, solche Gewalt anzuwenden, und er auf Juchwanka schaute, der gar nicht aufhörte zu lächeln, kam ihm der in seinem Alter allerbeleidigendste Gedanke in den Kopf, daß Juchwanka über ihn lache und ihn im stillen für ein Kind halte. Er errötete, ließ die Ohren des Pferdes los, öffnete ihm ohne die Hilfe des Halfters das Maul und betrachtete die Zähne: die Eckzähne waren heil, die Kronen der Vorderzähne noch ausgefüllt, was der junge Landwirt schon gelernt hatte; es war also ein junges Pferd.

Juchwanka ging währenddessen zum Schirmdach hin, und als er gemerkt hatte, daß eine Egge nicht am rechten Platz lag, hob er sie auf, lehnte sie an den Zaun und stellte sie aufrecht hin.

»Komm hierher!« rief der gnädige Herr mit einem kindlich betrübten Gesichtsausdruck und fast mit Tränen des Verdrusses und des Ärgers in der Stimme. »Wie alt ist dieses Pferd?«

»Erbarmen Sie sich. Euer Gnaden, sehr alt, zwanzig Jahre wird es alt sein . . . ein solches Pferd . . .«

»Schweig! Du bist ein Lügner und ein Taugenichts, weil ein ehrlicher Bauer nicht lügen wird; er hat es nicht nötig!« sprach Nechljudow. Er keuchte, weil Tränen des Zornes ihm in der Kehle aufstiegen. Um sich nicht bloßzustellen, indem er vor dem Bauern in Tränen ausbreche, verstummte er. Juchwanka schwieg gleichfalls; mit der Miene eines Menschen, der sogleich in Tränen ausbrechen wird, zog er ein paarmal die Luft durch die Nase und zuckte leicht mit dem Kopf. »Nun, womit wirst du denn pflügen gehen, wenn du dieses Pferd verkauft hast?« fuhr Nechljudow fort, als er sich hinlänglich beruhigt hatte, um mit seiner gewöhnlichen Stimme zu sprechen. »Man sendet dich absichtlich ohne Pferd zur Arbeit, damit deine Pferde zum Pflügen Kraft haben, und du willst dein letztes Pferd verkaufen? Aber die Hauptsache, weshalb lügst du?«

Als sich der gnädige Herr nur eben beruhigt hatte, hatte sich auch Juchwanka beruhigt. Er stand aufgerichtet da, und während er noch immer ebenso seine Lippen bewegte, liefen seine Augen von einem Gegenstand zum andern.

»Wir werden für Euer Gnaden«, antwortete er, »nicht schlechter als die anderen zur Arbeit fahren.«

»Ja, womit wirst du denn fahren?«

»Seien Sie nur unbesorgt, wir werden mit der Arbeit für Euer Gnaden schon fertig werden!« antwortete er und schrie dann den Wallach an und jagte ihn weg. »Wenn ich nicht Geld nötig hätte, würde ich ihn dann wohl verkaufen?«

»Wozu hast du denn Geld nötig?«

»Brot habe ich keines, Euer Gnaden; ja, und dem Bäuerlein muß ich auch meine Schuld abzahlen. Euer Gnaden.«

»Wie, hast du denn kein Brot? Weshalb haben es denn noch die andern, die Kinder haben, und du, der du kinderlos bist, hast keines? Wo ist es denn hingekommen?«

»Gegessen haben wir es, Euer Gnaden, und jetzt ist kein Krümel mehr da. Ein Pferd kaufe ich mir im Herbst, Euer Gnaden.«

»Wage nicht noch einmal daran zu denken, das Pferd zu verkaufen!«

»Wie denn, Euer Gnaden, wenn dem so ist, wie soll dann unser Leben sein? Brot gibt es nicht, und zu verkaufen wage ich nichts«, antwortete er völlig zur Seite, indem er die Lippen bewegte und plötzlich einen frechen Blick dem gnädigen Herrn grade ins Gesicht richtete. »Das heißt also, man muß Hungers sterben.«

»Nimm dich in acht, Bruder!« schrie Nechljudow erbleichend, und er empfand ein böses persönliches Gefühl gegen den Bauern; »solche Bauern wie du werde ich nicht halten. Dir wird es noch einmal schlecht gehen.«

»Das ist der Wille Euer Gnaden,« antwortete Juchwanka, indem er die Augen schloß, mit geheuchelt ergebenem Ausdruck, »wenn ich es Ihnen nicht recht machte. Es scheint aber, man hat keine Laster an mir bemerkt. Ich weiß, daß, wenn ich schon Euer Erlaucht nicht gefallen habe, alles in Ihrem Willen steht; nur weiß ich nicht, wofür ich leiden muß.«

»Aber, siehst du, dafür: daß bei dir der Hof kein Schirmdach hat, der Mist nicht untergepflügt, der Zaun zerbrochen ist und du zu Hause sitzt, ja, und eine Pfeife rauchst, aber nicht arbeitest; dafür, daß du deiner Mutter, die dir die ganze Wirtschaft abgab, kein Stück Brot gibst, deiner Frau erlaubst, sie zu schlagen, und sie dahin brachtest, daß sie kam, sich bei mir zu beklagen.«

»Erbarmen Sie sich, Euer Erlaucht; ich weiß nicht einmal, was es da für Pfeifen gibt«, antwortete verwirrt Juchwanka, dem augenscheinlich vor allem die Beschuldigung, eine Pfeife zu rauchen, kränkend war. »Von einem Menschen kann man alles sagen.«

»Da lügst du wiederum! Ich habe es selbst gesehen!«

»Wie wage ich denn, Euer Erlaucht zu belügen!«

Nechljudow schwieg. Er biß sich die Lippen und begann im Hofe auf und ab zu gehen. Juchwanka rührte sich nicht vom Fleck und verfolgte, ohne die Augen aufzuheben, mit den Blicken die Füße des gnädigen Herrn.

»Höre, Epiphan,« sprach Nechljudow mit kindlich sanfter Stimme, indem er vor dem Bauern stehen blieb und sich bemühte, seine Aufregung zu verbergen, »so zu leben ist unmöglich, und du wirst dich zugrunde richten. Denk einmal schön nach! Wenn du ein guter Bauer sein willst, so ändere du dein Leben, gib deine schlechten Gewohnheiten auf: lüge nicht, trinke nicht, achte deine Mutter. Ich weiß ja alles über dich. Beschäftige dich mit deiner Wirtschaft, nicht aber damit, Kronsholz zu stehlen, ja, und ins Wirtshaus zu gehen. Was ist da Schönes dran? Wenn du an irgend etwas Mangel leidest, so komm zu mir; erbitte ganz offen, was nötig ist und wofür, und lüge nicht, sage vielmehr die ganze Wahrheit; dann werde ich dir nichts abschlagen.«

»Erbarmen Sie sich, Euer Gnaden; wir können, scheint es, Euer Erlaucht verstehen!« antwortete Juchwanka, indem er so lächelte, als ob er durchaus den vollen Reiz des Scherzes seines Herrn zu würdigen verstehe.

Dieses Lächeln und diese Antwort enttäuschten Nechljudow völlig in seiner Hoffnung, den Bauern zu rühren und ihn durch Ermahnung auf den richtigen Weg zu bringen. Auch schien es ihm immer so, als ob es unziemlich für ihn sei, der die Macht habe, seinen Bauern zu ermahnen, und als ob alles, was er ihm gesagt habe, durchaus nicht das sei, was sich zu sagen gehöre. Er senkte traurig den Kopf und trat in den Vorraum. Auf der Schwelle saß die Greisin und stöhnte laut, wie es schien, zum Zeichen des Einverständnisses mit den Worten des gnädigen Herrn, die sie gehört hatte.

»Da hast du etwas für Brot!« sagte ihr Nechljudow ins Ohr, indem er ihr einen Geldschein in die Hand drückte; »kaufe nur selber und gib es nicht dem Juchwanka, der wird es nur vertrinken.«

Die Greisin griff mit ihrer knochigen Hand an den Türrahmen, um aufzustehen, und wollte dem gnädigen Herrn danken; ihr Kopf wackelte. Nechljudow war aber schon auf der andern Seite der Straße, als sie sich endlich erhoben hatte.

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