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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 55
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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7

Als das junge Weib mit dem gnädigen Herrn fast zusammengestoßen war, stellte es flink den Bottich hin, senkte die Augen zu Boden, verbeugte sich und schaute dann erst mit leuchtendem Blick von unten her zu dem gnädigen Herrn auf, und indem sie sich bemühte, mit dem Ärmel des gestickten Hemdes ein leichtes Lächeln zu verbergen, lief sie mit den Schuhen klappernd zur Treppe.

»Du, Mütterchen, bring den Tragbalken zur Tante Nastassja zurück,« sagte sie, indem sie in der Tür stehen blieb und sich an die Alte wandte.

Der züchtige junge Gutsbesitzer blickte streng, aber aufmerksam auf das rotbäckige Weib, verzog seine Stirn und wandte sich an die Greisin, die mit ihren krummen Fingern den Tragbalken losmachte, ihn auf die Schultern nahm und sich soeben gehorsam der Nachbarshütte zuwandte.

»Ist dein Sohn zu Hause?« fragte der gnädige Herr.

Die Greisin bückte ihren gebeugten Körper noch mehr, verneigte sich und wollte etwas sagen; indem sie aber die Hände an den Mund legte, fing sie derart zu husten an, daß Nechljudow, ohne abzuwarten, in die Hütte trat. Als Juchwanka, der in der ›roten‹ Ecke auf der Bank saß, den gnädigen Herrn erblickte, stürzte er zum Ofen hin, als ob er sich vor ihm verbergen wolle, legte eiligst irgendein Ding auf das Schlafgerüst, und mit Mund und Augen zwinkernd, drückte er sich an die Wand hin, als wolle er dem gnädigen Herrn Platz machen. Juchwanka war ein rotblonder Bursche von dreißig Jahren, hager, gut gewachsen, mit einem jungen, spitzen Kinn, ziemlich hübsch, wenn nicht seine unruhigen grauen Augen gewesen wären, die aus seinen verzogenen Brauen unangenehm hervorschauten, und wenn ihm nicht zwei Vorderzähne gefehlt hätten, was sogleich in die Augen fiel, weil seine Lippen kurz waren und sich unaufhörlich bewegten. Er trug ein Feiertagshemd mit grellroten Achselzwickeln, gestreifte Kattunhosen und schwere Stiefel mit gefalteten Schäften. Das Innere der Hütte Juchwankas war nicht so eng und finster wie das Innere der Hütte von Tschuris, obgleich es auch in ihr schwül war, nach Rauch und Schafpelz roch und ebenso unordentlich Männerkleider und Hausgeräte umherlagen. Zwei Dinge zogen die Aufmerksamkeit besonders auf sich: ein nicht großer, krummer Samowar, der auf dem Wandbrett stand, und ein schwarzer Rahmen mit dem Rest eines schmutzigen Glases und dem Bild irgendeines Archimandriten mit krummer Nase und sechs Fingern, das bei dem in Kupfer gefaßten Heiligenbild hing. Nechljudow schaute nicht gerade wohlwollend auf den Samowar, das Porträt des Archimandriten und das Schlafgerüst, an dem, aus irgendeinem alten Lumpen hervor, das Ende einer Pfeife mit Kupferbeschlag hing, und wandte sich an den Bauern.

»Guten Tag, Epiphan,« sagte er, wobei er ihm in die Augen schaute.

Epiphan verneigte sich und murmelte: »Gesundheit wünschen wir Euer Gnaden,« wobei er das letzte Wort besonders zärtlich aussprach, und seine Augen umliefen dabei augenblicklich die ganze Gestalt des gnädigen Herrn, die Hütte, den Fußboden und die Decke, ohne bei irgend etwas stehen zu bleiben. Dann ging er eilig zu dem Schlafgerüst, zog dort seinen Rock hervor und begann ihn anzuziehen.

»Weshalb ziehst du dich denn an?« sprach Nechljudow, während er sich auf die Bank setzte und sich augenscheinlich bemühte, den Epiphan möglichst streng anzublicken.

»Wie denn, erbarmen Sie sich doch. Euer Gnaden, kann man denn . . .? Wir, scheint es, können verstehen . . .«

»Ich bin zu dir gekommen, um zu erfahren, weshalb du es nötig hast, ein Pferd zu verkaufen, ob du viele Pferde hast und welches Pferd du verkaufen willst,« sprach trocken der gnädige Herr, augenscheinlich vorbereitete Fragen wiederholend.

»Wir sind hoch zufrieden mit Euer Gnaden, daß Sie sich nicht ekelten, zu uns zu kommen, zu einem Bauern,« antwortete Juchwanka, und er warf rasche Blicke auf das Bild des Archimandriten, auf den Ofen, auf die Stiefel des gnädigen Herrn und überhaupt auf alle Gegenstände, ausgenommen das Gesicht Nechljudows. »Wir beten immer für Euer Gnaden zu Gott . . .«

»Weshalb mußt du ein Pferd verkaufen?« wiederholte Nechljudow, wobei er seine Stimme erhöhte und sich räusperte.

Juchwanka seufzte, strich sein Haar zurecht (sein Blick umlief wiederum die Hütte), und als er eine Katze bemerkt hatte, die friedlich auf der Bank liegend schnurrte, schrie er sie an: »Fort, Luder!« und wandte sich eiligst an den gnädigen Herrn. »Das Pferd, welches, Euer Gnaden, nichts taugt . . . Wenn es ein gutes Tier wäre, würde ich es nicht verkaufen. Euer Gnaden . . .«

»Wieviel Pferde hast du denn überhaupt?«

»Drei, Euer Gnaden.«

»Sind keine Füllen darunter?«

»Wie ist das denn möglich, Euer Gnaden! Auch ein Füllen ist dabei.«

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