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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 54
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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6

Juchwanka Mudreny will ein Pferd verkaufen,« las Nechljudow in seinem Notizbüchlein und ging über die Straße hinüber zum Hofe von Juchwanka Mudreny. Dessen Hütte war sorgfältig bedeckt mit Stroh aus dem Herrnhofe und gefügt aus frischem, hellgrauem Espenholz (ebenfalls aus dem vom gnädigen Herrn abgetretenen Walde); sie hatte zwei rot gestrichene Läden an den Fenstern und ein Aufgangstreppchen mit einem Schirmdach und mit phantastisch ausgeschnittenen, glatt gehobelten Geländerchen. Der Vorraum und die ›kalte Hütte‹ waren gleichfalls so, wie sichs gehört; aber der allgemeine Eindruck der Zufriedenheit und Genügsamkeit, den dieser Bau hervorrief, wurde ein wenig getrübt durch die Kornkammer, die an das Tor angebaut war und einen nicht fertigen Zaun und ein ungedecktes Schirmdach hatte, das hinter ihr zum Vorschein kam. Zu der Zeit, als Nechljudow von der einen Seite her sich dem Eingang näherte, schritten von der anderen zwei Bauernweiber zu ihm hin, die einen vollen Bottich trugen. Eine von ihnen war die Frau, die andere die Mutter des Juchwanka Mudreny. Jene war ein stämmiges, rotbäckiges Weib mit ungewöhnlich entwickelter Brust und breiten Backenknochen. Sie trug ein reines, an den Ärmeln und am Kragen gesticktes Hemd, auch der Brustlatz war gestickt, einen neuen Rock, Schuhe, Glasperlenkette und einen viereckigen schmucken Kopfputz, der ausgestickt war mit rotem Garn und kleinen Metallplättchen. Das Ende des Tragbalkens schaukelte nicht, lag vielmehr ruhig auf ihrer breiten und festen Schulter. Die leichte Anspannung, die in ihrem roten Gesicht und in der Krümmung des Rückens und der gemessenen Bewegung der Hände und Füße zu bemerken war, verriet in ihr eine außerordentliche Gesundheit und männliche Kraft. Die Mutter des Juchwanka, die das andere Ende des Tragbalkens trug, war im Gegensatz dazu eine von jenen Greisinnen, die bei lebendigem Leibe an der Grenze des Alters und des Zerfalls angelangt zu sein scheinen. Ihr knochiger Körper – sie trug ein schwarzes, zerrissenes Hemd und einen ausgeblichenen Rock – war gebeugt, so daß der Tragbalken mehr auf ihrem Rücken als auf ihrer Schulter lag. Ihre Hände mit den gekrümmten Fingern, in denen sie den Tragbalken so hielt, als ob sie sich an ihm festhalten wolle, waren von einer ganz dunklen Farbe und konnten sich, so schien es, schon gar nicht mehr auseinanderbiegen; der herabhängende Kopf, der mit irgendeinem Lappen umwunden war, zeigte in höchstem Maße die entstellenden Züge der Armut und des hohen Alters. Unter ihrer niedrigen Stirn hervor, die nach allen Richtungen von tiefen Furchen durchzogen war, blickten glanzlos zwei gerötete Augen zur Erde, die keine Wimpern mehr hatten. Ein einziger gelber Zahn schaute aus der eingefallenen Oberlippe hervor, und in unaufhörlicher Bewegung berührte er sich bisweilen mit dem spitzen Kinn. Die Runzeln auf dem unteren Teil ihres Gesichtes und ihres Halses sahen wie Säckchen aus, die bei jeder Bewegung schaukelten. Sie atmete schwer und röchelnd; aber wenn es auch so schien, als ob ihre nackten, gekrümmten Füße sich über ihre Kraft über die Erde hinschleppten, so bewegten sie sich doch gleichmäßig, einer hinter dem anderen.

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