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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 53
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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5

Ja, was ich noch sagen wollte . . .« sagte Nechljudow, »weshalb ist denn bei dir der Mist nicht ausgefahren?«

»Was ist denn bei mir für ein Mist, Väterchen, Euer Erlaucht? Es ist auch gar nichts da, auszufahren. Mein Vieh, was ist es denn? Ein einziges Stutchen, ja, und ein Füllen; das Kühchen habe ich im vergangenen Herbst dem Verwalter kurz vor dem Kalben abgegeben – das ist mein ganzes Vieh!«

»Wie denn das, du hast wenig Vieh, und dabei hast du noch eine tragende Kuh abgegeben?« fragte mit Staunen der gnädige Herr.

»Womit soll man sie denn füttern?«

»Reicht denn dein Heu nicht aus, um eine Kuh zu füttern? Bei den anderen reicht es doch!«

»Die anderen haben fettes Land, mein Land ist aber Lehmboden, da ist nichts zu machen.«

»Nun, so dünge es doch, damit es nicht nur Lehm ist, und der Boden wird Brot geben, und du wirst genug haben, um das Vieh zu füttern.«

»Ja – aber Vieh habe ich nicht, woher soll denn der Mist kommen?«

›Das ist ja ein furchtbarer cercle vicieux!‹ dachte Nechljudow. Er vermochte aber entschieden nichts auszudenken, was er dem Bauern raten könne.

»Wiederum muß man auch das sagen. Euer Erlaucht, nicht der Mist gibt Brot, vielmehr alles gibt Gott,« fuhr Tschuris fort. »Sehen Sie, ich hatte voriges Jahr auf dem Brachfeld sechs Heuhaufen, auf dem gedüngten Feld hat man aber nicht einmal einen Garbenhaufen gesammelt. Niemand anders als Gott!« fügte er mit einem Seufzer hinzu. – »Ja, und das Vieh bleibt nicht in unserem Hof. Sehen Sie, das sechste Jahr lebt es nicht. Vergangenes Jahr ist ein Kälbchen krepiert, ein anderes habe ich verkauft: ich hatte nichts, um es zu füttern; im vorletzten Jahr ist eine tüchtige Kuh gefallen: sie kam von der Weide – gar nichts fehlte ihr, plötzlich schwankte sie, und der Atem verging ihr. Alles mein Unglück!«

»Nun, mein Brüderchen, damit du nicht sagst, du habest deshalb kein Vieh, weil du kein Futter hast, und kein Futter deshalb, weil du kein Vieh hast, da hast du genug für eine Kuh«, sprach Nechljudow, indem er errötend aus der Hosentasche ein zusammengedrücktes Bündel Geldscheine hervorholte und es auseinandernahm. »Kaufe dir auf mein Glück eine Kuh, Futter nimm aber von meiner Tenne – ich werde es ansagen. Sieh aber zu, daß du am kommenden Sonntag eine Kuh hast: ich werde nachschauen.«

Da aber Tschuris lange Zeit hindurch, verlegen lächelnd, seine Hand nicht nach dem Gelde ausstreckte, legte es Nechljudow auf das Tischende und errötete noch mehr.

»Sehr zufrieden mit Euer Gnaden,« sprach Tschuris mit seinem gewöhnlichen, ein wenig spöttischen Lächeln.

Die Alte unter dem Schlafgerüst seufzte einige Male schwer, und es war, als ob sie ein Gebet murmele.

Dem jungen gnädigen Herrn ward es peinlich; er erhob sich eilig von der Bank, ging zum Vorraum und rief Tschuris zu sich hinaus. Der Anblick des Menschen, dem er eine Wohltat erwiesen hatte, war ihm so angenehm, daß er sich nicht so rasch von ihm zu trennen wünschte.

»Ich bin froh, dir helfen zu können«, sprach er, indem er beim Brunnen stehen blieb. »Man kann dir helfen, weil ich weiß, daß du nicht faul sein wirst. Du wirst dich bemühen und ich werde helfen. Mit Gottes Hilfe wirst du auch wieder gesund werden.«

»Es handelt sich schon nicht darum, gesund zu werden, Euer Erlaucht,« sprach Tschuris, wobei er plötzlich einen ernsten, sogar strengen Gesichtsausdruck annahm, gerade so, als ob er sehr unzufrieden sei mit der Annahme des gnädigen Herrn, daß er überhaupt gesund werden könne. »Wir lebten unter dem Väterchen mit meinen Brüdern und sahen in nichts Not; als er aber eben gestorben war, ja, als wir uns getrennt hatten, da ist alles schlechter und schlechter gegangen. Alles ist die Einsamkeit!«

»Weshalb habt ihr euch dann aber getrennt?«

»Alles ist wegen der Weiber so gekommen, Euer Erlaucht. Damals war schon Ihr Großväterchen nicht mehr am Leben, denn bei ihm hätten sie es nicht gewagt – da herrschte noch wirkliche Ordnung; er ging ebenso wie auch Sie auf alles selber ein – und wir hätten nicht einmal gewagt, daran zu denken, uns zu trennen. Aber der Verstorbene liebte es nicht, den Bauern nachzugeben. Nach Ihrem Großväterchen hatte die Verwaltung Andrej Iljitsch übernommen – Friede seiner Asche! –, er war ein Trunkenbold und unzuverlässiger Mensch. Wir kamen mit der Bitte zu ihm, einmal, ein zweites Mal: ›Es ist sozusagen kein Leben wegen der Weiber; erlaube, daß wir uns trennen!‹ Nun, er prügelte, er prügelte; aber endlich kam es doch dazu, daß die Weiber gleichwohl ihren Willen durchsetzten; wir begannen getrennt zu leben; es ist aber bekannt, was der alleinstehende Bauer ist! Nun ja, auch Ordnung gab es damals gar keine; Andrei Iljitsch ging mit uns um, wie er wollte: ›Du mußt alles haben.‹ Woher es aber der Bauer nehmen soll, danach fragte er gar nicht. Damals wurden die Kopfabgaben erhöht, Tischvorräte wurden mehr eingesammelt, der Boden wurde weniger, und das Korn hörte auf, sich zu vermehren. Als aber die Vermessung kam, ja, und er unsere fetten Länder seinem eigenen Land zuschnitt, der Übeltäter, da richtete er uns völlig zugrunde: ›Stirb nur!‹ Ihr Väterchen – das Himmelreich ihm! – war ein guter, gnädiger Herr, ja, wir sahen ihn auch kaum: immer lebte er in Moskau; nun, es ist bekannt, auch Fuhren begann man häufiger dahin zu treiben. Ein andermal ist die Zeit der schlechten Wege, es gibt kein Futter, aber fahre nur! Es kann aber ja auch der gnädige Herr nicht ohne das auskommen. Wir wagen nicht darüber gekränkt zu sein; ja, es war aber keine Ordnung. Wie jetzt Euer Gnaden jedes Bäuerlein vor Ihr Gesicht lassen, so sind auch wir andere geworden, und auch der Verwalter wurde ein anderer Mensch. Wir wissen jetzt wenigstens, daß wir einen gnädigen Herrn haben. Und man kann auch schon sagen, daß die Bäuerlein Euer Gnaden dankbar sind. Sonst aber gab es unter der Vormundschaft keinen wirklichen gnädigen Herrn; jeder war da gnädiger Herr: sowohl der Vormund ist ein gnädiger Herr, und Iljitsch ist ein gnädiger Herr, und seine Frau ist gnädige Frau, und der Schreiber von der Polizei ist auch ein gnädiger Herr. Da litten viel, ja sehr viel Kummer die Bäuerlein!«

Wiederum empfand Nechljudow ein Gefühl, das der Scham ähnlich war oder Gewissensbissen. Er lüftete seinen Hut und ging weiter.

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