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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 52
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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4

Der junge Gutsbesitzer wollte augenscheinlich noch etwas fragen, er erhob sich wenigstens nicht von seinem Sitze und blickte unentschlossen bald auf Tschuris, bald auf den leeren, ungeheizten Ofen.

»Wie, habt ihr schon zu Mittag gegessen?« fragte er endlich.

Unter dem Schnauzbart von Tschuris zuckte es wie ein spöttisches Lächeln, als ob es ihm komisch vorkomme, daß der gnädige Herr so dumme Fragen stellte. Er antwortete gar nicht.

»Was für ein Mittagessen denn, Ernährer?« stieß schwer seufzend Tschuris' Weib hervor. »Brot haben wir gegessen, das ist unser Mittagessen. Kohlsuppe zu bereiten, war nichts da, und was wir an Kwaß hatten, haben wir den Kindern gegeben . . .«

»Heute sind ›hungrige Fasten‹, Euer Erlaucht!« mischte sich Tschuris selber ein, die Worte seines Weibes deutend. »Brot und Zwiebeln, das ist unser Bauernessen. Noch hat – Gott sei Ruhm dafür – das Brötchen bei uns bis jetzt gereicht – durch Eure Gnade. Aber sonst – dicht nebenan bei unseren Nachbarn, da ist auch kein Brot mehr da . . . Zwiebeln hat es dieses Jahr überhaupt nicht gegeben. Bei dem Gemüsebauer Michael – unlängst haben wir dahin geschickt – verlangt man für ein Bündel einen Groschen, aber zu kaufen haben wir doch nichts . . . Von Ostern an gehen wir auch nicht mehr zur Kirche und haben nicht einmal ein Lichtchen dem Nikolai aufzustellen!«

Nechljudow kannte lange schon und nicht nur vom Hörensagen, vielmehr aus eigenster Anschauung, jenes äußerste Maß von Armut, in dem seine Bauern lebten. Diese ganze Wirklichkeit stand aber in einem solchen Gegensatz zu seiner Erziehung, zu seiner Denkweise und Lebensführung, daß er wider Willen immer wieder diese Wahrheit vergaß. Und jedesmal, wenn man ihn, wie jetzt, lebhaft und greifbar an sie erinnerte, ward es ihm unerträglich schwer und traurig im Herzen, als quäle ihn die Erinnerung an irgendein von ihm begangenes und nie mehr zu sühnendes Verbrechen.

»Weshalb seid ihr denn so arm?« rief er aus, unwillkürlich seinen Gedanken Ausdruck verleihend.

»Ja, wie sollen wir denn sein, Väterchen, Euer Erlaucht, wenn nicht arm? Unser Boden ist so – Sie selber geruhen es zu wissen: Lehm, Hügelland; ja, und dann, augenscheinlich haben wir Gottes Zorn erregt. Schon von der Cholerazeit an wächst kein Brot mehr. Wiesen und Weideland ist wiederum weniger geworden; einiges wurde von der Gutsverwaltung in Bebauung genommen, anderes hat man einfach der Herrschaft zugeteilt . . . Meine Sache ist langsam alt geworden . . . Wenn ich auch froh wäre, mich zu regen – ich habe keine Kräfte mehr. Meine Alte ist krank, jedes Jahr gebiert sie Mädchen, und alle müssen doch gefüttert werden . . . Siehst du, ich allein rühre mich, zu Hause aber sind sieben Seelen. Ich bin wohl sündig vor Gott, dem Herrn! Oft denke ich mir: Würde Gott nur eines oder das andere der Kinderchen rascher zu sich nehmen! Mir wäre es leichter, ja, und auch ihnen wäre es besser, als hier Elend zu leiden . . .«

»Oh, oh!« seufzte laut das Weib, wie zur Bestätigung der Worte ihres Mannes.

»Siehst du, meine ganze Hilfe ist hier,« fuhr Tschuris fort, indem er auf einen dickbäuchigen, weißhaarigen, zerzausten Knaben von etwa sieben Jahren wies, der eben schüchtern und leise die Tür aufklinkte, in die Hütte trat und, indem er von unten her die erstaunten Augen auf den gnädigen Herrn richtete, sich mit beiden Händen am Hemd des Tschuris festhielt.

»Siehst du, das ist meine ganze Hilfe,« sprach mit klangvoller Stimme Tschuris und fuhr mit seiner rauhen Hand über die weißen Haare des Knaben. »Werde ich es wohl noch erleben, daß er mir wird helfen können? . . . Mir aber geht schon die Arbeit über die Kräfte. Das Alter wäre noch nichts, aber ein Leistenbruch hat mich überwältigt. Bei schlechtem Wetter möchte ich schreien, und es ist ja auch schon Zeit für mich, den Herrendienst aufzugeben und mich zu den Greisen zurückzuziehen. Da haben Dutlow, Dunkin, Sjabrjew – alle jünger als ich – längst ihr Land abgegeben. Nun, ich habe es niemandem abzugeben – das ist mein ganzes Unglück. Man muß sich füttern: und da schlage ich mich denn so herum, Euer Erlaucht.«

»Ich möchte dir gern Erleichterung schaffen, wirklich; aber wie soll ich das machen?« sprach der junge gnädige Herr mit Teilnahme, indem er auf den Bauern blickte.

»Ja, wie denn Erleichterung schaffen? Es ist doch eine bekannte Sache, wenn man Land besitzen will, so muß man auch Herrendienst leisten – das sind schon bekannte Einrichtungen. Irgendwie werde ich den Kleinen schon erwarten. Nur mögen Sie so gnädig sein – wegen der Schule, geben Sie ihn frei; unlängst ist der Gemeindeschreiber gekommen und sagte, auch ihn verlange Euer Erlaucht in die Schule. Ihn lassen Sie mir schon frei! Was hat er denn für einen Verstand, Euer Erlaucht! Er ist noch jung, er denkt noch gar nichts.«

»Nein, Bruder, das geht nicht so, wie du willst,« sagte der gnädige Herr, »dein Knabe kann schon begreifen, es ist Zeit für ihn zu lernen. Ich spreche doch zu deinem eigenen Besten. Urteile doch selber: Wenn er bei dir heranwachsen wird, wird er Hauswirt werden, ja, und wird zu lesen und zu schreiben verstehen, auch in der Kirche zu lesen – es wird ja alles bei dir zu Hause mit Gottes Hilfe gut gehen,« sprach Nechljudow, indem er sich bemühte, sich möglichst verständlich auszudrücken, dabei aber doch aus irgendeinem Grunde errötete und stotterte.

»Es ist nicht zu bestreiten, Euer Erlaucht, Sie wünschen uns nichts Böses. Ich und meine Frau sind beim Herrendienst; er aber, wenn er auch noch ein kleiner Kerl ist, hilft uns gleichwohl – das Vieh auf die Weide zu treiben und die Pferde zu tränken. Was für einer er auch ist, er ist aber gleichwohl ein Bauer,« und Tschurisenok faßte lächelnd den Knaben mit seinen dicken Fingern bei der Nase und schneuzte ihn.

»Gleichwohl schicke du ihn, wenn du selber zu Hause bist und er Zeit hat – hörst du? Unbedingt!«

Tschurisenok seufzte schwer und antwortete gar nichts.

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