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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 51
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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3

Nechljudow betrat die Hütte. Die ungleichen, verräucherten Wände waren in der ›schwarzen‹ Ecke mit verschiedenen Lappen und Kleidungsstücken behängt, in der ›roten‹ Ecke aber wörtlich bedeckt mit rötlichen Küchenschaben, die sich bei den Heiligenbildern und der Bank besonders dicht drängten. In der Mitte dieses schwarzen, stinkenden, sechs ArschinEhemaliges russisches Längenmaß = 0,71 m. großen Hüttchens war in der Decke ein großer Spalt, und obgleich an zwei Stellen Stützen standen, hatte sich die Decke so geneigt, daß sie jeden Augenblick einzustürzen drohte.

»Ja, die Hütte ist sehr schlecht«, sprach der gnädige Herr, indem er Tschurisenok anschaute, der, so schien es, gar nicht die Absicht hatte, über diesen Gegenstand zu sprechen.

»Sie wird uns totschlagen, uns und die Kinderchen wird sie totdrücken«, begann mit weinerlicher Stimme das Weib, das sich unter dem Schlafgerüst an den Ofen gelehnt hatte.

»Du, schwatze nicht!« sprach Tschuris streng, und mit feinem, kaum wahrnehmbarem Lächeln, das sich unter seinem Schnurrbart abzeichnete, wandte er sich an den gnädigen Herrn, »ich kann mir gar nicht klar werden, was ich mit ihr tun soll. Euer Erlaucht, mit der Hütte meine ich, ich habe sowohl Stützen wie auch Unterlagen gelegt, nichts kann man erreichen.«

»Wie soll man hier den Winter zubringen? Ach, ach, ach!« sprach das Weib.

»Das ist es eben, wenn man noch Stützen aufstellt, eine neue Deckenlatte anschlägt,« unterbrach sie ihr Mann mit ruhigem, geschäftigem Ausdruck, »ja, eine Dachstange auswechselt, so werden wir vielleicht irgendwie den Winter zubringen. Leben kann man dann, nur wird man die ganze Hütte mit Stützen versperren, das ist es; rührt man sie aber auch nur an, so wird kein lebendes Spänchen bleiben; nur solange sie steht, hält sie«, schloß er, augenscheinlich äußerst zufrieden damit, daß er auf diesen Gedanken gekommen war.

Nechljudow verdroß und schmerzte es, daß Tschuris es bis dahin hatte kommen lassen und sich nicht schon früher an ihn gewendet hatte, da er ja gleich von seiner Ankunft an den Bauern niemals irgend etwas abgeschlagen und eben erst durchgesetzt hatte, daß sich alle mit allen ihren Nöten unmittelbar an ihn wendeten. Er fühlte sogar eine gewisse Erbitterung gegen den Bauern, er zuckte erzürnt die Achseln und runzelte die Stirn, aber der Anblick der ihn umgebenden Armut und inmitten ihrer der ruhige und selbstzufriedene Ausdruck des Tschuris verwandelten seinen Verdruß in ein ganz trauriges, hoffnungsloses Gefühl.

»Nun, Iwan, warum hast du mir denn das nicht früher gesagt?« bemerkte er vorwurfsvoll, indem er sich auf die schmutzige schiefe Bank setzte.

»Ich wagte es nicht, Euer Erlaucht«, antwortete Tschuris mit ganz dem gleichen, kaum merkbaren Lächeln, indem er auf dem holprigen Boden von einem seiner schwarzen nackten Füße auf den anderen trat; er sagte das aber so kühn und ruhig, daß es schwer war zu glauben, er habe nicht gewagt, zum gnädigen Herrn zu kommen.

»Unsere Sache ist eine bäuerliche Angelegenheit, wie sollten wir es wagen?« begann schluchzend das Weib.

»Schwatze doch nicht!« wandte sich Tschuris von neuem an sie.

»In dieser Hütte kannst du nicht leben, das ist Unsinn!« sprach Nechljudow, nachdem er einige Zeit geschwiegen hatte. – »Nun sieh, was wir tun werden, Brüderchen . . .«

»Ich höre«, ließ sich Tschuris vernehmen.

»Hast du die steinernen Gerardowschen Hütten gesehen, die ich auf dem neuen Hofe erbaut habe, die mit den hohlen Mauern?«

»Wie sollte ich sie nicht gesehen haben!« antwortete Tschuris und ließ in einem Lächeln seine noch vollzähligen weißen Zähne sehen; »wir waren nicht wenig erstaunt, als man sie baute – schlaue Hütten sind es! Die Burschen lachten: ob das wohl ein Getreidespeicher werden soll, um vor den Ratten das Korn in die Mauern einzuschütten? Die Hütten sind trefflich!« schloß er mit dem Ausdruck spöttischen Nichtverstehens, wobei er den Kopf schüttelte, »gradeso wie ein Gefängnis.«

»Ja, die Hütten sind ausgezeichnet, trocken und warm und nicht so feuergefährlich«, bemerkte der gnädige Herr, und er verzog dabei sein junges Gesicht, offenbar unzufrieden mit dem Spott des Bauern.

»Es ist nicht zu bestreiten. Euer Erlaucht, die Hütten sind trefflich.«

»Nun, siehst du, eine Hütte ist schon ganz fertig. Sie ist zehn Arschin groß mit Vorraum und einem Speicher und vollkommen fertig. Ich werde sie dir am Ende gar abgeben, auf Vorschuß, zum Selbstkostenpreis; du wirst es irgendwann zurückzahlen«, sprach der gnädige Herr mit selbstzufriedenem Lächeln, das er nicht zurückhalten konnte in dem Gedanken, daß er eine Wohltat übe. »Du kannst deine alte Hütte abbrechen,« fuhr er fort, »sie wird zum Speicher dienen; den Hof werden wir gleichfalls überführen. Wasser ist dort vorzüglich. Einen Gemüseacker werde ich aus Neuland schneiden lassen. Dein Land werde ich in allen drei Feldern dir gleichfalls dort an Ort und Stelle anweisen. Trefflich wirst du dort leben.– Wie denn, gefällt dir das denn nicht?« fragte Nechljudow, da er bemerkt hatte, daß, sobald er nur angefangen hatte, von Übersiedlung zu sprechen, Tschuris in völlige Unbeweglichkeit verfallen war und ohne zu lächeln auf die Erde blickte.

»Das ist der Wille Euer Erlaucht«, antwortete er, ohne seine Augen zu erheben.

Das alte Frauchen beugte sich nach vorn, als ob man sie an der verwundbarsten Stelle getroffen habe, und machte Miene, etwas zu sagen, ihr Mann kam ihr aber zuvor.

»Wie Euer Erlaucht will,« sprach er entschlossen und dabei doch unterwürfig, indem er den gnädigen Herrn anschaute und mit einem Ruck seine Haare in Ordnung brachte, »aber auf dem neuen Hof ist uns nicht beschieden zu leben.«

»Weshalb denn?«

»Nein, Euer Erlaucht, wenn Sie uns dahin übersiedeln – um uns ist es auch hier schon schlecht bestellt, dort aber werden wir Ihnen nie ordentliche Bauern sein – was werden wir dort schon für Bauern sein? Ja, dort ist es auch nicht einmal möglich, zu leben, wie Sie wollen!«

»Ja, aber weshalb denn nur?«

»Bis zum letzten werden wir uns dort zugrunde richten, Euer Erlaucht.«

»Weshalb kann man denn dort nicht leben?«

»Was ist das denn dort für ein Leben? Urteile doch selber: der Ort ist unbewohnt, das Wasser unbekannt, Weide gibt es keine. Die Hanffelder sind hier bei uns von alters her fettes Land, aber dort? Ja, und was ist denn dort? Nackt und kahl! Weder Zäune, noch Getreidedarren, noch Scheunen, gar nichts ist dort. Wir werden zugrunde gehen. Euer Erlaucht, wenn du uns dahin jagen wirst, endgültig werden wir zugrunde gehen! Der Ort ist neu, unbekannt . . .« wiederholte er nachdenklich, wobei er aber entschieden den Kopf schüttelte.

Nechljudow wollte dem Bauern beweisen, daß die Übersiedlung im Gegenteil sehr vorteilhaft für ihn sei, daß man Zäune und Scheunen dort bauen werde, daß das Wasser dort gut sei usw., aber das starre Schweigen des Tschuris verwirrte ihn, und er fühlte aus irgendeinem Grunde, daß er nicht so spreche, wie es sich gehöre. Tschurisenok entgegnete ihm nicht; als aber der gnädige Herr verstummte, bemerkte er mit einem leichten Lächeln, es sei am allerbesten, auf jenem Hofe die greisen Hofleibeigenen anzusiedeln und Alescha, das Dummköpfchen, damit sie dort das Brot bewachten . . .

»Das wäre großartig!« bemerkte er und lächelte von neuem. – »Das andere aber ist ein Unsinn, Euer Erlaucht!«

»Was macht das denn aus, daß der Ort unbewohnt ist?« suchte Nechljudow geduldig von neuem zu überzeugen. »Siehst du, auch hier war irgendwann die Gegend unbewohnt, jetzt aber leben ja Leute hier, auch dort, siehst du, sobald du nur als erster übersiedelst mit leichter Hand . . . Zieh du nur unbedingt hinüber . . .«

»Väterchen, Euer Erlaucht, wie kann man das nur vergleichen!« antwortete Tschuris mit Lebhaftigkeit, als ob er fürchtete, der gnädige Herr möchte eine endgültige Entscheidung treffen. »Hier mit allen zusammen ist unser Platz, ein lustiger, gewohnter Platz: auch der Weg und der Teich ist da – hat das Weib Wäsche zu waschen oder das Vieh zu tränken. Ja, und unsere ganze Bauernwirtschaft ist hier von alters her eingerichtet, die Tenne und das Gemüsegärtchen und die Weiden, die meine Väter pflanzten; mein Großvater und mein Väterchen haben hier Gott ihre Seele zurückgegeben, und ich möchte nur, daß ich mein Leben hier beschließen kann. Euer Erlaucht, weiter bitte ich um gar nichts. Wenn Euer Gnaden mir behilflich ist, die Hütte auszubessern, werden wir sehr zufrieden bleiben mit Euer Gnaden; wenn aber nicht, so werden wir irgendwie in der alten unser Leben verbringen. Laß uns doch ewig zu Gott für dich beten,« fuhr er fort, indem er sich tief verneigte, »verjage uns nicht aus unserm Nest, Väterchen . . .«

Während Tschuris so sprach, wurde unter dem Schlafgerüst, dort, wo sein Weib stand, immer lauteres Schluchzen vernehmbar, und als ihr Mann sagte ›Väterchen‹, sprang sein Weib plötzlich hervor und stürzte sich in Tränen dem gnädigen Herrn zu Füßen:

»Richte uns nicht zugrunde, Ernährer! Du bist unser Vater, du bist unsere Mutter! Wo sollen wir uns denn hinwenden? Wir sind alte, alleinstehende Leute. Wie Gott, so auch du . . .« brüllte sie los.

Nechljudow sprang von der Bank auf und wollte die Alte aufheben, sie aber schlug wie in einer Art Wollust der Verzweiflung mit dem Kopfe auf den Erdboden und stieß die Hand des gnädigen Herrn zurück.

»Was machst du denn! Steh doch auf, ich bitte dich! Wenn ihr nicht wollt, so ist es ja nicht nötig; ich werde euch doch nicht zwingen,« sprach er, indem er eine abwehrende Handbewegung machte und zur Tür zurücktrat.

Als sich Nechljudow wieder auf die Bank gesetzt hatte und in der Hütte Schweigen eingetreten war, nur unterbrochen von dem Schluchzen des Weibes, das sich wiederum unter das Schlafgerüst zurückgezogen hatte und sich dort die Tränen mit ihrem Hemdärmel abwischte, da begriff der junge Gutsbesitzer, was für den Tschuris und sein Weib das zerfallende Hüttchen bedeutete, der zusammengestürzte Brunnen mit der schmutzigen Pfütze, die faulenden Ställchen, Speicherchen und die gesprungenen Weiden, die vor dem schiefen Fensterchen zu sehen waren, und ihm ward es seltsam schwer und traurig zumute, und er schämte sich über irgend etwas.

»Wie, Iwan, hast du denn aber nicht am letzten Sonntag in der Bauernversammlung gesagt, daß du eine Hütte nötig hast? Ich weiß jetzt nicht, wie ich dir helfen soll. Ich habe euch allen auf der ersten Versammlung gesagt, daß ich mich im Dorfe niedergelassen und mein Leben euch gewidmet habe, daß ich bereit bin, selber allem zu entsagen, wenn ihr nur zufrieden und glücklich seid – und ich schwöre vor Gott, daß ich mein Wort halten werde,« sprach der junge Gutsbesitzer, ohne zu ahnen, daß derartige Ergüsse völlig ungeeignet sind, in irgendwem Vertrauen zu erregen, und besonders in einem russischen Menschen, der nicht Worte liebt, sondern Taten, und ungern seine Gefühle ausdrückt, wie schön sie auch sein mögen.

Der naive junge Mann war aber so glücklich über das Gefühl, das er empfand, daß er es unbedingt ausströmen lassen mußte.

Tschuris hatte den Kopf zur Seite geneigt, und langsam blinzelnd hörte er seinem gnädigen Herrn mit gezwungener Aufmerksamkeit zu, wie jemandem, dem man nun einmal zuhören muß, wenn er auch Dinge spricht, die nicht ganz schön sind und uns auch gar nichts angehen.

»Ich kann aber doch nicht allen alles geben, worum sie mich bitten. Wenn ich es niemandem abschlagen würde, der mich um Holz bittet, so würde mir selber bald gar nichts mehr bleiben, und ich könnte dann nicht dem geben, der in Wahrheit Not leidet. Deshalb habe ich ja auch einen Teil meines Waldes abgetreten, ihn zur Ausbesserung der Bauernbauten bestimmt und ihn völlig der Bauerngemeinschaft übergeben. Dieser Wald gehört jetzt schon nicht mehr mir, vielmehr euch Bauern, und ich kann schon nicht mehr über ihn verfügen, es verfügt vielmehr die Bauerngemeinde, wie sie es versteht. Komme heute in die Versammlung, ich will da deine Bitte vorbringen. Wenn die Gemeinde bestimmt, dir eine Hütte zu geben, so ist das gut, ich habe jetzt keinen Wald mehr. Ich wünsche dir von ganzer Seele Hilfe; wenn du aber nicht übersiedeln willst, so ist das nicht meine Sache, sondern die der Gemeinde. Verstehst du mich?«

»Sehr zufrieden mit Euer Gnaden,« antwortete verlegen Tschuris; »wenn Sie für den Hof Hölzerchen gütig ablassen, so werden wir uns auch so behelfen. Was denn die Gemeinde? Die Sache ist bekannt . . .«

»Nein, komm nur hin . . .«

»Ich gehorche. Ich werde kommen. Weshalb nicht? Nur werde ich die Gemeinde wohl nicht bitten.«

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