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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 50
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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2

Wie er seiner Tante mitgeteilt, hatte sich der junge Mann Verhaltungsmaßregeln für sein Wirtschaften aufgeschrieben, und sein ganzes Leben und alle seine Beschäftigungen waren eingeteilt nach Stunden, Tagen und Monaten. Der Sonntag war bestimmt zum Empfang von Bittstellern, Hofleibeigenen und Bauern, zum Besuch der Wirtschaften armer Bauern und zur Gewährung von Hilfe mit Zustimmung der Bauerngemeinde, die sich jeden Sonntag abends versammelte und entscheiden mußte, wem Hilfe zu erweisen nötig sei und was für eine. Unter solchen Beschäftigungen war schon ein Jahr vergangen, und der junge Mann war schon nicht mehr völlig Neuling, weder in praktischer noch in theoretischer Kenntnis der Landwirtschaft.

Es war an einem klaren Junisonntag; Nechljudow hatte eben Kaffee getrunken und ein Kapitel des ›Maison rustique‹ durchlaufen. Nunmehr verließ er, sein Notizbuch und einen Packen Banknoten in der Tasche seines leichten Mantels, das große Landhaus mit seinen Terrassen und Säulenhallen, in dessen Erdgeschoß er ein einziges kleines Zimmerchen bewohnte, und wandelte auf den ungepflegten, verwachsenen Wegen des alten englischen Gartens dem Dorfe zu, das zu beiden Seiten der Chaussee lag. Nechljudow war ein hochgewachsener, gutgebauter junger Mann mit langem, dichtem, lockigem, dunkelrotbraunem Haar, mit lichtem Glanz in den schwarzen Augen, mit frischen Backen und roten Lippen, über denen sich eben der erste Flaum der Jugend zeigte. In allen seinen Bewegungen wie auch in seinem Gange offenbarten sich Kraft, Energie und die gutmütige Selbstzufriedenheit der Jugend. Das Bauernvolk kehrte gerade in bunten Haufen aus der Kirche zurück; Greise, junge Mädchen, Kinder, Weiber mit Brustkindern schritten in Feiertagskleidern ihren Hütten zu. Alle verneigten sich tief vor dem gnädigen Herrn und machten ihm ehrerbietig Platz. Auf der Chaussee blieb Nechljudow stehen, nahm sein Notizbüchelchen aus der Tasche und las auf der letzten mit kindlicher Handschrift beschriebenen Seite einige Bauernnamen, denen Bemerkungen beigefügt waren. ›Iwan Tschurisenok – bat um Stangen‹, las er und ging zum Tore der zweiten Hütte rechts.

Das Wohnhaus von Tschurisenok bestand aus einem halb verfaulten, sehr feuchten Blockhaus, das sich schon auf die Seite neigte und derart in die Erde eingewachsen war, daß gerade noch über der aus Mist bestehenden Aufschüttung ein einziges zerbrochenes rotes Schiebefensterchen zu sehen war; auch war noch ein anderes Fensterchen da, das jedoch mit Hanf zugestopft war. Der aus Balken gezimmerte Vorraum mit verfaulter Schwelle und niedriger Tür, ein anderer kleiner Balkenbau, noch älter und noch niedriger als der Vorraum, ein Tor und ein Speicher aus Flechtwerk klebten an der Haupthütte. Alles dies war einstmals mit einem Dach von ungleicher Höhe bedeckt gewesen; jetzt aber hing nur noch auf dem Schirmdach dichtes, schwarzes, faulendes Stroh; oben waren dagegen an einzelnen Stellen das Dachgerüst und einige Dachsparren zu sehen. Vor dem Hofe stand ein Brunnen mit einem zusammengefallenen Brunnenkasten, mit dem Rest eines Holzstammes und eines Rades und mit einer schmutzigen, vom Vieh ausgetretenen Pfütze, in der Enten herumplätscherten. Bei dem Brunnen standen zwei alte, gesprungene und geknickte Weidenbäume mit wenigen blaßgrünen Zweigen. Unter einem von ihnen, die Zeugnis davon ablegten, daß sich einst irgendwer um die Ausschmückung dieses Ortes bekümmert hatte, saß ein achtjähriges blondes Mädchen und ließ ein anderes, zweijähriges Mädchen um sich herumkriechen. Als der Hofhund, der bei ihnen herumwedelte, den gnädigen Herrn erschaut hatte, stürzte er sofort unter das Tor und begann von dort aus sein erschrecktes heiseres Bellen.

»Ist Iwan zu Hause?« fragte Nechljudow.

Es schien, als ob das ältere Mädchen bei dieser Frage erstarrt wäre. Es machte immer größere Augen, ohne irgend etwas zu antworten; das kleinere Mädchen öffnete schon den Mund und wollte zu weinen anfangen. Ein kleines altes Weibchen in einem durchlöcherten, karierten Rock, der tief umgürtet war mit einem rötlichen Gurt, schaute aus der Tür heraus und antwortete gleichfalls gar nichts. Nechljudow schritt zum Vorraum und wiederholte eine Frage.

»Zu Hause, Ernährer«, sprach mit zittriger Stimme das alte Weibchen, indem es sich tief verneigte und ganz in Schrecken und Verwirrung geriet.

Als Nechljudow sie begrüßt hatte und durch den Vorraum den engen Hof betrat, stützte die Alte das Gesicht in die Hand, ging zur Tür hin und begann, ohne den gnädigen Herrn aus den Augen zu lassen, den Kopf hin und her zu bewegen. Auf dem Hofe war es ärmlich, an einzelnen Stellen lag alter nicht ausgefahrener, schwarz gewordener Mist; darauf lagen ein verfaulter Futterkasten, Heugabeln und zwei Eggen unordentlich herum. Die Schirmdächer um den Hof, unter denen auf der einen Seite ein Hakenpflug stand und ein Wagen mit drei Rädern sowie ein Haufen leerer, aufeinandergehäufter unbrauchbarer Bienenkörbe, waren fast ganz unbedeckt, und die eine Seite war derart eingestürzt, daß vorn die Dachstangen schon nicht auf den Stützen, vielmehr auf dem Misthaufen lagen. Tschurisenok zerschlug eben mit dem Beil, dessen Schneide und dessen Rückseite gebrauchend, den Zaun, den das Dach niederdrückte. Iwan Tschuris war ein Bauer von fünfzig Jahren, weniger als mittelgroß. Die Züge seines gebräunten, länglichen Gesichtes, das von einem dunkelrotbraunen, schon grau durchsetzten Bart und von ebensolchen dichten Haaren umrahmt war, waren schön und ausdrucksvoll. Seine dunkelblauen, halbgeschlossenen Augen schauten klug und gutmütig sorglos drein. Ein nicht großer, regelmäßiger Mund, der sich, wenn er lächelte, scharf unter einem rotbraunen, spärlichen Schnurrbart abhob, drückte ruhiges Selbstvertrauen aus und eine etwas spöttische Gleichgültigkeit gegenüber der ganzen Umgebung. An der Rauheit der Haut, den tiefen Runzeln, den scharf hervortretenden Adern an Hals, Gesicht und Händen, an seiner unnatürlich gebeugten Haltung und der krummen, bogenartigen Stellung der Füße war zu ersehen, daß sein ganzes Leben in unerträglicher, allzu schwerer Arbeit verflossen war. Seine Kleidung bestand aus weißen, hanfenen Hosen mit blauen Flicken an den Knien und einem ebensolchen, schmutzigen, auf dem Rücken und an den Armen auseinandergehenden Hemd. Er trug es tief gegürtet mit einem Zwirnband, an dem ein kleines kupfernes Schlüsselchen hing.

»Gott helfe dir!« sprach der gnädige Herr, als er den Hof betrat.

Tschurisenok schaute sich um und machte sich von neuem an seine Arbeit. Er holte gewaltig aus, riß den Zaun unter dem Schirmdach hervor, und dann erst, nachdem er das Beil in den Holzstock gesteckt und seinen Gürtel zurechtgerückt hatte, trat er in die Mitte des Hofes.

»Zum Feiertage, Euer Erlaucht!« sprach er, indem er sich tief neigte und dann mit einer raschen Kopfbewegung seine Haare zurückwarf.

»Danke, Bester! Siehst du, ich kam, mir deine Wirtschaft anzusehen«, sprach mit kindlicher Freundlichkeit und Schüchternheit Nechljudow, wobei er die Kleidung des Bauern musterte.– »So zeige mir denn, wozu du Stangen brauchst, um die du mich auf der Bauernversammlung batest.«

»Die Stangen? Es ist bekannt, wozu man die braucht, Väterchen, Euer Erlaucht. Ich wollte, wenn auch nur ein ganz klein wenig, stützen. Sie selber geruhen zu sehen: sehen Sie, unlängst ist die Ecke da eingefallen; Gott war noch gnädig, daß um diese Zeit das Vieh nicht dort stand. Gleichwohl hängt sie eben grade noch so,« sprach Tschuris, indem er verächtlich seinen dachlosen, krummen und zusammengestürzten Schuppen betrachtete, »jetzt braucht man auch die Dachsparren und die Seitenwände und die Dachstangen nur zu berühren – brauchbares Holz wird da wohl kaum herauskommen. Woher wird man aber jetzt Holz nehmen? Sie selber geruhen es zu wissen.«

»Wozu brauchst du dann aber fünf Stangen, wenn der eine Schuppen schon eingestürzt ist und der andere bald einstürzen wird? Du brauchst nicht Stützen, vielmehr Dachsparren, Dachstangen und Balken – alles brauchst du neu«, sagte der gnädige Herr, augenscheinlich großtuend mit seiner Sachkenntnis.

Tschurisenok schwieg.

»Du brauchst demnach Holz, nicht aber Stangen. So hättest du auch sagen sollen.«

»Zweifellos ist es nötig, ja, aber von wo soll man es nehmen? Man kann doch nicht immer auf den Herrenhof laufen. Wenn man unseren Bruder daran gewöhnt, wegen jeder Kleinigkeit zu Euer Erlaucht auf den Herrenhof zu kommen und zu betteln, was werden wir dann schon für Bauern sein? Wenn aber Euer Gnaden dafür sein wird, hinsichtlich des eichenen Gipfelholzes, das da auf der Herrschaftstenne ohne jede Verwendung herumliegt,« sprach er, indem er sich verneigte und verlegen von einem Fuß auf den anderen trat, »dann werde ich vielleicht die einen auswechseln, andere kürzer machen und irgendwie aus dem Alten aufbauen.«

»Wie denn aus dem Alten? Du sagst ja selber, alles sei bei dir alt und faul: heute ist dieser Winkel eingestürzt, morgen wird jener einstürzen, übermorgen ein dritter; wenn man es schon einmal macht, so soll man auch alles neu machen, damit die Arbeit nicht umsonst ist. Sage mir, ob du glaubst, daß dein Hof noch diesen Winter über stehen wird oder nicht.«

»Wer weiß das denn!«

»Nein, wie du glaubst; wird er einstürzen oder nicht?«

Tschuris dachte eine Minute nach.

»Er muß wohl völlig einstürzen . . .« sprach er plötzlich.

»Nun, siehst du wohl! Du hättest besser so auch auf der Bauernversammlung sagen sollen, daß du den ganzen Hof umbauen mußt, und nicht nur einzig und allein um Stangen bitten. Ich bin ja froh, dir zu helfen . . .«

»Sehr zufrieden mit Euer Gnaden!« antwortete mißtrauisch und ohne den gnädigen Herrn anzuschauen Tschurisenok. – »Wenn Sie mir nur vier Balken, ja, und die Stangen schenken würden, so werde ich vielleicht selber damit fertig; was sich aber darüber hinaus noch unbrauchbares Holz finden wird, so wird das für die Hütte auf die Stützen draufgehen.«

»Ist denn bei dir auch die Hütte schlecht?«

»Das erwarten wir ja grade jeden Augenblick, ich und mein Weib, daß sie irgendwen erschlägt,« sprach Tschuris, »unlängst hat so schon eine Latte von der Decke mein Weib erschlagen!«

»Wie denn erschlagen?«

»Ja, so, erschlagen, Euer Erlaucht: wie es ihr nur so über den Rücken fährt, so hat sie auch bis zur Nacht wie tot gelegen.«

»Wie denn, ist es vorübergegangen?«

»Vorübergegangen ist es schon, ja, sie kränkelt aber immer noch. Sie kränkelt eigentlich ihr ganzes Leben lang.«

»Wie denn, bist du krank?« fragte Nechljudow das Weib, das die ganze Zeit über in der Tür gestanden und sogleich zu stöhnen begonnen hatte, als nur eben ihr Mann von ihr zu sprechen anfing.

»Immer läßt es mich dort nicht los, ja, und damit Schluß«, antwortete sie, indem sie auf ihre schmutzige, hagere Brust wies.

»Immer das gleiche!« sprach mit Verdruß der junge gnädige Herr, und er zuckte die Achseln.– »Weshalb bist du denn krank und bist doch nicht ins Krankenhaus gekommen, dich untersuchen zu lassen? Siehst du, dafür habe ich doch das Krankenhaus eingerichtet. Hat man euch das denn nicht gesagt?«

»Man hat es uns gesagt, Ernährer, ja, aber nie habe ich Zeit dazu: der Herrendienst, die eigene Wirtschaft und dann die Kinderchen – immer allein! Unsere Sache ist einsam . . .«

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