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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 48
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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15

Dutlow ging, eifrig die Lippen bewegend, nach Hause. Anfangs war ihm noch unheimlich zumute, aber je näher er dem Dorfe kam, um so mehr verschwand dieses Gefühl und um so mächtiger wurde in seiner Seele das Gefühl der Freude. Im Dorfe hörte man Lieder singen und das Gerede Betrunkener. Dutlow trank niemals und ging auch jetzt geradeswegs heim. Es war schon spät, als er in sein Haus trat. Seine bejahrte Frau schlief. Der älteste Sohn und die Enkelkinder schliefen auf dem Ofen, der zweite Sohn in der Kammer. Nur Iljas Frau schlief nicht, sondern saß in einem schmutzigen, nicht festtäglichen Hemd mit aufgelöstem Haar auf der Bank und heulte. Sie ging nicht hinaus, um dem Onkel aufzumachen, sondern begann, als er in die Stube trat, nur noch ärger zu heulen und dazu zu reden. Nach dem Urteil der alten Frau vollführte sie diese Klagelieder sehr geschickt und gut, obgleich sie bei ihrer Jugend darin noch keine Übung haben konnte.

Die Alte war aufgestanden und machte ihrem Manne das Abendessen zurecht. Dutlow jagte Iljas Frau vom Tische weg. »Nun ists genug, nun ists genug!« sagte er. Axinja stand auf und legte sich auf die Bank, heulte aber weiter. Die Alte trug schweigend das Essen auf und räumte, nachdem ihr Mann gegessen hatte, wieder ab. Der Alte sagte ebenfalls keine Silbe. Nachdem er gebetet hatte, rülpste er, wusch sich die Hände, nahm das Rechenbrett vom Nagel und ging damit in die Kammer. Dort flüsterte er zuerst mit der Alten; dann ging die Alte hinaus, und er begann mit dem Rechenbrett zu klappern; zuletzt klappte er den Deckel eines Kastens zu und stieg in den Keller hinunter. Seine geschäftige Tätigkeit in der Kammer und im Keller dauerte lange. Als er wieder in die Stube kam, war es dort bereits dunkel; der Leuchtspan brannte nicht mehr. Die Alte, die bei Tage gewöhnlich so still war, daß man sie gar nicht hörte, hatte sich schon auf die Pritsche gelegt und schnarchte laut. Iljas Frau, die vorher soviel Lärm gemacht hatte, schlief ebenfalls und atmete ganz leise. Sie schlief auf der Bank, unausgekleidet, wie sie gewesen war, und ohne sich etwas unter den Kopf gelegt zu haben. Dutlow betete, dann betrachtete er Iljas Frau, wiegte den Kopf hin und her, löschte den Leuchtspan, den er wieder angezündet gehabt hatte, aus, rülpste noch einmal, stieg auf den Ofen und legte sich neben einen seiner Enkel. Im Dunkeln warf er von oben seine Bastschuhe hinunter, legte sich auf den Rücken, blickte nach der Querstange über dem Ofen, die über seinem Kopfe kaum sichtbar war, und horchte auf die an der Wand raschelnden Schaben, auf das Geräusch der Schlafenden, wenn sie seufzten, schnarchten und ein Bein am andern rieben, und auf die Laute des Viehs auf dem Hofe. Er konnte lange nicht einschlafen; der Mond ging auf; es wurde heller im Zimmer; er konnte in der Ecke Axinja sehen sowie etwas, was er nicht recht erkennen konnte: hatte einer der Söhne da einen Kittel vergessen, oder hatten die Weiber da einen Zuber stehen lassen, oder stand da jemand? In seinem Zustande des Halbschlafs blickte er immer wieder hin. Es war offenbar: jener finstere Geist, der Polikei zu seiner furchtbaren Tat getrieben hatte und dessen Nähe die Gutsleute in dieser Nacht empfunden hatten, dieser furchtbare Geist reichte mit seinen Schwingen auch bis zum Dorfe, bis zu Dutlows Hause, wo das Geld lag, dessen ›er‹ sich zu Polikeis Verderben bedient hatte. Wenigstens glaubte Dutlow seine Anwesenheit zu empfinden und hatte ein unheimliches Gefühl. Er konnte nicht schlafen und vermochte doch auch nicht aufzustehen. Bei dem Anblick des Gegenstandes, über den er nicht ins klare kommen konnte, dachte er unwillkürlich an Ilja mit den gebundenen Armen und an Axinjas Gesicht und ihr geschicktes Wehklagen und an Polikei mit den schlenkernden Händen. Auf einmal schien es dem Alten, als gehe jemand am Fenster vorbei. ›Was ist das? Geht etwa schon der Schulze umher, um etwas anzukündigen?‹ dachte er. ›Und wie hat er denn die Haustür aufbekommen?‹ dachte er weiter, als er Schritte auf dem Flur hörte; ›hat etwa die Alte nicht zugemacht, als sie ins Vorhaus ging?‹ Der Hund heulte auf dem Hinterhofe; ›er‹ aber ging über den Flur (so erzählte der Alte später), wie wenn er die Tür suchte, ging daran vorbei, begann wieder an der Wand umherzutasten und stieß an einen Zuber, so daß dieser dröhnte. Und wieder fing ›er‹ an umherzutasten, als ob er die Klinke suchte. Und jetzt, jetzt faßte er die Klinke an. Dem Alten lief ein Zittern über den Leib. Jetzt machte ›er‹ die Klinke auf und trat in menschlicher Gestalt ein. Dutlow wußte schon, daß ›er‹ es war. Er wollte das Zeichen des Kreuzes machen, war aber nicht dazu imstande. ›Er‹ trat an den Tisch, auf dem eine Decke lag, zog sie herunter, warf sie auf den Fußboden und machte sich daran, auf den Ofen zu steigen. Der Alte erkannte, daß ›er‹ Polikeis Gestalt hatte. ›Er‹ fletschte die Zähne und schlenkerte mit den Armen. Nun war ›er‹ auf den Ofen heraufgestiegen und legte sich gerade auf den Alten, als wenn er ihn ersticken wollte.

»Mein Geld!« sagte Polikei.

»Laß mich los; ich will es nicht behalten . . .,« wollte Semjon sagen, vermochte es aber nicht.

Polikei lastete auf seiner Brust mit dem Gewicht eines steinernen Berges. Dutlow wußte, daß, wenn er ein Gebet sprechen würde, ›er‹ von ihm ablassen werde, und wußte auch, welches Gebet er sprechen mußte; aber dieses Gebet zu sprechen, war er nicht imstande. Einer der Enkel schlief neben ihm. Der Knabe schrie laut auf und fing an zu weinen: der Großvater hatte ihn gegen die Wand gedrückt. Das Geschrei des Kindes löste den Bann von den Lippen des alten Mannes. »Christus möge auferstehen!« sprach Dutlow. ›Er‹ ließ ihm ein wenig Luft. »Und die Feinde mögen zerstreuet werden . . .« stammelte Dutlow. ›Er‹ stieg vom Ofen hinab. Dutlow hörte, wie er mit beiden Füßen auf den Fußboden aufstieß. Dutlow sprach immer noch Gebete, alle, die er nur kannte, der Reihe nach. ›Er‹ ging zur Tür, am Tisch vorbei, und schlug die Tür so heftig zu, daß das Haus zitterte. Jedoch schliefen alle weiter, außer dem Großvater und dem Enkel. Der Großvater sagte laut seine Gebete her und zitterte am ganzen Leibe; der Enkel weinte, während er wieder einschlief, und schmiegte sich an den Großvater. Alles war wieder still geworden. Der Großvater lag da, ohne sich zu rühren. Der Hahn krähte auf der anderen Seite der Wand dicht an Dutlows Ohr. Er hörte, wie die Hühner munter wurden und wie ein junges Hähnchen dem alten das Krähen nachzumachen versuchte, es aber nicht vermochte. Bei den Füßen des alten Mannes bewegte sich etwas. Es war die Katze: sie sprang vom Ofen auf den Fußboden auf ihre weichen Pfoten und begann an der Tür zu miauen. Der Großvater stand auf und schob das Fenster in die Höhe; auf der Straße war es dunkel und schmutzig; unmittelbar unter dem Fenster stand das Vorderteil eines Wagens. Sich bekreuzigend, ging er barfuß auf den Hof zu den Pferden; und da konnte man sehen, daß der Hausherr wieder angekommen war. Die Stute, die unter dem Schuppendach am Mauerabsatz stand, hatte sich mit dem einen Fuß in den Zügel verwickelt, den Häcksel verschüttet und wartete nun mit aufgehobenem Fuß und seitwärts gewendetem Kopf auf den Hausherrn. Das Füllen war in die Düngergrube gefallen. Der alte Dutlow brachte es wieder auf die Beine, machte die Stute von der Verschlingung frei, schüttete Futter auf und ging wieder in die Stube zurück. Die Alte war aufgestanden und hatte den Leuchtspan angezündet. »Wecke die Kinder auf; ich will in die Stadt fahren,« sagte er, und nachdem er vor den Heiligenbildern eine Wachskerze angezündet hatte, stieg er mit seiner Frau in den Keller hinunter. Als er von dort wieder heraufkam, war bereits nicht nur bei ihm, sondern auch bei allen Nachbarn Licht angezündet. Die Söhne Dutlows waren aufgestanden und schon in eifriger Tätigkeit. Die Frauen gingen mit Eimern und Milchkannen ein und aus. Ignat spannte den einen Wagen an; der zweite Sohn schmierte den andern. Die junge Frau heulte nicht mehr; sie hatte sich geputzt, sich ein Tuch um den Kopf gebunden, saß in der Stube auf der Bank und wartete auf den Zeitpunkt, wo sie nach der Stadt fahren würde, um von ihrem Manne Abschied zu nehmen.

Der Alte schien heute besonders ernst und streng zu sein. Zu niemandem sprach er auch nur ein Wort; er zog seinen neuen Rock an, band sich den Gurt um und begab sich, mit Polikeis ganzem Gelde auf der Brust unter dem Hemd, zu Jegor Michailowitsch.

»Spute dich mal ein bißchen!« rief er seinem zweiten Sohne zu, der die eine Achse nach dem Schmieren angehoben hatte und die Räder an ihr drehte. »Ich komme gleich wieder. Daß dann alles fertig ist!«

Der Verwalter war soeben aufgestanden, trank seinen Tee und machte sich selbst zur Fahrt nach der Stadt fertig, um die Rekruten zu übergeben.

»Was willst du?« fragte er.

»Ich will den Jungen loskaufen, Jegor Michailowitsch. Sie sagten neulich, Sie wüßten in der Stadt einen Freiwilligen; haben Sie schon die Güte und belehren Sie mich! Unsereiner versteht davon nichts.«

»Also bist du anderen Sinnes geworden?«

»Ja, Jegor Michailowitsch; er tut mir leid; er ist doch der Sohn meines Bruders. Mag er auch sein, wie er will; er tut mir doch leid. Es kommt doch gar zuviel Sünde davon her, von diesem Gelde. Haben Sie schon die Güte und belehren Sie mich!« sagte er und verbeugte sich dabei tief.

Wie immer in solchen Fällen schmatzte Jegor Michailowitsch lange tiefsinnig und schweigend mit den Lippen; nachdem er sich die Sache überlegt hatte, schrieb er zwei Briefe und setzte dem alten Dutlow auseinander, was er in der Stadt tun müsse.

Als Dutlow nach Hause zurückkam, war die junge Frau schon mit Ignat abgefahren, und die grauscheckige, dickbäuchige Stute stand, fertig angespannt, im Tor. Er brach sich eine Rute aus der Hecke, schlug seinen Rock übereinander, setzte sich auf den Wagen und trieb das Pferd an. Er trieb die Stute so stark, daß ihr ganzer Bauch sofort einfiel und er sie nicht ohne Mitleid ansehen konnte. Ihn quälte der Gedanke, er könne bei der Gestellung zu spät kommen, Ilja müsse Soldat werden, und das Teufelsgeld werde in seinen Händen bleiben.

Ich will nicht im einzelnen alle Erlebnisse Dutlows an diesem Morgen vortragen; ich sage nur, daß es ihm besonders gut glückte. Bei dem Wirte, für den Jegor Michailowitsch ihm einen Brief mitgegeben hatte, stand ein Freiwilliger vollständig bereit, der schon dreiundzwanzig Rubel verpraßt hatte und von der Militärbehörde bereits als tauglich befunden war. Der Wirt wollte vierhundert Rubel für ihn haben, und ein Reflektant, ein Kleinbürger, der schon seit drei Wochen um ihn handelte, bot immer noch nur dreihundert. Dutlow erledigte das Handelsgeschäft mit wenigen Worten. »Nimm dreihundertfünfundzwanzig!« sagte er, die Hand ausstreckend; aber in solchem Ton, daß man sogleich merkte, er sei bereit, noch etwas zuzulegen. Der Wirt zog seine Hand zurück und verharrte bei seiner Forderung von vierhundert Rubeln. »Na, willst du nicht dreihundertfünfundzwanzig nehmen?« fragte Dutlow wieder, indem er mit seiner linken Hand die rechte des Wirtes ergriff und Miene machte, mit seiner rechten in sie einzuschlagen. »Willst du nicht? Na, in Gottes Namen!« sagte er plötzlich, indem er mit seiner Hand in die des Wirtes schlug und mit einem Schwunge sich von ihm mit dem ganzen Leibe abwandte. »Dann muß es wohl sein! Nimm dreihundertfünfzig! Stell mir eine Quittung aus! Bring den Burschen her! Und jetzt eine Anzahlung. Zwanzig Rubel werden wohl genug sein, wie?«

Und Dutlow band sich den Gurt ab und holte das Geld hervor.

Der Wirt hatte zwar seine Hand nicht weggezogen, schien aber immer noch nicht ganz einverstanden zu sein und redete, ohne die Anzahlung anzunehmen, von einem Douceur für den Freiwilligen und von dessen Bewirtung.

»Versündige dich nicht, versündige dich nicht!« sagte Dutlow und schob ihm das Geld hin. »Wir müssen alle sterben, wir müssen alle sterben,« fuhr er in so sanftem, belehrendem, überzeugtem Tone fort, daß der Wirt sagte: »Na, wenns nicht anders ist,« noch einmal einschlug und betete. »Gott möge es zum Besten wenden!« sagte er.

Der Freiwillige, der noch von dem gestrigen Trinkgelage her schlief, wurde geweckt; Dutlow besah ihn sich, und alle zusammen begaben sich zur Rekrutierungskommission. Der Freiwillige war vergnügt; er verlangte Rum, um sich den Katzenjammer zu vertreiben, wozu ihm Dutlow auch Geld gab, und wurde erst in dem Augenblick kleinmütig, als sie in den Flur des Amtsgebäudes eintraten. Lange standen sie dort im Flur, der alte Wirt im blauen Kaftan und der Freiwillige im kurzen Halbpelz, mit heraufgezogenen Augenbrauen und weit aufgerissenen Augen; lange flüsterten sie dort miteinander, fragten, wohin sie sich zu wenden hätten, suchten jemand, nahmen vor jedem Schreiber mit tiefen Verbeugungen die Mützen ab und hörten andächtig die Mitteilungen an, die ihnen ein dem Wirte bekannter Schreiber aus dem Amtslokal herausbrachte. Schon hatten sie alle Hoffnung verloren, daß die Sache sich noch an diesem Tage werde erledigen lassen, und der Freiwillige wurde schon wieder munterer und vergnügter, als Dutlow den Verwalter Jegor Michailowitsch erblickte, sich sogleich an diesen klammerte und ihn demütig um seinen Beistand bat. Und Jegor Michailowitsch half ihnen so gut, daß zwischen zwei und drei Uhr nachmittags der Freiwillige zu seinem großen Erstaunen und Mißvergnügen in das Amtslokal hineingeführt und vor die Kommission hingestellt wurde. Unter allgemeiner Heiterkeit, die sein Benehmen bei den Amtspersonen vom Amtsdiener bis zum Vorsitzenden hervorrief, mußte er sich entkleiden, wurde kurz geschoren, eingekleidet und wieder zur Tür hinausgeschickt. Fünf Minuten darauf bezahlte Dutlow das Geld, empfing die Quittung und begab sich, nachdem er sich von dem Wirt und dem Freiwilligen verabschiedet hatte, nach der Wohnung des Kaufmanns, wo die Rekruten aus Pokrowskoje abgestiegen waren. Ilja saß mit seiner jungen Frau in der Küche in einer Ecke; beim Eintritt des Alten hörten sie auf zu sprechen und blickten ihn ergebungsvoll, aber unfreundlich an. Wie immer verrichtete der Alte zunächst ein Gebet; dann band er sich den Gurt auf, holte ein Blatt Papier hervor und rief seinen ältesten Sohn Ignat und Alias Mutter, die auf dem Hofe war, ins Zimmer.

»Versündige dich nicht, Ilja!« sagte er, indem er an seinen Neffen herantrat. »Du hast gestern zu mir ein arges Wort gesagt. Glaubst du denn, daß du mir nicht leid tatest? Ich denke daran, wie mein Bruder dich mir ans Herz legte. Wenn es in meiner Macht gestanden hätte, es zu ändern, würde ich dich dann wohl hingegeben haben? Aber nun hat mir Gott Glück gegeben, und ich habe mir das Geld nicht leid sein lassen. Hier, sieh dieses Papier!« sagte er, legte die Quittung auf den Tisch und faltete sie behutsam mit seinen krummen, steifen Fingern auseinander.

Von draußen kamen alle Bauern aus Pokrowskoje, die Leute des Kaufmanns und sogar fremdes Volk ins Zimmer herein. Alle errieten, worum es sich handelte, aber keiner unterbrach die feierliche Rede des Alten.

»Da ist das Papier! Vierhundert Rubel habe ich dafür gegeben. Nun mache deinem Onkel aber auch keine Vorwürfe mehr!«

Ilja stand auf; aber er schwieg, da er nicht wußte, was er sagen sollte. Seine Lippen zitterten vor Aufregung; seine alte Mutter wollte schluchzend zu ihm treten und ihm um den Hals fallen, aber der Alte führte sie langsam und gebieterisch zurück und redete weiter.

»Du hast gestern zu mir ein arges Wort gesagt,« entgegnete der Alte noch einmal; »du hast mich mit diesem Wort wie mit einem Messer ins Herz gestochen. Dein Vater hat dich mir sterbend anempfohlen; du bist von mir wie ein leiblicher Sohn behandelt worden, und wenn ich dich mit irgend etwas gekränkt habe, so muß man bedenken, daß wir allzumal Sünder sind. Nicht wahr, ihr rechtgläubigen Leute?« wandte er sich an die herumstehenden Bauern. »Da ist auch deine leibliche Mutter und deine junge Frau, und da ist die Quittung. Mag das Geld dahinfahren, in Gottes Namen! Mir aber verzeiht um Christi willen!«

Er schlug die Rockflügel zurück, ließ sich langsam auf die Kniee nieder und verbeugte sich tief vor Ilja und seiner Frau. Vergeblich suchten die jungen Eheleute ihn zurückzuhalten; er stand nicht eher auf, als bis er mit dem Kopfe die Erde berührt hatte; dann schüttelte er den Staub ab und setzte sich auf die Bank. Iljas Mutter und seine junge Frau heulten vor Freude; in der Menge wurden Äußerungen des Beifalls laut. »Das heißt nach der Gerechtigkeit und nach Gottes Willen handeln, ja wirklich!« sagte einer. – »Was liegt am Gelde? Für Geld kann man einen solchen Burschen nicht kaufen,« bemerkte ein anderer. – »Nein, die Freude!« sagte ein dritter. »Ein rechtschaffener Mensch, das muß man sagen!« Nur die Bauern, die zu Rekruten bestimmt waren, sagten nichts und gingen leise auf den Hof hinaus.

Zwei Stunden darauf fuhren die beiden Wagen Dutlows aus der Vorstadt hinaus. In dem ersten, vor den die grauscheckige Stute mit dem eingesunkenen Bauche und dem schweißbedeckten Halse gespannt war, saßen der Alte und Ignat. Im Hinterteil des Wagens wurden einige Bunde Kringel und Brezeln hin und her geschüttelt. In dem zweiten Wagen, den niemand lenkte, saßen ehrbar und glücklich die junge Frau und ihre Schwiegermutter, beide mit Kopftüchern. Die junge Frau hielt eine Branntweinflasche unter der Schürze. Ilja saß gebückt auf dem rüttelnden Vorderteil, den Pferden den Rücken zuwendend, mit gerötetem Gesicht, aß eine Brezel und redete unaufhörlich. Die Stimmen und das Rasseln der Wagen auf dem Pflaster und das Schnauben der Pferde, alles floß zu einem einzigen heiteren Tone zusammen. Die Pferde, die merkten, daß es nach Hause ging, schlugen mit den Schwänzen und verstärkten ihren Trab. Die Vorübergehenden und Vorüberfahrenden sahen sich unwillkürlich nach der vergnügten Familie um.

Gerade am Rande der Stadt kam die Familie Dutlow an einer Gruppe von Rekruten vorbei. Diese standen vor einer Schenke im Kreise umher. Ein Rekrut mit jenem unnatürlichen Ausdruck, den ein kahlgeschorener Schädel dem Menschen verleiht, hatte sich die graue Uniformmütze in den Nacken zurückgeschoben und spielte flott die Balalaika; ein anderer, ohne Mütze, mit einer Branntweinflasche in der einen Hand, tanzte in der Mitte des Kreises. Ignat hielt das Pferd an und stieg ab, um die Femerstränge festzubinden. Alle Dutlows schauten mit lebhaftem Interesse, beifällig und vergnügt, dem Tänzer zu. Der Rekrut sah, wie es schien, niemand, fühlte aber, daß das ihn bewundernde Publikum immer zahlreicher wurde, und das verlieh ihm noch mehr Kraft und Geschicklichkeit. Er tanzte sehr gewandt. Seine Augenbrauen waren zusammengezogen, sein gerötetes Gesicht unbeweglich; auf seinen Lippen war ein Lächeln zurückgeblieben, das schon längst jede Bedeutung verloren hatte. Alle Kräfte seiner Seele schienen darauf gerichtet zu sein, möglichst schnell einen Fuß nach dem andern bald auf den Hacken, bald auf die Spitze zu stellen. Manchmal hielt er plötzlich inne, gab dem Balalaikaspieler mit den Augen einen Wink, und dieser ließ dann alle Saiten noch flinker erklirren und klopfte sogar mit den Knöcheln auf die Decke des Instrumentes. Der Rekrut hielt inne; aber auch wenn er regungslos dastand, schien er doch zu tanzen. Auf einmal begann er sich langsam zu bewegen, indem er mit den Schultern zuckte, und schnellte sich dann plötzlich in die Höhe, kauerte beim Herunterfallen nieder und stieß in dieser Haltung mit wildem Kreischen die Beine abwechselnd nach vorn. Die Knaben lachten; die Frauen wiegten die Köpfe hin und her; die Männer lächelten beifällig. Ein alter Unteroffizier stand ruhig neben dem Tänzer, mit einer Miene, die besagte: »Euch kommt das wunderlich vor; aber unsereiner kennt das alles schon ganz genau.« Der Balalaikaspieler war sichtlich müde geworden, blickte träge um sich, griff einen falschen Akkord und klopfte auf einmal mit den Fingern auf die Decke des Instruments. Der Tanz war zu Ende.

»Sieh mal, Alexei!« sagte der Balalaikaspieler zu dem Tänzer, indem er auf Dutlow zeigte: »Da ist dein Pate!«

»Wo? Ah, du mein lieber Freund!« rief Alexei, eben jener Rekrut, den Dutlow gekauft hatte, und mit müden Beinen vorwärts taumelnd und die Branntweinflasche über den Kopf hebend, kam er auf den Wagen zu. »Michail! Ein Glas!« schrie er. »Du mein lieber Freund! Das ist einmal eine Freude, wirklich! . . .« rief er, sank mit seinem benommenen Kopfe in den Wagen und wollte die Bauern und die Frauen mit Schnaps traktieren. Die Bauern tranken; die Frauen lehnten ab. »Ihr lieben Leute, womit kann ich euch beschenken?« schrie Alexei und umarmte die Alten.

In dem Menschenschwarm stand eine Händlerin mit Eßwaren; Alexei erblickte sie, nahm ihr ihre Mulde aus den Händen und schüttete den ganzen Inhalt in den Wagen.

»Sei unbesorgt; ich bezahle alles; hols der Teufel!« rief er mit weinerlicher Stimme, zog sogleich einen Tabaksbeutel mit Geld aus der Hose und warf ihn dem Schankwirte zu.

Er stand da, mit den Ellbogen auf den Wagen gestützt, und blickte die Darinsitzenden mit feuchten Augen an.

»Welche ist die Mutter?« fragte er. »Du doch wohl? Der muß ich auch etwas schenken.«

Er überlegte einen Augenblick, griff dann in die Tasche, holte ein neues, zusammengefaltetes Taschentuch heraus, band sich das Handtuch ab, das er unter dem Mantel als Gurt trug, löste hastig das rote Tuch von seinem Halse, ballte alles zusammen und legte es der alten Frau auf die Kniee.

»Da! Das schenke ich dir!« sagte er mit immer leiser werdender Stimme.

»Aber warum denn? Ich danke dir, mein Lieber! Sieh mal, was ist das für ein netter junger Mensch!« sagte die alte Frau, sich zu dem alten Dutlow wendend, der zu ihrem Wagen herantrat.

Alexei war verstummt und ließ ganz betäubt, als wenn er einschlafen wollte, den Kopf immer tiefer sinken.

»Für euch werde ich Soldat, für euch gehe ich zugrunde!« sagte er. »Darum beschenke ich euch auch.«

»Er hat gewiß ebenfalls eine Mutter,« sagte einer aus der Menge. »Was für ein gutherziger Bursche! Schade um ihn!« Alexei hob den Kopf in die Höhe.

»Eine Mutter habe ich,« sagte er. »Auch einen Vater. Alle haben sie sich von mir losgesagt. Höre, Alte,« fuhr er fort und faßte Iljas Mutter bei der Hand, »ich habe dich beschenkt. So höre denn um Christi willen, was ich dir sagen will. Geh in das Dorf Wodnoje und frage da nach der alten Nikonowa; das ist meine Mutter, weißt du, und sage dieser alten Frau, der alten Frau Nikonowa . . . es ist das dritte Haus vom Rande des Dorfes, und es ist da ein neuer Ziehbrunnen . . . sage ihr, daß ihr Sohn Alexei . . . das heißt . . . Musikant, spiele!« schrie er.

Und er begann wieder zu tanzen und dabei zu reden und schleuderte die Flasche mit dem darin übriggebliebenen Branntwein auf die Erde.

Ignat stieg auf den Wagen und wollte weiterfahren.

»Leb wohl! Gott lasse es dir gut gehen!« sagte die alte Frau und schlug ihren Pelz zusammen.

Alexei hielt plötzlich inne.

»Fahrt zum Teufel!« schrie er und drohte mit den geballten Fäusten. »Die Pest über deine Mutter!«

»O Gott!« sagte Iljas Mutter und bekreuzigte sich.

Ignat trieb die Stute an, und die Wagen rasselten wieder weiter. Der Rekrut Alexei stand mitten auf der Landstraße und schimpfte mit geballten Fäusten und mit dem Ausdruck der ärgsten Wut im Gesicht aus Leibeskräften auf die Bauern.

»Warum habt ihr angehalten? Macht, daß ihr fortkommt! Ihr Teufel, ihr Menschenfresser!« schrie er. »Ihr sollt mir nicht entgehen! Ihr Kanaillen! Ihr elenden Lümmel!«

Hier versagte ihm die Stimme, und er fiel, so wie er dastand, lang zu Boden.

Die Dutlows gelangten bald ins freie Feld und konnten, als sie sich umblickten, den Rekrutenhaufen nicht mehr sehen. Nachdem sie etwa fünf Werst im Schritt gefahren waren, stieg Ignat vom Wagen seines Vaters, der eingeschlafen war, ab und ging neben Iljas Wagen her.

Sie tranken zu zweit die aus der Stadt mitgenommene Flasche Branntwein aus. Nach einem kleinen Weilchen stimmte Ilja ein Lied an, und die Frauen sangen mit. Ignat schrie vergnügt dazu im Takte des Liedes. In schneller Fahrt kam ihnen eine lustige Postkutsche entgegen. Der Postknecht schrie, als sie an den beiden vergnügten Bauernwagen vorbeikamen, munter auf seine Pferde ein; der Kondukteur sah sich um und deutete durch Blinzeln mit den Augen nach den roten Gesichtern der Bauern und der Weiber, die mit fröhlichem Gesange auf ihrem stoßenden Wagen dahinfuhren.


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