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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 47
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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14

Als Dutlow ins Freie gekommen war, ging er von dem Wege ab nach den Linden hin, band sich sogar den Gurt ab, um bequemer zu seinem Geldbeutel kommen zu können, und begann das Geld hineinzustecken. Seine Lippen bewegten sich lebhaft, indem sie sich in die Breite und auseinander zogen, obgleich er nicht den geringsten Laut von sich gab. Nachdem er das Geld hineingetan und sich wieder umgürtet hatte, bekreuzigte er sich und ging wie ein Betrunkener hin und her taumelnd auf dem Wege dahin, so sehr war er mit den Gedanken beschäftigt, die plötzlich seinen Kopf erfüllten. Auf einmal erblickte er vor sich die Gestalt eines Bauern, der ihm entgegenkam. Er rief ihn an; es war Jefim, der mit einem Knüttel als Wächter beim Gesindehause auf und ab ging.

»Ah, Onkel Semjon,« rief Jefim erfreut und trat näher; es war ihm unheimlich so allein. »Nun, habt ihr die Rekruten hingebracht, Onkelchen?«

»Ja. Was machst du denn hier?«

»Ich bin hier als Wächter für Polikei aufgestellt, der sich erhängt hat.«

»Wo ist er denn?«

»Da, auf dem Boden soll er hängen,« antwortete Jefim und zeigte mit seinem Knüttel im Dunkeln nach dem Dache des Gesindehauses.

Dutlow blickte in die Richtung, die Jefims Arm wies, und obgleich er nichts sah, runzelte er doch die Stirn, kniff die Augen zusammen und wiegte den Kopf hin und her.

»Der Landkommissar ist gekommen,« fuhr Jefim fort, »der Kutscher hat es gesagt. Gleich werden sie ihn abnehmen. Angst und bange wird einem bei Nacht, Onkelchen. Um keinen Preis gehe ich in der Nacht hinauf, wenn sie es mir befehlen sollten. Und wenn mich Jegor Michailowitsch zu Tode prügelt, ich gehe nicht hin.«

»So eine Sünde, so eine Sünde!« erwiderte Dutlow, offenbar nur anstandshalber; in Wirklichkeit dachte er gar nicht an das, was er sagte, und wollte seines Weges weitergehen. Aber die Stimme Jegor Michailowitschs hielt ihn zurück.

»Heda, Wächter, komm mal her!« rief Jegor Michailowitsch von der Freitreppe des Kontors aus.

Jefim antwortete.

»Was stand denn da bei dir noch für ein Bauer?«

»Dutlow.«

»Komm du auch mal her, Semjon!«

Als Dutlow näher gekommen war, erblickte er beim Scheine einer Laterne, die der Kutscher trug, Jegor Michailowitsch und einen Beamten von kleiner Statur, in einem Mantel, auf dem Kopfe eine Uniformmütze mit einer Kokarde: das war der Landkommissar.

»Der Alte hier kann auch mit uns gehen,« sagte Jegor Michailowitsch, als er ihn sah.

Der Alte ließ den Kopf hängen, aber es war nichts dagegen zu machen.

»Und du, Jefim, junger Kerl, lauf mal auf den Boden, wo der sich aufgehängt hat, und bring die Leiter in Ordnung, damit Seine Wohlgeboren hinaufsteigen können.«

Jefim, der um keinen Preis hatte hinaufgehen wollen, lief eilig nach dem Gesindehause hin, wobei er mit seinen Bastschuhen polterte, als ob es Holzklötze wären.

Der Landkommissar schlug Feuer und rauchte seine Pfeife an. Er wohnte zwei Werst entfernt, hatte eben erst vom Bezirkshauptmann einen gehörigen Rüffel wegen Trunkenheit bekommen und befand sich daher jetzt in einem Anfall von Diensteifer: nachdem er um zehn Uhr abends angekommen war, wollte er sofort den Selbstmörder besichtigen. Der Verwalter fragte Dutlow, warum er hier sei. Am Gehen erzählte ihm Dutlow von dem gefundenen Gelde und was die gnädige Frau getan habe, und sagte, er sei gekommen, um Jegor Michailowitsch um Erlaubnis zu bitten. Zu Dutlows Schrecken ließ sich der Verwalter von ihm den Geldbrief geben und besah ihn sich. Der Landkommissar nahm den Brief ebenfalls in die Hände und fragte kurz und in trockenem Tone nach den Einzelheiten des Vorfalls.

›Nun ist das Geld für mich verloren!‹ dachte Dutlow und wollte schon Entschuldigungen vorbringen. Aber der Landkommissar gab ihm das Geld zurück.

»Was hat der Tölpel für ein Glück gehabt!« bemerkte er dabei.

»Es kommt ihm gut zupaß,« erwiderte Jegor Michailowitsch; »er hat soeben seinen Neffen zur Gestellung gebracht; jetzt kann er ihn loskaufen.«

»Soso!« sagte der Landkommissar und ging voran.

»Wirst du nun deinen Ilja loskaufen?« fragte Jegor Michailowitsch.

»Werde ich ihn auch loskaufen können? Wird das Geld auch reichen? Vielleicht ist es auch schon zu spät dazu.«

»Wie du willst,« erwiderte der Verwalter, und beide gingen hinter dem Landkommissar her.

Sie gelangten zu dem Gesindehause, in dessen Flur die übelriechenden Wächter mit einer Laterne warteten. Dutlow ging hinter den übrigen. Die Wächter hatten eine schuldbewußte Miene, die sich höchstens auf den von ihnen ausströmenden Geruch beziehen konnte, da sie sonst nichts Übles getan hatten. Alle schwiegen.

»Wo ist er?« fragte der Landkommissar.

»Hier!« erwiderte Jegor Michailowitsch flüsternd. »Jefim,« fügte er hinzu, »du bist ein junger Bursche, geh mit der Laterne voraus!«

Jefim hatte schon oben ein verschobenes Dielenbrett zurechtgelegt und, wie es schien, alle Furcht verloren. Immer ein paar Sprossen auslassend, stieg er mit heiterem Gesicht allen voran hinauf und wandte sich nur um, um dem Landkommissar mit der Laterne zu leuchten. Hinter dem Landkommissar stieg Jegor Michailowitsch hinauf. Als sie verschwunden waren, setzte Dutlow schon den einen Fuß auf die unterste Sprosse, hielt dann aber seufzend inne. Es vergingen etwa zwei Minuten; die Schritte auf dem Dachboden waren still geworden; offenbar waren die Männer an den Leichnam herangetreten.

»Onkel, du möchtest heraufkommen!« rief Jefim durch die Öffnung.

Dutlow stieg hinauf. Der Landkommissar und Jegor Michailowitsch waren bei dem Lichte der Laterne nur mit ihrem Oberkörper hinter einem Balken sichtbar; hinter ihnen stand noch jemand, der ihnen den Rücken zuwendete. Das war Polikei. Dutlow stieg über den Balken hinüber, bekreuzigte sich und blieb stehen.

»Dreht ihn mal um, Kinder!« befahl der Landkommissar. Niemand rührte sich.

»Jefim, du bist ein junger Bursche,« sagte Jegor Michailowitsch.

Der junge Bursche stieg über den Balken, drehte Polikei um, stellte sich neben ihn und sah mit dem vergnügtesten Gesichte bald den Toten, bald den Beamten an, wie der Besitzer einer Schaubude mit einem Albino oder einer Julia Pastrana bald das Publikum, bald sein Schaustück ansieht und bereit ist, alle Wünsche seiner Zuschauer zu erfüllen.

»Dreh ihn noch einmal um!«

Polikei wurde noch einmal umgedreht, schlenkerte dabei leise mit den Armen und schleifte mit dem einen Fuße im Sande.

»Nun zu! Nimm ihn ab!«

»Befehlen Sie, ihn abzuschneiden, Wassili Borisowitsch?« fragte Jegor Michailowitsch. »Gebt ein Beil her, Leute!«

Den Wächtern und dem alten Dutlow mußte zweimal befohlen werden, heranzutreten, ehe sie es wirklich taten. Der ›junge Bursche‹ Jefim aber ging mit Polikei um wie mit einem geschlachteten Hammel. Endlich war der Strick durchhauen, und der Leichnam wurde abgenommen und zugedeckt. Der Landkommissar sagte, morgen werde der Arzt kommen, und entließ die Leute.

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