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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 46
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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13

Schläft die gnädige Frau, oder ist sie noch auf?« fragte plötzlich neben Axjutka eine tiefe Bauernstimme. Sie öffnete die Augen, die sie vorher zugekniffen hatte, und erblickte eine Gestalt, die, wie es ihr vorkam, höher war als das Gesinde-Haus; sie kreischte auf und rannte so schnell zurück, daß ihr Rock Mühe hatte, ihr nachzuflattern. Mit einem Sprunge war sie auf der Freitreppe, mit dem zweiten im Mädchenzimmer und warf sich mit wildem Geheul aufs Bett. Dunjascha, ihre Tante und das andere Stubenmädchen waren starr vor Schreck; aber noch ehe sie hatten wieder zu sich kommen können, ließen sich schwere, langsame, unentschlossene Schritte im Flur und an der Tür vernehmen. Dunjascha ließ die Salbe hinfallen und stürzte zur gnädigen Frau; das zweite Stubenmädchen versteckte sich hinter den an der Wand hängenden Frauenkleidern; die Tante, die mutiger war, wollte die Tür zuhalten; aber die Tür öffnete sich schon, und ein Bauer trat ins Zimmer. Es war Dutlow in seinen Kähnen. Ohne auf die Angst der Frauenzimmer zu achten, suchte er mit den Augen das Heiligenbild, und da er das kleine in der linken Ecke hängende Bildchen nicht fand, so bekreuzigte er sich nach dem Tassenschrank hin, legte seine Mütze auf das Fensterbrett, steckte die Hand tief in seinen Halbpelz hinein, als wenn er sich in der Achselhöhle kratzen wollte, und holte einen Brief mit fünf braunen Siegeln hervor, die einen Anker darstellten. Dunjaschas Tante griff sich nach der Brust. Sie konnte nur mit Mühe sprechen.

»Nein, wie du mich erschreckt hast, Semjon Naumowitsch! Ich kann wirklich . . . kein Wort herausbringen. Ich dachte schon, mein Ende wäre da.«

»Wie kann man sich nur so benehmen!« sagte das zweite Stubenmädchen, hinter den Röcken hervorkommend.

»Auch der gnädigen Frau hast du einen Schreck eingejagt,« bemerkte Dunjascha, die wieder in die Tür trat. »Wie kannst du unaufgefordert ins Mädchenzimmer kommen! Der richtige Bauer!«

Ohne sich zu entschuldigen, wiederholte Dutlow, daß er die gnädige Frau sprechen müsse.

»Sie ist krank« erwiderte Dunjascha.

In diesem Augenblick prustete Axjutka mit einem so unanständigen, lauten Lachen heraus, daß sie ihren Kopf wieder in den Kissen des Bettes verbergen mußte, aus denen sie ihn trotz den Drohungen Dunjaschas und der Tante noch lange Zeit nicht herausziehen konnte, ohne von neuem loszuplatzen, gerade als ob in ihrer rosigen Brust und in ihren roten Backen etwas zersprungen wäre. Es kam ihr gar zu komisch vor, daß sie sich alle so geängstigt hatten, und sie versteckte wieder ihren Kopf, zuckte wie in Krämpfen mit dem Schuh und hüpfte mit dem ganzen Körper auf und ab.

Dutlow hielt inne, betrachtete sie aufmerksam, als wolle er darüber ins klare kommen, was eigentlich mit ihr vorgehe; aber als er nicht daraus klug wurde, wandte er sich ab und sprach weiter.

»Nämlich es ist wirklich eine sehr wichtige Sache,« sagte er. »Melden Sie nur, ein Bauer habe einen Brief mit Geld gefunden.«

»Was ist das für Geld?«

Ehe Dunjascha hinging, um es der gnädigen Frau zu melden, las sie die Adresse und fragte Dutlow, wo und wie er dieses Geld gefunden habe, das Polikei aus der Stadt habe holen sollen. Nachdem sie alles genau in Erfahrung gebracht und das Laufmädchen, das immer noch nicht aufhörte zu prusten, auf den Flur hinausgetrieben hatte, begab sich Dunjascha zur gnädigen Frau; aber zu Dutlows Erstaunen wollte diese ihn dennoch nicht empfangen und hatte auch zu Dunjascha nichts gesagt, womit etwas anzufangen war.

»Ich weiß nicht und will nicht wissen,« hatte die gnädige Frau gesagt, »was das für ein Bauer und was das für Geld ist. Ich kann und will niemand sehen. Er soll mich in Ruhe lassen.«

»Was soll ich tun?« sagte Dutlow, den Brief hin und her drehend. »Es ist eine bedeutende Geldsumme. Steht auch wirklich darauf, daß es an die gnädige Frau ist?« fragte er Dunjascha, die ihm nun noch einmal die Adresse vorlas.

Er hatte es vorher noch immer nicht recht geglaubt, sondern gedacht, das Geld gehöre der gnädigen Frau vielleicht nicht und man habe ihm die Adresse falsch vorgelesen. Aber nun bestätigte es ihm Dunjascha. Er seufzte, schob den Brief in die Brust und schickte sich an, fortzugehen.

»Dann muß ich ihn wohl beim Landkommissar abgeben,« sagte er.

»Warte, ich will es noch einmal versuchen und der gnädigen Frau alles sagen,« hielt ihn Dunjascha zurück, die aufmerksam das Verschwinden des Briefes an der Brust des Bauern verfolgte. »Gib den Brief her!«

Dutlow holte ihn wieder hervor, legte ihn aber nicht sogleich in Dunjaschas ausgestreckte Hand.

»Sagen Sie nur, Semjon Dutlow habe ihn auf der Landstraße gefunden.«

»So gib ihn doch her!«

»Ich dachte zuerst, es wäre nur so ein gewöhnlicher Brief; aber ein Soldat las mir vor, daß es ein Brief mit Geld sei.«

»Aber nun gib ihn doch her!«

»Ich habe darum gar nicht gewagt, erst zu mir nach Hause zu gehen . . .« sagte Dutlow wieder, ohne sich von dem kostbaren Briefe trennen zu können. »Melden Sie das nur so!«

Dunjascha nahm den Brief und ging noch einmal zur gnädigen Frau.

»Ach, mein Gott, Dunjascha,« sagte die gnädige Frau in vorwurfsvollem Ton, »rede mir doch nicht von diesem Gelde! Wenn ich nur an den kleinen Knaben denke . . .«

»Gnädige Frau, der Bauer weiß nicht, an wen Sie es abzugeben befehlen,« sagte Dunjascha wieder.

Die gnädige Frau öffnete den Brief, fuhr, sobald sie das Geld erblickte, zusammen und versank in Gedanken.

»Das schreckliche Geld! Wieviel Unheil es anrichtet!« sagte sie.

»Es ist Dutlow, der es gebracht hat, gnädige Frau. Befehlen Sie, daß er weggehen soll, oder belieben Sie, zu ihm ins Empfangszimmer zu kommen? Ist das Geld noch vollzählig?« fragte Dunjascha.

»Ich will dieses Geld nicht. Es ist schreckliches Geld. Was hat es angerichtet! Sag ihm, er soll es für sich behalten, wenn er will«, sagte die gnädige Frau plötzlich und suchte dabei nach Dunjaschas Hand. »Ja, ja, ja,« wiederholte sie, als das Mädchen sie erstaunt ansah; »mag er es ganz für sich nehmen und damit tun, was er will!«

»Anderthalbtausend Rubel,« bemerkte Dunjascha, leise lächelnd, als ob sie ein Kind vor sich hätte.

»Mag er es ganz nehmen!« wiederholte die gnädige Frau ungeduldig. »Verstehst du mich denn nicht? Dieses Geld ist Unglücksgeld; rede nie wieder mit mir davon! Mag dieser Bauer das, was er gefunden hat, für sich behalten! Geh; so geh doch!«

Dunjascha ging wieder in das Mädchenzimmer.

»Ist es vollzählig?« fragte Dutlow.

»Zähle es doch selbst nach!« erwiderte Dunjascha und übergab ihm den Brief. »Ich soll es dir zurückgeben.«

Dutlow nahm seine Mütze unter den Arm und begann in gebückter Haltung das Geld durchzuzählen.

»Ist kein Rechenbrett da?«

Er meinte, die gnädige Frau verstehe in ihrer Dummheit nicht zu zählen und habe es ihm daher aufgetragen.

»Das Nachzählen kannst du zu Hause besorgen! Das Geld gehört dir!« sagte Dunjascha ärgerlich. »Die gnädige Frau sagt: ›Ich will es nicht mehr sehen; gib es dem wieder, der es gebracht hat.‹«

Dutlow blickte, ohne sich aufzurichten, Dunjascha starr an.

Dunjaschas Tante schlug vor Erstaunen die Hände zusammen.

»All ihr lieben Heiligen! Dem hat Gott einmal Glück gegeben! All ihr lieben Heiligen!«

Das zweite Stubenmädchen konnte es nicht glauben.

»Was reden Sie, Awdotja Nikolajewna? Sie machen wohl Scherz?«

»Wieso Scherz? Sie hat mir befohlen, das Geld dem Bauern zurückzugeben . . . Na, nun nimm dein Geld und mach, daß du fortkommst!« sagte Dunjascha, ohne ihren Ärger zu verbergen. »Des einen Leid ist des andern Freud.«

»Das ist kein Spaß, anderthalbtausend Rubel!« sagte die Tante.

»Noch mehr!« bestätigte Dunjascha. »Na, nun wirst du wohl dem heiligen Nikolaus eine Kerze für zehn Kopeken aufstellen,« fuhr sie spöttisch fort. »Du kannst wohl gar nicht zu dir kommen? Und wenn es noch einem Armen zugefallen wäre; aber der hat so schon genug.«

Dutlow begriff endlich, daß es kein Scherz war, und begann das Geld, das er, um es zu zählen, auseinandergelegt hatte, zusammenzunehmen und in den Umschlag zu stecken; aber die Hände zitterten ihm, und er sah immer die Mädchen an, um sich zu vergewissern, daß es keine Neckerei sei.

»Seht nur, er kann gar nicht zu sich kommen, so freut er sich,« sagte Dunjascha, die zu verstehen geben wollte, daß sie sowohl den Bauern wie auch das Geld verachte. »Zeig her, ich werde es dir hineintun!«

Sie wollte das Geld nehmen; aber Dutlow gab es nicht her; er knitterte die Banknoten zusammen, schob sie noch tiefer hinein und griff nach seiner Mütze.

»Freust du dich?«

»Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Das ist ja gerade, als ob . . .«

Er sprach den Satz nicht zu Ende, sondern machte nur mit der Hand eine Bewegung des Staunens, schmunzelte, weinte beinahe und ging hinaus.

Die Klingel im Zimmer der gnädigen Frau ertönte.

»Nun, hast du es ihm zurückgegeben?«

»Jawohl.«

»Wie ists? Hat er sich sehr gefreut?«

»Er war ganz wie ein Irrsinniger.«

»Ach, rufe ihn doch einmal her! Ich möchte ihn fragen, wie er es gefunden hat. Rufe ihn hierher; ich kann dieses Zimmer nicht verlassen.«

Dunjascha lief und traf den Bauer noch auf dem Flur. Er hatte, ohne die Mütze aufzusetzen, seinen Beutel herausgezogen und band ihn, gebückt dastehend, auf; das Geld hielt er zwischen den Zähnen. Er schien die Vorstellung zu haben, solange das Geld nicht in seinem Beutel sei, gehöre es ihm nicht. Als Dunjascha ihn rief, erschrak er.

»Was ist, Awdotja . . . Awdotja Nikolajewna? Will sie es zurück haben? Legen Sie doch für mich ein gutes Wort ein; ich bringe Ihnen auch Honig, wahrhaftig!«

»Ja, du bist mir der Rechte!«

Sie machte die Tür wieder auf und führte den Bauern zur gnädigen Frau. Es war ihm trüb zumute. »O weh, sie nimmt ihr Geschenk zurück!« dachte er, während er, die Beine wie in hohem Grase hoch aufhebend und bemüht, mit seinen Bastschuhen nicht zu poltern, durch die Zimmer ging. Er begriff nichts und sah nichts von dem, was ihn umgab. Er kam an einem Spiegel vorbei; er sah: da waren irgendwelche Blumen, ein Bauer in Bastschuhen, der die Beine sehr hoch hob, das Porträt eines Herrn mit einem Augenglase, ein grüner Kübel und etwas Weißes . . . Und siehe da, dieses Weiße fing an zu sprechen; es war die gnädige Frau. Er verstand nichts; er machte nur die Augen weit auf. Er wußte nicht, wo er war; alles lag wie in einem Nebel vor ihm.

»Du bist es, Dutlow?«

»Jawohl, gnädige Frau. So, wie es war, habe ich es unangerührt gelassen,« sagte er. »Ich will meines Lebens nie wieder froh werden; ich schwöre es bei Gott! Ich habe das Pferd zuschanden gejagt, um schnell herzukommen . . .«

»Nun, da hast du Glück gehabt,« sagte sie mit einem geringschätzigen, aber gutmütigen Lächeln. »Behalte es für dich!«

Er konnte nur die Augen noch weiter aufreißen.

»Ich freue mich, daß es dir zugefallen ist; gebe Gott, daß es dir zum Segen gereicht! Nun, freust du dich?«

»Wie sollte ich mich nicht freuen? So sehr freue ich mich, Mütterchen! Ich werde auch immer für Sie beten. Ich bin so froh darüber, daß unsere gnädige Frau Gott sei Dank am Leben ist. Aber ich habe auch das meinige dazu getan.«

»Wie hast du es denn gefunden?«

»Ich meine, ich habe mir zum Vorteil der gnädigen Frau immer ehrlich alle Mühe gegeben, geschweige denn, daß ich . . .«

»Er ist ganz wirr im Kopfe geworden, gnädige Frau,« sagte Dunjascha.

»Ich hatte meinen Neffen als Rekruten weggebracht, und als ich zurückfuhr, da fand ich es auf der Landstraße. Polikei muß es zufällig verloren haben.«

»Nun, dann geh, geh, lieber Mann! Ich freue mich.«

»Ich freue mich so, Mütterchen . . .!« sagte der Bauer.

Dann fiel ihm ein, daß er sich noch nicht bedankt und sich nicht so zu benehmen verstanden hatte, wie es schicklich gewesen wäre. Die gnädige Frau und Dunjascha lächelten; er aber ging wieder wie in hohem Grase und mußte sich Gewalt antun, um nicht Trab zu laufen. Denn er hatte immer noch die Vorstellung, man werde ihn im nächsten Augenblick noch einmal anhalten und ihm das Geld wieder abnehmen.

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