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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 45
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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12

Das war kein vergnügter Festtag auf dem Gute von Pokrowskoje. Trotz dem schönen Wetter gingen die Leute nicht spazieren; die Mädchen versammelten sich nicht, um Lieder zu singen; die jungen Fabrikarbeiter, die aus der Stadt gekommen waren, ließen weder die Harmonika noch die Balalaika erklingen und spielten keine Spiele mit den Mädchen. Alle saßen in ihren Wohnungen, und wenn sie miteinander redeten, so redeten sie leise, als wenn ein böser Geist zugegen wäre und sie hören könnte. Bei Tage ging das alles noch an; aber am Abend, als es dunkel wurde, fingen die Hunde an zu heulen, und zum Unglück erhob sich auch noch ein Wind und heulte in den Schornsteinen, und alle Insassen der Gesindewohnungen befiel eine solche Furcht, daß jeder, der Kerzen in seinem Besitz hatte, sie vor dem Heiligenbilde anzündete. Wer allein in seinem ›Winkel‹ war, ging zu den Nachbarn und bat, bei ihnen in Gesellschaft von mehr Menschen die Nacht zubringen zu dürfen; wer aber hinausgehen mußte in den Viehstall, der tat das nicht und hatte kein Mitleid mit dem Vieh, das er diese Nacht ohne Futter ließ. Und das geweihte Wasser, das ein jeder in einem Arzneifläschchen aufbewahrte, wurde in dieser Nacht ganz und gar aufgebraucht. Viele hörten sogar, wie in dieser Nacht jemand immer mit schweren Schritten auf dem Dachboden umherging, und der Schmied sah, wie eine geflügelte Schlange geradeswegs auf den Dachboden flog. In Polikeis ›Winkel‹ war niemand; die Kinder und die Irrsinnige waren in andere Wohnungen umquartiert worden. Dort lag nur das tote kleine Kind, und es saßen da zwei alte Frauen und eine Pilgerin, die mit gewohnter Inbrunst laut den Psalter las, nicht um des kleinen Kindes willen, sondern so im allgemeinen wegen dieses ganzen Unglücks. So hatte es die gnädige Frau gewünscht. Diese alten Frauen und die Pilgerin hörten mit eigenen Ohren, wie jedesmal, wenn die Vorlesung eines neuen Abschnittes begann, da oben ein Balken knisterte und jemand stöhnte. Wenn sie dann die Gebetsworte sprachen: »Christus möge auferstehen!«, dann wurde es wieder still. Die Tischlerfrau hatte ihre Gevatterin zu sich geladen und trank mit ihr in dieser Nacht, ohne zu schlafen, den ganzen Tee aus, mit dem sie eine ganze Woche hatte ausreichen wollen. Auch diese beiden Frauen hörten, wie da oben die Balken knisterten und als ob Säcke von oben herabfielen. Die wachehaltenden Bauern machten den Gutsleuten noch einigermaßen Mut, sonst wären diese in dieser Nacht vor Angst gestorben. Die Bauern lagen im Flur auf Heu und versicherten später, sie hätten ebenfalls wunderbare Dinge auf dem Dachboden gehört, obgleich sie während dieser Nacht selbst sehr ruhig miteinander über die Rekrutierung geredet, ihr Brot gekaut, sich gekratzt und namentlich den Flur dermaßen mit einem besonderen Bauerngeruch erfüllt hatten, daß die Tischlerfrau, als sie an ihnen vorbeiging, ausspuckte und sie »Bauernpack« schimpfte. Wie dem nun auch sein mochte, jedenfalls hing der Selbstmörder immer noch auf dem Boden, und es schien, als ob in dieser Nacht der böse Geist in eigener Person das Gesindehaus mit seinen gewaltigen Flügeln beschatte, seine Macht zeige und diesen Leuten näher trete als sonst jemals. Wenigstens hatten sie alle diese Empfindung. Ich weiß nicht, ob das richtig war. Ich glaube sogar, es war ganz unrichtig. Ich glaube, wenn ein beherzter Mann in dieser furchtbaren Nacht eine Kerze oder Laterne genommen, sich bekreuzigt ober auch nicht bekreuzigt hätte, auf den Boden gestiegen wäre, langsam vor sich her mit dem Lichte der Kerze die Schrecken der Nacht zerstreut, die Balken, den Sand, den mit Spinnweben bedeckten Querschornstein und die vergessene Pelerine der Tischlerfrau beleuchtet hätte und so bis zu Polikei vorgedrungen wäre; und wenn er, ohne sich von dem Gefühl der Angst überwältigen zu lassen, die Laterne bis zur Höhe des Gesichtes emporgehoben hätte, dann würde er den wohlbekannten, hageren Körper mit den auf der Erde stehenden Füßen (der Strick hatte sich langgezogen) gesehen haben, wie er sich leblos zur Seite neigte, und den aufgeknöpften Hemdkragen, unter dem kein Taufkreuz sichtbar war, den auf die Brust gesunkenen Kopf und das gutmütige Gesicht mit den offenstehenden, nichts mehr sehenden Augen und das sanfte, schuldbewußte Lächeln und die über alledem schwebende ernste Ruhe und Stille. Wahrlich, die Tischlerfrau, die sich mit zerzaustem Haar und angstvollen Augen in die Ecke ihres Bettes drückte und erzählte, daß sie gehört habe, wie Säcke heruntergefallen seien, bot einen weit schrecklicheren und furchtbareren Anblick als Polikei, obwohl dieser sein Kreuz abgenommen und auf den Balken gelegt hatte.

›Oben‹, das heißt bei der Gutsherrin, herrschte dasselbe Entsetzen wie im Gesindehause. Im Zimmer der gnädigen Frau roch es nach Eau de Cologne und Arznei. Dunjascha wärmte gelbes Wachs und bereitete eine Salbe. Wozu die Salbe eigentlich diente, das weiß ich nicht; aber ich weiß, daß die Salbe immer hergestellt wurde, wenn die gnädige Frau krank war. Jetzt aber war sie so angegriffen, daß ihr Zustand einer wirklichen Krankheit nahe kam. Zu Dunjascha war, um ihr Mut zu machen, ihre Tante gekommen und wollte bei ihr übernachten. So saßen sie mit dem zweiten Stubenmädchen und mit Axjutka zu vieren im Mädchenzimmer zusammen und redeten leise miteinander.

»Wer wird denn Öl holen gehen?« fragte Dunjascha.

»Ich gehe um keinen Preis, Awdotja Nikolajewna!« erklärte das zweite Stubenmädchen in entschiedenem Tone.

»Nun gut, dann geh mit Axjutka zusammen!«

»Ich will allein hinlaufen; ich fürchte mich vor nichts,« sagte Axjutka, bekam es aber in demselben Augenblick mit der Angst.

»Na, dann geh hin, du bist ein verständiges Mädchen, und bitte die alte Anna, dir Öl in einem Glase zu geben, und brings her; aber schülpere nicht über!« sagte Dunjascha zu ihr.

Axjutka nahm mit der einen Hand den Saum ihres Kleides in die Höhe; und obgleich sie infolgedessen nicht mehr mit beiden Armen schlenkern konnte, schlenkerte sie mit dem einen um so stärker quer zur Richtung ihres Laufes und eilte davon. Sie hatte Furcht und fühlte, daß, wenn sie jetzt etwas sähe oder hörte, und wenn es selbst ihre eigene lebende Mutter wäre, sie vor Angst umkommen würde. Die Augen zukneifend, flog sie auf dem wohlbekannten Wege dahin.

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