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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 44
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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11

Einige Minuten lang war es unmöglich, in dem allgemeinen Wirrwarr etwas zu verstehen. Eine Menge Menschen war zusammengelaufen; alle schrien, alle redeten, die Kinder und die alten Frauen weinten. Akulina lag ohne Bewußtsein. Endlich stiegen zwei Männer, der Tischler und der Verwalter, der herbeigelaufen war, hinauf, und die Tischlerfrau erzählte zum zwanzigsten Male: »Ohne an irgend etwas zu denken, ging ich hinauf, um meine Pelerine zu holen; da sehe ich mich so um und erblicke einen Mann; ich sehe näher hin: neben ihm liegt eine Mütze mit herausgestülptem Futter. Da sehe ich: seine Beine baumeln. Mich überlief es ganz kalt. Das ist ja doch keine Kleinigkeit: ein Mensch hat sich erhängt, und gerade ich muß das zuerst sehen! Wie ich wieder nach unten gekommen bin, dafür habe ich selbst keine Erinnerung. Es ist geradezu ein Wunder, wie mich Gott gerettet hat. Wirklich, Gott hat sich meiner erbarmt. Das ist ja doch keine Kleinigkeit! Eine so steile Leiter, und diese Höhe! Ich hätte mich können zu Tode fallen!«

Die Männer, die hinaufgestiegen waren, erzählten dasselbe. Polikei hing an einem Balken, nur in Hemd und Hosen, an demselben Strick, den er von der Wiege abgebunden hatte. Seine Mütze lag umgestülpt ebendort. Den Pelz und den Kittel hatte er ausgezogen und in guter Ordnung daneben zusammengelegt. Die Beine reichten bis zum Fußboden, Anzeichen des Lebens waren nicht mehr vorhanden. Akulina kam wieder zu sich und wollte wieder nach der Leiter hinstürzen, aber man ließ sie nicht hin.

»Mamaßen, uns tleiner Semjon hat sich versluckt!« rief auf einmal das lispelnde Mädchen aus dem Winkel mit ihrer kreischenden Stimme. Akulina riß sich wieder los und lief in den Winkel hinein. Das Kind lag, ohne sich zu rühren, rücklings in der Wanne, und seine Beinchen bewegten sich nicht. Akulina nahm es heraus; aber es atmete nicht und rührte sich nicht. Akulina warf es auf das Bett, stützte sich mit den Armen auf und brach in ein so lautes, helles, furchtbares Gelächter aus, daß Maschka, die zunächst ebenfalls losgelacht hatte, sich die Ohren zuhielt und weinend auf den Flur hinauslief. Die Leute drängten sich mit Geschrei und Geheul in den Winkel hinein. Sie trugen das Kind hinaus und begannen es zu reiben, aber alles war vergeblich. Akulina wälzte sich auf dem Bette umher und lachte, lachte so, daß es allen, die dieses Lachen hörten, unheimlich wurde. Erst jetzt, wenn man diesen buntscheckigen Haufen von Männern und Frauen, alten Leuten und Kindern sah, die sich im Flur drängten, konnte man sich eine Vorstellung davon machen, wie viele und wie vielerlei Leute in diesem Gesindehause wohnten. Alle waren in hastiger Bewegung, alle redeten, viele weinten, und niemand tat etwas. Die Tischlerfrau fand immer noch Leute, die ihre Geschichte noch nicht gehört hatten, und erzählte immer von neuem, wie ihr weiches Herz durch den unerwarteten Anblick erschüttert worden sei und wie Gott sie vor dem Fall die Leiter hinunter gerettet habe. Der alte Büfettdiener, der in einer Frauenjacke erschienen war, erzählte, wie zu Lebzeiten des seligen Herrn eine Frau sich im Teiche ertränkt hatte. Der Verwalter schickte Boten zum Landkommissar und zum Geistlichen und stellte eine Wache hin. Axjutka, das Mädchen von oben, blickte mit weit aufgerissenen Augen immer nach der Öffnung, die zum Boden führte, und konnte, obwohl sie da nichts sah, sich doch nicht davon losreißen und zur gnädigen Frau gehen. Agafja Michailowna, die bei der alten gnädigen Frau Stubenmädchen gewesen war, bat um Tee zur Beruhigung ihrer Nerven und weinte. Die alte Anna legte mit ihren erfahrenen, dicken, mit Baumöl befeuchteten Händen den kleinen Toten auf das Tischchen. Die Frauen standen um Akulina herum und sahen sie schweigend an. Die Kinder drückten sich in die Ecken, blickten nach ihrer Mutter hin und begannen zu heulen; dann verstummten sie, schauten sie wieder an und drückten sich noch tiefer hinein. Knaben und Männer drängten sich an der Freitreppe umher und blickten mit erschrockenen Gesichtern durch die Tür und das Fenster, ohne etwas zu sehen und zu verstehen, und fragten einander, was denn eigentlich los sei. Einer sagte, der Tischler habe seiner Frau mit dem Beil ein Bein abgehauen. Ein anderer erzählte, die Waschfrau habe Drillinge geboren. Ein dritter berichtete, die Katze des Kochs sei toll geworden und habe die Leute gebissen. Aber allmählich sickerte die Wahrheit durch und gelangte endlich auch zu den Ohren der gnädigen Frau. Und es scheint, daß man nicht einmal verstand, sie angemessen vorzubereiten: der gefühllose Jegor meldete es ihr geradezu und erschütterte das Nervensystem der gnädigen Frau dermaßen, daß sie sich lange Zeit nicht erholen konnte. Die Menge hatte schon begonnen sich zu beruhigen; die Tischlerfrau hatte den Samowar aufgestellt und kochte Tee; infolgedessen hielten die Hinzugekommenen, da sie keine Einladung erhielten, es für unpassend, länger dazubleiben. Die Jungen begannen sich an der Freitreppe zu balgen; alle Leute wußten schon, was vorgefallen war, und fingen schon an, sich zu bekreuzigen und auseinanderzugehen, als es auf einmal hieß: »Die gnädige Frau, die gnädige Frau!« und alle sich wieder zusammendrängten, um ihr Platz zu machen; zugleich aber wollten sie alle sehen, was sie tun werde. Blaß und verweint trat die gnädige Frau über die Schwelle in den Flur und ging in Akulinas Winkel. Kopf an Kopf drängte sich die Menge an der Tür zusammen und blickte herein. Eine schwangere Frau quetschten sie dabei so, daß sie aufkreischte; aber sogleich benutzte sie eben diesen Umstand dazu, einen Platz ganz vorn zu ergattern. Und wie hätte sich auch jemand das Vergnügen versagen können, die gnädige Frau in Akulinas Winkel zu beobachten? Das war für die Gutsleute ganz dasselbe wie das bengalische Feuer am Schluß einer Vorstellung. Ein schöner Anblick ist es, wenn das bengalische Feuer angezündet wird, und ein schöner Anblick war es auch, als die gnädige Frau in Seide und Spitzen in Akulinas Winkel kam. Sie trat zu Akulina heran und ergriff sie bei der Hand, aber Akulina entriß sie ihr. Die bejahrten Gutsleute schüttelten mißbilligend die Köpfe.

»Akulina!« sagte die gnädige Frau, »du hast Kinder; schone dich für sie!«

Akulina lachte und stand auf.

»Meine Kinder sind ganz von Silber, ganz von Silber . . . Papiergeld nehme ich nicht«, murmelte sie hastig. »Ich habe zu Polikei gesagt: ›Nimm kein Papiergeld; sie schmieren dich damit an‹; mit Teer haben sie ihn beschmiert. Mit Teer und Seife, gnädige Frau. Jede Art Krätze wird dadurch sofort beseitigt.« Und sie lachte wieder, noch ärger als vorher.

Die gnädige Frau wandte sich um und befahl, den Heilgehilfen mit einem Senfpflaster zu rufen. »Gebt kaltes Wasser her!« sagte sie und sah sich selbst nach Wasser um; aber als sie das tote Kind erblickte, vor dem die alte Anna stand, wandte sich die gnädige Frau ab, und alle sahen, wie sie ihr Gesicht mit dem Taschentuch verhüllte und weinte. Die alte Anna aber (leider sah es die gnädige Frau nicht; sie hätte es zu schätzen gewußt, und für sie wurde das ja auch alles veranstaltet) bedeckte das Kind mit einem Stück Leinwand, legte ihm die Händchen mit ihrer dicken, geschickten Hand zurecht und schüttelte so mit dem Kopf, zog so die Lippen auseinander, kniff so gefühlvoll die Augen zusammen und seufzte so tief, daß jedermann sehen konnte, was sie für ein gutes Herz hatte. Aber die gnädige Frau sah das nicht und konnte überhaupt nichts sehen. Sie schluchzte, bekam einen nervösen Anfall, und man mußte sie unter die Arme fassen und auf den Flur und in derselben Weise nach Hause führen. »Viel haben wir von ihr nicht zu sehen bekommen«, dachten viele und begannen auseinanderzugehen. Akulina lachte immer noch und redete Unsinn. Man brachte sie in ein anderes Zimmer, ließ ihr zur Ader, legte ihr mehrere Senfpflaster auf und machte ihr Eisumschläge auf den Kopf; aber sie blieb in gleicher Weise verständnislos und weinte nicht, sondern lachte; und sie redete und tat dabei solche Dinge, daß die gutherzigen Menschen, die sie pflegten, sich nicht halten konnten und ebenfalls lachten.

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