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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 43
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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10

Diesen ganzen Tag über bekam niemand in Pokrowskoje Polikei zu sehen. Die Gutsherrin fragte nach dem Mittagessen mehrere Male nach ihm, und Axjutka lief zu Akulina. Aber Akulina erwiderte, er sei noch nicht gekommen; offenbar habe ihn der Kaufmann aufgehalten, oder es sei dem Pferde etwas passiert. »Es wird doch nicht lahm geworden sein?« sagte sie; »voriges Mal hat Maxim volle vierundzwanzig Stunden zur Rückfahrt gebraucht und ist den ganzen Weg zu Fuß gegangen!« Axjutka setzte sich mit pendelnden Armen wieder nach dem Hause zu in Bewegung; Akulina aber ersann immer neue Gründe für das Ausbleiben ihres Mannes und suchte sich zu beruhigen – aber es gelang ihr nicht! Es war ihr schwer ums Herz, und keine Arbeit für den morgigen Festtag ging ihr recht von der Hand. Sie ängstigte sich um so mehr, da die Tischlerfrau versicherte, sie habe selbst gesehen, daß ein Mann, der gerade wie Polikei ausgesehen habe, bis nahe an das Gutshaus herangefahren sei und dann wieder umgewendet habe. Auch die Kinder warteten voll Unruhe und Ungeduld auf ihren Vater, aber aus anderen Gründen. Anjutka und Maschka waren ohne den Pelz und den Kittel zurückgeblieben, die ihnen sonst die Möglichkeit gewährt hatten, wenigstens abwechselnd auf die Straße hinauszugehen, und sahen sich daher genötigt, nur um das Haus herum bloß in ihren dünnen Kleidern mit gesteigerter Geschwindigkeit Rundläufe zu veranstalten, wodurch sie alle seine Bewohner, die hereinkamen oder hinausgingen, nicht wenig belästigten. Einmal rannte Maschka der Tischlerfrau, die Wasser trug, gegen die Beine, und obgleich sie schon im voraus losheulte, als sie an deren Knie anstieß, wurde sie doch tüchtig an den Haaren gerissen und weinte nun noch stärker. War sie aber auf ihrem Rundlauf mit niemand zusammengestoßen, so lief sie geradeswegs wieder in die Tür herein und kletterte mit Benutzung eines Zubers auf den Ofen. Nur die Gutsherrin und Akulina beunruhigten sich wirklich um Polikei selbst, die Kinder nur um das, was er auf dem Leibe hatte. Jegor Michailowitsch aber antwortete, als ihn die Gutsherrin fragte, ob Polikei noch nicht zurück sei und wo er wohl sein könne, lächelnd: »Ich weiß es nicht,« und war offenbar zufrieden damit, daß seine Vermutungen sich bestätigt hatten. »Er hätte schon zum Mittagessen wieder hier sein müssen,« fügte er bedeutsam hinzu. Diesen ganzen Tag über wußte in Pokrowskoje kein Mensch etwas von Polikei; erst später erfuhr man, daß ihn Bauern aus der Nachbarschaft gesehen hatten, wie er ohne Mütze auf der Landstraße dahinlief und jeden fragte, ob er nicht einen Brief gefunden habe. Ein anderer hatte ihn am Rande des Weges schlafend getroffen, neben dem angebundenen Pferde mit dem Wagen. »Ich dachte noch,« erzählte dieser, »es müsse wohl ein Betrunkener sein, und das Pferd müsse wohl zwei Tage lang nichts zu fressen und zu saufen bekommen haben; so eingefallen sahen seine Flanken aus.« Akulina schlief die ganze Nacht nicht, sondern horchte fortwährend; aber auch in der Nacht kam Polikei nicht. Wenn sie nicht allein gewesen wäre, sondern einen Koch und ein Dienstmädchen gehabt hätte, so würde sie noch unglücklicher gewesen sein; aber als die Hähne zum dritten Mal krähten und die Tischlerfrau sich erhoben hatte, da mußte auch Akulina aufstehen und sich an den Ofen machen. Es war Feiertag: ehe es Tag wurde, mußte sie das Brot herausnehmen, Kwas machen, Plätzchen backen, die Kuh melken, die Kleider und Hemden plätten, die Kinder waschen, Wasser holen und die Nachbarin hindern, den ganzen Ofen mit Beschlag zu belegen. Akulina nahm, ununterbrochen dazwischen horchend, diese Arbeiten in Angriff. Schon wurde es hell, schon läutete es von der Kirche, schon standen die Kinder auf, aber Polikei war immer noch nicht da. Am Abend vorher hatte der Winter seinen Einzug gehalten und die Felder, die Landstraße und die Dächer ungleichmäßig mit Schnee bedeckt; und heute war, gleichsam dem Festtage zu Ehren, schönes, sonniges, kaltes Wetter, so daß man weit sehen und hören konnte. Aber Akulina, die am Ofen stand und den Kopf in die Öffnung hineingesteckt hatte, war so mit dem Backen der Plätzchen beschäftigt, daß sie nicht hörte, wie Polikei angefahren kam, und erst durch das Geschrei der Kinder erfuhr, daß ihr Mann wieder da war. Anjutka, als die älteste, hatte sich selbst den Kopf mit Talg pomadisiert und sich selbst angezogen. Sie hatte ein neues, rosa, noch nicht zerknittertes Kattunkleid an, ein Geschenk der gnädigen Frau, das ihr wie Baumrinde vom Leibe abstand und den Nachbarn in die Augen stach; ihr Haar glänzte, sie hatte ein halbes Lichtstümpfchen daraufgeschmiert; die Schuhe waren zwar nicht neu, aber fein. Maschka steckte noch in der alten Jacke und im Schmutz, und Anjutka ließ sie nicht nahe an sich heran, um von ihr nicht beschmutzt zu werden. Maschka war draußen, als der Vater, mit einem kleinen Mattensack auf dem Wagen, angefahren kam. »Vater is sekommen!« kreischte sie und stürzte Hals über Kopf durch die Tür herein an Anjutka vorbei und beschmutzte diese. Anjutka begann sogleich, ohne sich vor weiterer Beschmutzung zu scheuen, Maschka zu prügeln, Akulina aber konnte im Augenblick nicht von ihrer Arbeit abkommen. Sie rief nur den Kindern zu: »Na wartet! Ich werde euch alle beide durchhauen!« und richtete die Augen nach der Tür hin. Polikei trat mit dem Mattensack in den Flur und ging sofort hindurch in seinen Winkel. Es kam seiner Frau so vor, als ob er blaß sei und sein Gesicht einen halb weinerlichen, halb lächelnden Ausdruck zeigte; aber sie hatte keine Zeit, das genauer festzustellen.

»Nun, Polikei, hast du alles glücklich erledigt?« fragte sie vom Ofen her.

Polikei murmelte etwas, was sie nicht verstand.

»Was sagst du?« rief sie. »Bist du schon bei der gnädigen Frau gewesen?«

Polikei saß in seinem Winkel auf dem Bette, blickte scheu rings um sich und lächelte in seiner schuldbewußten, tieftraurigen Art. Lange Zeit gab er keine Antwort.

»Nun, Polikei? Warum antwortest du nicht?« rief Akulina.

»Ich habe der gnädigen Frau das Geld eingehändigt, Akulina. Sie hat sich sehr bedankt,« erwiderte er nun schnell und begann sich noch unruhiger umzusehen und zu lächeln. Zwei Gegenstände zogen seine unruhigen, fieberhaft geöffneten Augen besonders auf sich: der an die Wiege gebundene Strick und das kleinste Kind. Er trat an die Wiege und band mit seinen schlanken Fingern hastig den Knoten des Strickes auf. Dann hafteten seine Augen auf dem Kinde; aber in diesem Augenblicke trat Akulina mit den Plätzchen auf einem Brett in den Winkel. Polikei verbarg den Strick schnell an der Brust unter dem Hemd und setzte sich auf das Bett.

»Was ist dir, Polikei? Du bist ja ganz verstört?« sagte Akulina.

»Ich habe nicht geschlafen,« antwortete er.

Auf einmal huschte etwas draußen vor dem Fenster vorbei, und einen Augenblick darauf kam Axjutka, das Mädchen von oben, wie ein Pfeil hereingeflogen.

»Die gnädige Frau hat befohlen, Polikei Iljitsch soll augenblicklich zu ihr kommen,« bestellte sie. »Augenblicklich, hat Awdotja Nikolajewna befohlen . . . augenblicklich.«

Polikei sah zuerst Akulina und dann das Mädchen an.

»Ich komme sofort! Was will sie denn noch?« sagte er in so harmlosem Tone, daß Akulina sich in dem Gedanken beruhigte: ›Vielleicht will sie ihn belohnen.‹ »Bestell nur, ich komme sofort.«

Er stand auf und ging hinaus; Akulina aber nahm eine Wanne, stellte sie auf die Bank, goß Wasser aus den an der Tür stehenden Eimer und aus dem im Ofen siedenden Kessel hinein, streifte die Ärmel auf und probierte das Wasser.

»Komm, Maschka, ich will dich baden!«

Das lispelnde Mädchen fing störrisch an zu brüllen.

»Komm her, du Schmutzliese, ich werde dir ein reines Hemd anziehen. Na, sträube dich nicht erst lange! Komm, ich muß deine Schwester auch noch baden.«

Unterdessen ging Polikei nicht hinter dem Mädchen von oben zur gnädigen Frau, sondern ganz woanders hin. Im Flur an der Wand war eine steile Leiter, die auf den Boden führte. Als Polikei auf den Flur hinauskam, sah er sich um, und als er niemand erblickte, stieg er, sich duckend und beinah laufend, behend und schnell diese Leiter hinauf.

»Was hat das nur zu bedeuten, daß Polikei nicht erscheint?« sagte die gnädige Frau ungeduldig zu Dunjascha, die ihr das Haar kämmte. »Wo bleibt er nur? Warum kommt er nicht?«

Axjutka flog wieder auf den Wirtschaftshof, stürmte wieder auf den Flur und bestellte, Polikei solle zur gnädigen Frau kommen.

»Er ist ja schon längst hingegangen,« antwortete Akulina, die inzwischen Maschka gebadet hatte und in diesem Augenblick gerade den Säugling, einen Knaben, in die Wanne setzte und ihm trotz seinem Schreien seine spärlichen Härchen benetzte. Der Knabe schrie, schnitt ein Gesicht und suchte mit seinen kraftlosen Ärmchen irgend etwas zu greifen. Akulina stützte mit der einen gespreizten Hand seinen rundlichen, ganz mit Grübchen übersäten, weichen Rücken und wusch das Kind mit der andern.

»Sieh doch mal zu, ob er nicht irgendwo eingeschlafen ist,« sagte sie, unruhig umherblickend.

Unterdessen stieg die Tischlerfrau ungekämmt, mit offenstehender Brust, ihre Röcke anhebend, auf den Boden hinauf, um ein ihr gehörendes, dort zum Trocknen aufgehängtes Kleidungsstück zu holen. Plötzlich erscholl auf dem Boden ein Schreckensschrei, und die Tischlerfrau kletterte wie eine Wahnsinnige mit geschlossenen Augen auf allen vieren rückwärts, schnell wie eine Katze, die Leiter hinab.

»Polikei!« schrie sie.

Akulina ließ das Kind aus den Händen fallen.

»Er hat sich aufgehängt!« heulte die Tischlerfrau.

Akulina lief auf den Flur hinaus, ohne zu beachten, daß das Kind wie ein kleines Knäuel hintenüber rollte und, die Beinchen in die Höhe streckend, mit dem Kopfe unter das Wasser tauchte.

»An einem Balken . . . hängt er . . .« schrie die Tischlerfrau, hielt aber inne, als sie Akulina erblickte.

Akulina stürzte zur Leiter, lief, ehe sie jemand zurückhalten konnte, hinauf, stürzte mit einem furchtbaren Aufschrei wie tot auf die Leiter und hätte sich zu Tode gefallen, wenn nicht die von allen Seiten herausstürzenden Leute sie noch rechtzeitig aufgefangen hätten.

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