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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 42
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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9

Sobald es still geworden war, stieg Polikei verstohlen, als ob er etwas Schlimmes begangen hätte, vom Ofen herunter und machte sich reisefertig. Es war ihm aus einem unklaren Grunde peinlich, hier mit den Rekruten zusammen zu übernachten. Die Hähne fingen schon an häufiger zu krähen. Baraban hatte seinen ganzen Hafer verzehrt und streckte den Hals begierig nach dem Tränkeimer aus. Polikei spannte ihn an und führte ihn, an den Bauernwagen vorbei, hinaus. Die Mütze mit ihrem Inhalte war unversehrt, und die Räder des Wägelchens klapperten von neuem auf der ein wenig überfrorenen Landstraße nach Pokrowskoje. Polikei fühlte sich erst dann leichter, als er aus der Stadt heraus war. Bis dahin schien es ihm immer, als werde er im nächsten Augenblicke Verfolger hinter sich hören, die ihn anhalten, ihm an Iljas Stelle die Arme auf den Rücken binden und ihn am nächsten Tage zur Gestellung bringen würden. Halb vor Kälte, halb vor Angst lief ihm ein Frostschauer über den Rücken, und er trieb fortwährend Baraban zu schärferem Laufe an. Der erste Mensch, der ihm begegnete, war ein PopeEine solche Begegnung gilt als übles Vorzeichen. Anmerkung des Übersetzers. mit einem gebückt gehenden Knechte. Es wurde ihm noch unbehaglicher zumute. Aber als er vor die Stadt gekommen war, verging diese Angst allmählich. Baraban ging nun im Schritt; der vor ihnen liegende Weg war jetzt besser zu sehen; Polikei nahm die Mütze ab und fühlte nach dem Gelde. ›Ob ich es vorn in die Brust stecke?‹ dachte er; ›dazu müßte ich mir erst den Gurt aufmachen. Ich will noch den Abhang hinunterfahren; da will ich absteigen und mich zurechtmachen. Die Mütze ist oben fest zugenäht, und unten kann aus dem Futter nichts herausfallen. Und bis ich zu Hause bin, nehme ich dann die Mütze nicht mehr ab.« Als sie an die Senkung des Weges gekommen waren, jagte Baraban aus eigenem Antriebe schnell bergab, und Polikei, der, ebenso wie Baraban, so schnell wie möglich zu Hause zu sein wünschte, hinderte ihn daran nicht. Alles war in Ordnung; wenigstens meinte er es, und gab sich angenehmen Träumereien hin über die Dankbarkeit der Gutsherrin, über die fünf Rubel, die sie ihm geben werde, und über die Freude seiner Angehörigen. Er nahm die Mütze ab, fühlte noch einmal nach dem Briefe, zog sich die Mütze tiefer auf den Kopf und lächelte. Der Plüsch an der Mütze war mürbe, und gerade dadurch, daß Akulina ihn tags zuvor an der zerrissenen Stelle sorgsam zusammengenäht hatte, war er am andern Ende locker geworden, und gerade die Bewegung, durch die Polikei in der Dunkelheit, nachdem er die Mütze abgenommen hatte, den Brief tiefer unter die Watte zu schieben glaubte, gerade diese Bewegung brachte die Mütze zum Aufreißen und schob den Brief mit der einen Ecke aus dem Plüsch heraus.

Es begann hell zu werden, und Polikei, der die ganze Nacht nicht geschlafen hatte, schlummerte ein. Nachdem er die Mütze tief auf den Kopf gezogen und dadurch den Brief noch mehr herausgedrückt hatte, begann er im Schlafe mit dem Kopfe gegen die Seitenstange zu schlagen. Er erwachte erst, als er schon beinah zu Hause war. Seine erste Bewegung war, nach der Mütze zu greifen; sie saß fest auf dem Kopfe, und er nahm sie gar nicht ab, überzeugt, daß der Brief darin war. Er trieb Baraban an, brachte das Heu in Ordnung, nahm wieder das Aussehen eines Hausmeisters an und rasselte, mit wichtiger Miene um sich blickend, auf das Gutsgebäude zu.

Da war die Küche; da war das Gesindehaus; da trug die Tischlerfrau Leinwand; da war das Kontor; da war das herrschaftliche Haus. »Dort,« sagte er zu sich, »wird in wenigen Augenblicken Polikei zeigen, daß er ein zuverlässiger, ehrlicher Mensch ist, daß ungerechten Verleumdungen schließlich ein jeder ausgesetzt ist; und die gnädige Frau wird sagen: »Ich danke dir, Polikei; hier hast du drei . . .« vielleicht werden es auch fünf, vielleicht auch zehn Rubel, und sie läßt mir auch noch Tee bringen und vielleicht auch ein Schnäpschen. Das würde bei der Kälte nichts schaden. Für die zehn Rubel wollen wir uns morgen am Festtag etwas zugute tun, und Stiefel wollen wir kaufen, und meinetwegen will ich auch diesem Nikita seine fünftehalb Rubel zurückgeben; er fängt schon an sehr dringlich zu werden . . .« Als er nur noch hundert Schritte vom Hause entfernt war, schlug er noch einmal die Rockflügel übereinander, brachte seinen Gürtel und sein Halstuch in Ordnung, nahm die Mütze ab, strich sich das Haar zurecht und steckte ohne Eile die Hand unter das Futter. Die Hand bewegte sich in der Mütze hin und her, schneller, noch schneller; die andere schob sich ebenfalls hinein; das Gesicht wurde blaß, ganz blaß; die eine Hand war quer hindurchgefahren . . . Polikei warf sich auf die Kniee, hielt das Pferd an, blickte im Wagen umher, in das Heu, zwischen die eingekauften Gegenstände; er befühlte seine Brust, seine Hosen: das Geld war nirgends zu finden.

»Gott im Himmel! Was ist das? Was wird daraus werden?« schrie er und griff sich in die Haare.

Aber sogleich fiel ihm ein, daß man ihn sehen könne; er wendete Baraban um, setzte die Mütze auf und jagte den erstaunten und unzufriedenen Wallach auf der Landstraße zurück.

»Nein, mit diesem Polikei zu fahren, das ist nicht zum Aushalten!« dachte Baraban jedenfalls. »Nun hat er mich ein einziges Mal im Leben rechtzeitig gefüttert und getränkt, nur um mich so unangenehm zu enttäuschen. Was habe ich mir bei der Rückfahrt nach Hause für Mühe gegeben und mich beeilt! Ich bin ganz müde geworden; aber kaum rieche ich unser Heu, da treibt er mich wieder zurück!«

»Zu, zu, du Satansvieh!« schrie Polikei unter Tränen, während er auf dem Wagen stand und Baraban mit den Zügeln im Maule riß und ihn mit der Peitsche schlug.

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