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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 41
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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8

Um Mitternacht wurden die Leute des Kaufmanns und Polikei durch ein Klopfen am Tore und durch das Geschrei von Bauern geweckt. Es waren die Rekruten, die aus Pokrowskoje gebracht wurden. Die Ankömmlinge waren im ganzen zehn: Chorjuschkin, Mitjuchin und Ilja (Dutlows Neffe), zwei Ersatzmänner, der Schulze, der alte Dutlow und drei andere Begleiter. In der Stube brannte ein Nachtlicht; die Köchin schlief auf der Bank unter den Heiligenbildern. Sie sprang auf und zündete eine Kerze an. Polikei war ebenfalls aufgewacht, beugte sich über den Rand des Ofens und betrachtete die eingetretenen Bauern. Alle bekreuzigten sich beim Eintreten und setzten sich dann auf die Bänke. Alle waren ganz ruhig, so daß es unmöglich war, zu erkennen, welches die Rekruten und welches die Begleiter waren. Sie begrüßten die Anwesenden, fingen an zu plaudern und verlangten etwas zu essen. Manche allerdings waren schweigsam und traurig; dafür waren andere außerordentlich heiter; sie hatten offenbar getrunken. Zu diesen gehörte auch Ilja, der bisher nie getrunken hatte.

»Nun, Kinder, wollt ihr noch Abendbrot essen oder euch gleich schlafen legen?« fragte der Schulze.

»Abendbrot essen«, antwortete Ilja, schlug seinen Pelz auseinander und setzte sich auf eine Bank. »Laß Branntwein holen!«

»Branntwein ist schon genug getrunken«, erwiderte der Schulze in leichtem Tone und wandte sich von neuem den andern zu. »Nun, dann eßt doch euer Brot, Kinder! Wozu sollen wir die Leute hier wecken?«

»Branntwein her!« sagte Ilja noch einmal, ohne jemand anzusehen, und in einem Tone, an dem man merken konnte, daß er von seinem Verlangen nicht so bald Abstand nehmen werde.

Die Bauern befolgten den Rat des Schulzen, holten sich Brot aus den Wagen, aßen, ließen sich Kwas dazu geben und legten sich hin, die einen auf den Fußboden, die andern auf den Ofen.

Ilja wiederholte immer noch von Zeit zu Zeit: »Branntwein her! Ich sage: Branntwein her!« Auf einmal erblickte er Polikei. »Polikei Iljitsch, ah! du bist hier, lieber Freund? Siehst du, ich muß Soldat werden; ich habe von meiner Mutter und von meinem Weibe für immer Abschied genommen . . . Wie sie heulten! Unter die Soldaten steckt man mich. Laß doch Branntwein holen!«

»Ich habe kein Geld«, erwiderte Polikei. »Nun, so Gott will, wirst du noch für untauglich befunden,« fügte er tröstend hinzu.

»Nein, Bruder, ich bin so rein wie eine Birke; niemals habe ich eine Krankheit gehabt. Wie könnte ich untauglich sein? Einen bessern Soldaten kann der Zar gar nicht bekommen.«

Polikei erzählte ihm eine Geschichte, wie ein Bauer dem Arzte einen Fünfrubelschein gegeben hatte und dadurch freigekommen war.

Ilja rückte näher an den Ofen heran und wurde gesprächig.

»Nein, Polikei Iljitsch, jetzt ist alles zu Ende, und ich will auch selbst nicht mehr hierbleiben. Mein Onkel hat mich unter die Soldaten gesteckt. Hätte er nicht einen Ersatzmann für mich kaufen können? Aber nein, seinen Sohn mochte er nicht missen, und das Geld mochte er auch nicht missen. Da gibt er denn mich hin . . . Jetzt will ich selbst nicht hierbleiben.« (Er sprach leise, vertraulich, unter der Einwirkung eines stillen Grames.) »Mir tut nur meine Mutter leid; wie hat die Gute gejammert! Und auch meine Frau tut mir leid; der haben sie nun um nichts und wieder nichts ihr Leben zerstört; jetzt wird sie zugrunde gehen: eine Soldatenfrau, das Wort sagt genug. Hätten sie mich lieber nicht verheiratet! Warum haben sie es getan? Morgen kommen meine Mutter und meine Frau her.«

»Warum hat man euch denn so früh hergebracht?« fragte Polikei. »Erst war nichts davon zu hören und nun auf einmal . . .«

»Siehst du, sie fürchten, daß ich mir ein Leid antue,« antwortete Ilja lächelnd. »Sie können unbesorgt sein; ich werde nichts Derartiges tun. Ich werde auch bei den Soldaten nicht zugrunde gehen; mir tut nur meine Mutter leid. Warum haben sie mir eine Frau gegeben?« sagte er leise und traurig.

Die Tür öffnete sich und wurde dann kräftig zugeschlagen; der alte Dutlow war hereingekommen und schüttelte die Feuchtigkeit von seiner Mütze. Er trug, wie immer, so große Bastschuhe, als ob er Kähne an den Füßen hätte.

»Afanasi,« sagte er, sich bekreuzigend und sich an den Hausknecht wendend, »ist nicht eine Laterne da, damit ich den Pferden Hafer aufschütten kann?«

Dutlow sah nicht nach Ilja hin und zündete ruhig das Lichtstümpfchen an. Seine Fausthandschuhe und seine Peitsche steckten in seinem Gürtel, und dieser war sorgfältig um den Kittel herumgelegt: es machte ganz den Eindruck, als sei er mit einer Frachtfuhre gekommen; so schlicht und gewöhnlich, friedlich und mit wirtschaftlichen Dingen beschäftigt sah sein von langjähriger Arbeit zeugendes Gesicht aus.

Als Ilja seinen Onkel erblickte, verstummte er, richtete wieder die niedergeschlagenen Augen auf irgendeine Stelle der Bank und sagte, zu dem Schulzen gewendet:

»Gib mir Branntwein, Jermil! Ich will Schnaps trinken.«

Seine Stimme klang ingrimmig und düster.

»Wie kannst du jetzt Schnaps wollen!« antwortete der Schulze, aus einer Schüssel löffelnd. »Du siehst doch, daß die Leute gegessen und sich hingelegt haben; was tobst du noch?«

Das Wort »toben« brachte den jungen Menschen offenbar auf den Gedanken, zu toben.

»Schulze, es gibt ein Unglück, wenn ich keinen Schnaps kriege!«

»Versuche du ihn doch zur Vernunft zu bringen!« wandte sich der Schulze an Dutlow, der bereits die Laterne angezündet hatte, aber noch stehen geblieben war, offenbar um zu hören, was noch weiter geschehen werde, und von der Seite mitleidig nach seinem Neffen hinblickte, als wenn er über dessen kindisches Benehmen erstaunt wäre.

Ilja sagte wieder mit gesenktem Kopfe:

»Gib Schnaps her, oder es gibt ein Unglück!«

»Laß das doch sein, Ilja!« sagte der Schulze in mildem Tone. »Wirklich, laß das sein! Es ist besser so!«

Aber kaum hatte er diese Worte gesprochen, als Ilja aufsprang, mit der Faust eine Fensterscheibe zerschlug und aus vollem Halse schrie:

»Ihr wollt nicht hören; da habt ihrs!« Und er stürzte zum andern Fenster hin, um es ebenfalls zu zerschlagen.

Polikei drehte sich in einem Augenblicke zweimal um sich selbst und verbarg sich in der hintersten Ecke des Ofens, so daß er dort alle Schaben aufstörte. Der Schulze warf seinen Löffel aus der Hand und lief auf Ilja zu. Dutlow stellte langsam die Laterne hin, band seinen Gurt ab, schnalzte mit der Zunge, wiegte den Kopf hin und her und trat zu Ilja, der sich bereits mit dem Schulzen und dem Hausknecht herumbalgte, die ihn nicht an das Fenster ließen. Sie hatten ihn an den Armen gepackt und schienen ihn in ihrer Gewalt zu haben, aber sowie Ilja seinen Onkel mit dem Gurt sah, verdoppelten sich seine Kräfte; er riß sich los und trat mit rollenden Augen und geballter Faust auf Dutlow zu.

»Ich schlage dich tot; komm mir nicht zunah, du Barbar! Du hast mich zugrunde gerichtet, du und deine räuberischen Söhne; du hast mich zugrunde gerichtet! Warum hast du mir eine Frau gegeben? Komm mir nicht zu nah; ich schlage dich tot!«

Ilja war schrecklich anzusehen. Sein Gesicht war dunkelrot; die Augen fuhren wild nach allen Seiten umher; sein ganzer gesunder, jugendlicher Körper zitterte wie im Fieber. Wie es schien, war er willens und imstande, die Männer, die auf ihn zukamen, alle drei totzuschlagen.

»Deines Bruders Blut trinkst du, du Blutsauger!«

In Dutlows sonst stets so ruhigem Gesicht blitzte etwas auf. Er trat einen Schritt vorwärts.

»In Gutem hast du nicht gewollt,« sagte er plötzlich, und mit einer schnellen Bewegung (wo er nur die Energie dazu hernahm?) ergriff er seinen Neffen, warf sich mit ihm auf die Erde und begann ihm mit Hilfe des Schulzen die Arme zusammenzuschnüren. Etwa fünf Minuten lang rangen sie miteinander; endlich stand Dutlow mit Hilfe der andern auf und riß Ilias Hände von seinem Pelze los, in dem dieser sich festgekrallt hatte; nachdem er selbst aufgestanden war, hob er Ilja auf, dem die Hände auf dem Rücken zusammengebunden waren, und setzte ihn auf eine Bank in die Ecke.

»Ich habe es dir ja gesagt, daß es dir schlecht bekommen werde,« sagte er, noch atemlos von dem Ringen, und rückte sich das Hemd in der Hüfte zurecht. »Warum versündigst du dich? Wir müssen alle sterben. Schieb ihm einen Kittel unter den Kopf,« fügte er, zum Hausknecht gewendet, hinzu, »sonst wird ihm der Kopf schwellen.« Dann nahm er die Laterne, band sich statt des Gurtes einen Strick um den Leib und ging wieder hinaus zu den Pferden.

Mit zerzaustem Haar, blassem Gesicht und hochgeschobenem Hemd sah sich Ilja nach allen Seiten im Zimmer um, als wenn er sich zu besinnen suchte, wo er eigentlich sei. Der Hausknecht sammelte die Glasscherben auf und stopfte eine Pelzjacke ins Fenster, damit es nicht ziehe. Der Schulze setzte sich wieder zu seiner Schüssel.

»Ach, lieber Ilja, lieber Ilja, du tust mir leid, wirklich. Aber was ist zu machen? Sieh mal Chorjuschkin an; der ist auch verheiratet. Es ist eben nicht zu ändern.«

»Wegen meines Onkels, des Bösewichtes, gehe ich zugrunde,« wiederholte Ilja mit verbissener Wut. »Ihm tuts um sein Geld leid. Meine Mutter hat gesagt, der Verwalter habe ihn aufgefordert, einen Rekruten als Stellvertreter zu kaufen. Aber er will nicht; er sagt, das könne er nicht leisten. Und dabei haben mein Bruder und ich ihm eine Menge Geld ins Haus gebracht. Ein Bösewicht ist er!«

Dutlow trat wieder ins Zimmer, betete vor den Heiligenbildern, zog sich aus und setzte sich zu dem Schulzen. Eine Magd brachte ihm Kwas und einen Löffel. Ilja schwieg und lehnte sich mit geschlossenen Augen gegen den Kittel. Der Schulze wies schweigend auf ihn hin und schüttelte den Kopf. Dutlow machte eine bedauernde Bewegung mit der Hand.

»Tut er mir denn nicht leid? Er ist ja doch der Sohn meines leiblichen Bruders. Und nicht genug, daß er mir leid tut, hat man mich ihm auch noch als einen Bösewicht dargestellt. Seine Frau, die trotz ihrer Jugend ein listiges Weib ist, hat ihm die Vorstellung in den Kopf gesetzt, wir hätten so viel Geld, daß wir einen Ersatzmann kaufen könnten. Und da macht er mir nun Vorwürfe. Aber wie leid mir der Junge tut! . . .«

»Ach ja, er ist ein braver Bursche!« sagte der Schulze.

»Aber ich vermag nichts über ihn. Morgen werde ich Ignat herschicken, und seine Frau wollte auch mit herkommen.«

»Schicke sie nur her; das ist gut,« erwiderte der Schulze, stand auf und stieg auf den Ofen. »Was ist das Geld? Das Geld ist Staub.«

»Wenn unsereiner nur Geld hätte, dann würde man es gern ausgeben,« sagte ein Knecht des Kaufmanns, indem er den Kopf in die Höhe hob.

»Ach, das Geld, das Geld! Von dem kommt viele Sünde her,« sagte Dutlow. »Von nichts in der Welt kommt so viel Sünde her wie vom Gelde; das steht schon in der Bibel.«

»Ja, es steht alles geschrieben,« stimmte der Hausknecht bei. »So erzählte mir einmal einer: Es war ein Kaufmann, der hatte viel Geld zusammengescharrt und wollte nichts zurücklassen; er liebte sein Geld so, daß er es mit in den Sarg nehmen wollte. Kurz vor seinem Tode befahl er, ihm sein Kopfkissen mit in den Sarg zu legen. Man ahnte nichts und tat es. Nachher suchten die Söhne nach dem Gelde, aber es war nichts zu finden. Da kam der eine Sohn auf den Gedanken, daß das Geld gewiß in dem Kissen gewesen sei. Die Sache kam vor den Zaren, und er erlaubte, den Sarg auszugraben. Und was glaubt ihr? Man öffnete den Sarg: in dem Kissen war nichts darin, aber der Sarg war voll Schlangen; da gruben sie ihn denn wieder ein. Da sieht man, was das Geld anrichtet.«

»Ja, das ist sicher, es ist an vieler Sünde schuld,« sagte Dutlow, stand auf und betete.

Als er gebetet hatte, betrachtete er seinen Neffen. Dieser schlief. Dutlow trat zu ihm, löste ihm den Gurt, mit dem seine Arme gebunden waren, und legte sich hin. Ein anderer Bauer ging in den Stall zu den Pferden, um dort zu schlafen.

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