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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 40
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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7

Am andern Tage frühmorgens stand vor der Freitreppe des Gesindehauses ein Reisewägelchen (in dem auch der Verwalter zu fahren pflegte), bespannt mit einem starkknochigen braunen Wallach, der aus irgendwelchem Grunde BarabanBaraban: Trommel. Anmerkung des Übersetzers. hieß. Anjutka, Polikeis älteste Tochter, stand trotz dem mit Schnee gemischten Regen und dem kalten Winde barfuß vor dem Kopfe des Wallachs und hielt, sichtlich in großer Angst, mit der einen Hand das Pferd von weitem am Zügel, während sie mit der andern auf ihrem Kopfe die grüngelbe Jacke festhielt, die in der Familie die Obliegenheit einer Bettdecke, eines Pelzes, einer Kopfbedeckung, eines Teppichs, eines Überziehers für Polikei und noch viele andere Obliegenheiten versah. Im »Winkel« herrschte lebhafte Tätigkeit. Es war noch dunkel; das Morgenlicht des regnerischen Tages drang erst ganz schwach durch das stellenweise mit Papier verklebte Fenster. Akulina hatte für eine Weile das Kochen im Ofen und die Wartung der Kinder unterbrochen (von denen die kleineren noch nicht aufgestanden waren und froren, da ihnen ihre Decke genommen war, um als Kleidungsstück zu dienen, und sie dafür nur das Kopftuch der Mutter bekommen hatten) und war damit beschäftigt, ihren Mann zur Reise auszurüsten. Er bekam ein reines Hemd. Die Stiefel, die, wie man sich ausdrückt, hungrig die Mäuler aufsperrten, machten ihr besondere Sorge. Zuerst zog sie sich ihre dicken, wollenen Strümpfe aus, das einzige Paar, das sie besaß, und gab sie ihrem Manne, und dann verfertigte sie aus einer Filzdecke, die im Pferdestall »umhergelegen« hatte und von Polikei vor zwei Tagen nach Hause gebracht worden war, geschickt ein Paar Einlegesohlen, um die Löcher zu verstopfen und Polikeis Füße vor der Nässe zu schützen. Polikei selbst saß mit den Beinen auf dem Bett und war damit beschäftigt, seine Leibbinde so zurechtzudrehen, daß sie nicht mehr das Aussehen eines schmutzigen Strickes hatte. Dem lispelnden Mädchen hatte die Mutter den Pelz angezogen, in dem es sich, obwohl er ihm hoch über den Kopf reichte, doch mit den Füßen verwickelte, und es so zu Nikita geschickt, mit der Bitte, er möchte doch Polikei seine Mütze leihen. Zur Vergrößerung der Unruhe trugen noch die Gutsleute bei, die herbeikamen und Polikei baten, ihnen in der Stadt dies und jenes zu kaufen: die eine wollte Nadeln, eine andere Tee, eine andere Baumöl, ein anderer ein bißchen Tabak und die Tischlerfrau Zucker. Diese hatte schon den Samowar aufgestellt und brachte, um Polikei freundlich zu stimmen, ihm in einem kleinen Krug ein Getränk, das sie Tee nannte. Obgleich Nikita seine Mütze nicht hergab und Polikei sich genötigt sah, seine eigene in Ordnung zu bringen, das heißt die hervorgedrungene, heraushängende Watte hineinzustopfen und das Loch mit der roßärztlichen Nadel zuzunähen, und obgleich die Stiefel mit den aus der Filzdecke hergestellten Einlegesohlen zuerst nicht an die Füße gehen wollten, und obgleich Anjutka ganz erfroren war und Baraban nicht mehr halten konnte und Maschka im Pelz an ihre Stelle treten mußte und dann Maschka den Pelz ausziehen und Akulina selbst hingehen und das Pferd halten mußte: so endete doch alles damit, daß Polikei die ganze Garderobe seiner Familie angezogen hatte und nur die Jacke und die Pantoffeln daließ. So ausgerüstet, stieg er auf den Wagen, schlug die Rockflügel übereinander, schob das Heu zurecht, schlug noch einmal die Rockflügel übereinander, brachte die Zügel in Ordnung, schlug die Rockflügel noch fester übereinander, wie das sehr solide Leute tun, und trieb das Pferd an.

Sein kleiner Sohn Michail kam auf die Freitreppe herausgelaufen und bat, ein Stückchen mitfahren zu dürfen. Auch die lispelnde Maschka wollte gern mit: es sei ihr auch ohne Pelz warm. So hielt denn Polikei den Wallach wieder an, lächelte in seiner schwächlichen Weise, und Akulina setzte ihm die Kinder hinauf. Dann bog sie sich zu ihm und flüsterte ihm zu, er solle an seinen Eid denken und unterwegs nichts trinken. Polikei nahm die Kinder bis zur Schmiede mit; dort setzte er sie ab, wickelte sich wieder ein, rückte sich die Mütze wieder zurecht und fuhr allein in einem kleinen, ruhigen Trabe weiter; bei jedem Stoße des Wagens zitterten seine Backen und klapperten seine Füße gegen den Wagenkasten. Maschka und Michail liefen mit solcher Schnelligkeit und mit solchem Gekreisch barfuß den glitschrigen Berg hinab nach Hause, daß ein Hund, der sich vom Dorfe nach dem Wirtschaftshofe verlaufen hatte, bei ihrem Anblick plötzlich den Schwanz zwischen die Beine nahm und mit Gebell nach Hause rannte, wodurch das Gekreisch der Sprößlinge Polikeis noch erheblich gesteigert wurde.

Das Wetter war garstig; der Wind schnitt ins Gesicht, und durcheinander peitschten Schnee und Regen und Graupeln Polikeis Gesicht und seine nackten Hände, die er mit den kalten Zügeln in den Ärmeln seines Rockes verbarg, und den Lederbezug des Kumtes und den alten Kopf Barabans, der die Ohren andrückte und mit den Augen blinzelte.

Dann hörte das schlechte Wetter auf einmal auf, und es wurde für eine Weile hell; die bläulichen Schneewolken wurden deutlich sichtbar, und es schien, als wolle die Sonne hindurchblicken, aber unschlüssig und unfroh wie Polikeis eigenes Lächeln. Trotzdem war Polikei in angenehme Gedanken versunken. Er, den man zur Ansiedlung hatte nach Sibirien verschicken wollen, er, den man unter die Soldaten zu stecken gedroht hatte, er, den jedermann schimpfte und schlug, wer nicht gerade zu faul dazu war, er, den man immer dahin stieß, wo es am schlechtesten war, er fuhr jetzt hin, um eine Geldsumme in Empfang zu nehmen, eine große Geldsumme, und die gnädige Frau schenkte ihm Vertrauen, und er fuhr mit dem Wägelchen des Verwalters und mit Baraban, mit dem die gnädige Frau selbst manchmal fuhr; und er fuhr wie so ein Hausmeister mit ledernen Kumtriemen und Zügeln. Und Polikei setzte sich gerader zurecht, brachte die Watte in seiner Mütze in Ordnung und schlug noch einmal seine Rockflügel übereinander. Wenn er übrigens dachte, daß er vollständig einem wohlhabenden Hausmeister gliche, so irrte er sich. Allerdings weiß jeder, daß auch Händler, die zehntausend Rubel schwer sind, in einem solchen Wägelchen mit ledernem Geschirr fahren; aber es ist dasselbe und doch auch etwas anderes. Da fährt so ein Mann mit großem Barte, in einem langen blauen oder schwarzen Rock, mit einem wohlgenährten Pferde und sitzt allein in seinem Wagen: man braucht nur einen Blick hinzuwerfen, ob das Pferd und er selbst wohlgenährt sind, und wie er dasitzt, und wie das Pferd angespannt und der Wagen beschient ist, und was er selbst für einen Gurt um hat, dann weiß man auch sofort, ob es sich bei seinen Geschäften um Tausende oder um Hunderte von Rubeln handelt. Sobald ein erfahrener Mann Polikei und seine Hände und sein Gesicht und den Bart, den er sich erst seit kurzem hatte stehen lassen, und seine Leibbinde und das ohne Sorgfalt in den Wagenkasten geworfene Heu und den mageren Baraban und die abgescheuerten Radschienen aus der Nähe betrachtete, mußte er sofort erkennen, daß da ein geringer Knecht fuhr und kein Kaufmann, kein Viehhändler, kein Hausmeister, niemand, der tausend oder hundert oder auch nur zehn Rubel hinter sich hatte. Aber Polikei war anderer Meinung; er war in einem Irrtum befangen, in einem angenehmen Irrtum. Er sagte sich: ›Bald werde ich anderthalbtausend Rubel an meiner Brust stecken haben. Wenn ich will, kann ich Baraban, statt nach Hause, nach Odessa zu wenden und fahren, wohin mich Gott führt. Aber ich werde das nicht tun, sondern das Geld getreulich der gnädigen Frau überbringen und dazu sagen, daß ich schon ganz andere Geldsummen transportiert habe.‹ Als er zu einem Wirtshause kam, zog Baraban den linken Zügel an und wollte anhalten und einkehren; aber obgleich Polikei Geld bei sich hatte, das nämlich, das ihm zu den Einkäufen mitgegeben war, versetzte er dem Pferde einen klatschenden Hieb mit der Peitsche und fuhr vorbei. Dasselbe tat er auch beim zweiten Wirtshause, und um Mittag stieg er von seinem Wagen, öffnete das Tor des Kaufmannshauses, wo alle Leute der gnädigen Frau einzukehren pflegten, führte den Wagen hinein, spannte aus, brachte das Pferd an die Krippe mit Heu, aß mit den Leuten des Kaufmanns zu Mittag, wobei er nicht unterließ zu erzählen, in welch einer wichtigen Angelegenheit er gekommen sei, und ging dann, mit dem Brief in der Mütze, zum Gärtner. Der Gärtner, der Polikei kannte, las den Brief und fragte mit sichtlichem Zweifel, ob ihm wirklich befohlen sei, das Geld zu holen. Polikei wollte den Beleidigten spielen, brachte es aber nicht fertig, sondern lächelte nur in der ihm eigenen Art. Der Gärtner las den Brief noch einmal durch und händigte ihm das Geld ein. Nachdem Polikei das Geld empfangen hatte, steckte er es sich vorn an der Brust unter das Hemd und begab sich wieder nach seinem Ausspann. Kein Bierhaus und keine Branntweinschänke, nichts konnte ihn verführen. Er empfand in seinem ganzen Leibe eine angenehme Aufregung und blieb mehr als einmal vor den Läden mit verlockenden Waren, Stiefeln, Röcken, Mützen, Kattun und Viktualien stehen. Und wenn er so ein Weilchen gestanden hatte, so ging er weiter mit dem angenehmen Gefühl: ich kann das alles kaufen; aber ich tue es nicht. Er ging auf den Basar, um einzukaufen, wozu er Aufträge hatte, brachte alles zusammen und handelte nun um einen gegerbten Pelz, für den der Kaufmann fünfundzwanzig Rubel verlangte. Der Verkäufer, der seinen Kunden musterte, glaubte nicht recht, daß dieser imstande sei, den Pelz zu kaufen; aber Polikei deutete auf seine Brust und sagte, er könne seinen ganzen Laden kaufen, wenn er wolle; er verlangte, den Pelz anzuprobieren, drückte und streichelte ihn, blies in das Fell hinein und nahm sogar schon dessen Geruch an; endlich aber zog er ihn mit einem Seufzer wieder aus. »Der Preis sagt mir nicht zu; wenn Sie ihn für fünfzehn Rubel ließen . . .« sagte er. Der Kaufmann warf den Pelz ärgerlich über den Tisch, Polikei aber ging hinaus und begab sich in vergnügter Stimmung nach seinem Quartier. Nachdem er zu Abend gegessen, Baraban getränkt und mit Hafer versorgt hatte, stieg er auf den Ofen, zog den Brief heraus, betrachtete ihn lange und bat den des Lesens kundigen Hausknecht, ihm die Adresse und die Worte: ›Einliegend eintausendsechshundertundsiebzehn Rubel in Banknoten‹ vorzulesen. Der Umschlag war aus gewöhnlichem Papier gemacht; die Siegel waren von braunem Siegellack und zeigten einen Anker, ein großes in der Mitte und vier an den Ecken; an der einen Seite war etwas Siegellack verträufelt. Polikei besah und studierte das alles und befühlte sogar die scharfen Kanten der Banknoten. Er empfand eine Art von kindlichem Vergnügen in dem Bewußtsein, daß er eine solche Geldsumme in den Händen habe. Er schob den Brief in das Loch seiner Mütze, legte die Mütze unter seinen Kopf und schlief ein; aber in der Nacht erwachte er mehrmals und fühlte nach dem Briefe. Und jedesmal, wenn er den Brief an seinem Platze fand, hatte er eine angenehme Empfindung bei dem Bewußtsein, daß er, der vielgeschmähte, vielgekränkte Polikei, da nun eine solche Geldsumme bringe und getreulich abliefern werde, so getreulich wie nicht einmal der Verwalter selbst.

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