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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 39
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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6

In der Tat trat Jegor Michailowitsch in diesem Augenblicke aus dem Hause. Die Mützen hoben sich eine nach der andern von den Köpfen in die Höhe, und in dem Maße, in dem der Verwalter näher kam, entblößten sich einer nach dem andern graue, halb ergraute, rote, schwarze und blonde Köpfe sowie solche mit einer Glatze in der Mitte und vorn, und allmählich, ganz allmählich wurden die Stimmen stiller und schwiegen endlich ganz. Jegor Michailowitsch stand auf der Freitreppe und gab zu erkennen, daß er reden wolle. Wie Jegor Michailowitsch so mit gespreizten Beinen fest dastand, in seinem langen Rocke, die Hände etwas unbequem in dessen vordere Taschen gesteckt, die uniformartige Mütze nach vorn gerückt, und von seinem hohen Standpunkt aus auf diese zu ihm hingewandten, in die Höhe gehobenen, großenteils alten und großenteils hübschen bärtigen Köpfe hinblickte, hatte er ein ganz anderes Aussehen als vor der Gutsherrin. Er sah majestätisch aus.

»Also, Kinder, die gnädige Frau hat folgendermaßen entschieden: sie wünscht nicht, einen von den Gutsleuten hinzugeben, sondern wen ihr von euch dazu bestimmt, der soll Soldat werden. Wir müssen diesmal drei Rekruten stellen. Eigentlich nur zweieinhalb; aber den andern halben geben wir im voraus. Es ist ja ganz gleich: tun wirs jetzt nicht, so müssen wir es das nächste Mal tun.«

»Gewiß! So ist es!« sagten mehrere.

»Meiner Ansicht nach«, fuhr Jegor Michailowitsch fort, »müssen Chorjuschkin und Wassili Mitjuchin gehen; das hat schon Gott selbst so bestimmt.«

»Ganz richtig, gewiß!« wurde wieder gerufen.

»Als dritter muß entweder ein Dutlow gehen oder einer von den Zweisöhnigen. Wie denkt ihr darüber?«

»Ein Dutlow!« wurde geantwortet. »Die Dutlows sind Dreisöhnige.«

Und wieder erhob sich allmählich Zank und Geschrei, und wieder kam die Rede auf den Streifen Land an der Viehweide und auf gewisse vom herrschaftlichen Hofe gestohlene Säcke. Jegor Michailowitsch verwaltete das Gut schon seit zwanzig Jahren und war ein kluger, erfahrener Mann. Er blieb etwa eine Viertelstunde lang stehen und hörte zu; dann befahl er auf einmal, alle sollten schweigen und die Dutlows sollten losen, wer von ihnen dreien Rekrut werden müsse. Die Lose wurden aus einem Stöckchen geschnitten und in einem Hute geschüttelt; Chrapkow griff hinein und zog Iljas Los heraus. Alle wurden still.

»Ist es meins? Zeig mal her!« sagte Ilja mit stockender Stimme.

Alle schwiegen. Jegor Michailowitsch befahl, am folgenden Tage das Rekrutengeld zu bringen, sieben Kopeken von jeder Familie, erklärte, daß alles beendet sei, und entließ die Gemeindeversammlung. Die Menge setzte sich in Bewegung. Sobald die Leute um die Ecke herum waren, setzten sie die Mützen auf, und man hörte noch eine Weile das dumpfe Geräusch ihrer Stimmen und Schritte. Der Verwalter stand auf der Freitreppe und blickte den Fortgehenden nach. Als die jungen Dutlows hinter der Ecke verschwunden waren, rief er den Alten zu sich heran, der von selbst zurückgeblieben war, und ging mit ihm ins Kontor.

»Du tust mir leid, Alter,« sagte Jegor Michailowitsch, indem er sich in seinen Lehnstuhl am Tische setzte, »aber die Reihe war an dir. Wirst du einen Ersatzmann für deinen Neffen kaufen?«

Der Alte blickte, ohne zu antworten, Jegor Michailowitsch bedeutsam an.

»Es ist nicht zu ändern«, erwiderte der Verwalter auf diesen Blick.

»Ich würde gern einen kaufen, aber ich habe kein Geld dazu, Jegor Michailowitsch. Im Sommer habe ich zwei Pferde verloren. Meinen Neffen habe ich verheiratet. Es ist offenbar unser Schicksal so, zum Lohn dafür, daß wir ehrlich leben. Er hat gut reden.« (Er dachte an Rjesun.)

Jegor Michailowitsch wischte sich mit der Hand über das Gesicht und gähnte. Die Sache wurde ihm augenscheinlich bereits langweilig, auch war es Zeit zum Teetrinken.

»Ach, Alter, versündige dich nicht!« sagte er. »Sieh mal ein bißchen unter den Dielen nach; vielleicht findest du da so ein vierhundert alte Rubelchen. Ich werde dir einen wundervollen Vertreter kaufen. Es hat sich neulich einer gemeldet.«

»Im Gouvernement?« fragte Dutlow, wobei er unter »Gouvernement« die Hauptstadt des Gouvernements verstand.

»Nun, wie ists? Wirst du ihn kaufen?«

»Ich täte es gern, weiß Gott, aber . . .«

Jegor Michailowitsch unterbrach ihn in strengem Tone:

»Nun, dann höre, Alter, was ich dir sagen will: daß Ilja sich nur ja kein Leid antut! Sobald ich schicke, sei es heute, sei es morgen, bringst du ihn sofort hin. Du bringst ihn hin, und du haftest für ihn; und wenn ihm, was Gott verhüte, etwas passieren sollte, so gebe ich deinen ältesten Sohn zu den Soldaten. Hast du verstanden?«

»Aber kann nicht einer von den Zweisöhnigen genommen werden, Jegor Michailowitsch? Das ist doch unrecht«, sagte Dutlow nach kurzem Stillschweigen. »Nachdem mein Bruder bei den Soldaten gestorben ist, soll mir auch noch der Sohn genommen werden; womit habe ich soviel Leid verdient?« Er weinte beinah und machte Miene, dem Verwalter zu Füßen zu fallen.

»Na, nun geh, geh!« sagte Jegor Michailowitsch. »Es geht nun einmal nicht anders; die Ordnung verlangt es so. Auf Ilja paß auf; du haftest für ihn.«

Dutlow ging nach Hause und stieß dabei mit seinem Gehstocke, der aus einer geschälten jungen Linde gemacht nachdenklich auf die Höcker des Weges.

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