Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Lew Tolstoi >

Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 38
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
Schließen

Navigation:

5

Inzwischen lärmte die Gemeindeversammlung beim Kontor. Es handelte sich um eine sehr ernste Sache. Die Bauern waren fast alle in der Gemeindeversammlung anwesend, und während Jegor Michailowitsch zu der gnädigen Frau gegangen war, hatten sie die Mützen aufgesetzt; es ließen sich mehr Stimmen in buntem Durcheinanderreden vernehmen, und die Stimmen wurden lauter. Das Gebrause der dumpfen Stimmen, mitunter von einer keuchenden, heiseren, schreienden Rede unterbrochen, erfüllte die Luft, und dieses Gebrause drang wie der Lärm eines rauschenden Meeres zu dem Fenster der gnädigen Frau, die dabei eine nervöse Unruhe empfand, ähnlich dem Gefühle, das durch ein starkes Gewitter hervorgerufen wird. Es war ihr teils ängstlich, teils unbehaglich zumute. Immer schien es ihr, die Stimmen würden im nächsten Augenblicke noch lauter und zahlreicher werden und es werde sich etwas Schreckliches ereignen. ›Als ließe sich das alles nicht still und friedlich, ohne Streit und Geschrei erledigen,‹ dachte sie, ›in christlicher Bruderliebe und Sanftmut!‹

Es redeten viele Stimmen, aber am lautesten von allen schrie der Zimmermann Fjodor Rjesun. Er war ein Zweisöhniger und fiel nun über die Dutlows her. Der alte Dutlow verteidigte sich; er war ein wenig aus dem Haufen vorgetreten, während er ursprünglich hinten gestanden hatte; beim Reden verschluckte er die Endsilben, gestikulierte lebhaft mit den Armen, fasste mitunter an sein dünnes Bärtchen und näselte oft so stark, daß er selbst kaum verstehen konnte, was er sagte. Seine Söhne und Neffen, lauter stattliche Burschen, standen dicht gedrängt hinter ihm, und der alte Dutlow erinnerte an die Henne in dem Spiele ›Geier und Henne‹. Der Geier war dabei Rjesun und nicht Rjesun allein, sondern alle Zweisöhnigen und alle Einsöhnigen, fast die ganze Versammlung; alle traten sie gegen Dutlow auf. Die Sache war die, daß Dutlows Bruder vor ungefähr dreißig Jahren zu den Soldaten gegeben war; deshalb wollte Dutlow nicht mit den Dreisöhnigen auf eine Stufe gestellt werden, sondern wollte, daß man ihm den Militärdienst seines Bruders anrechne und ihn mit den Zweisöhnigen rangieren lasse, und daß dann aus diesen durch gemeinsames Losen der dritte Rekrut genommen werde. Dreisöhnige waren außer Dutlow noch vier vorhanden; aber einer war der Schulze, und den hatte die Gutsherrin von der Gestellungspflicht befreit; eine andere Familie hatte bei der vorigen Aushebung einen Rekruten abgeben müssen. Aus den übrigen beiden Familien waren zwei junge Leute in Aussicht genommen; einer von ihnen war gar nicht zur Gemeindeversammlung gekommen, nur seine Frau stand traurig hinter allen, in der unklaren Erwartung, daß sich das Rad irgendwie zu ihren Gunsten drehen werde; der Vater des andern der beiden in Aussicht genommenen, der rotköpfige Roman, stand in einem zerrissenen Kittel (obgleich er nicht arm war) an die Freitreppe gelehnt da, hielt den Kopf gesenkt und schwieg die ganze Zeit über; nur mitunter, wenn jemand besonders laut sprach, blickte er diesen aufmerksam an und ließ dann den Kopf wieder sinken. Seine ganze Gestalt machte einen höchst unglücklichen Eindruck. Der alte Semjon Dutlow war ein solcher Mensch, daß jeder, der ihn nur ein wenig kannte, ihm ohne weiteres Hunderte und Tausende von Rubeln zur Aufbewahrung anvertraut hätte. Er war ein solider, gottesfürchtiger, vermögender Mann, dazu noch Kirchenältester. Um so auffälliger war die starke Aufregung, in der er sich jetzt befand.

Dagegen war der Zimmermann Rjesun ein hochgewachsener, schwarzhaariger Mann, trunksüchtig, kühn und verwegen und besonders geschickt im Reden und Streiten, bei den Gemeindeversammlungen und auf den Märkten, mit Arbeitern, Kaufleuten, Bauern und Herrschaften. Jetzt war er ruhig und giftig und erdrückte mit der ganzen Höhe seiner Gestalt und mit der ganzen Kraft seiner voll tönenden Stimme und seines rednerischen Talentes den sich verschluckenden und völlig aus seinem ruhigen Geleise herausgeworfenen Kirchenältesten. Außerdem beteiligten sich an dem Streite noch: der jugendliche, stämmige Gerasim Kopylow, mit rundem Gesicht, viereckigem Kopf und krausem Bärtchen, einer der Redner der sich an Rjesun anschließenden jüngeren Generation, der sich stets durch seine scharfe Ausdrucksweise auszeichnete und sich schon ein gewisses Ansehen in der Gemeindeversammlung erworben hatte. Ferner Fjodor Melnitschny, ein gelber, hagerer, langer, sich gebückt haltender Bauer, ebenfalls noch jung, mit spärlichem Bartwuchs und kleinen Augen; er hatte immer etwas Galliges, Finsteres, fand bei allen Dingen die schlechte Seite heraus und verblüffte die Gemeindeversammlung oft durch seine unerwarteten, kurz hingeworfenen Fragen und Bemerkungen. Diese beiden Redner waren auf Rjesuns Seite. Außerdem mischten sich mitunter noch zwei Schwätzer hinein, erstens ein gewisser Chrapkow, der eine gutmütige Visage und einen breiten, dunkelblonden Bart hatte und immer die Anrede ›du mein lieber Freund‹ einschaltete, und zweitens ein Bauer von kleiner Statur, mit einem Vogelgesicht, namens Schidkow, der zu allem, was er sagte, hinzufügte: »Das ist klar, ihr Brüder«, wobei er sich an alle wandte, aber nie etwas Vernünftiges vorbrachte. Beide waren bald für diese, bald für jene Partei, aber niemand hörte auf sie. Es waren auch noch andere von derselben Sorte da; aber diese beiden entwickelten unter der Menge die größte Geschäftigkeit, schrien zum Schrecken der gnädigen Frau mehr als die andern, wurden aber weniger als andere beachtet und überließen sich, von dem Lärm und Geschrei halb närrisch geworden, nach Herzenslust dem Vergnügen, die Zunge zu rühren. Es waren auch sonst noch vielerlei Typen unter den Mitgliedern der Gemeindeversammlung vertreten: finstere, anständige, gleichmütige, ängstliche; auch Weiber standen hinter den Bauern, aber von allen diesen werde ich, so Gott will, nachher erzählen. Die große Masse der Bauern aber stand in der Gemeindeversammlung da wie in der Kirche, und die hinten Stehenden unterhielten sich flüsternd über häusliche Angelegenheiten, etwa darüber, wann man im Walde das herausgehauene Holz aufladen müsse, oder warteten schweigend, ob das Gezänk nicht bald aufhören werde. Es waren auch einige Reiche darunter, denen die Gemeindeversammlung nichts zu ihrem Wohlstande hinzufügen oder davon abnehmen konnte. Von der Art war Jermil, mit breitem, glänzendem Gesicht, den die Bauern wegen seines Reichtums »Dickbauch« nannten. Von der Art war auch Starostin, auf dessen Gesicht sich ein selbstzufriedenes Machtbewußtsein ausprägte: »Redet, was ihr wollt; aber an mich wird sich niemand wagen. Ich habe vier Söhne, gebe aber keinen von ihnen her.« Mitunter suchten respektlose Menschen wie Kopylow und Rjesun auch mit ihnen anzubinden, und sie antworteten darauf, aber ruhig und fest, im Gefühl ihrer Unantastbarkeit. Wenn Dutlow der Henne in dem Geier-und-Henne-Spiele glich, so erinnerten doch seine jungen Burschen nicht sehr an Küchlein: sie liefen nicht ängstlich hin und her und piepten nicht, sondern standen ruhig hinter ihm. Der älteste, Ignat, war schon dreißig Jahre alt; der zweite, Wassili, war verheiratet und zum Rekruten nicht tauglich; der dritte, Ilja, der Neffe, der sich eben erst verheiratet hatte, mit einem Gesicht wie Milch und Blut, in einem eleganten Schafpelz (er fuhr als Postkutscher), stand da, sah die Volksmenge an und kratzte sich ab und zu unter dem Hute am Hinterkopf, als ob ihn die Sache gar nichts anginge; und doch wollten gerade ihn die Geier packen und wegführen.

»Na ja, dann werde ich mich auch weigern, mit zu losen, weil mein Großvater Soldat war«, sagte einer. »Nein, Bruder, so ein Gesetz gibt es nicht. Bei der vorigen Aushebung ist Micheitschew genommen worden, obwohl sein Oheim noch nicht wieder nach Hause gekommen war.«

»Weder dein Vater noch dein Oheim hat dem Zaren gedient«, sagte Dutlow gleichzeitig; »und auch du hast weder der Herrschaft noch der Gemeinde gedient, sondern immer nur gebummelt und gezecht, und deine Kinder haben sich von dir ihren Anteil herausgeben lassen. Weil niemand mit dir leben kann, möchtest du anderen Leuten schaden; aber mich hat die Gemeinde zehn Jahre lang zum Polizeikommissar gewählt, und auch Schulze bin ich gewesen, und zweimal bin ich abgebrannt, und kein Mensch hat mir geholfen; und dafür, daß es bei mir im Hause friedlich und ehrlich zugeht, dafür soll ich nun ruiniert werden? Gebt mir doch meinen Bruder zurück! Der ist gewiß dort schon gestorben. Rechtgläubige Gemeindeversammlung, entscheide nach Recht und Gerechtigkeit und nach Gottes Willen; aber höre nicht auf das, was ein Betrunkener zusammenschwatzt!«

Gleichzeitig sagte Gerasim zu Dutlow:

»Du berufst dich darauf, daß dein Bruder Soldat geworden ist; aber den hat nicht die Gemeinde dazu gemacht, sondern die Herrschaft, und zwar wegen seines liederlichen Lebenswandels. Also kannst du dich darauf nicht berufen.«

Noch hatte Gerasim nicht zu Ende gesprochen, als der gelbe, lange Fjodor Melnitschny vortrat und finster begann: »Das ist es eben: die Herrschaft gibt zu den Soldaten, wen es ihr beliebt, und dann mag die Gemeinde sehen, wie sie zurechtkommt. Die Gemeinde hat bestimmt, daß dein Sohn gehen soll; wenn du das nicht willst, dann bitte die gnädige Frau; vielleicht wird sie mir, einem einzigen Sohne, befehlen, Soldat zu werden. Ein schönes Gesetz!« sagte er gallig und trat mit einer wegwerfenden Handbewegung wieder auf seinen früheren Platz.

Der rothaarige Roman, dessen Sohn in Aussicht genommen war, hob den Kopf in die Höhe und sagte: »Ja, ja, so ist es!« und setzte sich vor Ärger sogar auf eine Stufe der Freitreppe.

Aber das waren noch nicht alle Stimmen, die auf einmal losredeten. Außer den hinten Stehenden, die von ihren Geschäften sprachen, vergaßen auch die Schwätzer ihre Pflicht und Schuldigkeit nicht.

»Ja, wirklich, rechtgläubige Gemeindeversammlung,« sagte der kleine Schidkow, Dutlows Worte wiederholend, »ihr müßt nach den Geboten des Christentums entscheiden. Nach den Geboten des Christentums müßt ihr entscheiden, liebe Brüder!«

»Man muß nach seinem Gewissen entscheiden, du mein lieber Freund«, sagte der gutmütige Chrapkow und zupfte den alten Dutlow am Schafpelz. Und das von Gerasim Kopylow Gesagte wiederholend, fuhr er fort: »Es war der Wille der Herrschaft und nicht ein Beschluß der Gemeindeversammlung.«

»Das ist richtig; so war es!« sagten andere.

»Wo ist hier ein Betrunkener, der etwas zusammenschwatzt?« erwiderte Rjesun. »Hast du mir vielleicht etwas zu trinken gegeben, oder will dein Sohn, den man betrunken auf der Landstraße aufgelesen hat, mir Trunksucht vorwerfen? Nun, Brüder, wir müssen zu einer Entscheidung kommen. Wenn ihr Dutlow verschonen wollt, so greift nicht nur auf die Zweisöhnigen, sondern auch auf die Einsöhnigen zurück; dann kann er uns auslachen.«

»Ein Dutlow muß Soldat werden; was ist da viel zu reden!«

»Selbstverständlich müssen zuerst die Dreisöhnigen losen«, riefen mehrere Stimmen.

»Wir müssen noch abwarten, was die gnädige Frau befiehlt; Jegor Michailowitsch hat gesagt, sie wolle einen vom Hofgesinde als Rekruten geben«, sagte jemand.

Diese Bemerkung hemmte den Streit eine kleine Weile; aber bald entbrannte er von neuem und ging wieder in persönliche Angriffe über.

Ignat, von dem Rjesun gesagt hatte, man habe ihn betrunken auf der Landstraße aufgelesen, suchte seinem Gegner nachzuweisen, daß dieser durchreisenden Zimmerleuten eine Säge gestohlen und sein Weib in betrunkenem Zustande beinah zu Tode geprügelt habe.

Rjesun erwiderte, er prügle sein Weib, wenn er nüchtern und wenn er betrunken sei, aber immer noch zu wenig, und brachte durch diese Bemerkung alle zum Lachen. Aber durch die Beschuldigung wegen der Säge fühlte er sich auf einmal beleidigt, ging näher auf Ignat zu und fragte ihn:

»Wer hat gestohlen?«

»Du hast gestohlen«, antwortete der kräftige Ignat dreist und trat seinerseits noch näher an ihn heran.

»Wer hat gestohlen? Ich meine, du!« schrie Rjesun.

»Nein, du!« schrie Ignat.

Nach der Säge kam die Rede auf ein gestohlenes Pferd, auf einen Sack Hafer, auf einen Streifen Gemüseland bei der Viehweide und auf einen Leichnam. Und die beiden Bauern warfen einander so schreckliche Dinge vor, daß, wenn auch nur der hundertste Teil dieser Beschuldigungen wahr war, sie nach dem Gesetze beide sofort hätten nach Sibirien verschickt werden müssen, wenigstens als Ansiedler.

Inzwischen hatte der alte Dutlow sich eine andere Methode der Verteidigung erwählt. Das Zanken und Schreien seines Sohnes mißfiel ihm; er hielt ihn zurück mit den Worten: »Schäme dich; hör auf, sag ich dir!« und suchte selbst zu beweisen, daß Dreisöhnige nicht nur diejenigen seien, bei denen drei Söhne zusammen lebten, sondern auch diejenigen, die schon die Besitzteilung vorgenommen hätten. Und er deutete dabei geradezu auf Starostin hin.

Starostin lächelte leise, räusperte sich, strich sich in der Manier eines reichen Bauern über den Bart und antwortete, daß das vom Willen der Herrschaft abhänge. Sein Sohn müsse es doch wohl verdient haben, wenn Befehl gegeben sei, von ihm abzusehen.

Hinsichtlich der geteilten Familien aber entkräftete auch Gerasim Dutlows Schlußfolgerungen, indem er bemerkte, die Teilung hätte verboten werden müssen, wie es unter dem alten Herrn gewesen sei; jetzt sei es zu spät, jetzt könne man nicht anfangen, Einzelstehende zum Militär zu geben.

»Haben sie die Besitzteilung etwa aus Übermut vorgenommen? Womit verdienen sie es, jetzt zugrunde gerichtet zu werden?« ließen sich mehrere solche Söhne vernehmen, die ihre Anteile bereits erhalten hatten, und die Schwätzer standen ihnen bei.

»Kauf dir doch einen Rekruten als Stellvertreter, wenn es dir nicht paßt, einen von deinen Angehörigen zu geben. Du kannst dir das ja leisten!« sagte Rjesun zu Dutlow.

Dutlow schlug ärgerlich seinen Rock zusammen und trat hinter die Bauern zurück.

»Du hast offenbar mein Geld nachgezählt«, sagte er ingrimmig. »Da ist Jegor Michailowitsch; wir wollen hören, was er uns von der gnädigen Frau bringt.«

 << Kapitel 37  Kapitel 39 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.