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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 37
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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4

Eine halbe Stunde war vergangen. Das kleinste Kind fing an zu schreien; Akulina stand auf und gab ihm die Brust. Sie weinte nicht mehr; aber ihr immer noch hübsches, mageres Gesicht in die Hand stützend, starrte sie nach der heruntergebrannten Kerze und dachte darüber nach, warum sie geheiratet habe, und wozu so viele Soldaten nötig seien, und dann noch darüber, wie sie es der Tischlerfrau heimzahlen könne.

Die Schritte ihres Mannes ließen sich vernehmen; sie wischte die Tränenspuren weg und stand auf, um ihm Platz zu machen. Polikei trat in stolzer Haltung ein, warf die Mütze auf das Bett, atmete tief auf und band sich den Gürtel ab.

»Nun, wie ists? Warum hat sie dich rufen lassen?«

»Hm, man kennt das schon! Polikei ist der geringste, niedrigste Mensch; aber wenn ein wichtiges Geschäft besorgt werden muß, an wen wendet man sich da? An ihn.«

»Was denn für ein Geschäft?«

Polikei beeilte sich nicht mit der Antwort; er zündete sich die Pfeife an und spuckte aus.

»Sie hat mir befohlen, ich soll zum Kaufmann fahren und Geld holen.«

»Geld holen?« fragte Akulina.

Polikei wiegte lächelnd den Kopf hin und her.

»Wie geschickt sie zu reden versteht! ›Du standest in dem Rufe,‹ sagte sie, ›ein unzuverlässiger Mensch zu sein; aber ich habe zu dir mehr Vertrauen als zu allen andern,‹« (Polikei sprach laut, damit es die Nachbarn hören möchten.) »›Du hast mir versprochen, dich zu bessern‹, sagte sie; ›da will ich dir nun den ersten Beweis meines Vertrauens geben: fahre hin zum Kaufmann,‹ sagte sie, ›nimm das Geld in Empfang und bring es her!‹ – ›Ich,‹ sagte ich, ›gnädige Frau, wir alle‹, sagte ich, ›sind Ihre Diener und müssen Ihnen ebenso gehorchen wie dem lieben Gott; darum fühle ich, daß ich imstande bin, für Ihr Wohl alles zu tun, und daß ich mich keines Dienstes weigern darf; was Sie befehlen, das werde ich ausführen, denn ich bin Ihr Sklave.‹« (Er lächelte wieder in jener besonderen Art eines schwachen, gutmütigen, schuldbewußten Menschen.) »›Also wirst du es getreulich ausführen?‹ sagte sie. ›Du verstehst doch,‹ sagte sie, ›daß dein Schicksal davon abhängt?‹ – ›Ich weiß bestimmt,‹ sagte ich, ›daß ich alles ausführen kann. Wenn man mich verleumdet hat, so kann man Beschuldigungen gegen jeden vorbringen; aber niemals, meine ich, ist mir der Gedanke gekommen, irgend etwas gegen Ihr Wohl zu unternehmen.‹ Ich redete so geschickt zu ihr, daß die gnädige Frau ganz weich wurde. ›Du wirst noch mein vertrautester Diener werden‹, sagte sie.« (Er schwieg ein Weilchen, und wieder erschien dasselbe Lächeln auf seinem Gesicht.) »Ich verstehe sehr gut, mit den Herrschaften zu reden. Als ich noch auf Jahresabgabe beurlaubt war, wie hat mich da mancher angefahren! Aber sobald ich nur mit ihm reden konnte, schmierte ich ihn so ein, daß er wie um den Finger zu wickeln wurde.«

»Ist es denn viel Geld?« fragte Akulina.

»Etwa fünfzehnhundert Rubel«, antwortete Polikei nachlässig.

Sie wiegte den Kopf hin und her.

»Wann sollst du fahren?«

»Morgen, hat sie befohlen. ›Nimm, welches Pferd du willst‹, sagte sie; ›geh aufs Kontor, und dann fahre mit Gott!‹«

»Gott sei Dank!« sagte Akulina, indem sie aufstand und sich bekreuzigte. »Gott steh dir bei, Polikei!« fügte sie flüsternd hinzu, damit es niemand hinter der Halbwand höre, und faßte ihren Mann am Hemdärmel. »Polikei, höre mich; um Christi willen bitte ich dich: wenn du fährst, so küsse das Kreuz, daß du keinen Tropfen Branntwein in den Mund nehmen wirst!«

»Wie werde ich denn trinken, wenn ich mit so viel Geld fahre!« schnaubte er sie an. »Nein, wie da jemand Klavier spielte, so geschickt, zum Erstaunen!« fügte er nach einer kleinen Pause lächelnd hinzu. »Gewiß war es das Fräulein. Ich stand so vor ihr, vor der gnädigen Frau, beim Glasschrank, und da, im andern Zimmer, spielte das Fräulein. Das ging mal flink, ganz flink, und es klang so gut und klappte alles, das muss ich sagen! Ich würde auch gern Klavier spielen. Ich würde es schon lernen. Sicherlich würde ich es lernen. In solchen Dingen bin ich geschickt. Gib mir doch morgen ein reines Hemd.«

Sie legten sich in glücklichster Stimmung zu Bett.

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