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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 36
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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3

An jenem selben Abend, an dem die zur Auswahl der Rekruten veranstaltete Gemeindeversammlung beim Kontor in der kalten Dunkelheit der Oktobernacht lärmte, saß Polikei auf dem Bettrand am Tische und mischte auf diesem in einer Flasche eine Pferdearznei, die er selbst nicht kannte. Da war Sublimat, Schwefel, Glaubersalz und ein Kraut, das Polikei einmal gesammelt, weil er sich eingebildet hatte, es sei sehr nützlich gegen die Dämpfigkeit; und nun hielt er für zweckmäßig, es auch gegen andre Krankheiten zu geben. Die Kinder lagen bereits: zwei auf dem Ofen, zwei im Bett, eines in der Wiege, bei der Akulina saß und spann. Ein Lichtstümpfchen, das von herrschaftlichen ›umherliegenden‹ Kerzen übrig geblieben war, stand in einem Holzleuchter auf dem Fensterbrett; und damit ihr Mann sich nicht in seiner wichtigen Beschäftigung zu unterbrechen brauchte, stand Akulina von Zeit zu Zeit auf und brachte den Docht mit den Fingern in Ordnung. Es gab respektlose Menschen, die Polikei für einen schlechten Roßarzt und für einen schlechten Menschen hielten. Andere, und zwar die Mehrzahl, hielten ihn für einen schlechten Menschen, aber für einen bedeutenden Meister in seinem Fache. Akulina aber, obwohl sie ihren Mann häufig ausschimpfte und sogar manchmal schlug, hielt ihn doch ohne jeden Zweifel für den besten Roßarzt und für den besten Menschen auf der Welt. Polikei schüttete sich irgendwelche Substanz in die hohle Hand. (Einer Waage bediente er sich nicht und äußerte sich ironisch über die Deutschen, die eine solche verwendeten. »Bei mir hier,« sagte er, »ist keine Apotheke!«) Polikei wog seine Substanz auf der Hand und schüttelte sie; aber es schien ihm zu wenig zu sein, und er schüttete das Zehnfache hinzu. »Ich werde sie ganz hineintun; dann wird es besser wirken,« sagte er vor sich hin. Akulina blickte sich auf die Stimme ihres Herrn und Gebieters schnell um, da sie einen Befehl erwartete; aber als sie sah, daß die Sache sie nichts anging, zog sie bewundernd die Achseln in die Höhe: ›Nein, was für ein kluger Mensch er ist! Wo er das nur her hat!‹ dachte sie und spann wieder weiter. Das Papierchen, aus dem Polikei die Substanz ausgeschüttet hatte, war unter den Tisch gefallen. Akulina hatte dies bemerkt.

»Anjutka,« rief sie, »sieh mal, da hat der Vater etwas hinfallen lassen; heb es doch auf!«

Anjutka steckte die dünnen, nackten Beinchen unter dem Mantel hervor, unter dem sie lag, kroch wie ein Kätzchen unter den Tisch und holte das Papierchen.

»Da, Väterchen!« sagte sie und schlüpfte wieder mit den frierenden Beinchen ins Bett.

»Was s-töstu mich denn?« schalt ihre jüngere Schwester, die lispelte, mit weinerlicher, verschlafener Stimme.

»Wart, ich will euch . . .« sagte Akulina, und die beiden Köpfe verschwanden unter dem Mantel.

»Wenn er drei Rubel gibt,« sagte Polikei, indem er die Flasche zukorkte, »dann will ich ihm das Pferd kurieren. Und das ist noch billig,« fügte er hinzu. »Da mag sich mal einer den Kopf zerbrechen! Akulina, geh doch mal zu Nikita und bitte ihn um ein bißchen Tabak! Morgen werde ich es ihm wiedergeben.«

Er zog aus der Hosentasche eine kleine Pfeife aus Lindenholz, die ehemals angestrichen war und deren Mundstück jetzt aus Siegellack bestand, und begann sie zurechtzumachen.

Akulina verließ ihre Spindel und ging hinaus, ohne irgendwo anzustoßen, was ein großes Kunststück war. Polikei öffnete ein Schränkchen, stellte die Flasche hinein und setzte eine leere Branntweinflasche an den Mund; aber es war kein Tropfen mehr darin. Er runzelte die Stirn; aber als seine Frau ihm etwas Tabak brachte und er seine Pfeife gestopft, angeraucht und sich auf das Bett gesetzt hatte, da strahlte sein Gesicht in der Zufriedenheit und dem Stolz eines Mannes, der sein Tagewerk beendet hat. Ob er nun daran dachte, wie er am folgenden Tage die Zunge des Pferdes fassen und ihm diese wundervolle Mixtur ins Maul gießen werde, oder ob er darüber nachsann, daß einem Menschen, den man notwendig brauche, doch niemand eine abschlägige Antwort gebe und auch Nikita ihm soeben den Tabak geschickt habe: jedenfalls war ihm wohl zumute. Auf einmal wurde die Tür, die nur in einer Angel hing, zurückgeschlagen, und ein Mädchen von ›oben‹ trat in den Winkel, nicht das zweite, sondern das dritte, das kleine, das als Laufmädchen verwendet wurde. ›Oben‹ bedeutet, wie allgemein bekannt ist, das herrschaftliche Haus, auch wenn es unten gelegen ist. Axjutka (so hieß das Mädchen) flog immer wie eine Kanonenkugel, und dabei bogen sich ihre Arme nicht, sondern schaukelten wie ein Perpendikel, entsprechend der Geschwindigkeit ihrer Bewegung, und zwar nicht an den Seiten hin, sondern vorn vor dem Körper; ihre Backen waren stets röter als ihr rosa Kleid, ihre Zunge bewegte sich immer ebenso schnell wie ihre Füße. Sie kam ins Zimmer hereingeflogen, hielt sich aus nicht recht verständlichem Grunde am Ofen fest, schaukelte sich hin und her und stieß dann, sich zu Akulina wendend, atemlos folgendes heraus, wobei sie wie mit Absicht immer nur zwei, drei Worte hintereinander sprach:

»Die gnädige Frau hat befohlen, Polikei Iljitsch soll sofort nach oben kommen; so hat sie befohlen . . .« (Sie hielt inne und holte tief Atem.) »Jegor Michailowitsch war bei der gnädigen Frau; sie haben miteinander über die Rekruten gesprochen; dabei wurde Polikei Iljitsch erwähnt . . . AwdotjaVon Awdotja ist Dunjascha, wie das Stubenmädchen oben genannt wurde, eine Koseform. Anmerkung des Übersetzers. Nikolajewna hat befohlen, er soll sofort kommen. Awdotja Nikolajewna hat befohlen . . .« (wieder ein Seufzer) »er soll sofort kommen.«

Dann blickte Axjutka eine kleine Weile Polikei und Akulina und die Kinder an, die unter ihrer Decke hervorschauten, ergriff eine Nußschale, die auf dem Ofen lag, warf damit nach Anjutka, und nachdem sie noch einmal gesagt hatte: »Er soll sofort kommen,« flog sie wie ein Wirbelwind aus dem Zimmer, und die Pendel bewegten sich mit der gewöhnlichen Geschwindigkeit quer zu der Richtung, in der sie lief.

Akulina stand wieder auf und reichte ihrem Manne die Stiefel. Es waren häßliche, zerrissene Soldatenstiefel. Sie nahm seinen Rock vom Ofen und gab ihn ihm; aber sie sah ihren Mann dabei nicht an.

»Polikei, willst du nicht das Hemd wechseln?«

»Nein«, antwortete Polikei.

Akulina blickte ihm kein einziges Mal ins Gesicht, während er sich die Stiefel und den Rock anzog, und sie tat gut daran, daß sie das vermied. Polikeis Gesicht war blaß; der Unterkiefer zitterte, und in seinen Augen lag jener weinerliche, ergebungsvolle, tief unglückliche Ausdruck, der nur bei gutmütigen, schwachen, schuldbewußten Menschen vorkommt. Er kämmte sich und wollte hinausgehen, aber seine Frau hielt ihn noch an und brachte ihm das Hemdbändchen in Ordnung, das auf den Rock hinaushing, auch setzte sie ihm seine Mütze auf.

»Nun, Polikei Iljitsch? Die gnädige Frau läßt Sie rufen?« ließ sich die Stimme der Tischlerfrau von der andern Seite her vernehmen.

Die Tischlerfrau hatte erst am Vormittag dieses selben Tages mit Akulina einen hitzigen Streit wegen eines Topfes mit Lauge gehabt, den Polikeis Kinder bei ihr umgestoßen hatten, und hatte nun sofort eine angenehme Empfindung, als sie hörte, daß Polikei zur gnädigen Frau gerufen wurde; denn etwas Gutes hatte das wahrscheinlich nicht zu bedeuten. Dabei war sie eine schlaue, gewandte, boshafte Dame. Niemand verstand es besser als sie, das Wort als Waffe zu verwenden; wenigstens glaubte sie das selbst von sich.

»Wahrscheinlich soll jemand zur Stadt geschickt werden, um Einkäufe zu machen,« fuhr sie fort. »Ich denke mir, die gnädige Frau sucht sich dazu einen zuverlässigen Menschen aus und schickt darum Sie hin. Da könnten Sie mir ein Viertelpfund Tee mitbringen, Polikei Iljitsch!«

Akulina hielt die Tränen zurück, und ihre Lippen zogen sich zu einem ingrimmigen Ausdruck zusammen. Wie gern hätte sie sich in die garstigen Haare dieser Kanaille von Tischlerfrau eingekrallt! Aber als sie einen Blick auf ihre Kinder warf und sich sagte, daß sie vaterlos zurückbleiben würden und sie selbst als Frau eines fernen Soldaten, sozusagen als Witwe, da dachte sie nicht mehr an die boshafte Tischlerfrau, bedeckte das Gesicht mit den Händen, setzte sich auf das Bett, und ihr Kopf sank auf die Kissen.

»Mamaßen, du drücks mich so!« murmelte das lispelnde kleine Mädchen und zog seinen Mantel unter dem Ellbogen der Mutter hervor.

»Wenn ihr doch alle tot wäret! Ich habe euch nur zu Kummer und Leid geboren!« rief Akulina und begann laut zu schluchzen, zur Freude der Tischlerfrau, die die Lauge vom Vormittage noch nicht vergessen hatte.

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