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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 35
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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Polikei, als ein unbedeutender, übel beleumundeter Mensch, der noch dazu aus einem anderen Dorfe stammte, genoß keinerlei Protektion, weder von seiten der Haushälterin, noch von seiten des Büfettdieners, noch von seiten des Verwalters oder des Stubenmädchens, und sein ›Winkel‹ war der schlechteste, obgleich er mit Frau und Kindern zu siebent darin hauste. Diese ›Winkel‹ waren noch von dem seligen Gutsherrn eingerichtet, und zwar folgendermaßen: in einem steinernen Häuschen von zehn Ellen im Quadrat stand in der Mitte ein russischer Ofen, um diesen herum ging ein ›Kolidor‹, wie ihn die Gutsleute nannten, und in jeder Ecke war durch Bretter ein ›Winkel‹ abgebuchtet. Raum war also nicht viel vorhanden, namentlich nicht in Polikeis Winkel, der dicht an der Tür lag. Das Ehebett und darin eine Steppdecke und Kopfkissen mit baumwollenen Bezügen, die Wiege mit dem kleinsten Kinde, ein dreibeiniges Tischchen, auf dem die Speisen zubereitet wurden, gewaschen wurde, allerlei Hausrat lag und an dem Polikei selbst arbeitete (er war Roßarzt), ferner ein paar Zuber, Kleidungsstücke, Hühner, ein Kalb und die sieben Menschen selbst füllten den ganzen Winkel aus und hätten sich nicht rühren können, wenn ihnen nicht noch ein Viertel des gemeinsamen Ofens zur Verfügung gestanden hätte, auf dem sowohl Sachen wie auch Menschen lagen, und wenn es nicht möglich gewesen wäre, auf die Freitreppe hinauszutreten. Letzteres war allerdings nicht immer möglich: im Oktober war es schon kalt, und an warmer Kleidung war für alle sieben nur ein einziger Schafpelz vorhanden; aber dafür konnten sich die Kinder durch Umherlaufen und die Erwachsenen durch Arbeit erwärmen; auch konnten die einen wie die andern auf den Ofen steigen, wo eine Wärme bis zu vierzig Grad war. Man könnte meinen, unter solchen Umständen zu leben sei schrecklich; aber all das machte ihnen nichts aus: sie konnten leben. Akulina wusch und nähte für die Kinder und den Mann, spann und webte und bleichte ihre Leinwand, kochte und buk in dem gemeinsamen Ofen und zankte sich und klatschte mit den Nachbarn. Ihr monatliches Deputat an Lebensmitteln reichte nicht nur für die Kinder, sondern auch die Kuh bekam davon ab. Holz hatten sie frei und Viehfutter ebenfalls. Auch ein bißchen Heu fiel aus dem herrschaftlichen Pferdestall ab. Ferner hatten sie einen Streifen Gemüseland. Die Kuh hatte gekalbt; sie hielten sich Hühner. Polikei war beim Pferdestall angestellt; er hatte die beiden Hengste zu besorgen und ließ den Pferden und dem Rindvieh zur Ader; auch reinigte er die Hufe, schnitt Gaumengeschwülste auf und rieb Salben eigener Komposition ein, was ihm etwas Geld und Viktualien einbrachte. Von dem herrschaftlichen Hafer blieb auch etwas übrig. Im Dorfe war ein Bauer, der regelmäßig allmonatlich für zwei Maß Hafer zwanzig Pfund Hammelfleisch gab. Sie hätten leben können, wenn sie nicht seeliches Leid gehabt hätten. An solchem aber fehlte es der Familie nicht. Polikei war in seiner Jugend in einem andern Dorfe bei einem Gestüt gewesen. Der Stallmeister, zu dem er gekommen, war der größte Spitzbube in der ganzen Umgegend; er wurde dann zur Ansiedlung nach Sibirien verschickt. Bei diesem Stallmeister ging Polikei in die Lehre und gewöhnte sich bei seiner Jugendlichkeit dermaßen an ›diese Kleinigkeiten‹, daß er später gern wieder davon gelassen hätte, es aber nicht konnte. Er war ein junger Mensch von schwachem Charakter und hatte weder Vater noch Mutter noch sonst jemand, der ihn Gutes gelehrt hätte. Polikei trank gern und konnte es nicht leiden, daß etwas irgendwo umherlag. Ob es nun ein Kumtriemen war oder ein Sattel oder ein Schloß oder ein Deichselnagel oder etwas Wertvolleres, alles fand bei Polikei Iljitsch seinen Platz. Überall fanden sich Leute, die solche Dinge annahmen und dafür, je nach Übereinkunft, mit Branntwein oder mit Geld bezahlten. Diese Art von Verdienst ist, wie das Volk sagt, die leichteste: weder Lehrzeit noch Arbeit ist dazu erforderlich, und wenn man das einmal kennen gelernt hat, hat man zu anderer Arbeit keine Lust mehr. Nur eines ist bei diesem Verdienste nicht gut: man erlangt zwar alles billig und ohne Mühe und kann angenehm leben; aber auf einmal wird einem von schlechten Menschen dieses Handwerk gelegt, und dann muß man für alles mit einemmal büßen und wird seines Lebens nicht mehr froh.

So ging es auch Polikei. Er heiratete, und Gott gab ihm Glück: die Frau, die ihm zuteil geworden war, die Tochter eines Viehknechtes, war ein gesundes, verständiges, arbeitsames Weib; sie gebar ihm Kinder, von denen immer eines besser war als das andere. Polikei gab sein Gewerbe immer noch nicht auf, und es ging immer noch alles gut. Auf einmal traf ihn ein Unglück, und er wurde ertappt, und zwar bei einer Kleinigkeit: er hatte einem Bauern einen ledernen Zügel weggenommen und bei sich versteckt. Man fand den Zügel bei ihm, prügelte ihn durch, führte ihn zur Gutsherrin und paßte seitdem auf ihn auf. Ein zweites, ein drittes Mal wurde er ertappt. Die Leute schimpften auf ihn; der Verwalter drohte, ihn unter die Soldaten zu stecken; die Gutsherrin erteilte ihm einen Verweis; seine Frau weinte und härmte sich; es ging alles verquer. Er war ein guter Mensch, gar nicht schlecht, nur schwach, zum Trinken geneigt, und diese Gewohnheit war bei ihm so stark geworden, daß er schlechterdings nicht davon lassen konnte. Manchmal schalt ihn seine Frau und schlug ihn sogar, wenn er betrunken nach Hause kam; er aber brach in Tränen aus. »Ach bin ein unglücklicher Mensch«, sagte er; »was soll ich nur anfangen? Und wenn mir die Zunge verdorrt, ich werde es lassen, ich werde es nicht mehr tun.« Aber siehe da, nach einem Monat ging er wieder von Hause fort, betrank sich und war ein paar Tage lang verschwunden. »Von irgendwoher muß er doch das Geld zum Trinken nehmen,« sagten sich die Leute. Seine letzte Affäre war die mit der Kontoruhr gewesen. Im Kontor war eine alte Wanduhr, die schon längst nicht mehr ging. Es traf sich, daß er einmal allein in das unverschlossene Kontor kam; die Uhr verlockte ihn, er nahm sie weg und machte sie schleunigst in der Stadt zu Gelde. Der Zufall wollte es, daß der Händler, dem er die Uhr verkauft hatte, mit einer Frau aus dem Gutsgesinde verschwägert war und an einem Feiertag auf das Dorf hinauskam und von der Uhr erzählte. Man ging der Sache nach, als ob irgend jemand ein Interesse daran gehabt hätte. Namentlich konnte der Verwalter unsern Polikei nicht leiden. Die Sache wurde klargelegt und der Gutsherrin berichtet. Diese ließ Polikei zu sich rufen. Er fiel ihr sofort zu Füßen und bekannte in gefühlvollen, rührenden Ausdrücken alles, so wie es ihn seine Frau gelehrt hatte. Er führte das alles sehr gut aus. Die gnädige Frau fing an, ihn zu ermahnen; sie redete und redete, predigte und predigte, von Gott und von der Tugend und vom zukünftigen Leben und von seiner Frau und von seinen Kindern, und brachte ihn dahin, daß er Tränen vergoß. Die gnädige Frau sagte: »Ich verzeihe dir; nur versprich mir, es in Zukunft nie wieder zu tun!«

»Mein Lebenlang nicht! Möge ich in die Erde versinken, möge mein Leib bersten!« rief Polikei und weinte dabei rührend.

Polikei kam nach Hause, brüllte dort eine ganze Stunde lang wie ein Kalb und lag auf dem Ofen. Seitdem war an ihm kein einziges Mal etwas zu tadeln gewesen. Aber sein Leben war unfroh geworden: die Leute betrachteten ihn als einen Dieb, und als die Zeit der Rekrutierung kam, wiesen alle auf ihn als auf einen Auszuhebenden hin.

Polikei war, wie schon gesagt, Roßarzt. Wie er auf einmal Roßarzt geworden war, das wußte niemand und er selbst am wenigsten. Auf dem Gestüt, bei dem Stallmeister, der dann nach Sibirien zur Ansiedelung verschickt wurde, hatte er keine anderen Obliegenheiten zu erfüllen gehabt, als den Mist aus den Pferdeständen zu entfernen, manchmal die Pferde selbst zu reinigen und Wasser zu holen. Dort konnte er die Roßarzneikunde nicht gelernt haben. Dann war er Weber gewesen; dann hatte er im Garten gearbeitet, die Steige gereinigt; dann hatte er zur Strafe Ziegel schlagen müssen; dann war er vom Gute auf Jahresabgabe beurlaubt worden und hatte sich bei einem Kaufmann als Hausknecht verdingt. Also auch dort hatte er keine medizinischen Kenntnisse erwerben können. Aber bei seiner letzten Anwesenheit zu Hause hatte sich merkwürdigerweise allmählich der Ruf von seiner außerordentlichen, ja sogar etwas übernatürlichen roßärztlichen Kunst verbreitet. Er ließ zur Ader, einmal und ein zweites Mal; dann warf er das Pferd zu Boden und stocherte ihm in der Lende herum; dann forderte er, daß das Pferd in das Zwangsgestell geführt werde, und schnitt ihm den Strahl bis aufs Blut, obwohl das Pferd um sich schlug und sogar winselte; er sagte dabei, dies bedeute ›das unter dem Huf steckende Blut entfernen‹. Dann erklärte er dem Bauern, es sei notwendig, ›zur größeren Erleichterung‹ aus beiden Adern Blut abzulassen, und begann mit einem hölzernen Hammer auf eine stumpfe Lanzette zu schlagen; dann zog er unter dem Bauche eines dem Hausmeister gehörenden Pferdes die Kante von einem Frauenkopftuche hindurch. Endlich bestreute er jeden Schorf mit Vitriol, befeuchtete ihn aus einem Fläschchen und gab auch innerlich ein, was ihm gerade in den Sinn kam. Und je mehr er die Pferde quälte und zu Tode brachte, um so mehr Vertrauen schenkte man ihm und um so mehr Pferde führte man ihm zu.

Ich fühle, daß es uns Angehörigen der höheren Stände nicht wohl ansteht, uns über Polikei lustig zu machen. Die Manieren, deren er sich bediente, um Vertrauen zu erwecken, sind dieselben, die auf unsere Väter gewirkt haben, auf uns wirken und auf unsere Kinder wirken werden. Der Bauer, der sich mit dem Leibe auf den Kopf seiner einzigen Stute wirft, die nicht nur seinen ganzen Reichtum ausmacht, sondern beinahe ein Mitglied seiner Familie bildet, und der vertrauensvoll und ängstlich auf eines Polikei bedeutsam finstere Miene, auf seine aufgekrempelten Ärmel und auf seine schmalen Hände blickt, mit denen er absichtlich gerade die schmerzende Stelle drückt und dreist in den lebendigen Körper hineinschneidet, während er im geheimen denkt: ›Das Biest wirds schon aushalten!‹ und ein Gesicht macht, als wisse er, wo das Blut und der Eiter und die Sehnen und die Adern seien, und das heilbringende Pflaster oder das Fläschchen mit Vitriol zwischen den Zähnen hält – dieser Bauer kann sich nicht vorstellen, daß ein solcher Mann die Hand zum Schneiden ansetzen würde, wenn er die Sache nicht verstände. Er selbst wäre dazu nicht imstande. Und wenn der Schnitt ausgeführt ist, so macht er sich keine Vorwürfe darüber, daß er falsch daran getan habe, die Erlaubnis zum Schneiden zu geben. Ich weiß nicht, wie es in dieser Hinsicht anderen geht; aber ich habe bei einem Arzte, der auf meine Bitte liebe Angehörige von mir marterte, ganz genau dieselbe Empfindung gehabt. Polikeis Lanzette und sein geheimnisvolles weißliches Fläschchen mit ätzendem Sublimat und seine Ausdrücke: »Beulenkrankheit, Hämorrhoiden; zur Ader lassen, Eiter abziehen« usw., ist das nicht ganz dasselbe wie des Arztes »Nerven, Rheumatismus, Organismus« usw.? Der deutsche Vers: ›Wage du zu irren und zu träumen‹ paßt auf die Ärzte und Roßärzte mindestens ebensogut wie auf die Dichter.

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