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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 34
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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Polikei

Übertragen von Hermann Röhl

1

Wie Sie befehlen, gnädige Frau! Nur schade um die Dutlows. Sie sind sämtlich prächtige Burschen, einer wie der andere; aber wenn wir nicht wenigstens einen vom Gutsgesinde hingeben, so wird einer von den Dutlows dran glauben müssen«, sagte der Verwalter. »Es deuten so schon alle Leute im Dorfe auf sie hin. Indessen, ganz wie Sie belieben.«

Er legte die rechte Hand auf die linke, hielt beide Hände vor den Bauch, bog den Kopf auf die Seite, zog, beinah schmatzend, die schmalen Lippen ein, verdrehte die Augen und verstummte nun mit der offenbaren Absicht, lange zu schweigen und ohne Erwiderung all den Unsinn anzuhören, den ihm die gnädige Frau darauf entgegnen würde.

Der Redende war ein aus dem Gutsgesinde hervorgegangener Verwalter mit glattrasiertem Gesicht, in einem langen Rocke von der besonderen Fasson, wie die Verwalter sie zu tragen pflegen, und er stand an einem Herbstabend vor seiner Gutsherrin und erstattete ihr Bericht. Der Bericht bestand nach der Auffassung der gnädigen Frau darin, daß sie Meldungen über das in der Wirtschaft bereits Vorgenommene entgegennahm und Anordnungen für die Zukunft traf. Aber nach der Auffassung des Verwalters Jegor Michailowitsch war der Bericht eine Zeremonie, die darin bestand, gleichmäßig auf beiden nach außen gekehrten Füßen in einer Ecke zu stehen, das Gesicht nach dem Sofa hinzuwenden, allerlei unverständiges Geschwätz anzuhören und die gnädige Frau durch verschiedene Mittel dahin zu bringen, daß sie zu all seinen Vorschlägen schnell und ungeduldig »Gut, gut!« sagte.

Diesmal handelte es sich um die Rekrutierung. Das Dorf Pokrowskoje hatte drei Mann zu stellen. Zwei von ihnen waren durch das Zusammentreffen der Familienverhältnisse sowie der sittlichen und wirtschaftlichen Umstände in zweifelloser Weise vom Schicksal selbst dazu bestimmt. In bezug auf diese beiden war kein Schwanken und kein Streit denkbar, weder von seiten der Gemeinde, noch von seiten der Gutsherrin, noch von seiten der öffentlichen Meinung. Der dritte jedoch war strittig. Der Verwalter wollte von den drei Dutlows absehen und als Rekruten einen von den Gutsleuten, Polikei, einen verheirateten Mann, stellen, der in sehr schlechtem Rufe stand und schon mehrmals beim Diebstahl von Säcken, Zaumzeug und Heu betroffen worden war; aber die gnädige Frau, die Polikeis zerlumpte Kinder oft liebkoste und seine Moral durch christliche Ermahnungen zu bessern suchte, wollte ihn nicht hergeben. Gleichzeitig aber wünschte sie auch den Dutlows, die sie nicht kannte und nie gesehen hatte, nichts Übles. Merkwürdigerweise vermochte sie schlechterdings nicht zu begreifen (und der Verwalter konnte sich nicht dazu entschließen, ihr das geradeheraus zu sagen), daß, wenn Polikei nicht Soldat werde, dies notwendig einen Dutlow treffen müsse. »Aber ich will ja nicht das Unglück der Dutlows!« sagte sie gefühlvoll. – ›Wenn Sie das nicht wollen, so bezahlen Sie doch dreihundert Rubel für einen Stellvertreter!‹ das hätte die Antwort darauf sein müssen. Aber diese Antwort war durch die Klugheit ausgeschlossen.

So blieb denn also Jegor Michailowitsch ruhig stehen, lehnte sich sogar unmerklich an den Türpfosten, ohne daß jedoch sein Gesicht den Ausdruck unterwürfiger Ergebenheit verloren hätte, und begann zu betrachten, wie sich die Lippen der gnädigen Frau bewegten und wie die Rüsche ihrer Haube, und gleichzeitig deren Schatten an der Wand unter dem Bilde, auf und ab hüpfte. Aber in den Sinn ihrer Worte einzudringen, das hielt er für völlig unnötig. Die gnädige Frau sprach lange und viel. Er bekam einen Gähnkrampf hinter den Ohren; aber er verwandelte dieses Zittern geschickt in einen Husten, indem er den Mund mit der Hand bedeckte und ein Räuspern fingierte. Vor kurzem habe ich gesehen, wie Lord Palmerston mit dem Hute auf dem Kopfe dasaß, während ein Mitglied der Opposition gegen das Ministerium losdonnerte, und wie dann der Lord auf einmal aufstand und in einer dreistündigen Rede auf alle Punkte seines Gegners antwortete; ich habe das ohne Verwunderung gesehen, weil ich Ähnliches schon unzählige Male in dem Verkehr zwischen Jegor Michailowitsch und seiner gnädigen Frau gesehen hatte. Ob er nun einzuschlafen fürchtete oder der Meinung war, daß sie doch gar zu sehr ins Reden hineinkomme, genug, er übertrug das Gewicht seines Oberkörpers vom linken Bein auf das rechte und begann mit der feststehenden Eingangsformel, deren er sich immer bediente:

»Ganz wie Sie belieben, gnädige Frau . . . aber die Gemeindeversammlung steht jetzt bei mir vor dem Kontor, und wir müssen mit der Sache zum Ende kommen. In der Verfügung der Behörde heißt es, daß die Rekruten bis Mariä Fürbitte nach der Stadt gebracht werden müssen. Unter den Bauern weist die Gemeinde nur auf die Dutlows hin und sonst auf niemand. Aber die Gemeinde nimmt das Interesse der Gutsherrschaft nicht wahr; der ist es ganz egal, ob wir die Dutlows ruinieren. Ich weiß ja, wie diese Leute sich gequält haben. Die ganze Zeit über, seit ich Verwalter bin, haben sie ein ärmliches Leben geführt. Endlich ist nun ein Neffe des Alten herangewachsen, worauf der Alte mit Sehnsucht gewartet hatte: nun sollen wir sie wieder zugrunde richten. Ich aber, wie gnädige Frau wissen, sorge für Ihr Eigentum, als ob es das meinige wäre. Es ist jammerschade, gnädige Frau; aber wie es Ihnen belieben wird. Die Dutlows sind mit mir weder verwandt noch verschwägert, und Geld habe ich auch nicht von ihnen bekommen . . .«

»Das habe ich auch nicht gedacht, Jegor«, unterbrach ihn die gnädige Frau, dachte aber im stillen sofort, daß er von den Dutlows bestochen sei.

». . .aber es ist das beste Hauswesen in ganz Pokrowskoje. Es sind gottesfürchtige, arbeitsame Bauern. Der Alte ist seit dreißig Jahren Kirchenältester, trinkt keinen Branntwein, gebraucht kein häßliches Schimpfwort, geht regelmäßig in die Kirche.« (Der Verwalter wußte schon, was auf die Gutsherrin einen günstigen Eindruck machte.) »Und was die Hauptsache ist, so erlaube ich mir darauf hinzuweisen, daß er nur zwei Söhne hat; das andere sind Neffen. Die Gemeinde ist der Ansicht, daß es ihm zukomme, einen Rekruten zu stellen; aber eigentlich brauchte er nur mit den Zweisöhnigen zu losen. Andere, die sogar drei Söhne hatten, haben aus Unverträglichkeit den Besitz unter sie geteilt und haben jetzt bei der Rekrutierung Vorteil davon; diese aber müssen für ihre Bravheit leiden.«

Hier verstand nun die Gutsherrin gar nichts mehr: sie verstand nicht, was das bedeutete, mit den Zweisöhnigen losen und von was für einer Bravheit die Rede war; sie hörte nur Laute und betrachtete die Nankingknöpfe an dem Rocke des Verwalters: den obersten knöpfte er gewiß nur selten zu, daher saß er auch noch fest; aber der mittlere hatte sich schon ganz losgezogen und hing nur locker, so daß er schon längst hätte angenäht werden müssen. Aber wie jedermann weiß, braucht man bei einem Gespräch, und besonders bei einem geschäftlichen, gar nicht zu verstehen, was einem gesagt wird, sondern nur an das zu denken, was man selbst sagen will. So verfuhr auch die gnädige Frau.

»Daß du mich gar nicht verstehen willst, Jegor Michailowitsch!« sagte sie. »Ich wünsche durchaus nicht, daß ein Dutlow Soldat werde. Ich meine, du kennst mich soweit, um zu wissen, daß ich alles tue, was in meiner Macht steht, um meinen Bauern zu helfen, und daß ich nicht ihr Unglück will. Du weißt, daß ich bereit bin, alles zum Opfer zu bringen, um dieser traurigen Notwendigkeit überhoben zu sein und weder einen Dutlow noch Chorjuschkin hingeben zu müssen.« (Ich weiß nicht, ob dem Verwalter der Gedanke durch den Kopf ging, daß, um dieser traurigen Notwendigkeit überhoben zu sein, es nicht erforderlich war, ›alles‹ zum Opfer zu bringen, sondern daß dazu dreihundert Rubel genügten; aber dieser Gedanke konnte ihm allerdings leicht kommen.) »Ich will dir nur das eine sagen, daß ich Polikei unter keinen Umständen hingebe. Als er nach der Geschichte mit der Uhr mir selbst ein Geständnis ablegte und weinte und schwur, daß er sich bessern werde, da habe ich lange mit ihm geredet und gesehen, daß er gerührt war und aufrichtig bereute.« (›Na, nun ist sie in ihr richtiges Fahrwasser gekommen!‹ dachte Jegor Michailowitsch und betrachtete das Gelee in dem vor ihr stehenden Glase Wasser, ob es wohl Apfelsinengelee oder Zitronengelee war. ›Wahrscheinlich etwas Herbes‹, dachte er.) »Das ist nun schon sieben Monate her, und er ist nicht ein einziges Mal betrunken gewesen und führt sich vortrefflich. Seine Frau hat mir gesagt, er sei ein ganz anderer Mensch geworden. Wie kannst du da verlangen, daß ich ihn jetzt bestrafen soll, wo er sich gebessert hat? Und wäre es nicht unmenschlich, einen Menschen unter die Soldaten zu geben, der fünf Kinder hat, für die er allein sorgen muß? Nein, davon rede mir nur lieber gar nicht, Jegor . . .«

Die gnädige Frau trank aus ihrem Glase.

Jegor Michailowitsch verfolgte mit den Augen, wie das Wasser durch die Kehle lief, und sagte dann kurz und trocken: »Also befehlen Sie, daß ein Dutlow zum Rekruten bestimmt werden soll?«

Die gnädige Frau schlug die Hände zusammen.

»Daß du mich gar nicht verstehen kannst! Will ich denn das Unglück eines der Dutlows, habe ich denn etwas gegen einen von ihnen? Gott ist mein Zeuge, daß ich bereit bin, alles für sie zu tun.« (Sie blickte nach dem Bilde in der Ecke, wurde sich aber bewußt, daß es nicht Gott darstellte. ›Nun, ganz egal; darauf kommt es nicht an‹, dachte sie. Es war wieder merkwürdig, daß sie nicht auf den Gedanken an die dreihundert Rubel kam.) »Aber was soll ich tun? Weiß ich etwa, was ich machen muß und wie ich es machen muß? Ich kann das unmöglich wissen. Nun, ich verlasse mich auf dich; du weißt, was ich will. Mach es so, daß alle zufrieden sind und es dem Gesetze entspricht! Was soll man machen? Sie sind nicht die einzigen auf der Welt, die ihren Kummer haben. Für jeden Menschen kommen schwere Augenblicke. Nur diesen Polikei kann ich nicht hingeben. Du mußt doch begreifen, daß das von mir grausam wäre.«

Sie hätte, da sie so in Eifer gekommen war, noch länger geredet, aber da trat das Stubenmädchen ins Zimmer.

»Was willst du, Dunjascha?«

»Es ist ein Bauer gekommen und läßt Jegor Michailowitsch fragen, ob die Gemeindeversammlung noch länger warten soll«, sagte Dunjascha und warf dem Verwalter einen ärgerlichen Blick zu. (›Nein, dieser Verwalter!‹ dachte sie; ›er hat die gnädige Frau aufgeregt; nun wird sie mich wieder vor zwei Uhr nicht schlafen lassen!‹)

»Nun, dann geh hin, Jegor,« sagte die Gutsherrin, »und mach alles recht gut!«

»Zu Befehl.« (Von den Dutlows sagte er kein Wort mehr.) »Und wen befehlen Sie mir zum Gärtner zu schicken, um das Geld zu holen?«

»Peter ist wohl noch nicht aus der Stadt zurückgekommen?«

»Nein, gnädige Frau.«

»Kann Nikolai nicht hinfahren?«

»Mein Vater hat Kreuzschmerzen und liegt im Bett,« sagte Dunjascha.

»Befehlen Sie nicht, daß ich selbst morgen hinfahre?« fragte der Verwalter.

»Nein, du bist hier nötig, Jegor.« (Die gnädige Frau dachte nach.) »Wie groß ist denn die Summe?«

»Sechzehnhundertsiebzehn Rubel.«

»Schicke Polikei!« sagte die Gutsherrin und blickte dem Verwalter mit entschlossener Miene ins Gesicht.

Jegor Michailowitsch zog, ohne die Zähne sichtbar werden zu lassen und ohne seinen Gesichtsausdruck zu ändern, die Lippen auseinander, als ob er lächeln wollte.

»Zu Befehl.«

»Schick ihn zu mir!«

»Zu Befehl.« Und Jegor Michailowitsch ging zum Kontor.

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