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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 32
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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7

Draußen war es wirklich sehr kalt; aber Albert spürte die Kälte nicht: der Schnaps und der Streit hatten ihn so sehr erhitzt.

Als er auf die Straße hinaustrat, rieb er sich zufrieden die Hände und schaute sich um. Die Straße war leer. Eine lange Reihe Laternen leuchtete noch mit rötlichem Schein; der Himmel war klar und sternhell. »Was!« sagte er, sich zum erleuchteten Fenster in Delessows Wohnung wendend. Er steckte die Hände unter den Mantel in die Hosentaschen und schlug mit unsicheren, schweren Schritten den Weg nach rechts ein. In den Beinen und im Magen fühlte er eine drückende Schwere, in seinen Ohren sauste es, eine unsichtbare Kraft wollte ihn zu Boden werfen, und doch bewegte er sich immer vorwärts, in der Richtung zu Anna Iwanownas Wohnung. Sonderbare, zerrissene Gedanken gingen ihm durch den Kopf: er dachte an seinen letzten Wortwechsel mit Sachar, dann an das Meer und seine erste Dampferfahrt nach Rußland, an eine glückliche Nacht, die er mit einem Freund in einer Bierhalle verbracht hatte, an der er soeben vorbeiging; dann fiel ihm wieder eine Melodie ein, das Bild der Geliebten tauchte vor ihm auf und die schreckliche Nacht im Theater. Trotz dieser Buntheit nahmen alle Erinnerungen so bestimmte greifbare Formen an, daß, wenn er die Augen schloß, er nicht mehr unterscheiden konnte, ob das, was er dachte, oder ob das, was er tat, die Wirklichkeit war. Er wußte nicht, wie sich seine Beine bewegten, wie er an den Wänden entlang schwankte, wie er eine Straße nach der anderen kreuzte. Er fühlte und wußte nur das, was ihm in buntem Reigen durch den Kopf zog.

Auf der Kleinen Morskaja rutschte er aus und fiel hin. Er kam für einen Augenblick zur Besinnung und sah vor sich ein großes prunkvolles Gebäude; er ging weiter. Die Sterne und der Mond waren verschwunden, auch die Laternen brannten nicht mehr, und doch waren alle Dinge deutlich sichtbar. Die Fenster in dem großen Gebäude, das sich am Ende der Straße erhob, waren erleuchtet, aber das Licht flackerte in den Fenstern wie eine Spiegelung. Das Gebäude wuchs vor Alberts Blicken immer näher und deutlicher aus der Erde hervor. Als er in die weite Tür eintrat, waren alle Lichter auf einmal verschwunden. Innen war es dunkel. Seine einsamen Schritte hallten laut unter den gewölbten Decken, Schatten huschten an ihm vorbei und verschwanden, sobald er sich ihnen näherte. ›Wozu bin ich hergekommen?‹ fragte sich Albert. Eine Kraft, der er nicht widerstehen konnte, zog ihn vorwärts zum Eingang in einen großen Saal. Im Saale war ein Podium, vor dem einige kleine Gestalten standen. »Wer wird da sprechen?« fragte Albert. Niemand antwortete, nur einer wies auf das Podium. Dort stand ein langer, hagerer Mann mit struppigem Haar, in einem bunten Schlafrock. Albert erkannte sofort seinen Freund Petrow. ›Wie sonderbar, daß er hier ist!‹ dachte Albert. »Nein, Brüder!« sagte Petrow, auf jemand hinweisend: »Ihr habt den Menschen, der unter euch lebte, nicht verstanden! Er ist kein feiler Komödiant, kein mechanischer Spielautomat, kein Verrückter, kein Verlorener. Er ist ein Genie, ein großes musikalisches Genie, das nun unbemerkt und ungeschätzt zugrunde geht.«

Jetzt begriff Albert, von wem sein Freund sprach. Doch er wollte ihn nicht stören und senkte bescheiden seinen Kopf.

»Er verbrannte wie ein Strohhalm in der heiligen Flamme, der wir alle dienen,« fuhr Petrow fort, »er hat alles vollbracht, was Gott ihm eingegeben hat. Darum muß er ein Großer genannt werden. Ihr konntet ihn verachten, quälen, erniedrigen,« fuhr die Stimme immer lauter fort, »er war, ist und bleibt unermeßlich größer als ihr alle. Er ist selig, er ist gut. Er liebt oder er verachtet – was doch dasselbe ist – alle gleich; aber er dient nur dem einen, was ihm der Himmel eingegeben hat: er liebt nur die Schönheit, das einzige unzweifelhafte Gut in der Welt. So ein Mensch ist er! Kniet vor ihm alle nieder!« schrie er laut.

Eine andere Stimme entgegnete aus der entgegengesetzten Ecke des Saales: »Ich will nicht vor ihm niederknien«, sagte die Stimme, in der Albert sofort die von Delessow erkannte. »Worin ist er groß? Und warum sollen wir uns vor ihm beugen? War er denn ehrlich und edel? Hat er der Gesellschaft irgendwie genützt? Wissen wir denn nicht alle, daß er immer Geld borgte, das er nie zurückzahlte; daß er einem Kollegen die Geige entwendete, um sie zu versetzen? . . . (›Mein Gott! Woher weiß er denn alles?‹ dachte Albert und ließ den Kopf noch tiefer sinken.) Wissen wir denn nicht, wie er sich bei den unbedeutendsten Leuten einschmeichelte, um von ihnen Geld zu bekommen? Wissen wir denn nicht, daß man ihn vom Theater weggejagt hat, daß ihn Anna Iwanowna der Polizei übergeben wollte?« (›Mein Gott! Es ist ja alles wahr,‹ sagte Albert, ›aber verteidige mich, du allein weißt, warum ich das getan habe!‹)

»Genug! Schämt euch!« sprach wieder Petrows Stimme.

»Welches Recht habt ihr, ihn anzuklagen? Habt ihr denn sein Leben gelebt? Habt ihr seine Ekstasen gekannt? (›Es ist wahr, es ist wahr!‹ flüsterte Albert.) Die Kunst ist die höchste Offenbarung der menschlichen Macht. Sie wird nur wenigen Auserwählten gegeben, und sie erhebt den Auserwählten auf eine solche schwindelnde Höhe, daß es schwer ist, gesunden Geistes zu bleiben. In der Kunst gibt es, wie in jedem Kampfe, Helden, die sich ganz ihrem Dienst opfern und zugrunde gehen, ohne ihr Ziel erreicht zu haben.«

Petrow schwieg, Albert hob den Kopf und schrie: »Ja, so ist es!« Aber seine Stimme erstarb lautlos in der Kehle.

»Sie werden nicht gefragt!« sagte der Maler streng zu ihm. »Ja, verhöhnt ihn, verachtet ihn, er bleibt immer der Beste und Seligste von uns allen!«

Albert war ganz glücklich, als er diese Worte hörte. Er konnte sich nicht länger beherrschen, trat an den Freund heran und wollte ihn umarmen.

»Mach, daß du weiterkommst,« sagte Petrow, »ich kenne dich nicht! Geh nur deinen Weg, sonst kommst du nie vorwärts . . .«

»Du bist ja ganz voll! Kommst gar nicht vorwärts!« schrie ihm ein Schutzmann zu, der an einer Straßenkreuzung stand.

Albert blieb stehen und sammelte seine Kräfte. Er gab sich die größte Mühe, nicht zu schwanken, und bog in eine Seitengasse ein.

Bis zu Anna Iwanowna waren noch wenige Schritte. Aus der Haustür drang Licht, und vor dem Tore standen Schlitten und Wagen.

Er klammerte sich mit erstarrten Händen an das Treppengeländer, ging hinauf und zog die Glocke.

In der Tür erschien das verschlafene Dienstmädchen, das ihm einen bösen Blick zuwarf. »Nein!« schrie sie ihn an, »ich darf Sie nicht hereinlassen.« Dann schlug sie die Tür zu. Aus der Wohnung drangen zu ihm viele Frauenstimmen und Töne der Tanzmusik. Er setzte sich auf einen Treppenabsatz, lehnte den Kopf an die Wand und schloß die Augen. Sofort sah er sich wieder von zusammenhanglosen, doch ihm wohlvertrauten Visionen umgeben; ihre Wellen trugen ihn weit fort, wieder in das freie und herrliche Land der Träume. »Ja, er ist der Beste und Seligste!« klang es wieder in seinen Ohren. Drinnen bei Anna Iwanowna wurde Polka gespielt, auch die Polkatöne sagten dasselbe: »Er ist der Beste und Seligste!« Von einer nahen Kirche erklang Glockengeläut, und die Glocken bestätigten: »Ja, er ist der Beste und Seligste!« – ›Ich will wieder in den Saal,‹ sagte sich Albert, ›Petrow hat mir noch vieles zu sagen.‹

Der Saal war aber leer, und auf dem Podium stand jetzt nicht Petrow, sondern Albert selbst, und er spielte auf der Geige alles, was die Stimme früher gesprochen hatte. Es war eine gar sonderbare Geige: sie war ganz aus Glas, und man mußte sie mit beiden Händen an die Brust drücken, um ihr Töne zu entlocken. Die Töne waren aber so zart und schön, wie sie Albert noch niemals gehört hatte. Je fester er die Geige an seine Brust drückte, um so süßer und wonniger empfand er die Töne. Je lauter die Geige tönte, um so rascher verschwanden alle Schatten und um so heller erstrahlten die Wände des Saales in einem durchsichtigen Licht. Er mußte sehr vorsichtig spielen, um die Geige nicht zu zerdrücken. Er spielte auf dem Glasinstrument sehr schön und sehr vorsichtig. Er spielte Stücke, von denen er wußte, daß sie kein Mensch je wieder hören würde. Er spürte bereits eine leichte Ermüdung, als er plötzlich von einem dumpfen Ton abgelenkt wurde. Das war ein Glockenton, und er sprach irgendwo in weiter Ferne: »Ja, er scheint euch elend, ihr verachtet ihn, und doch ist er der Beste und Seligste! Kein Mensch wird je wieder auf diesem Instrument spielen!«

Diese ihm schon bekannten Worte erschienen Albert plötzlich so weise, so neu und so gerecht, daß er sein Spiel abbrach und Arme und Augen zum Himmel hob. Er kam sich selig und herrlich vor. Obwohl der Saal leer war, reckte er sich und hob stolz den Kopf, damit ihn alle sehen konnten. Plötzlich berührte eine Hand ganz leise seine Schulter; er wandte sich um und erblickte im Halbdunkel eine weibliche Gestalt. Sie sah ihn mit traurigen Augen an und schüttelte verneinend den Kopf. Er begriff sofort, daß das, was er eben getan hatte, häßlich war, und er schämte sich. »Wohin denn?« fragte er sie. Sie blickte ihn noch einmal durchbringend an und senkte traurig den Kopf. Es war sie, die er geliebt hatte; sie war auch ganz so wie damals gekleidet; den vollen weißen Hals schmückte eine Perlenschnur, und die schönen weißen Arme waren bis über die Ellbogen entblößt. Sie nahm ihn bei den Händen und führte ihn fort. »Der Ausgang ist auf der andern Seite«, sagte Albert; aber sie lächelte nur und führte ihn aus dem Saal hinaus. An der Schwelle der Ausgangstür sah Albert Wasser und den Mond. Das Wasser war aber nicht unten und der Mond nicht oben, auch war der Mond nicht der weiße Kreis. Mond und Wasser waren miteinander vermengt, sie waren oben und unten und auf allen Seiten um sie herum. Albert stürzte mit ihr in den Mond und in das Wasser, und er begriff, daß er sie, die er über alles in der Welt liebte, umarmen durfte; er umarmte sie und zitterte in einem Glück, das er gar nicht ertragen konnte. »Ist es nicht ein Traum?« fragte er sich. Nein, es war die Wirklichkeit, es war mehr als die Wirklichkeit: Wirklichkeit und Erinnerung. Er fühlte, daß dieses unaussprechliche Glück, das er jetzt genoß, verschwinden und nie wiederkehren würde. »Warum weine ich denn?« fragte er sie. Sie sah ihn wieder schweigend und traurig an. Albert verstand, was sie damit sagen wollte. »Ich lebe ja noch!« sagte er zu ihr. Sie antwortete nicht und blickte unverwandt vor sich hin. »Es ist entsetzlich! Wie erkläre ich ihr, daß ich noch lebe?« fragte er sich ganz erschrocken. Er flüsterte: »Mein Gott, ich lebe ja noch, begreift es doch!«

»Er ist der Beste und der Seligste!« sagte eine Stimme. Aber etwas bedrückte Albert immer schwerer und schwerer. Er wußte nicht, ob es der Mond war oder das Wasser, ob ihre Umarmungen oder seine Tränen; aber er wußte, daß er nicht die Kraft hatte, alles, was gesagt werden mußte, auszusprechen, und daß bald alles vorbei sein würde.

Zwei Gäste, die die Wohnung von Anna Iwanowna verließen, stießen auf Albert, der vor der Schwelle lag. Der eine kehrte um und rief die Wirtin.

»Es ist unmenschlich,« sagte er, »der Mann konnte ja erfrieren!«

»Ach, diesen Albert habe ich aber wirklich satt!« erwiderte die Wirtin. Dann sagte sie zu dem Dienstmädchen: »Anna, legen Sie ihn in irgendeinem Zimmer hin.«

»Ich lebe ja, warum wollt ihr mich begraben?« murmelte Albert, während man ihn bewußtlos aufhob und in die Wohnung trug.


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