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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 31
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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6

Der nächste Tag war ein Feiertag. Delessow saß im Gastzimmer beim Morgenkaffee und las ein Buch. Im Speisezimmer, wo Albert schlief, regte sich noch nichts.

Sachar öffnete vorsichtig die Tür und schaute ins Speisezimmer hinein.

»Hätten Sie es für möglich gehalten, Dmitri Iwanowitsch: er schläft auf dem bloßen Sofa! Wollte kein Bettzeug haben, bei Gott! Wie ein kleines Kind. Ein echter Künstler!«

Erst gegen zwölf Uhr hörte man ihn ächzen und husten.

Sachar ging wieder ins Speisezimmer; Delessow hörte sein freundliches Zureden und die schwache, flehende Stimme Alberts.

»Nun?« fragte Delessow Sachar, als dieser wiederkam.

»Er ist so traurig, Dmitri Iwanowitsch; will sich nicht waschen und verlangt nur etwas zu trinken.«

›Nein,‹ sagte sich Delessow, ›ich muß schon Charakter zeigen, wenn ich es mir einmal vorgenommen habe.‹

Er schärfte Sachar noch einmal ein, Albert ja keinen Wein zu geben, und nahm sein Buch wieder vor. Unwillkürlich horchte er immer zum Speisezimmer hinüber. Dort war alles still, nur ab und zu hörte er Albert schwer husten und spucken. Nach zwei Stunden, als Delessow angekleidet und zum Ausgehen bereit war, schaute er bei Albert nach. Dieser saß unbeweglich am Fenster, den Kopf in die Hände gestützt. Er wandte sich um. Sein Gesicht war gelb, runzelig und nicht nur traurig, sondern tief unglücklich. Er versuchte Delessow mit einem Lächeln zu begrüßen, aber sein Gesichtsausdruck wurde dadurch noch trister. Es schien, er könnte weinen. Er stand mit Mühe auf und machte eine Verbeugung.

»Wenn ich nur ein Gläschen gewöhnlichen Schnaps haben könnte . . .« sagte er bettelnd. »Ich bitte! Ich bin so schwach . . .«

»Kaffee wird Ihnen besser tun. Hören Sie doch meinen Rat!«

Der kindliche Ausdruck verschwand plötzlich aus Alberts Gesicht. Sein Blick wurde kalt und trüb. Er wandte sich wieder zum Fenster und ließ sich auf den Stuhl fallen.

»Wollen Sie denn nicht frühstücken?«

»Nein, danke, ich habe keinen Appetit.«

»Wenn Sie Geige spielen wollen, so spielen Sie nur: Sie stören mich nicht im geringsten.« Delessow legte die Geige vor ihn auf den Tisch.

Albert sah die Geige verächtlich an.

»Nein, ich bin zu schwach. Ich kann nicht spielen«, sagte er, die Geige wegschiebend.

Was ihm Delessow auch sagen mochte – er schlug ihm vor, zusammen auszugehen oder abends das Theater zu besuchen –, Albert lehnte alles schweigend ab. Delessow ging allein aus, er machte einige Besuche, speiste bei Bekannten zu Mittag und kam noch abends vor dem Theater heim, um sich umzukleiden und nach Albert zu sehen. Albert saß im finsteren Vorzimmer, den Kopf in die Hände gestützt, und starrte in den brennenden Ofen. Er war sauber gekleidet, gewaschen und gekämmt. Aber seine Augen waren trüb und leblos, und sein ganzes Wesen drückte eine noch größere Schwäche und Niedergeschlagenheit aus als am Morgen.

»Nun, haben Sie zu Mittag gegessen, Herr Albert?« fragte Delessow.

Albert nickte bejahend. Er blickte erschrocken auf und schlug sofort die Augen nieder. Delessow wurde verlegen.

»Ich habe heute den Direktor gesprochen«, sagte er, indem er gleichfalls die Augen niederschlug. »Er will Sie gern empfangen, wenn Sie ihm etwas vorspielen wollen.«

»Ich danke, ich kann nicht spielen«, murmelte Albert vor sich hin. Er stand auf, ging in sein Zimmer und schloß ganz leise die Tür.

Nach einigen Minuten ging die Tür ebenso leise auf, und Albert kam mit der Geige. Er warf Delessow einen raschen, bösen Blick zu, legte die Geige auf einen Stuhl hin und verschwand wieder.

Delessow zuckte die Achseln und lächelte. ›Was kann ich denn noch tun? Was habe ich verbrochen?‹ fragte er sich.

»Nun, wie stehts mit dem Musiker?« war seine erste Frage, als er spät abends heimkehrte.

»Schlimm!« gab Sachar kurz und laut zur Antwort. »Er seufzt immer, hustet und spricht kein Wort; nur um Schnaps hat er mich fünfmal gebeten. Ein Gläschen habe ich ihm auch geben müssen. Daß wir ihn nur nicht umbringen, Dmitri Iwanowitsch! Denn der Verwalter . . .«

»Hat er gespielt?«

»Nicht angerührt hat er die Geige. Ich habe sie ihm zweimal gebracht, aber er trug sie immer wieder aus dem Zimmer.« Sachar lächelte. »Soll ich ihm also wirklich nichts zu trinken geben?«

»Nein, wir wollen noch einen Tag warten und sehen, was geschieht. Was treibt er jetzt?«

»Er hat sich ins Gastzimmer eingeschlossen.«

Delessow holte aus seinem Arbeitszimmer einige französische Romane und ein deutsches Neues Testament. Er gab die Bücher Sachar mit dem Auftrag:

»Bring sie ihm morgen früh ins Zimmer und schau, daß er nicht fortgeht.«

Sachar meldete am nächsten Morgen seinem Herrn, der Musiker habe die ganze Nacht nicht geschlafen: er irrte durch die Zimmer, ging immer zur Kredenz, versuchte den Schrank und die Tür zu öffnen. Aber Sachar hatte vorgesorgt und alles sorgfältig abgesperrt. Er erzählte noch, er hätte sich schlafend gestellt und gehört, wie Albert mit sich selbst redete.

Albert wurde von Tag zu Tag finsterer und schweigsamer. Delessow schien er zu fürchten, und sein Gesicht zuckte ängstlich zusammen, sooft sich ihre Blicke trafen. Er rührte weder die Bücher noch die Geige an und beantwortete keine Fragen.

Am dritten Abend kam Delessow sehr spät heim. Er war den ganzen Tag in einer Angelegenheit herumgerannt, die höchst einfach schien und doch, wie es so oft vorkommt, trotz allen Bemühungen nicht um einen Schritt vorwärts kommen wollte. Er war daher müde und abgespannt. Auch war er noch im Klub gewesen und hatte im Whist etwas verloren. Dies verschlimmerte noch seine Laune.

»Nun habe ich ihn ordentlich satt!« sagte er zu Sachar, der ihm wieder über Alberts traurigen Zustand berichtete. »Morgen muß er sich entscheiden, ob er dableiben und meinen Ratschlägen folgen will ober nicht. Wenn es ihm nicht paßt, mag er gehen. Ich glaube, ich habe alles getan, was ich nur tun kann.«

›Da soll man noch einem Menschen eine Wohltat erweisen!‹ dachte er für sich. ›Ich opfere meine Ruhe, halte bei mir im Hause dieses verwahrloste, schmutzige Geschöpf, das ich keinem Besucher zeigen kann, renne herum auf der Suche nach einer Stelle für ihn, und er sieht in mir einen Bösewicht, der ihn zu seinem Vergnügen in einen Käfig gesperrt hat. Er selbst will für sich keinen Finger rühren. So sind sie alle! (›Alle‹ bezog sich auf die Menschen im allgemeinen und besonders auf diejenigen, mit denen er heute zu tun gehabt hatte.) Was ist jetzt mit ihm? Warum ist er traurig, woran denkt er? Sehnt er sich in den Sumpf zurück, aus dem ich ihn herausgerissen habe? Nach der Erniedrigung, in der er war? Nach der Armut, aus der ich ihn befreit habe? Er ist wohl schon so tief gesunken, daß er ein anständiges Leben nicht mehr ertragen kann . . .‹

Schließlich sagte er sich: ›Das war wirklich unvernünftig gehandelt. Wie konnte ich mir vornehmen, einen andern zu bessern, wenn ich sogar mit mir selbst kaum fertig werden kann?‹ Er wollte Albert gleich gehen lassen, bedachte sich aber und verschob die Aussprache bis morgen.

Nachts wurde Delessow durch einen Lärm im Vorzimmer aufgeweckt: ein Tisch wurde umgestürzt, man schrie und lief hin und her. Er machte Licht und horchte hinaus.

»Warten Sie nur, ich werde es Dmitri Iwanowitsch sagen!« sprach Sachar; Albert entgegnete ihm etwas erregt und zusammenhanglos. Delessow sprang auf und lief mit der Kerze in der Hand ins Vorzimmer. Sachar stand im Nachtgewand vor der Haustür; Albert, in Hut und Almaviva, suchte ihn von der Tür wegzustoßen und schrie mit weinerlicher Stimme:

»Ihr dürft mich nicht festhalten! Ich habe meinen Paß und habe nichts gestohlen! Sie können meine Kleider durchsuchen. Ich werde zum Polizeimeister gehen!«

»Bitte, Dmitri Iwanowitsch!« sagte Sachar, seinen Posten an der Tür behaltend. »Der Herr ist nachts aufgestanden, hat aus meiner Manteltasche den Schlüssel genommen und eine ganze Flasche süßen Schnaps ausgetrunken. Ist das etwa schön? Und jetzt will der Herr fort. Sie haben mir ja gesagt, daß er bleiben muß, also darf ich ihn nicht fortlassen.«

Als Albert Delessow gewahrte, griff er Sachar noch heftiger an:

»Nein, niemand darf mich hier zurückhalten! Niemand hat das Recht dazu!« Er schrie immer lauter.

»Laß ihn, Sachar!« sagte Delessow. »Ich will und darf Sie nicht zurückhalten, aber ich rate Ihnen, noch bis morgen zu bleiben«, wandte er sich an Albert.

»Niemand darf mich zurückhalten! Ich werde zum Polizeimeister gehen!« schrie Albert immer lauter und lauter; er sprach nur zu Sachar und sah Delessow gar nicht an. »Zu Hilfe!« schrie er plötzlich mit gellender Stimme.

»Warum schreien Sie denn so? Niemand hält Sie zurück«, sagte Sachar, die Haustür öffnend.

Albert hörte auf zu schreien. Er murmelte noch: »Was? Es ist euch nicht gelungen! Ihr wolltet mich umbringen!« Er zog seine Galoschen an und verließ, ohne Abschied zu nehmen, immer etwas vor sich hinmurmelnd, das Haus. Sachar leuchtete ihm bis zum Tor und kam zurück.

»Gott sei Dank, Dmitri Iwanowitsch!« sagte er. »Es ist noch gut abgelaufen! Das Silber muß ich doch noch nachzählen.«

Delessow schüttelte nur den Kopf und erwiderte nichts. Er mußte an die ersten beiden Abende denken, die er mit dem Musiker verbracht hatte, und an die letzten traurigen Tage, die Albert durch seine Schuld hier verbringen mußte. Er dachte wieder an das süße, aus Liebe, Bewunderung und Mitleid gemischte Gefühl, das dieser seltsame Mensch in ihm beim ersten Anblick geweckt hatte, und er tat ihm wieder leid. ›Was wird jetzt aus ihm werden?‹ fragte er sich. ›Er hat kein Geld, keine warme Kleidung und ist nun ganz allein in der Nacht . . .‹

Er wollte ihm Sachar nachschicken, doch es war zu spät.

»Ist es draußen kalt?« fragte Delessow.

»Ein starker Frost, Dmitri Iwanowitsch«, antwortete Sachar. »Ich wollte Ihnen noch sagen, daß wir wieder Holz kaufen müssen.«

»So? Und du sagtest, wir würden noch bis zum Frühjahr auskommen!«

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