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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 30
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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5

Wie, Sie wollen schon schlafen?« sagte Albert lächelnd. »Ich war heute wieder bei Anna Iwanowna; ich habe mich da gut unterhalten: es wurde Musik gemacht und viel gelacht, eine sehr angenehme Gesellschaft war da. Geben Sie mir, bitte, etwas zu trinken,« sagte er, die auf dem Nachttisch stehende Wasserkaraffe ergreifend, »nur kein Wasser.«

Albert sah genau so aus wie gestern: das gleiche schöne Lächeln der Augen und der Lippen, dieselbe klare, geniale Stirn und die zarten, schwachen Glieder. Sachars Mantel paßte ihm vorzüglich. Der weite, weiche Kragen des Nachthemdes stand wunderschön zu seinem feinen, weißen Hals und verlieh ihm etwas Knabenhaftes, Unschuldiges. Er setzte sich auf den Bettrand zu Delessow und blickte ihn freudig und dankbar an. Delessow erwiderte diesen Blick und fühlte sich sofort in der Gewalt der strahlenden, lächelnden Augen. Er hatte keine Lust mehr zu schlafen und vergaß sein Vorhaben, streng zu sein; er wollte vielmehr lustig sein, Musik hören und die ganze Nacht mit Albert plaudern. Er ließ Sachar eine Flasche Wein, Zigaretten und die Geige bringen.

»So ist es schön,« sagte Albert, »es ist noch früh: wir wollen musizieren, ich werde Ihnen vorspielen, soviel Sie wollen.«

Mit sichtbarer Freude brachte Sachar eine Flasche Lafitte mit zwei Gläsern, eine Schachtel leichter Zigaretten, die Albert rauchte, und die Geige. Statt zu Bett zu gehen, wie ihm Delessow befahl, steckte er sich eine Zigarette an und ging ins Nebenzimmer.

»Wir wollen lieber plaudern«, sagte Delessow zu dem Musiker, der bereits die Geige ergriffen hatte.

Albert setzte sich gehorsam auf den Bettrand und lächelte Delessow wieder freudig zu.

»Ach ja!« sagte er plötzlich, sich an die Stirn schlagend und einen neugierigen und bekümmerten Gesichtsausdruck annehmend. (Sein Gesicht drückte immer schon vorher aus, was er zu sagen sich anschickte.) »Gestatten Sie die Frage . . .« Er machte eine Pause. »Ist der Herr N. von gestern abend . . . Ich hörte, wie Sie ihn N. nannten, ist er nicht der Sohn des berühmten N.?«

»Ja, er ist sein Sohn«, erwiderte Delessow, der nicht begreifen konnte, warum dies Albert so sehr interessierte.

»Ich hab es mir gleich gedacht«, sagte Albert mit einem selbstzufriedenen Lächeln. »Ich habe aus seinen Manieren geschlossen, daß er Aristokrat ist. Ich schwärme für Aristokraten: sie haben immer etwas Schönes, Elegantes in ihrem Wesen. Der Offizier, der so gut tanzte, hat mir auch so gut gefallen; er ist so lustig und vornehm. Ist er nicht der Adjutant N. N.?«

»Welchen meinen Sie?« fragte Delessow.

»Den Offizier, der mich beim Tanzen gestoßen hatte. Er scheint ein außerordentlich lieber Mensch zu sein.«

»Im Gegenteil, ein ganz unbedeutender Bursche.«

»Ach nein!« Albert trat warm für den Offizier ein. »Er hat etwas Angenehmes in seinem Wesen. Auch ist er sehr musikalisch: er hat dort etwas aus einer Oper vorgespielt. Seit langer Zeit hat mir niemand so gut gefallen wie er.«

»Ja, er spielt recht gut, aber sein Spiel ist nicht nach meinem Geschmack«, sagte Delessow, in der Absicht, Albert in ein Gespräch über Musik zu verwickeln. »Er versteht von der klassischen Musik rein nichts. Donizetti und Bellini – das ist doch keine Musik! Sie sind gewiß der gleichen Meinung?«

»O nein, durchaus nicht. Sie müssen mir schon verzeihen«, begann Albert sanft und verteidigend: »Die alte Musik – ist Musik, und auch die neue Musik – ist Musik. Auch in der neuen gibt es große Schönheiten: Ist die ›Somnambule‹ etwa nicht herrlich? Und das Finale von ›Lucia‹? und Chopin? und ›Robert‹? Ich denke mir oft . . .« hier machte er eine Pause, um seine Gedanken zu sammeln, »wenn Beethoven heute lebte und die ›Somnambule‹ hören könnte, so würde er vor Freude weinen. Überall gibt es herrliche Stellen. Ich habe die ›Somnambule‹ zum ersten Male gehört, als die Viardot und Rubini hier waren, das war einfach . . .« rief er mit leuchtenden Augen und machte mit beiden Händen eine Bewegung, als ob er etwas aus seiner Brust herausreißen wollte. »Es hat wenig gefehlt, ich hätte es einfach nicht ausgehalten.«

»Nun, und wie finden Sie die Oper jetzt?« fragte Delessow.

»Die Bozio ist gut, sie ist ungewöhnlich gut, aber hier fehlt es«, er zeigte auf seine eingefallene Brust. »Sie rührt einen nicht. Eine Sängerin muß leidenschaftlich sein, sie hat aber kein Temperament. Sie erfreut einen, aber sie rührt nicht.«

»Nun, und Lablache?«

»Ich habe ihn einmal in Paris im ›Barbier von Sevilla‹ gehört, damals war er einzig in seiner Art . . . Heute ist er zu alt. Er sollte nicht mehr auftreten, er ist zu alt.«

»Was macht es, daß er alt ist? In den Morceaux d'ensemble ist er noch immer vorzüglich«, sagte Delessow, der stets diese Ansicht äußerte, wenn die Rede auf Lablache kam.

»Sie finden, daß es nichts ausmacht?« entgegnete Albert mit strenger Miene. »Er darf nicht alt sein. Ein Künstler darf nicht alt sein. Um Künstler zu sein, bedarf man allerlei, vor allen Dingen aber – des Feuers!« Er sagte dies mit leuchtenden Augen und emporgehobenen Armen.

Sein ganzes Wesen schien wirklich von einem unheimlichen inneren Feuer zu glühen.

»Mein Gott!« sagte er ganz unvermittelt. »Kennen Sie den Maler Petrow?«

»Nein, ich kenne ihn nicht«, erwiderte Delessow lächelnd.

»Ich möchte gar zu gern, daß Sie ihn kennen lernen! Es wird Ihnen ein großer Genuß sein, sich mit ihm zu unterhalten! Wie er das Wesen der Kunst versteht! Ich traf ihn früher oft bei Anna Iwanowna, aber jetzt ist sie ihm aus irgendeinem Grunde böse. Ich möchte wirklich, daß Sie ihn kennen lernen. Er ist hervorragend talentiert.«

»Malt er Bilder?« fragte Delessow.

»Ich weiß es nicht. Ich glaube, nein. Aber er war einmal an der Akademie. Was er für Gedanken hat! Manchmal sagt er ganz ungewöhnliche Dinge. Ja, dieser Petrow ist außerordentlich talentiert, aber er führt ein gar zu lustiges Leben . . . Es ist schade um ihn«, fügte Albert lächelnd hinzu. Gleich darauf erhob er sich vom Bettrand, nahm die Geige und begann sie zu stimmen.

»Wann waren Sie zuletzt in der Oper?« fragte Delessow.

Albert blickte verlegen auf und seufzte.

»Ach, ich kann nicht mehr!« rief er aus, sich an den Kopf greifend. Er setzte sich wieder zu Delessow. »Ich will es Ihnen sagen,« flüsterte er, »ich kann nicht mehr in die Oper gehen, ich kann dort nicht mehr spielen, ich habe nichts, gar nichts! Ich habe keine Kleider, keine Wohnung, keine Geige! Ein elendes Leben! Ein elendes Leben! Wozu sollte ich auch in die Oper gehen? Wozu? Nein!« sagte er lächelnd. »Doch dieser ›Don Juan‹!«

Er schlug sich an den Kopf.

»Wir wollen doch einmal zusammen hingehen«, schlug Delessow vor.

Albert gab keine Antwort. Er sprang auf, ergriff die Geige und begann das Finale des ersten Aktes von ›Don Juan‹ zu spielen. Gleichzeitig erklärte er die Handlung der Oper.

Delessow standen die Haare zu Berge, als Albert auf seiner Geige die Stimme des sterbenden Komturs spielte.

»Nein, heute kann ich nicht spielen«, sagte er, die Geige weglegend; »ich habe zuviel getrunken.«

Und gleich darauf ging er zum Tisch und schenkte sich ein Glas Wein ein. Er stürzte es hinunter und setzte sich wieder zu Delessow.

Delessow sah ihn die ganze Zeit unverwandt an; Albert lächelte ab und zu, und dann lächelte auch Delessow. Beide schwiegen, doch die Blicke und das Lächeln brachten die beiden Menschen immer näher aneinander. Delessow fühlte, wie er diesen Menschen mehr und mehr lieb gewann, und das machte ihn glücklich.

»Waren Sie schon einmal verliebt?« fragte er ihn plötzlich.

Albert wurde für einige Augenblicke nachdenklich. Dann erstrahlte sein Gesicht in einem traurigen Lächeln. Er neigte sich zu Delessow und blickte ihm aufmerksam in die Augen.

»Warum fragen Sie mich danach?« flüsterte er. »Doch ich will Ihnen alles erzählen, denn Sie gefallen mir.« Hier machte er eine Pause. »Ich will Sie nicht anlügen, ich will Ihnen alles von Anfang an erzählen.« Er hielt wieder inne. Seine Augen nahmen einen seltsamen, wilden Ausdruck an. »Sie wissen, daß ich hier«, er zeigte auf seine Stirn, »etwas schwach bin. Anna Iwanowna hat es Ihnen gewiß erzählt. Sie erzählt allen, ich sei verrückt! Das ist nicht wahr. Sie sagt es ja nur im Scherz, sie ist eine gute Frau. Aber seit einiger Zeit bin ich wirklich etwas krank.« Er machte wieder eine Pause und starrte mit unbeweglichen, weit aufgerissenen Augen auf die finstere Tür. »Sie fragten, ob ich je verliebt war. Ja, ich war verliebt!« Er hob die Brauen und flüsterte: »Das war, als ich noch die Stelle am Theater hatte. Ich spielte die zweite Violine im Opernorchester, und sie hatte eine Parterreloge links.«

Albert stand auf und neigte sich zu Delessows Ohr.

»Nein, ich will ihren Namen nicht nennen«, sagte er. »Sie kennen sie gewiß, alle kennen sie. Ich sah sie nur schweigend an, ich wußte, daß ich nur ein armer Musiker und sie eine vornehme Dame war. Ich wußte es ganz genau. Ich sah sie nur an und machte mir keine Gedanken.«

Er schwieg, in Erinnerungen versunken. Dann fuhr er fort:

»Ich weiß nicht mehr, wie es kam. Einmal wurde ich zu ihr eingeladen, um sie auf der Geige zu begleiten . . . Aber was, ich bin ja nur ein armer Künstler!« er schüttelte den Kopf und lächelte. »Ich habe kein Talent zum Erzählen, ich kann es nicht . . .« Er griff sich an den Kopf. »Wie glücklich war ich!«

»Nun, waren Sie oft bei ihr?« fragte Delessow.

»Einmal, nur ein einziges Mal . . . Ich war selbst schuld, ich war verrückt. Ich war ein armer Musiker und sie eine Aristokratin. Ich hätte ihr nichts sagen sollen. Aber ich war verrückt, ich habe Dummheiten gemacht. Seit jenem Tag ist für mich alles vorbei. Petrow hat recht: es wäre besser, wenn ich sie nur im Theater gesehen hätte . . .«

»Was haben Sie denn eigentlich angestellt?« fragte Delessow.

»Ach, lassen Sie, lassen Sie, ich kann es Ihnen nicht erzählen.«

Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Nach einer Pause fuhr er fort:

»Ich kam sehr spät ins Orchester. Ich hatte an jenem Abend mit Petrow gezecht und war etwas aufgeregt. Sie saß in ihrer Loge und unterhielt sich mit einem General. Ich weiß nicht, wer dieser General war. Sie saß ganz vorn, und ihre Hand lag auf der Brüstung; sie hatte ein weißes Kleid an und Perlen um den Hals. Sie sprach mit ihm und sah auf mich. Zweimal blickte sie mich an. Sie hatte so eine Frisur«, er machte eine Handbewegung. »Ich stand bei den Bässen und spielte nicht; ich sah sie nur immer an. Da hatte ich zum ersten Mal das seltsame Gefühl. Sie lächelte dem General zu und blickte mich wieder an. Ich fühlte, daß sie von mir sprach, und ich gewahrte plötzlich, daß ich mich nicht mehr im Orchester befand, sondern in ihrer Loge stand und ihre Hand, hier an dieser Stelle, hielt. – Was war nun das?« fragte Albert nach einer Pause.

»Starke Einbildungskraft«, versetzte Delessow.

»Nein, nein . . . Ich habe ja kein Talent zum Erzählen«, sagte Albert mit gequältem Gesichtsausdruck. »Ich war auch damals arm, hatte keine Wohnung und blieb oft im Theater über Nacht.«

»Wie! Im Theater? Im leeren, finstern Saal?«

»Ach, ich fürchte mich nicht vor solchen Dummheiten. Ja, hören Sie. Sobald das Theater leer wurde, ging ich in die Parterreloge, wo sie zu sitzen pflegte, um dort zu schlafen. Das war meine einzige Freude. Was für Nächte habe ich da verlebt! Einmal ging es mit mir wieder los. In einer Nacht habe ich im Geiste vieles durchgemacht, ich kann Ihnen aber nicht viel davon erzählen.« Albert senkte die Augen und blickte Delessow an. »Was war nun das?« fragte er.

»Seltsam!« sagte Delessow.

»Nein, nein, hören Sie weiter!« Er flüsterte Delessow ins Ohr. »Ich küßte ihre Hand, weinte an ihrer Seite und sprach viel mit ihr. Ich spürte den Duft ihres Parfüms, ich hörte ihre Stimme. Sie hat mir in dieser einen Nacht so vieles erzählt. Dann nahm ich die Geige und begann leise zu spielen. Ich spielte gut. Doch ich bekam Angst. Ich fürchte mich nicht vor solchen Dummheiten und glaube an nichts; aber ich bekam Angst um meinen Kopf,« er lächelte und berührte seine Stirn, »um meinen armen Verstand; mir schien, in meinem Kopfe wäre plötzlich etwas vorgegangen. Vielleicht hat das alles nichts zu bedeuten? Was glauben Sie?«

Beide schwiegen. Dann sang Albert mit stillem Lächeln:

»Und ob die Wolke sie verhülle,
Die Sonne bleibt am Himmelszelt . . .

Nicht wahr?

Ich auch habe gelebt und genossen . . .

Ja, der alte Petrow hätte Ihnen alles so gut erklärt!«

Delessow betrachtete entsetzt das erregte und blasse Gesicht Alberts.

»Kennen Sie den Juristenwalzer?« rief Albert ganz unvermittelt. Ohne die Antwort abzuwarten, ergriff er die Geige und spielte den lustigen Walzer. Er vergaß alles, stellte sich wohl vor, ein ganzes Orchester spiele mit ihm mit; er lachte und bewegte die Beine im Walzertakt. Er spielte vorzüglich.

»Jetzt ists genug!« sagte er, das Spiel abbrechend und die Geige schwenkend. Er saß eine Weile ruhig und sagte dann:

»Ich geh hin! Und Sie?«

»Wohin denn?« fragte Delessow verwundert.

»Gehen wir doch zu Anna Iwanowna! Dort ist es lustig: Musik, Lärm, viele Leute.«

Im ersten Augenblick wollte Delessow darauf eingehen. Doch er besann sich und riet auch Albert ab, heute noch auszugehen.

»Ich will ja nur hineinschauen.«

»Nein, bitte, gehen Sie nicht!«

Albert seufzte und legte die Geige weg.

»Soll ich also bleiben?«

Er schielte auf den Tisch: die Weinflasche war leer. Dann wünschte er gute Nacht und verließ das Zimmer.

Delessow schellte. Als Sachar kam, sagte er zu ihm:

»Laß Herrn Albert nicht aus dem Hause, ohne mich zu fragen.«

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