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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 29
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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4

Als Delessow am nächsten Morgen geweckt wurde, um in den Dienst zu gehen, war er durch den Anblick seiner alten spanischen Wand, seines alten Dieners und der Uhr auf dem Nachttisch unangenehm überrascht. ›Was wünschte ich mir denn beim Aufwachen zu sehen, wenn nicht das, was mich immer umgibt?‹ fragte er sich. Da fielen ihm die schwarzen Augen und das selige Lächeln des Musikers ein; die Töne der Mélancolie und alle Eindrücke der seltsamen Nacht gingen ihm wieder durch den Kopf.

Er hatte aber keine Zeit, zu überlegen, ob er vernünftig oder unvernünftig gehandelt hatte, als er den Musiker nach Hause mitnahm. Während des Ankleidens setzte er sich seine Tagesordnung fest, nahm dann seine Aktentasche, gab dem Diener die nötigen Anweisungen und zog rasch Mantel und Galoschen an. Im Vorbeigehen schaute er noch in das Speisezimmer hinein. Albert lag in einem zerrissenen, schmutzigen Hemd, das Gesicht in das Kissen gedrückt, auf dem Ledersofa, auf das man ihn gestern, als er sinnlos berauscht war, hingelegt hatte. Delessow überkam ein peinliches Gefühl.

»Geh später zu Borjusowski hinüber«, sagte er zu dem Diener, »und bitte ihn, er möchte mir seine Geige für zwei, drei Tage hergeben. Wenn der Herr da erwacht, bring ihm Kaffee und gib ihm etwas von meiner Wäsche und einen alten Anzug. Und sieh, bitte, daß ihm nichts fehlt.«

Als er spät abends heimkam, fand er zu seiner Verwunderung Albert nicht mehr vor.

»Wo ist er denn?« fragte er den Diener.

»Gleich nach dem Mittagessen ist der Herr fortgegangen«, gab dieser zur Antwort. »Er nahm die Geige mit und versprach, in einer Stunde zurückzukommen. Nun ist er doch nicht zurückgekommen.«

»Hm, hm, schade!« sagte Delessow. »Warum hast du ihn fortgehen lassen, Sachar?«

Sachar war ein echter Petersburger Lakai und seit acht Jahren in Delessows Diensten. Delessow, ein alleinstehender Junggeselle, machte ihn, wie es so geht, zum Vertrauten seiner Absichten und erkundigte sich immer nach seiner Meinung über alles, was er unternahm.

»Wie hätte ich ihn nicht fortgehen lassen sollen?« antwortete Sachar, mit dem an seiner Uhrkette baumelnden Petschaft spielend. »Hätten Sie es mir, Dmitri Iwanowitsch, gesagt, daß ich ihn zurückhalten soll, so wäre er noch da. Sie haben mir aber nur den Auftrag wegen der Kleidung gegeben.«

»Hm, schade! Was hat er hier allein getrieben?«

Sachar schmunzelte.

»Das nenne ich einen wirklichen Künstler, Dmitri Iwanowitsch! Gleich als er erwachte, verlangte er Madeira, dann unterhielt er sich mit unserer Köchin und mit einem Diener aus der Nachbarschaft. So komisch ist der Herr . . . Hat aber einen guten Charakter. Ich brachte ihm Tee und dann das Mittagessen; er wollte nicht allein essen, forderte mich immer auf, mitzuessen. Wie er aber Geige spielt! Solche Künstler hat selbst Isler nicht. So einen Menschen kann man schon wirklich bei sich behalten. Wie er uns das Lied vom Mütterchen Wolga spielte! Das klang wie Weinen. Es war sogar zu schön! Aus allen Stockwerken kamen die Leute zu uns in den Flur, um ihn zu hören.«

»Nun, hast du ihn irgendwie bekleidet?« unterbrach ihn Delessow.

»Freilich, ich gab ihm Ihr Nachthemd und meinen Mantel. Einem solchen Menschen soll man wirklich helfen. Es ist ein wirklich lieber Mensch!« Sachar lächelte. »Er fragte mich immer aus, was für einen Rang Sie haben, ob Sie vornehme Bekannte haben und wieviel Leibeigene Sie besitzen.«

»Gut. Jetzt muß man ihn suchen gehen. In Zukunft sollst du ihm aber nichts zu trinken geben, sonst schadest du ihm noch mehr.«

»Es ist ja wahr,« sagte Sachar, »er scheint von schwacher Gesundheit zu sein. Mein früherer Herr hatte einen Verwalter, der auch so war . . .«

Delessow kannte längst die Geschichte von diesem Verwalter. Er ließ daher Sachar nicht zu Ende sprechen und befahl ihm, sofort das Schlafzimmer in Ordnung zu bringen und dann auf die Suche nach Albert zu gehen.

Er ging zu Bett, löschte das Licht aus, konnte aber lange Zeit nicht einschlafen: er mußte immer an Albert denken. ›Das Ganze wird zwar meinen Bekannten etwas sonderbar erscheinen,‹ dachte Delessow, ›doch wir tun so selten etwas für einen andern, daß man wirklich Gott danken muß, wenn man einmal Gelegenheit dazu hat. Ich will wirklich alles, alles tun, um ihm zu helfen. Vielleicht ist er gar nicht verrückt, sondern nur versoffen. Es wird mich auch nicht viel kosten: wo ein Mensch genug hat, da werden auch zwei satt. Er wird vorläufig bei mir wohnen, dann will ich ihm eine Stelle verschaffen oder für ihn ein Konzert veranstalten; wenn er einmal auf den Damm kommt, werden wir das Weitere schon sehen.‹

Diese Gedanken verschafften ihm ein angenehmes Gefühl von Befriedigung.

›Ich bin wirklich kein schlechter Mensch,‹ dachte er weiter, ›ich bin sogar ein guter Mensch, wenn ich mich mit den andern vergleiche . . .‹

Er war bereits im Einschlafen, als er das Knarren einer Tür und Schritte im Vorzimmer hörte.

›Jetzt will ich einmal mit ihm streng sein,‹ sagte er sich, ›so wird es auch für ihn besser sein.‹

Er schellte. Sachar kam ins Schlafzimmer.

»Nun, hast du ihn gebracht?«

»Ein elender Mensch ist er, Dmitri Iwanowitsch«, sagte Sachar mit bedeutungsvollem Kopfschütteln.

»Ist er betrunken?«

»Ganz schwach ist er.«

»Hat er die Geige bei sich?«

»Ich hab sie mitgebracht, die Wirtin hat sie mir gegeben.«

»Laß ihn jetzt, bitte, nicht zu mir herein; bring ihn zu Bett und laß ihn morgen nicht aus dem Hause.«

In diesem Augenblick aber trat Albert ins Zimmer.

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