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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 28
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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3

Etwas Sonderbares war mit allen Zuhörern vorgegangen, etwas Sonderbares lag in dem tiefen Schweigen, das dem Spiel Alberts folgte. Als hätte jeder das Verlangen, den Sinn des Ganzen auszusprechen, und fände die Worte nicht. Was hatte denn das Ganze zu bedeuten: ein heißer, hell erleuchteter Saal, schöne Frauen, Morgendämmerung in den Fenstern, erhitztes Blut und der reine Eindruck verklungener Töne? Niemand aber versuchte zu erklären, was es bedeutete; im Gegenteil, fast alle fühlten ihre Unfähigkeit, sich ganz der neuen Stimmung hinzugeben, und lehnten sich daher gegen sie auf.

»Er spielt wirklich gut!« sagte der Offizier.

»Wunderbar!« sagte Delessow, indem er verstohlen mit dem Ärmel die Tränen aus den Augen wischte.

»Es ist übrigens Zeit zum Aufbrechen«, meinte der Herr, der auf dem Sofa lag und sich inzwischen etwas erholt hatte. »Wir sollten ihm etwas geben, meine Herren. Machen wir gleich eine Kollekte!«

Albert saß indessen im Nebenzimmer auf einem Sofa. Die Ellbogen auf die knochigen Kniee gestützt, fuhr er sich mit den schmutzigen Händen über Gesicht und Haar und lächelte selig vor sich hin.

Die Kollekte ergab sehr viel. Delessow sollte ihm das Geld übergeben.

Delessow, auf den das Geigenspiel einen so starken und ungewohnten Eindruck gemacht hatte, wollte sich diesem Menschen noch besonders erkenntlich zeigen. Er wollte ihn zu sich nehmen, ihn neu kleiden und ihm zu irgendeiner Existenz verhelfen, mit einem Worte: ihn aus seiner jämmerlichen Lage herausreißen.

»Nun, sind Sie müde?« fragte Delessow, sich ihm nähernd. Albert lächelte nur.

»Sie haben entschieden Talent, Sie sollten sich ernsthaft mit Musik beschäftigen und auch öffentlich auftreten.«

»Ich will etwas trinken«, sagte Albert, wie aus einem Traume erwachend.

Delessow brachte Wein, und der Musiker stürzte gierig zwei Glas hinunter.

»Der Wein ist gut!« sagte er.

»Wie schön ist doch diese Mélancolie!« bemerkte Delessow.

»Ja, ja, gewiß,« antwortete Albert lächelnd, »aber entschuldigen Sie, ich weiß nicht, mit wem ich die Ehre habe; vielleicht sind Sie Graf, oder gar Fürst: könnten Sie mir nicht etwas Geld borgen?« Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Ich habe nichts, ich bin arm. Ich werde es Ihnen nie zurückgeben können.«

Delessow errötete. Er hatte ein peinliches Gefühl und beeilte sich, dem Musiker das eingesammelte Geld zu übergeben.

»Ich danke bestens«, sagte Albert, indem er das Geld einsteckte. »Wir wollen jetzt wieder musizieren. Ich will Ihnen vorspielen, soviel Sie wollen. Zuerst muß ich noch etwas trinken.« Er erhob sich.

Delessow brachte ihm noch Wein und bat ihn, neben ihm Platz zu nehmen.

»Entschuldigen Sie, wenn ich aufrichtig werde«, sagte Delessow. »Ihr Talent hat mich in Erstaunen versetzt. Ich glaube, Sie befinden sich in einer mißlichen Lage?«

Albert blickte abwechselnd auf Delessow und auf die Wirtin, die soeben ins Zimmer getreten war.

»Erlauben Sie, daß ich Ihnen meine Dienste anbiete«, fuhr Delessow fort. »Wenn es Ihnen schlecht geht, so nehmen Sie doch eine Zeitlang bei mir Wohnung. Es wird mich sehr freuen. Ich wohne ganz allein und kann Ihnen vielleicht irgendwie nützlich sein.«

Albert lächelte und sagte nichts.

»Warum bedanken Sie sich nicht?« sagte die Wirtin. »Es ist ja für Sie selbstverständlich eine große Wohltat. – Ich möchte Ihnen aber davon abraten«, wandte sie sich kopfschüttelnd an Delessow.

»Ich danke Ihnen ergebenst!« sagte Albert, die Hand Delessows mit seinen feuchten Händen drückend. »Jetzt wollen wir aber musizieren. Bitte!«

Doch die übrigen Gäste kamen aus dem Saal ins Vorzimmer und wollten, trotz Alberts Zureden, aufbrechen.

Albert nahm von der Wirtin Abschied, setzte sich einen abgeschabten, breitkrempigen Hut auf, warf sich seinen alten leichten Almaviva, der seine ganze Wintergarderobe ausmachte, um die Schultern und trat zugleich mit Delessow in den Flur.

Als Delessow mit seinem neuen Bekannten im Wagen Platz genommen hatte und den unangenehmen Geruch von Schnaps und Schmutz, den der Musiker ausströmte, spürte, begann er sein Vorhaben zu bereuen und sich seine kindliche Weichherzigkeit und seinen Leichtsinn vorzuwerfen. Alles, was Albert sprach, war so albern und abgeschmackt, und seine Trunkenheit äußerte sich in der frischen Luft so widerlich, daß Delessow ein Gefühl von Ekel verspürte. ›Was werde ich nun mit ihm anfangen?‹ fragte er sich.

Nach einer Viertelstunde wurde Albert plötzlich ruhig, sein Hut fiel ihm vom Kopf, er selbst rutschte in eine Ecke des Wagens und schlief ein. Die Wagenräder knirschten eintönig auf dem hartgefrorenen Schnee. Durch die beschlagenen Wagenfenster drang das fahle, schwache Morgenlicht.

Delessow betrachtete seinen Gefährten. Der hagere Körper lag, vom leichten Mantel kaum verhüllt, zu seinen Füßen. Der spitze Kopf mit der großen dunklen Nase schien hin und her zu pendeln; als er genauer hinsah, merkte er, daß das, was er für Gesicht und Nase hielt, nur das Haar war; das wirkliche Gesicht lag viel tiefer. Er neigte sich vor und musterte Alberts Züge. Da wurde er wieder von der Schönheit der Stirn und der friedlich gefalteten Lippen ergriffen.

Unter dem Einfluß der abgespannten Nerven, der ungewohnt frühen Morgenstunde, der in ihm noch nachklingenden Musik und des Anblicks von Alberts Gesichtszügen fühlte er sich plötzlich wieder in jene selige Welt versetzt, in die er heute nacht hineingeblickt hatte; er mußte wieder an das Glück und die Großmut seiner Jugendzeit denken, und da bereute er sein Vorhaben nicht mehr. In diesem Augenblick liebte er Albert heiß und innig, und er faßte den festen Entschluß, ihm zu helfen.

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