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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 27
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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2

Albert ging inzwischen, ohne jemand weiter zu beachten, langsam vor dem Klavier auf und ab und stimmte die Geige, die er an die Schulter gelegt hatte. Seine Lippen schienen nun leidenschaftslos, seine Augen konnte man nicht sehen, aber sein schmaler hagerer Rücken, der schlanke weiße Hals, die krummen Beine und das zerzauste schwarze Haar gewährten einen eigenartigen, doch unbegreiflicherweise keineswegs komischen Anblick. Als er die Geige gestimmt hatte, gab er einen eleganten Akkord an, warf den Kopf zurück und wandte sich zum Klavierspieler, der sich anschickte, ihn zu begleiten.

»Mélancolie, G-Dur!« sagte er mit einer befehlenden Gebärde zu ihm.

Als ob er wegen dieser Gebärde um Entschuldigung bitten wollte, lächelte er dem Publikum ungewöhnlich sanft zu. Mit der Hand, in der er den Bogen hielt, fuhr er sich noch einmal durch das Haar, stellte sich an einer Ecke des Klaviers auf und strich langsam und weich über die Saiten. Ein reiner, jubelnder Ton zog durch den Saal. Alle verstummten.

Das Thema entwickelte sich frei und leicht, das Seeleninnerste der Zuhörer mit einem unerwartet reinen, beruhigenden Lichte erhellend. Kein falscher oder übermäßig lauter Ton störte die Andacht der Zuhörer; alle Töne waren gleich klar, rein, schön und bedeutungsvoll. Alle folgten stumm, vor Hoffnung zitternd, der Entwicklung der Melodie. Aus dem Zustand der Langenweile, der lärmenden Ausgelassenheit und des seelischen Schlafes, in dem sich alle diese Menschen noch eben befunden hatten, waren sie plötzlich unbemerkt in eine ganz andere, längst vergessene Welt versetzt. Bald versank man in eine stille, beschauliche Betrachtung des Vergangenen, bald gab man sich der leidenschaftlichen Erinnerung an ein entschwundenes Glück hin, bald spürte man ein grenzenloses Verlangen nach Macht und Glanz, bald ein Gefühl von Demut, Trauer und unerwiderter Liebe. Die bald zärtlich-traurigen, bald ungestüm-kühnen Töne vermengten sich miteinander und flossen so schön, so stark und so unbewußt dahin, daß man sie nicht mehr als Töne, sondern als einen in die Seelen dringenden herrlichen Strom einer längst bekannten, doch zum ersten Male ausgesprochenen Poesie empfand. Mit jeder Note schien Albert höher zu steigen. Er schien jetzt weder grotesk noch sonderbar. Er drückte sein Kinn hart an die Geige, lauschte mit dem Ausdruck leidenschaftlicher Aufmerksamkeit seinen eigenen Tönen und bewegte krampfartig die Beine. Bald reckte er sich in die Höhe, bald krümmte er wie vor Anstrengung den Rücken. Die gespannte Linke schien in ihrer gekrümmten Lage erstarrt zu sein, und nur ihre knochigen Finger griffen zitternd in die Saiten. Die Rechte bewegte sich elegant, fließend und kaum merklich. Das Gesicht strahlte in ununterbrochener Begeisterung und Freude. In den Augen brannte ein helles trockenes Feuer, die Nüstern blähten sich, die roten Lippen waren wollüstig geöffnet.

Zuweilen neigte sich der Kopf tiefer über die Geige, die Augen schlossen sich, und das vom langen Haar halb verdeckte Gesicht strahlte in einem milden und glückseligen Lächeln. Zuweilen reckte er sich empor, stellte einen Fuß vor, und dann leuchtete seine reine Stirn und sein strahlender Blick, den er im Saale umherschweifen ließ, stolz, majestätisch und machtbewußt. An einer Stelle machte der Klavierspieler einen Fehler. Das Gesicht und die ganze Gestalt des Musikers verzerrten sich in unsagbarer Qual. Er hielt eine Sekunde inne, stampfte mit dem Fuß und rief mit dem Ausdruck eines beleidigten Kindes: »Moll, C-Moll!« Der Klavierspieler verbesserte sich. Albert schloß die Augen, lächelte, vergaß sich, seine Zuhörer und die ganze Welt und gab sich wieder ganz seinem Spiele hin.

Alle, die im Saal waren; schwiegen, solange Albert spielte, in tiefer Ehrfurcht; alle schienen nur in diesen Tönen zu leben und zu atmen.

Der lustige Offizier saß unbeweglich, den leblosen Blick zu Boden gesenkt, auf einem Stuhl am Fenster und atmete schwer und langsam. Die Mädchen saßen stumm an den Wänden und warfen einander entzückte, sogar bestürzte Blicke zu. Das dicke, volle, lachende Gesicht der Wirtin schwamm in höchster Wonne. Der Klavierspieler hatte seinen Blick in das Gesicht Alberts gebohrt, und sein ganzes Wesen drückte die fieberhafte Angst aus, wieder vorbeizugreifen. Einer der Gäste, der mehr als die übrigen getrunken hatte, lag ausgestreckt auf dem Sofa und gab sich die größte Mühe, seine Erregung nicht zu verraten. Delessow hatte ein ganz ungewöhnliches Gefühl. Ein kalter Reifen, der bald enger, bald weiter wurde, umklammerte seinen Kopf. Die Haarwurzeln wurden empfindlich, oben am Rücken überlief es ihn kalt, die Kälte stieg immer höher und höher zum Halse empor und stach wie mit feinen Nadeln Nase und Gaumen; Tränen, die er gar nicht merkte, liefen ihm die Wangen hinunter. Er schüttelte sich, suchte die Tränen gleichsam wieder in die Augen einzuziehen, trocknete sie, aber immer neue traten hervor und flossen ihm über die Wangen. Durch eine seltsame Verkettung der Eindrücke fühlte sich Delessow gleich bei den ersten Tönen, die Albert seiner Geige entlockte, in seine früheste Jugend zurückversetzt. Er, der jetzt gealtert, müde und abgelebt war, fühlte sich plötzlich als ein siebzehnjähriges selbstbewußt-schönes, selig-dummes und unbewußt-glückliches Wesen. Seine erste Liebe fiel ihm ein – eine rosa gekleidete Cousine, sein erstes Liebesgeständnis in einer Lindenallee, das Feuer und das unergründliche Geheimnis der Natur, die ihn damals umgab. Er sah mit seinen in die Vergangenheit versenkten Blicken sie in einem Nebel unbestimmter Hoffnungen, unverstandener Gelüste und eines unerschütterlichen Glaubens an die Möglichkeit eines unmöglichen Glückes schweben. Alle Minuten, die damals so wenig Wert hatten, lebten wieder auf, aber nicht mehr als bedeutungslose Augenblicke einer entrinnenden Gegenwart, sondern als unvergeßliche, sich dehnende, vorwurfsvolle Bilder der Vergangenheit. Er betrachtete sie mit Entzücken und weinte, weinte nicht um die entschwundene Zeit, die er besser hätte verwenden können (denn wäre ihm jene Zeit zurückgegeben worden, so hätte er sie gar nicht besser verwenden können); er weinte nur, weil die Zeit entschwunden war und nie wiederkehren würde. Die Erinnerungen kamen ihm eine nach der anderen, ungerufen, während Alberts Geige immer dasselbe sagte. Sie sagte: ›Die Zeit der Kraft, der Liebe und des Glücks ist für dich vergangen und kehrt nie, nie wieder. Weine um sie, weine alle deine Tränen aus, stirb in Tränen um jene Zeit – das ist das einzige Glück, das dir noch geblieben ist.‹

Am Schluß der letzten Variation wurde Alberts Gesicht rot, die Augen glühten, und große Schweißtropfen flossen ihm die Wangen hinunter. Die Adern an seiner Stirn schwollen an, sein ganzer Körper geriet immer mehr in Bewegung, die blassen Lippen schlossen sich nicht mehr, und seine ganze Gestalt drückte Gier und Genuß aus.

Plötzlich ging durch seinen ganzen Körper ein heftiges Beben, er schüttelte seine Haarmähne, senkte die Geige und musterte mit einem stolzen und glücklichen Lächeln seine Zuhörer. Dann krümmte sich sein Rücken wieder, der Kopf sank, die Lippen schlossen sich, die Augen erloschen, und er ging, verschämt und scheu um sich blickend, mit schwankenden Schritten ins andere Zimmer.

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