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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 25
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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11

Sein Gesicht war gar nicht dunkel, trocken und gradnasig, wie ich es nach seinem Haar und seiner Figur erwartet hatte. Es war eine runde, lustige, stumpfnasige Fratze mit großem Mund und hellblauen, runden Augen. Die Wangen und der Hals waren rot, wie mit einem Tuchlappen abgerieben; die Augenbrauen, die langen Wimpern und der Flaum, der gleichmäßig den unteren Teil seines Gesichts bedeckte, waren mit Schnee verklebt und über und über weiß. Wir hatten bis zur Station nur noch eine halbe Werst zu fahren; wir hielten an.

»Mach es schnell ab!« sagte ich.

»In einer Minute«, antwortete Ignaschka, vom Bocke springend und auf Philipp zugehend.

»Gib her, Bruder!« sagte er, den rechten Handschuh und die Peitsche in den Schnee werfend. Dann warf er den Kopf zurück und stürzte in einem Zuge das Glas Schnaps hinunter, das ihm Philipp gereicht hatte.

Aus der Tür trat der Schankwirt, anscheinend ein gedienter Kosak, mit einer Schnapsflasche in der Hand.

»Wem soll ich einschenken?« fragte er.

Der lange Wassili, ein hagerer, blonder Kerl mit einem Ziegenbart, und der Ratgeber, ein dicker, mit weißen Wimpern und Augenbrauen und dichtem weißem Vollbart, der sein rotes Gesicht umrahmte, traten vor und tranken jeder ein Glas. Auch der Alte ging auf die Trinkenden zu, man schenkte ihm aber nicht ein; er ging zu seinen hinter dem Schlitten angebundenen Pferden und streichelte eines von ihnen über Rücken und Hinterteil.

Der Alte sah genau so aus, wie ich ihn mir vorgestellt hatte: klein, hager, mit einem zusammengeschrumpften, blau angelaufenen Gesicht, einem dünnen Bärtchen, einer spitzen Nase und stumpfen gelben Zähnen. Er trug eine nagelneue Kutschermütze und dabei einen abgeschabten, mit Teer beschmierten und auf den Schultern und in den Schößen zerrissenen Halbpelz, der nicht einmal seine Kniee und die hanfleinenen Unterhosen bedeckte, die in den riesengroßen Filzstiefeln steckten. Er war ganz zusammengeschrumpft, hielt sich gekrümmt und machte sich, an allen Gliedern zitternd, am Schlitten zu schaffen, anscheinend, um sich zu erwärmen.

»Nun, Mitritsch, kauf dir doch ein Viertel! Das wird dich ordentlich erwärmen«, sagte der Ratgeber zu ihm.

Mitritsch zuckte zusammen. Er rückte den Schwanzriemen seines Pferdes und das Krummholz zurecht und ging auf mich zu.

»Nun, wie war es, Herr?« sagte er zu mir, die Mütze von seinem grauen Haar ziehend und sich verbeugend. »Wir sind ja die ganze Nacht zusammen umhergeirrt, haben den Weg gesucht – ein Viertel könnten Sie schon spendieren. Wirklich, Väterchen, Durchlaucht! Ich habe ja nichts, um mich zu erwärmen«, fügte er mit sklavischem Lächeln hinzu.

Ich schenkte ihm fünfundzwanzig Kopeken. Der Wirt brachte ein Viertel Schnaps und reichte es dem Alten. Er zog sich einen Handschuh aus, legte die Peitsche weg und streckte seine kleine dunkle, rauhe, etwas blau angelaufene Hand nach dem Glase aus; doch sein Daumen wollte ihm nicht gehorchen: er konnte das Glas nicht halten, ließ es in den Schnee fallen und verschüttete den ganzen Schnaps.

Alle Fuhrknechte brachen in schallendes Lachen aus.

»Seht doch, der Mitritsch ist so erfroren, daß er nicht einmal den Schnaps halten kann!«

Mitritsch war aber sehr traurig darüber, daß er den Schnaps verschüttet hatte.

Man schenkte ihm jedoch ein zweites Glas ein und goß es ihm in den Mund. Er wurde sofort lustig, machte einen Sprung in die Schenke, zündete sich die Pfeife an und begann mit seinen gelben stumpfen Zähnen zu grinsen und bei jedem Wort, das er sprach, unflätig zu schimpfen. Nachdem das letzte Viertel Schnaps ausgetrunken war, gingen die Fuhrknechte zu ihren Troikas, und wir fuhren weiter.

Der Schnee wurde immer weißer und blendender, so daß es den Augen weh tat, ihn anzusehen. Die orangefarbenen und roten Streifen am Himmel zogen immer höher und höher und wurden immer greller und greller; da kam auch schon am Horizont hinter den graublauen Wolken die rote Sonnenscheibe zum Vorschein, und das Blau wurde leuchtender und dunkler. Vor dem Dorfe waren auf der Landstraße deutliche, gelbliche Schlittenspuren zu sehen; stellenweise war der Weg ausgefahren und schlecht. In der frostigen herben Luft spürte ich eine eigentümliche angenehme Leichtigkeit und Frische.

Meine Troika lief sehr schnell. Der Kopf und der Hals des Gabelpferdes mit der um das Krummholz flatternden Mähne wippte schnell, fast immer genau an der gleichen Stelle, unterhalb der Liebhaberschellen, deren Zünglein an den Wandungen nicht mehr anschlugen, sondern nur schabten. Die kräftigen Nebenpferde hatten die hartgefrorenen schiefen Stränge angezogen und liefen energisch vorwärts; die Riemenquaste schlug gegen Bauch und Schwanzriemen. Zuweilen geriet eines der Nebenpferde von der eingefahrenen Straße in einen Schneehaufen und arbeitete sich geschickt heraus, uns die Augen mit Schnee verschüttend. Ignaschka schrie mit seiner lustigen Tenorstimme die Pferde an; der trockene Frost knirschte unter den Kufen; hinter uns klangen hell und festlich die Schellen und die trunkenen Rufe der Fuhrknechte der beiden anderen Schlitten. Ich blickte mich um: die grauen, zottigen Nebenpferde sprangen mit gestrecktem Halse, den Atem gleichmäßig verhaltend, mit verhängten Zügeln durch den Schnee. Philipp schwang die Peitsche und rückte seine Mütze zurecht; der Alte lag noch immer mit hochgezogenen Beinen mitten im Schlitten.

Nach zwei Minuten knirschte der Schlitten über die vom Schnee gesäuberten Bretter der Stationsauffahrt; Ignaschka wandte mir sein schneeverwehtes, frostatmendes, lustiges Gesicht zu und sagte:

»Nun haben wir Sie doch an Ort und Stelle gebracht, Herr!«


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