Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Lew Tolstoi >

Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 24
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
Schließen

Navigation:

10

Ich war fest eingeschlafen. Als Aljoschka mich weckte, indem er mich mit dem Fuße anstieß, und ich die Augen öffnete, war es schon Morgen. Der Frost schien noch stärker als in der Nacht. Von oben schneite es nicht mehr, doch der heftige trockene Wind wirbelte noch immer den Schneestaub im Felde empor, besonders aber unter den Hufen der Pferde und den Schlittenkufen. Der Himmel war rechts im Osten von einer bleiernen graublauen Farbe; doch immer heller und heller traten auf ihm grelle, rotgelbe schräge Streifen hervor. Über dem Kopfe sah ich hinter den dahineilenden weißen, von der Morgenröte kaum gefärbten Wolken ein blasses Blau hervorschimmern; links waren die Wolken hell, leicht und beweglich. Ringsumher, so weit das Auge reichte, lag in der Steppe weißer, in scharf begrenzten Schichten aufgewehter, tiefer Schnee. Hier und da ragte ein grauer Erdhügel, über den unaufhörlich feiner trockener Schneestaub dahinwirbelte. Nirgends war eine Spur zu sehen, weder die eines Schlittens, noch eines Menschen, noch eines Tieres. Die Umrisse und die Farben des Kutscherrückens und der Pferde waren selbst auf weißem Hintergrund deutlich zu sehen . . . Der Rand von Ignaschkas dunkelblauer Mütze, sein Kragen, seine Haare und sogar seine Stiefel waren weiß. Der Schlitten war gänzlich verweht. Beim grauen Gabelpferd war die ganze rechte Hälfte des Kopfes und der Mähne mit einer Schneekruste bedeckt; bei meinem Nebenpferd waren die Füße bis an die Kniee verschneit und das ganze schweißige Hinterteil zottig geworden und rechts mit Schnee beklebt. Die Quaste hüpfte auf und nieder im Takte jeder Melodie, die mir gerade einfiel, und auch das Nebenpferd lief im gleichen Takt; man konnte nur an seinem eingefallenen Bauch, der sich oft hob und senkte, und an den herabhängenden Ohren erkennen, wie sehr es abgehetzt war. Ein einziger neuer Gegenstand lenkte meine Aufmerksamkeit auf sich: ein Werstpfahl, von dem der Schnee auf die Erde herabfiel; der Wind hatte an seiner rechten Seite einen ganzen Berg angehäuft und warf noch immer den Pulverschnee von der einen Seite auf die andere. Es wunderte mich sehr, daß wir eine ganze Nacht, volle zwölf Stunden lang, mit denselben Pferden gefahren waren, ohne zu wissen, wohin, mit mehrmaligen Pausen, und schließlich doch irgendwo angelangt waren. Unsere Schellen schienen lustiger zu klingen. Ignat schlug jeden Augenblick seinen Mantel vorn zusammen und schrie die Pferde an; hinter uns schnaubten die Pferde und tönten die Schellen der Troika des Alten und des Ratgebers; doch den Fuhrknecht, der geschlafen hatte, hatten wir endgültig hinter uns verloren. Nachdem wir noch eine halbe Werst weitergefahren waren, gerieten wir auf eine frische, noch kaum verwehte Spur einer Troika; hier und da waren auf dem Schnee hellrote Blutflecken zu sehen, wahrscheinlich von einem Pferde, das sich in die Eisen gehauen hatte.

»Das muß Philipp sein! Sieh mal an, er ist doch noch früher angekommen als wir!« sagte Ignaschka.

Da steht auch schon am Wege mitten im Schnee ein einsames Häuschen mit einem Schilde; es ist fast bis an das Dach und an die Fenster verweht. Vor der Schenke steht ein Dreigespann von Grauschimmeln; sie sind von Schweiß zottig geworden und stehen mit gespreizten Beinen und traurig gesenkten Köpfen da. Vor der Tür ist gefegt; auch eine Schaufel steht da; doch der heulende Wind weht und wirbelt vom Dach immer neuen Schnee herab.

Auf unser Schellengeläut erscheint vor der Tür ein großer, rothaariger Fuhrknecht mit einem Glas Branntwein in der Hand und ruft uns etwas entgegen. Ignaschka wendet sich zu mir um und bittet um Erlaubnis, zu halten. Da sehe ich zum ersten Male seine gutmütige Fratze.

 << Kapitel 23  Kapitel 25 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.