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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 23
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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9

Ich schlief fest; doch ich hörte die ganze Zeit hindurch die Terz der Schellen, und sie erschien mir im Schlafe bald als ein Hund, der sich bellend auf mich stürzte, bald als eine Orgel, in der ich eine der Pfeifen war, bald als ein französisches Gedicht, das ich verfaßte. Bald erschien sie mir als ein Marterwerkzeug, mit dem mir jemand unaufhörlich die rechte Ferse zusammenpreßte. Der Schmerz war so stark, daß ich erwachte, die Augen öffnete und mir den Fuß rieb. Er begann bereits zu erfrieren. Um mich her war noch immer dieselbe helle, trübe, weiße Nacht. Der Schlitten rüttelte noch immer im selben Takt; derselbe Ignaschka saß seitwärts auf dem Bock und schlug die Beine aneinander; dasselbe Nebenpferd lief mit gestrecktem Hals, mit Mühe die Beine hebend, im Trabe durch den tiefen Schnee; die Quaste am Schwanzriemen sprang auf und nieder und schlug an den Bauch des Pferdes. Der Kopf des Gabelpferdes mit der im Winde flatternden Mähne wippte gleichmäßig auf und nieder, die an das Krummholz gebundenen Zügel bald spannend und bald locker lassend. Doch alles das war noch mehr als früher vom Schnee verweht. Der Schnee wirbelte vorn, verschüttete rechts und links die Schlittenkufen und die Pferdebeine bis an die Kniee und fiel von oben auf unsere Kragen und Mützen. Der Wind kam bald von rechts, bald von links, spielte mit meinem Kragen, mit den Schößen von Ignaschkas Mantel, mit der Mähne des Nebenpferdes und fuhr heulend durch das Krummholz und zwischen die Femerstangen.

Es war entsetzlich kalt geworden; kaum steckte ich den Kopf aus dem Mantelkragen hervor, als der trockene, eisige Schnee mir wirbelnd auf Augenwimpern, Mund und Nase fiel und hinter den Kragen drang; ringsumher war alles weiß, hell und schneeig, nichts als nebeliges Licht und Schnee. Ich bekam ernstlich Angst. Aljoschka schlief zu meinen Füßen auf dem Boden des Schlittens; sein ganzer Rücken war von einer dicken Schneeschicht bedeckt. Ignaschka ließ den Mut nicht sinken: er zog jeden Augenblick die Zügel an, stieß kurze Schreie aus und schlug die Beine aneinander. Die Schellen klangen noch immer wundervoll. Die Pferde schnaubten; sie stolperten immer öfter, liefen aber weiter, wenn auch etwas langsamer. Ignaschka sprang wieder auf, fuchtelte mit einem Handschuh herum und stimmte mit seiner dünnen Fistelstimme ein Lied an. Ohne das Lied zu Ende zu singen, hielt er plötzlich die Troika an, warf die Zügel über den Vorderteil des Schlittens und stieg aus. Der Wind heulte wütend; der Schnee fiel in unglaublichen Mengen auf unsere Mäntel. Ich blickte zurück: die dritte Troika war nicht mehr hinter uns (sie war irgendwo zurückgeblieben). Ich konnte durch den Schneenebel sehen, wie der Alte am zweiten Schlitten von einem Fuß auf den andern hüpfte. Ignaschka ging etwa drei Schritt zur Seite, setzte sich in den Schnee, löste seinen Gürtel und begann sich die Stiefel auszuziehen.

»Was machst du da?« fragte ich ihn.

»Ich muß die Fußlappen wechseln, denn mir sind beinahe die Füße abgefroren«, antwortete er mir, in seiner Beschäftigung fortfahrend.

Es war mir zu kalt, den Hals aus dem Kragen hervorzustecken, um zu sehen, wie er das machte. Ich saß gerade da und sah auf das Seitenpferd, das, ein Bein zurückgesetzt, müde den aufgebundenen schneebedeckten Schweif bewegte. Der Stoß, den Ignat dem Schlitten versetzte, als er auf den Bock sprang, weckte mich.

»Was gibts, wo sind wir jetzt?« fragte ich; »werden wir noch vor Tagesanbruch am Ziel sein?«

»Machen Sie sich keine Sorgen, wir werden Sie schon hinbringen«, gab er mir zur Antwort. »Jetzt, da ich die Fußlappen gewechselt habe, habe ich wunderbar warme Füße bekommen.«

Er fuhr los, die Schellen erklangen, der Schlitten begann wieder zu schwanken, und der Wind pfiff unter den Kufen hin. Und wir segelten weiter über das endlose Schneemeer.

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