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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 22
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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8

Erfriere ich denn schon?‹ dachte ich im Einschlafen. ›Es heißt, das Erfrieren beginne immer damit, daß man einschläft. Ich möchte schon lieber ertrinken als erfrieren – mag man mich dann mit dem Netz herausziehen; übrigens ist es mir einerlei, ob ich erfriere oder ertrinke, wenn mich nur nicht dieser Stock, oder was es ist, im Rücken drückte, und wenn ich sanft einschlummern könnte.‹

Ich schlummere für einen Augenblick ein.

›Doch wie wird das alles enden?‹ sage ich mir plötzlich, für eine Minute die Augen öffnend und in den weißen Raum hinausblickend. ›Wie wird das alles enden? Wenn wir keine Heuschober finden und wenn die Pferde stehen bleiben, was anscheinend bald geschehen wird, werden wir wohl alle erfrieren.‹ Ich muß gestehen, obgleich ich mich auch etwas fürchtete, war doch der Wunsch, etwas Außergewöhnliches und einigermaßen Tragisches zu erleben, in mir noch stärker als die nicht allzu große Furcht. Es schien mir gar nicht so übel, wenn die Pferde uns erst gegen Morgen von selbst in irgendein fernes, unbekanntes Dorf in halberfrorenem Zustand hinbrächten und wenn einige von uns sogar gänzlich erfroren wären. Ähnliche Gedanken gingen mir mit ungewöhnlicher Klarheit und Schnelligkeit durch den Kopf. Die Pferde bleiben stehen, der Wind häuft immer mehr und mehr Schnee an, und nun kann man von den Pferden nur die Ohren und die Krummhölzer sehen. Plötzlich erscheint irgendwo oben Ignaschka mit seiner Troika und fährt an uns vorüber. Wir flehen ihn an und schreien, daß er uns mitnehmen möchte, doch der Wind trägt unsere Stimmen fort, und sie verhallen ungehört. Ignaschka lacht, schreit etwas seinen Pferden zu, pfeift und entschwindet unseren Blicken in einem tiefen, schneeverwehten Graben. Der Alte springt auf ein Pferd, schlenkert mit den Ellenbogen und will davonsprengen, kann sich aber nicht von der Stelle rühren; mein früherer Fuhrknecht mit der großen Mütze fällt über ihn her, zerrt ihn vom Pferde herunter und tritt ihn in den Schnee. »Du bist ein Hexenmeister!« schreit er ihm zu: »Du kannst gotteslästerlich fluchen! Laß uns zusammen herumirren!« Doch der Alte arbeitet sich mit dem Kopfe aus dem Schneehaufen heraus; es ist nun aber nicht mehr der Alte, sondern ein Hase, und er rennt von uns weg. Alle Hunde rennen ihm nach. Der Ratgeber, der eigentlich Fjodor Filipytsch ist, sagt, wir möchten uns alle im Kreise herumsetzen; es mache nichts, wenn wir vom Schnee verweht würden: wir würden es dann wärmer haben. Es ist uns wirklich warm und gemütlich, nur haben wir Durst. Ich hole meine Reisetasche hervor, gebe allen Rum mit Zucker zu trinken und trinke auch selbst mit großem Behagen. Der Märchenerzähler erzählt irgendein Märchen vom Regenbogen, und da wölbt sich schon über uns eine Decke aus Schnee und ein Regenbogen. »Jetzt soll sich ein jeder im Schnee eine Kammer bauen, und dann wollen wir schlafen!« sage ich. Der Schnee ist weich und warm wie Pelzwerk. Ich baue mir eine Kammer und will hineingehen; doch Fjodor Filipytsch, der in der Reisetasche mein Geld bemerkt hat, sagt: »Wart! Gib dein Geld her! Mußt ja sowieso sterben!« und mit diesen Worten packt er mich am Bein. Ich gebe ihm mein ganzes Geld und bitte nur, man möchte mich loslassen; sie glauben mir aber nicht, daß dies mein ganzes Geld sei, und wollen mich töten. Ich ergreife die Hand des Alten und beginne sie mit unsagbarer Wonne zu küssen: die Hand ist zart und süß. Er will sie mir zuerst entreißen, überläßt sie mir aber dann und beginnt mich sogar mit der andern Hand zu liebkosen. Doch da naht schon Fjodor Filipytsch und droht mir. Ich laufe in mein Zimmer; es ist aber kein Zimmer, sondern ein langer, weißer Korridor, und jemand hält mich an den Beinen fest. Ich reiße mich los. In der Hand dessen, der mich festhält, bleibt meine Kleidung und ein Teil meiner Haut zurück; doch ich empfinde nur Kälte und Scham – ich schäme mich um so mehr, als mir meine Tante mit dem Sonnenschirm und ihrer homöopathischen Apotheke, Arm in Arm mit dem Ertrunkenen, entgegenkommt. Sie lachen und verstehen die Zeichen nicht, die ich ihnen mache. Ich werfe mich in den Schlitten, meine Beine schleifen im Schnee nach, doch der Alte rennt, mit den Ellenbogen schlenkernd, hinterher. Er hat mich schon beinahe erreicht; da höre ich aber vor mir zwei Glocken läuten, und ich weiß, daß ich gerettet bin, wenn ich sie erreiche. Die Glocken tönen immer lauter und lauter; doch der Alte hat mich bereits eingeholt und ist mit dem Bauch über mein Gesicht gefallen, so daß ich das Glockengeläut kaum noch hören kann. Ich ergreife wieder seine Hand und beginne sie zu küssen; doch der Alte ist nicht mehr der Alte, sondern der Ertrunkene, und er schreit: »Ignaschka! Halt! Da sind schon, scheint mir, die Heuschober von Achmetka! Geh mal hin und schau nach!« Das ist schon zu schrecklich. Nein, ich will lieber erwachen . . .

Ich öffne die Augen. Der Wind hat mir den Schoß von Aljoschkas Mantel übers Gesicht geworfen, und eines meiner Kniee ist unbedeckt; wir fahren über eine nackte Eiskruste, und die Terz der Schellen mit der klirrenden Quinte tönt ungemein hell durch die Luft.

Ich schaue nach den Heuschobern; doch statt ihrer sehe ich, schon im Wachen, ein Haus mit einem Balkon und eine zackige Festungsmauer. Das Haus und die Festung interessieren mich recht wenig: ich möchte viel lieber wieder den weißen Korridor, durch den ich gelaufen bin, sehen, die Kirchenglocken hören und die Hand des Alten küssen. Ich schließe wieder die Augen und schlafe ein.

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