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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 21
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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7

Jetzt können Sie kommen: alles fertig!« rief mir Aljoschka aus dem vorderen Schlitten zu.

Der Sturm war so stark, daß ich nur mit großer Mühe, ganz vornübergebeugt und mit beiden Händen die Schöße des Pelzmantels festhaltend, über den lockeren Schnee, den der Wind unter meinen Füßen aufwirbelte, die wenigen Schritte, die mich vom Schlitten trennten, zurücklegen konnte. Mein früherer Kutscher kniete bereits in der Mitte des leeren Schlittens; als er mich sah, zog er seine große Mütze, wobei der Wind wütend seine Haare packte und nach oben richtete, und bat mich um ein Trinkgeld. Er hatte wohl auch gar nicht erwartet, daß ich ihm eins geben würde, denn meine abschlägige Antwort betrübte ihn nicht im geringsten. Er dankte mir auch dafür, setzte seine Mütze wieder auf und sagte: »Vergelts Gott, Herr . . .« Dann zog er die Zügel an, schmatzte mit den Lippen und fuhr an uns vorbei. Gleich darauf gab sich auch Ignaschka einen Ruck und rief die Pferde an. Wieder wurde das Heulen des Windes, das besonders laut zu hören war, wenn wir hielten, vom Knirschen des Schnees unter den Hufen, den Zurufen der Fuhrknechte und dem Schellengeläute abgelöst.

Nach dem Umsteigen blieb ich etwa eine Viertelstunde wach und vertrieb mir die Zeit damit, daß ich die Gestalt meines neuen Kutschers und seine Pferde studierte. Ignaschka saß auf dem Bock wie ein Held, hüpfte immer auf und nieder, schwang die Hand mit der herabhängenden Peitsche über den Pferden, stieß kurze Schreie aus, schlug einen Fuß an den andern und beugte sich jeden Augenblick vor, um den Schwanzriemen des Gabelpferdes geradezurichten, der immer nach rechts hinüberrutschte. Ignaschka war nicht sehr groß, schien aber gut gebaut. Über dem kurzen Pelzrock trug er einen weiten kamelhaarenen Mantel ohne Gürtel; der Mantelkragen war fast ganz zurückgeschlagen und ließ den Hals frei; er trug keine Filz-, sondern Lederstiefel und eine kleine Mütze, die er jeden Augenblick abnahm und geraderückte. Die Ohren waren nur durch die Haare geschützt. Alle seine Bewegungen zeugten weniger von Energie als von dem Bestreben, sich zur Energie anzuspornen. Doch je länger wir fuhren, um so öfter sprang er empor, rückte auf dem Bock hin und her, schlug einen Fuß an den andern und zog mich oder Aljoschka ins Gespräch: ich hatte den Eindruck, daß er fürchtete, den Mut zu verlieren. Er hatte auch allen Grund dazu: seine Pferde waren zwar gut, doch der Weg wurde mit jedem Schritt beschwerlicher, und man sah, daß die Pferde immer weniger Lust zum Laufen hatten: er mußte sie schon ab und zu mit Peitschenhieben ermuntern, und das Gabelpferd, ein kräftiges, großes, zottiges Pferd, war schon einigemal gestolpert; es zog aber jedesmal vor Schreck mit starkem Ruck wieder an und warf den zottigen Kopf so hoch empor, daß er beinahe die Schellen berührte. Das rechte Nebenpferd, das ich unwillkürlich beobachtete, ließ zugleich mit der langen Quaste des Schwanzriemens, die an der Feldseite baumelte und hin und her sprang, merklich die Stränge herabhängen und verlangte nach der Peitsche; da es aber doch ein gutes, sogar feuriges Pferd war, ärgerte es sich, wie es schien, über seine eigene Schwäche und hob und senkte unwillig den Kopf, als wolle es, daß man die Zügel fester anziehe. Es war wirklich unheimlich anzusehen, wie Schneesturm und Frost immer stärker, die Pferde immer schwächer, der Weg immer schlechter wurde und wir gar nicht wußten, wo wir uns befanden und wie wir fahren sollten, um, wenn auch nicht zur Station, doch wenigstens zu irgendeinem Obdach zu gelangen; es war komisch und befremdend, anzuhören, wie trotzdem unentwegt und heiter die Schellen klangen, wie munter und keck Ignaschka die Pferde anschrie, als ob wir an einem Feiertag, bei frostklarem, sonnigem Wetter auf der Dorfstraße spazieren führen; am seltsamsten war aber dabei der Gedanke, daß wir ununterbrochen und in schnellster Fahrt von der Stelle kamen. Ignaschka stimmte irgendein Lied an; er sang zwar mit ziemlich widerwärtiger Fistelstimme, aber so laut und mit so häufigen Pausen, die er mit Pfeifen ausfüllte, daß es beinahe unmöglich war, ängstlich zu werden, wenn man ihm zuhörte.

»He! He! Was brüllst du so, Ignat?« erklang die Stimme des Ratgebers. »Halt eine Weile!«

»Was?«

»Haaalt!«

Ignat hielt an. Wieder begann der Wind zu heulen und zu pfeifen, während die andern Laute verstummten und der Schnee in größeren Mengen in den Schlitten wirbelte. Der Ratgeber kam zu uns heran.

»Was gibts denn?«

»Was es gibt? Wohin fahren wir?«

»Wer weiß wohin!«

»Sind dir die Beine erfroren, daß du so trampelst?«

»Sie sind ganz steif.«

»Du solltest ein wenig gehen; dort sehe ich etwas wie ein Kalmückenlager. Geh hin, wirst dir dabei die Beine erwärmen.«

»Gut. Halt inzwischen die Pferde, hier sind die Zügel . . .« Und Ignat lief in der angegebenen Richtung fort.

»Man muß immer aufpassen und ab und zu auch ein wenig gehen; dann findet man auch was. Was soll man auch so ohne Weg und Steg fahren?« wandte sich der Ratgeber an mich. »Sieh nur, wie er die Pferde in Schweiß gejagt hat!«

Während Ignat auf der Suche war – und das dauerte so lange, daß ich sogar schon fürchtete, er habe sich verirrt –, trug mir der Ratgeber in selbstbewußtem, ruhigem Tone vor, wie man sich bei einem Schneesturm zu verhalten habe: wie man am besten das Pferd ausspannen und frei laufen lassen solle – es werde schon, so wahr Gott lebt, den richtigen Weg finden –, wie man sich auch nach den Sternen richten könne und wie gewiß wir schon auf der Station wären, wenn er und nicht Ignat die Führung hätte.

»Nun, hast du was gefunden?« fragte er Ignat, als dieser, mit Mühe im beinahe kniehohen Schnee watend, zurückkam.

»Es ist wirklich etwas wie ein Kalmückenlager zu sehen«, antwortete Ignat ganz atemlos; »man weiß aber nicht, was für eines es ist. Ich glaube, wir sind gar in die Nähe des Pargolowschen Gutes geraten. Wir müssen mehr nach links fahren . . .«

»Was redest du für Unsinn! Das sind ja die Kalmückenlager, die hinter unserm Dorfe liegen«, entgegnete der Ratgeber.

»Ich sage nein!«

»Mir genügt ein Blick. Ich weiß schon, daß es doch so ist; und wenn nicht, so ist es Tamyschewskoje. Wir müssen mehr nach rechts halten, wir kommen dann gerade an der großen Brücke bei der achten Werst heraus.«

»Aber ich sage nein! Ich habs ja gesehen!« erwiderte Ignat ärgerlich.

»Ei, Bruder! Und du willst Fuhrmann sein!«

»Gewiß will ich einer sein! Geh mal selbst hin!«

»Was soll ich gehen? Ich weiß es auch so.«

Ignat wurde offenbar böse; ohne zu antworten, sprang er auf den Bock und trieb die Pferde an.

»Sieh mal an, die Füße sind mir so steif geworden, daß ich sie gar nicht mehr erwärmen kann«, sagte er zu Aljoschka, wobei er immer öfter die Beine aneinanderschlug und den Schnee, der sich in seinen Stiefelschäften angesammelt hatte, herausholte und abschüttelte.

Mich überkam furchtbare Schläfrigkeit.

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