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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 20
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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6

Erinnerungen und Vorstellungen ziehen in raschem Wechsel an meinem Geiste vorüber.

›Was mag wohl der Ratgeber, der immer aus dem zweiten Schlitten herüberschreit, für ein Mann sein? Wahrscheinlich ist er rothaarig, stämmig und kurzbeinig,‹ denke ich mir, ›vom selben Schlage wie unser früherer Küchenmeister Fjodor Filipytsch.‹ Und da sehe ich plötzlich die Treppe unseres großen Hauses und fünf Mann von der leibeigenen Dienerschaft, die, schwer einhertappend, auf Handtüchern ein Klavier aus dem Seitengebäude hinüberschleppen; ich sehe auch Fjodor Filipytsch, wie er die Ärmel seines Nankingrocks aufgekrempelt hat, mit einem Pedal in der Hand vorausläuft, die Riegel öffnet, hier an einem der Handtücher zieht, dort etwas nachschiebt, zwischen den Beinen der Träger durchkriecht, allen im Wege ist und mit besorgter Stimme kommandiert:

»Ihr Vorderen dort, nehmt die Last mehr auf euch! So, mit dem Schwanzende hinauf, noch mehr hinauf! In die Türe hinein! So ists recht!«

»Erlauben Sie doch, Fjodor Filipytsch! Wir werden schon allein fertig,« wendet schüchtern der Gärtner ein, der, an das Treppengeländer gedrückt, über und über rot vor Anstrengung, mit den letzten Kräften das eine Ende des Klaviers festhält.

Aber Fjodor Filipytsch will sich nicht beruhigen.

›Was hat er eigentlich?‹ frage ich mich. ›Hält er sich wirklich für so nützlich und unentbehrlich, oder freut er sich einfach darüber, daß Gott ihm diese selbstbewußte und überzeugende Beredsamkeit gegeben hat, die er nun mit solchem Genuß verschwendet? Es wird wohl wirklich so sein.‹ Und ich sehe ganz unvermittelt einen Teich, das ermüdete Hofgesinde, das, bis an die Kniee im Wasser watend, ein Netz herauszieht, während Fjodor Filipytsch mit einer Gießkanne in der Hand am Ufer hin und her rennt, alle anschreit und sich nur von Zeit zu Zeit dem Wasser nähert, um das trübe Wasser aus der Kanne herauszulassen und frisches nachzufüllen, wobei er die golden schimmernden Karauschen mit der einen Hand festhält. – Und dann ist es ein Julimittag. Ich gehe irgendwohin über das frisch gemähte Gras des Gartens unter den brennenden senkrechten Sonnenstrahlen; ich bin noch sehr jung, mir fehlt etwas, ich will etwas. Ich gehe zum Teich, an meine Lieblingsstelle zwischen den Heckenrosen und der Birkenallee, und lege mich schlafen. Ich kann mich noch gut an das Gefühl erinnern, mit dem ich im Liegen durch die roten, stachelbesetzten Stämme der Heckenrosen auf das schwarze, trockene, körnige Erdreich und den hindurchschimmernden grellblauen Spiegel des Teiches blickte. Es war das Gefühl einer naiven Selbstzufriedenheit und Trauer. Alles um mich her war so schön, und diese Schönheit wirkte auf mich so stark ein, daß es mir schien, ich sei auch selbst schön und gut; das einzige, was mich ärgerte, war, daß mich niemand bewunderte. – Es ist heiß. Ich will einschlafen, um mich zu trösten; doch die Fliegen, die unausstehlichen Fliegen lassen mich auch hier nicht in Ruhe: sie sammeln sich um mich und hüpfen unaufhörlich, hart wie Kirschkerne, von meiner Stirn auf die Hände. In meiner Nähe summt in der Sonnenglut eine Biene; gelbbeschwingte Schmetterlinge flattern träge von Halm zu Halm. Ich blicke hinauf, die Augen schmerzen mir – die Sonne scheint zu grell durch das hellgrüne Laub der lockigen Birke, die hoch über mir ganz leise ihre Zweige bewegt; und die Sonnenglut scheint mir noch unerträglicher. Ich bedecke mir das Gesicht mit einem Tuche; nun wird es mir schwül, und die Fliegen kleben mir förmlich an den schwitzenden Händen. Im Dickicht der Heckenrosen machen sich Sperlinge zu schaffen. Einer von ihnen springt einen Schritt von mir entfernt auf die Erde, tut einigemal so, als picke er ernergisch die Erde, und fliegt lustig zwitschernd und in den Zweigen raschelnd aus dem Gebüsch; dann springt ein zweiter Sperling herab, bewegt das Schwänzchen, schaut sich um und fliegt wie ein Pfeil unter lebhaftem Gezwitscher dem ersten nach. Vom Teiche her höre ich die Schläge des Waschholzes auf die nasse Wäsche; diese Schläge hallen tief unten über dem Wasserspiegel nach. Ich höre das Lachen, Sprechen und Plätschern von Badenden. Ein Windstoß rauscht in den Wipfeln der Birken, zuerst fern von mir, kommt dann immer näher; ich höre, wie er das Gras bewegt; nun sehe ich, wie die Blätter der Heckenrosenbüsche sich auf ihren Zweigen hin und her wiegen; nun lüftet ein frischer Windhauch einen Zipfel des Tuches, mit dem ich mich bedeckt habe, und kitzelt mein schweißbedecktes Gesicht. Eine Fliege schlüpft unter das Tuch, wo es der Wind gelüftet hat, und schwirrt erschrocken um meine feuchten Lippen herum. Ein trockener Ast drückt mich in den Rücken. Nein, ich will nicht länger liegen, ich will baden gehen. Da höre ich ganz nahe an der Hecke eilende Schritte und erschrockene Frauenstimmen:

»Ach Gott! Was soll man nur tun? Und kein Mann in der Nähe!«

»Was ist denn los?« frage ich, in die Sonne hinaustretend, eine Dienstmagd, die jammernd an mir vorüberläuft. Sie blickt sich nur um, fuchtelt mit den Händen und rennt weiter. Da läuft auch schon die siebzigjährige Matrjona; sie hält mit der einen Hand das Tuch fest, das ihr immer vom Kopfe rutscht, und humpelt, den einen Fuß im wollenen Strumpf mühselig nachschleppend, zum Teich. Zwei kleine Mädchen laufen Hand in Hand; ein zehnjähriger Junge im Rocke seines Vaters folgt ihnen im Laufschritt, sich am hanfleinenen Kleide eines der Mädchen festhaltend.

»Was ist geschehen?« frage ich sie.

»Ein Bauer ist ertrunken.«

»Wo?«

»Im Teich.«

»Wer ists? Einer von den unsrigen?«

»Nein, ein Fremder.«

Der Kutscher Iwan rennt, mit seinen großen Stiefeln beständig im gemähten Gras ausrutschend, zum Teich; auch der dicke Verwalter Jakow läuft ganz außer Atem, und ich laufe mit.

Ich kann mich noch an das Gefühl erinnern, das mir sagte: »Spring ins Wasser, zieh den Bauern heraus, und alle werden dich bewundern‹, und danach ging ja mein ganzes Streben.

»Wo ist es denn, wo?« frage ich die Leute, die sich am Ufer drängen.

»Dort an der tiefsten Stelle, mehr am andern Ufer, beinahe an der Badehütte,« sagt die Wäscherin, indem sie die nasse Wäsche auf das Tragholz auflädt. Ich sehe, wie ein Mensch immer untertaucht; bald zeigt er sich, bald taucht er wieder unter. Dann zeigt er sich wieder und schreit: »Mein Gott, ich ertrinke!« und dann taucht er wieder unter, nur Luftblasen steigen auf. Da begreife ich erst, daß der Mann ertrinkt. Und ich schreie, was ich schreien kann: »Leute, ein Mann ertrinkt!« Die Wäscherin legt sich das Tragholz auf die Schulter und geht, sich in den Hüften wiegend, über den Fußpfad vom Teiche weg.

»Dieses Pech!« sagt der Verwalter Jakow Iwanow ganz verzweifelt. »Was das jetzt für Scherereien mit dem Gericht geben wird! Das wird kein Ende nehmen!«

Ein Bauer mit einer Sense drängt sich durch die Menge der Weiber, Kinder und Greise, die auf dem andern Ufer stehen, vor, hängt die Sense an einen Weidenast und zieht sich langsam die Bastschuhe aus.

»Wo ist es denn? Wo ist er ertrunken?« frage ich in einem fort, vom Wunsche beseelt, ins Wasser zu springen und irgend etwas Außergewöhnliches zu vollbringen.

Man zeigt mir nur die glatte Wasserfläche, die sich ab und zu im leisen Winde kräuselt. Ich kann unmöglich begreifen, daß er ertrunken ist; das Wasser steht so glatt, schön und gleichgültig über ihm und schimmert golden in der Mittagssonne, und ich muß einsehen, daß ich nichts tun kann und niemand in Erstaunen versetzen werde, besonders da ich nicht gut schwimme; der Bauer hat sich aber schon das Hemd über den Kopf gezogen und ist bereit, ins Wasser zu springen. Alle blicken auf ihn mit verhaltenem Atem und voller Hoffnung; doch als der Bauer so weit gelangt ist, daß das Wasser ihm bis an die Schultern reicht, kehrt er langsam zurück und zieht sein Hemd wieder an: er kann nämlich gar nicht schwimmen.

Es kommen immer mehr Leute herbei, die Menge wächst an, die Weiber klammern sich aneinander, doch niemand bringt Hilfe. Die Neuankommenden geben Ratschläge, jammern, und ihre Blicke drücken Entsetzen und Verzweiflung aus; einige von denen, die schon früher da waren, sind vom Stehen müde und setzen sich ins Gras, andere gehen nach Hause. Die alte Matrjona fragt ihre Tochter, ob sie nicht vergessen habe, daheim den Ofen zu schließen; der Junge mit dem Rocke seines Vaters wirft eifrig Steine ins Wasser.

Da läuft vom Hause her, bellend und sich verständnislos umschauend, Fjodor Filipytschs Hund Tresor; dann kommt hinter der Rosenhecke auch Fjodor Filipytsch selbst zum Vorschein; er rennt den Abhang herunter und schreit.

»Was steht ihr so herum?« schreit er, sich im Laufen seinen Rock anziehend. »Ein Mensch ist ertrunken, und sie stehen so da! Einen Strick her!«

Alle blicken mit banger Hoffnung auf Fjodor Filipytsch, während er, sich mit der Hand auf die Schulter eines dienstfertig herbeigesprungenen Knechtes stützend, mit der Spitze des linken Stiefels den rechten herunterzerrt.

»Es ist dort, wo die Leute stehen, rechts von der Weide, Fjodor Filipytsch, dort ist es!« sagt ihm jemand.

»Ich weiß schon,« antwortet er. Er zieht die Brauen zusammen – wohl als Antwort auf die Zeichen von Schamhaftigkeit, die die Weiber äußern –, zieht sich das Hemd aus, nimmt sich das Kreuz vom Hals, übergibt es dem Gärtnerjungen, der ehrerbietig vor ihm steht, und nähert sich, energisch über das gemähte Gras schreitend, dem Teiche.

Tresor, der gar nicht begreifen kann, was diese ungewöhnlich schnellen Bewegungen seines Herrn bedeuten, bleibt vor dem Menschenhaufen stehen, rupft sich einige Hälmchen am Ufer, wirft einen fragenden Blick auf seinen Herrn und springt plötzlich, vergnügt winselnd, mit dem Herrn ins Wasser. Im ersten Augenblick sieht man nichts als Schaum und Wasserstaub, der bis zu uns herüberspritzt; da sieht man aber schon Fjodor Filipytsch in kräftigen Zügen zum andern Ufer schwimmen; er rudert graziös mit den Armen und hebt und senkt gleichmäßig den Rücken. Tresor, der etwas Wasser geschluckt hat, kehrt rasch um, schüttelt sich in der Nähe des Menschenhaufens das Wasser aus dem Fell und wälzt sich am Ufer auf dem Rücken. In dem Augenblick, als Fjodor Filipytsch das andere Ufer erreicht, erscheinen bei der Weide zwei Kutscher mit einem zusammengerollten Fischernetz. Fjodor Filipytsch wirft, man weiß nicht, warum, die Arme in die Höhe, taucht unter, einmal, zweimal, dreimal, wobei er jedesmal einen Wasserstrahl aus dem Munde bläst, schüttelt anmutig die Haare und gibt auf keine der Fragen, mit denen man ihn von allen Seiten bestürmt, Antwort. Endlich steigt er ans Ufer und übernimmt, soviel ich sehe, nur die Oberleitung beim Auswerfen des Netzes. Das Netz wird herausgezogen, doch es enthält nichts als Schlamm, in dem einige kleinere Karauschen zappeln. Während das Netz von neuem ausgeworfen wird, gehe ich an das andere Ufer hinüber.

Man hört nur die Kommandorufe Fjodor Filipytschs, das Plätschern des feuchten Strickes im Wasser und Seufzer des Entsetzens. Der nasse Strick, der an den rechten Flügel des Netzes gebunden ist, kommt, immer mehr mit Wasserpflanzen bedeckt, weiter und weiter aus dem Wasser hervor.

»So, jetzt! Zieht alle zusammen, auf Kommando!« dröhnt Fjodor Filipytschs Stimme.

»Es ist etwas drin! Es geht so schwer, Brüder!« sagt eine Stimme.

Nun kommen auch beide Flügel des Netzes, in denen zwei, drei kleine Karauschen zappeln, das Gras niederdrückend und befeuchtend, an das Ufer. Durch die dünne, schwankende Schicht des getrübten Wassers schimmert im gespannten Netz etwas Weißes. In der Menge ertönt ein leiser, doch in der Totenstille erstaunlich deutlich wahrnehmbarer Seufzer des Entsetzens.

»Zieht heraus, alle auf einmal! Aufs Trockene!« hört man Fjodor Filipytschs energische Stimme, und der Ertrunkene wird über die Stoppeln der abgemähten Kletten und Lattiche zur Weide gezogen.

Und ich sehe meine gute alte Tante in ihrem seidenen Kleid, ich sehe ihren lila Sonnenschirm, der unten eine Franse hat und so wenig zu diesem in seiner Einfachheit schrecklichen Bilde des Todes paßt, und ihr Gesicht, das in Tränen ausbrechen möchte. Ich erinnere mich noch an den Ausdruck von Enttäuschung auf diesem Gesicht, daß man in diesem Falle kein Arnika anwenden kann, und an das schmerzvolle Gefühl, das mich überkam, als sie mit ihrem naiven Egoismus der Liebe zu mir sagte: »Komm, mein Kind! Ach, es ist so schrecklich! Und du badest und schwimmst immer allein!«

Ich weiß noch, wie grell und glühend die Sonne auf die trockene, lockere Erde brannte; wie sie auf dem Spiegel des Teiches spielte; wie munter am Ufer große Karpfen umherschwammen, während in der Mitte des Teiches Schwärme winziger Fische den glatten Wasserspiegel kräuselten; wie hoch am Himmel ein Habicht seine Kreise zog, über den jungen Entchen schwebend, die plätschernd und lärmend durch das Schilf in die Mitte des Teiches hinausschwammen; wie sich weiße, flockige Gewitterwolken am Horizont ansammelten; wie der vom Netz ans Ufer gebrachte Schlamm sich allmählich wieder im Wasser verlor, und wie ich, auf dem Damm vorübergehend, wieder die über den Teich dahinhallenden Schläge des Waschholzes hörte.

Doch das Waschholz klingt so, als ob zwei Waschhölzer in einer Terz zusammenklängen, und dieser Klang quält und peinigt mich, um so mehr, als ich weiß, daß das Waschholz eigentlich eine Glocke ist, die Fjodor Filipytsch nicht zum Schweigen bringen will. Und dieses Waschholz preßt mir wie ein Folterwerkzeug meinen frierenden Fuß zusammen –, und ich schlafe ein.

Ich erwachte, weil wir, wie mir schien, sehr schnell fuhren und weil zwei Stimmen dicht neben mir sprachen:

»Ignat! Hör, Ignat!« sagt die Stimme meines Fuhrknechts: »Nimm meinen Fahrgast zu dir hinüber – du mußt ja sowieso fahren, was soll ich aber umsonst meine Pferde abhetzen? Nimm ihn doch!«

Ignats Stimme antwortet dicht neben mir: »Glaubst du, daß es mir ein Vergnügen ist, die Verantwortung für deinen Fahrgast zu tragen? . . . Willst du mir dafür eine Halbe Schnaps geben?«

»Was, eine Halbe! . . . Wenn es schon sein muß – ein Viertel . . .«

»Was du nicht sagst – ein Viertel!« ruft eine andere Stimme dazwischen: »Für ein Viertel soll man die Pferde abhetzen!«

Ich öffne die Augen. Vor meinen Augen flimmert noch immer derselbe unerträgliche wirbelnde Schnee, ich sehe dieselben Fuhrknechte und Pferde, doch neben mir fährt ein fremder Schlitten. Mein Kutscher hat Ignat eingeholt, und wir fahren längere Zeit nebeneinander. Obgleich die Stimme aus dem hinter uns fahrenden Schlitten empfiehlt, es nicht billiger als für eine Halbe zu tun, hält Ignat doch plötzlich seine Troika an.

»Lade ihn um, in Gottes Namen! Du hast Glück. Das Viertel wirst du mir morgen, wenn wir ankommen, spendieren. Ist viel Gepäck dabei, he?«

Mein Kutscher springt mit einer ihm gar nicht eigenen Behendigkeit in den Schnee und bittet mich unter Verbeugungen, zu Ignat umzusteigen. Ich bin damit vollkommen einverstanden; der gottesfürchtige Bauer ist offenbar außer sich vor Glück und muß seine Freude und Dankbarkeit durchaus in Worte ergießen: unter fortwährenden Verbeugungen bedankt er sich bei mir, Aljoschka und Ignat.

»Nun, Gott sei Dank! Wie wäre es denn sonst, du lieber Gott! Die halbe Nacht fahren wir schon und wissen selbst nicht, wohin. Er wird Sie schon hinbringen, Väterchen; meine Pferde können nicht mehr.«

Und er beginnt mit großem Eifer mein Gepäck abzuladen.

Während sie das Gepäck umluden, ging ich mit dem Wind, der mich förmlich trug, zum zweiten Schlitten. Er war – besonders von der Seite, wo sich die beiden Fuhrknechte zum Schutze gegen den Wind über ihren Köpfen den Mantel aufgespannt hatten, zu einem Viertel verschneit; hinter dem Mantel war es aber windstill und behaglich. Der Alte lag noch immer mit hinausgehängten Beinen, und der Märchenerzähler fuhr in seiner Erzählung fort: »Zu derselben Zeit, als der General also im Namen des Königs zu Maria ins Gefängnis kommt, zu derselben Zeit sagt also Maria zu ihm: ›General! Ich bedarf deiner nicht und kann dich nicht lieben, du bist also nicht mein Geliebter; denn mein Geliebter ist der nämliche Prinz . . .‹«

»Zu derselben Zeit . . .« fuhr er fort; doch als er mich sah, hielt er inne und begann sein Pfeifchen anzublasen.

»Nun, Herr, sind Sie auch hergekommen, um das Märchen mit anzuhören?« sagte der andere, den ich den Ratgeber genannt habe.

»Bei euch ist es ja so gemütlich und lustig!« sagte ich.

»Was fängt man nicht alles aus Langerweile an! So macht man sich wenigstens keine Gedanken.«

»Wißt ihr vielleicht, wo wir jetzt sind?«

Diese Frage schien den Fuhrknechten nicht zu gefallen.

»Wer soll sich da auskennen, wo wir sind! Vielleicht sind wir gar zu den Kalmücken geraten«, antwortete der Ratgeber.

»Was werden wir denn anfangen?«

»Was wir anfangen werden? Wir fahren ja, vielleicht kommen wir noch irgendwo heraus,« sagte er mit verdrießlicher Stimme.

»Und wenn wir nicht herauskommen und die Pferde im Schnee stecken bleiben, was dann?«

»Was soll dann sein?! Nichts.«

»Wir können ja erfrieren.«

»Gewiß können wir das: es sind ja weit und breit keine Heuschober zu sehen – folglich sind wir wirklich zu den Kalmücken geraten. Wir müssen uns vor allen Dingen nach dem Schnee richten.«

»Du fürchtest gar zu erfrieren, Herr?« fragte mit zitterndem Stimme der Alte.

Obwohl er sich wohl über meine Angst lustig machte, konnte ich ihm ansehen, daß er bis auf die Knochen durchfroren war. »Ja, es wird bitter kalt,« sagte ich.

»Ach Herr! Du solltest es machen wie ich: von Zeit zu Zeit aus dem Schlitten steigen und eine Strecke laufen – so wirst du dich erwärmen.«

»Am besten läufst du hinter dem Schlitten her,« sagte der Ratgeber.

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