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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 19
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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5

Es wird Mitternacht gewesen sein, als der alte Fuhrknecht und Wassili, die den davongelaufenen Pferden nachgeeilt waren, zu uns zurückkamen. Sie hatten die Pferde eingefangen und uns eingeholt; wie sie uns aber im finstern, blinden Schneesturm in der kahlen Steppe gefunden hatten, blieb mir für immer ein Rätsel. Der Alte ritt, mit den Ellbogen und Beinen schlenkernd, auf dem Gabelpferde (die beiden andern Pferde waren an dem Kummet angebunden: im Schneesturm darf man die Pferde nicht frei laufen lassen). Als er meinen Schlitten erreichte, begann er von neuem auf meinen Kutscher zu schimpfen:

»Das nenn ich einen schieläugigen Teufel! Wirklich . . .«

»Seht doch: da ist ja Onkel Mitritsch!« rief der Märchenerzähler aus dem zweiten Schlitten. »Lebst du noch? Komm zu uns herein!«

Der Alte gab ihm aber keine Antwort und fuhr fort zu fluchen. Als er glaubte, es sei genug, ritt er an den zweiten Schlitten heran.

»Hast du alle eingefangen?« fragte man ihn aus dem Schlitten.

»Was denn sonst?«

Und seine gedrungene Gestalt legte sich während des Trabes auf den Rücken des Pferdes, sprang dann in den Schnee, lief, ohne auch nur einen Augenblick stehen zu bleiben, um den Schlitten herum und schwang sich von hinten hinein, wobei die Beine über den hintern Schlittenrand hoch in die Luft ragten. Der große Wassili setzte sich schweigend auf seinen früheren Platz im vorderen Schlitten zu Ignaschka und begann mit ihm zusammen den Weg zu suchen.

»Wie er nur so fluchen kann . . . Herrgott im Himmel!« murmelte mein Kutscher vor sich hin.

Dann fuhren wir lange, ohne Halt zu machen, über die weiße Wüste im kalten, durchsichtigen und schwankenden Lichtschein des Schneesturmes. Wenn ich die Augen öffne, sehe ich immer dieselbe plumpe Mütze und denselben beschneiten Rücken vor mir ragen, denselben Kopf des Gabelpferdes mit der schwarzen, vom Winde gleichmäßig zur Seite gewehten Mähne unter dem niedrigen Krummholz zwischen den straff gespannten Zugriemen auf und nieder wippen; hinter dem Kutscherrücken sehe ich dasselbe braune rechte Nebenpferd mit dem kurz aufgebundenen Schweif und dem Strangholz, das ab und zu gegen die Vorderwand des Schlittens klopft. Blicke ich nach unten, so sehe ich denselben Pulverschnee; die Kufen wühlen ihn auf, und der Wind wirbelt ihn unaufhörlich empor und trägt ihn immer in der gleichen Richtung fort. Vor mir gleiten immer im gleichen Abstand voneinander die drei andern Troikas; rechts und links flimmert es weiß. Vergeblich sucht das Auge nach einem neuen Gegenstand: weder Pfahl, noch Heuschober, noch Zaun – nichts ist zu sehen. Ringsum ist alles weiß, weiß und beweglich: bald erscheint der Horizont unendlich weit, bald von allen Seiten eingeengt und kaum zwei Schritt breit; bald türmt sich zur Rechten eine hohe weiße Mauer auf und läuft mit uns mit, dann verschwindet sie und taucht nach einer Weile vor uns auf, um eine Zeitlang vor uns herzulaufen und dann wieder zu verschwinden. Wenn ich hinaufschaue, erscheint mir der Himmel im ersten Augenblick ganz hell, und ich sehe durch den Nebel die Sterne; die Sterne fliehen aber vor meinem Blick in die Höhe und entschwinden, und ich sehe nichts als den Schnee, der an meinen Augen vorüber auf mein Gesicht und meinen Pelzkragen fällt; der Himmel ist überall gleichmäßig hell, gleichmäßig weiß, farblos, eintönig und in steter Bewegung. Der Wind scheint jeden Augenblick seine Richtung zu wechseln: bald bläst er mir ins Gesicht und verklebt mir die Augen mit Schnee, bald wirft er mir, um mich zu ärgern, den Pelzkragen von der Seite über den Kopf und tätschelt mir mit ihm neckisch das Gesicht, bald brummt er von hinten durch irgendein Loch. Ich höre das leise, doch unaufhörliche Knirschen der Kufen und Hufe im Schnee und das Klingen der Schellen; es verhallt, sooft wir in tiefen Schnee geraten. Nur ganz selten, wenn wir über Eiskrusten und gegen den Wind fahren, dringt das energische Pfeifen Ignats und das muntere Läuten des Glöckchens mit der widerhallenden zitternden Quinte an mein Ohr; diese Töne stören so unerwartet und so angenehm die düstere Stimmung der Wüste; dann klingt wieder eintönig, mit unerträglicher Genauigkeit immer dieselbe Weise, die ich in das Schellengeläute hineinlege. Mir beginnt der eine Fuß zu frieren, und wenn ich mich umwende, um mich besser einzuhüllen, gleitet mir der Schnee, der sich auf Kragen und Mütze angesammelt hat, in den Hals und läßt mich erschauern; im allgemeinen aber fühle ich mich in meinem erwärmten Pelz recht wohlig, und mich überkommt der Schlummer.

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