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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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4

Der Schneesturm wütete immer schlimmer, und von oben fiel feiner trockener Schnee; es begann anscheinend zu frieren: Nase und Wangen schmerzten mir immer mehr vor Kälte, und immer öfter kam mir ein kalter Luftstrom unter den Pelz, den ich vorn fest zusammenhalten mußte. Zuweilen klapperten die Kufen auf dem nackten, hartgefrorenen Boden, von dem der Schnee weggeweht war. Da ich schon beinahe sechshundert Werst zurückgelegt hatte, ohne irgendwo Nachtquartier zu nehmen, schloß ich, obwohl mich der Ausgang unserer Irrfahrt aufs höchste interessierte, zeitweise die Augen und schlummerte ein. Als ich einmal wieder die Augen öffnete, war ich ganz erstaunt: die weiße Ebene war, wie es mir im ersten Augenblick schien, von einem grellen Licht überflutet; der Horizont hatte sich bedeutend erweitert, der niedrige schwarze Himmel war verschwunden, von allen Seiten sah man die weißen schrägen Linien des fallenden Schnees, die Umrisse der vorderen Troikas waren deutlicher sichtbar, und als ich die Augen hob, schien mir im ersten Augenblick, daß die Wolken sich verzogen hätten und der Himmel nur vom fallenden Schnee verdeckt sei. Während ich geschlafen hatte, war der Mond aufgegangen; nun warf er sein kaltes, grelles Licht durch die undichten Wolken auf den fallenden Schnee. Alles, was ich deutlich sehen konnte, war mein Schlitten mit den Pferden und dem Fuhrknecht und die drei Troikas vor uns: zuerst kam der Kurierschlitten, auf dessen Bock noch immer der eine Kutscher saß, der die Pferde zu scharfem Trab antrieb; im zweiten Schlitten saßen zwei Fuhrknechte, die die Zügel locker gelassen, sich aus einem Mantel einen Windschutz gemacht hatten und unaufhörlich ihre Pfeifchen rauchten, was man an den Funken, die ab und zu aufflackerten, erkennen konnte; im dritten Schlitten war aber niemand zu sehen: der Fuhrknecht schlief wohl mitten im Schlitten. Seitdem ich wach war, hielt der erste Fuhrknecht ab und zu seine Pferde an und sah sich nach dem Wege um. Wenn wir stehen blieben, hörten wir deutlicher den Wind heulen und sahen die erstaunlichen Schneemassen, die durch die Luft wirbelten. Ich konnte im Mondlichte, das vom Schneegestöber getrübt war, sehen, wie der kleine Fuhrknecht sich im Lichtnebel hin und her bewegte, mit dem Peitschenstiel den Schnee vor sich betastete, dann wieder zum Schlitten zurückkehrte und von der Seite auf den Bock sprang; ich hörte durch das eintönige Pfeifen des Windes das helle und laute Klingen und Bimmeln der Schellen. Sooft der erste Fuhrknecht aus dem Schlitten stieg, um sich nach dem Wege oder nach Heuschobern umzuschauen, hörte ich aus dem zweiten Schlitten die muntere und selbstbewußte Stimme eines der Fuhrknechte, der dem vorderen zurief:

»Hör doch, Ignaschka! Wir sind ja zu weit nach links abgekommen! Such doch mehr nach rechts, mit dem Winde zu kommen!« – Oder: »Was drehst du dich so dumm im Kreise herum? Richte dich nach dem Schnee, wie er gerade liegt, dann kommst du sicher auf den Weg!« – Oder: »Nach rechts, nach rechts, Bruder! Siehst du, dort steht etwas Schwarzes, ich glaube, es ist ein Pfahl.« – Oder: »Was drehst du dich wieder im Kreise? Um Gottes willen! Spann doch den Schecken aus und laß ihn vorauslaufen: er wird dich schnell und sicher auf den Weg bringen. So muß es besser gehen!«

Der Mann, der diese Ratschläge erteilte, war nicht nur zu faul, das Nebenpferd auszuspannen oder den Weg im Schnee zu suchen, sondern auch, die Nase aus seinem Mantelkragen herauszustecken: Ignaschka rief ihm auf einen seiner Ratschläge zu, er möchte doch selbst vorausfahren, wenn er so gut wisse, wohin man fahren solle; der Ratgeber gab zur Antwort, daß er gern vorausfahren und leicht den richtigen Weg finden würde, wenn er nur die Kurierpferde hätte. »Meine Pferde werden bei diesem Sturm nicht vorauslaufen wollen,« schrie er, »denn es sind nicht solche Pferde.«

»Dann rede auch nichts drein!« antwortete ihm Ignaschka und pfiff munter seinen Pferden zu.

Der andere Fuhrknecht, der mit dem Ratgeber im gleichen Schlitten saß, sagte nichts zu Ignaschka und mischte sich überhaupt nicht in diese Sache, obgleich er gar nicht schlief: sein Pfeifchen glomm ununterbrochen, und sooft wir hielten, hörte ich seine eintönige Stimme. Er erzählte ein Märchen. Einmal nur, als Ignaschka zum sechsten oder siebenten Male hielt, ärgerte er sich wohl darüber, daß die Fahrt, die ihm solches Vergnügen machte, unterbrochen wurde, und schrie ihm zu:

»Nun, was stehst du schon wieder? Er will, scheint es, wirklich den Weg finden! Man sagt dir ja: es ist der Schneesturm! Selbst der Feldmesser würde jetzt den Weg nicht finden; du solltest lieber vorwärtsfahren, solange die Pferde noch ziehen. So Gott will, werden wir wohl nicht erfrieren . . . Vorwärts!«

»Warum nicht gar! Im vorigen Jahre ist ja ein Postillion erfroren!« mischte sich mein Kutscher ein.

Der Fuhrknecht in der dritten Troika hatte die ganze Zeit über geschlafen. Als wir einmal hielten, rief ihm der Ratgeber zu:

»Philipp! He, Philipp!« Und als er keine Antwort bekam, bemerkte er: »Ob er nicht erfroren ist? Geh doch hin, Ignaschka, und schau nach!«

Ignaschka, der alles tun mußte, ging auf den hinteren Schlitten zu und begann den Schlafenden zu rütteln.

»Sieh einer, von einem Viertel Schnaps ist er schon umgefallen! Wenn du erfroren bist, so sags!« redete er auf ihn ein, indem er ihn hin und her rüttelte.

Der Schläfer brummte etwas in den Bart und begann zu schimpfen.

»Er lebt noch, Brüder!« sagte Ignaschka und lief wieder voraus. Wir fuhren weiter und sogar so schnell, daß das kleine braune Nebenpferd, das mein Kutscher ununterbrochen mit der Peitsche schlug, zuweilen in einen ungeschickten Galopp verfiel.

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