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Volkserzählungen

Lew Tolstoi: Volkserzählungen - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo N. Tolstoi
titleVolkserzählungen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1951
firstpub1913
translatorKarl Nötzel
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060511
modified20161220
projectida0b4f55b
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3

Bevor noch die letzte Troika an uns vorbeigefahren war, begann mein Kutscher seinen Schlitten umzuwenden; er machte es sehr ungeschickt und geriet mit der Femerstange mitten in die hinter den Troikas angebundenen Pferde. Ein Dreigespann scheute, riß sich los und lief davon.

»Du schieläugiger Teufel! siehst gar nicht, wohin du wendest: mitten in die Leute hinein! Daß dich der Henker!« schimpfte mit heiserer, zitternder Stimme einer der Fuhrknechte, ein kleiner alter Mann, soviel ich nach seiner Stimme und Gestalt schließen konnte, der in der letzten Troika saß; er sprang rasch aus seinem Schlitten und lief den Pferden nach, wobei er fortfuhr, roh und derb auf meinen Kutscher zu schimpfen.

Die Pferde ließen sich aber nicht einfangen. Der Fuhrknecht lief ihnen nach, und in einem Augenblick waren Pferde und Fuhrknecht im weißen Nebel des Schneesturms verschwunden.

»Wassili, bring den Falben her! Ich kann sie sonst gar nicht einfangen«, hörte man seine Stimme.

Einer von den Fuhrknechten, ein auffallend großer Kerl, sprang aus seinem Schlitten, band schweigend sein Dreigespann los, stieg, sich am Geschirr festhaltend, auf eines der Pferde, sprengte über den knirschenden Schnee in kurzem Galopp davon und verschwand in der gleichen Richtung.

Wir fuhren aber mit den beiden andern Troikas dem Kurierschlitten nach, der mit Schellengeläute in vollem Trab vorauslief.

»Der glaubt wohl, daß er sie einfängt!« sagte mein Kutscher von dem, der den Pferden nachgeeilt war. »Wenn das Pferd nicht sofort zu den andern Pferden gegangen ist, so ist es ein übermütiges Pferd; es kann den Mann so weit forttragen, daß er keinen Weg mehr zurückfindet.«

Als mein Fuhrknecht nun hinter den andern fuhr, schien er auf einmal lustiger und gesprächiger, was ich, da ich noch nicht schlafen wollte, selbstverständlich gehörig ausnützte. Ich begann ihn auszufragen, woher er stamme und wer er sei. Ich erfuhr von ihm, daß er mein Landsmann aus der Gegend von Tula wäre, ein leibeigener Bauer aus dem Kirchdorfe Kirpitschnoje; sie hätten dort wenig Land, und die Ernte sei seit der Cholera fortwährend schlecht; sie seien zwei Brüder zu Hause, während der dritte beim Militär diene; sie könnten heuer mit dem Brot bis Weihnachten nicht mehr auskommen und müßten sich daher nach Verdienst umsehen; der jüngere Bruder sei der Herr im Hause, weil er Familie habe; er selbst sei Witwer; aus seinem Dorfe ginge jeden Winter eine Artel von Fuhrknechten in diese Gegend; er selbst sei zwar noch nie Fuhrknecht gewesen, habe aber doch den Dienst bei der Post angenommen, um den Bruder unterstützen zu können; hier bekomme er, Gott sei Dank, hundertzwanzig Rubel jährlich, von denen er hundert nach Hause schicke; das Leben hier sei sonst ganz gut, »wenn die Kuriere nur nicht so wild wären und das Volk nicht so fürchterlich fluchte«.

»Warum hat nur dieser Fuhrknecht so furchtbar geflucht? Mein Gott! Habe ich denn absichtlich die Pferde losgerissen? Will ich denn jemand etwas Böses? Und warum ist er ihnen nachgesprungen? Sie wären auch von selbst zurückgekommen; so wird er umsonst die Pferde abhetzen und auch selbst zugrunde gehen«, sagte der gottesfürchtige Bauer.

»Was ist das Schwarze dort?« fragte ich, als ich einige dunkle Silhouetten vor uns sah.

»Es ist ein Zug von Lastwagen. – Das ist wirklich ein angenehmes Fahren!« fügte er hinzu, als wir die riesengroßen, mit Bastmatten bedeckten Wagen, die einer hinter dem andern daherrollten, eingeholt hatten. »Schauen Sie nur hin, kein Mensch ist zu sehen, alle schlafen. Die klugen Pferde kennen selbst den Weg und lassen sich davon nicht abbringen . . . Auch ich bin früher einmal mit solchen Lastfuhren gefahren,« sagte er nach einer Pause, »daher kenne ich es.«

Die riesengroßen Wagen, die von den Rädern bis zu den Bastmatten hinauf mit Schnee bedeckt waren und sich ganz von selbst fortzubewegen schienen, boten wirklich einen seltsamen Anblick. Erst als unsere Schellen dicht neben den Wagen erklangen, hob sich im vordersten Winkel etwa zwei Finger hoch die schneeverwehte Matte, und eine Mütze lugte für einen Augenblick heraus. Ein großer scheckiger Gaul mit gestrecktem Hals und gespanntem Rücken schritt gleichmäßig über den gänzlich verwehten Weg; er schaukelte im Takt seinen zottigen Kopf unter dem schneebedeckten Krummholz und spitzte, als wir ihn einholten, das eine verschneite Ohr.

Nach einer weiteren halben Stunde wandte sich der Fuhrknecht wieder zu mir:

»Was glauben Sie, Herr, fahren wir recht?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete ich.

»Der Wind kam früher von dort her, und jetzt fahren wir mit dem Wind. Nein, wir fahren sicher falsch. Wir haben uns wieder verirrt«, schloß er mit großer Ruhe.

Obwohl er eigentlich recht feige war, hatte er sich, wie ich sah, vollkommen beruhigt, seit wir in Gesellschaft fuhren und er nicht mehr die Führung und die Verantwortung hatte: gemeinsames Unglück läßt sich eben leichter ertragen. Er machte kaltblütig Bemerkungen über die Fehler des Fuhrknechtes, der vorn fuhr, als ob ihn das Ganze nicht im geringsten anginge. Ich merkte auch wirklich, daß die vordere Troika uns bald die linke und bald die rechte Seite zukehrte; ich hatte den Eindruck, als ob wir auf einer sehr kleinen Fläche immer im Kreise herumführen. Es konnte übrigens auch eine Sinnestäuschung sein, wie es mir zuweilen auch vorkam, daß die erste Troika bald bergauf und bald bergab fahre, während die Steppe nach allen Seiten vollkommen eben war.

Nachdem wir noch einige Zeit so gefahren waren, glaubte ich fern am Horizont einen langen, schwarzen, beweglichen Streifen zu sehen; doch schon im nächsten Augenblick wurde es mir klar, daß es dieselben Lastfuhren waren, die wir schon einmal überholt.hatten. Die knarrenden Räder, von denen sich einige gar nicht mehr drehten, waren ganz wie vorhin von Schnee bedeckt; die Leute schliefen noch immer unter den Bastmatten, und das scheckige Pferd vor der ersten Fuhre blähte wie vorhin die Nüstern, beschnüffelte den Weg und spitzte die Ohren.

»Nun sehen Sie es selbst: wir haben uns so lange gedreht, bis wir wieder zu denselben Lastfuhren zurückgekommen sind!« sagte mein Fuhrknecht ärgerlich. »Die Kurierpferde sind kräftig und können etwas vertragen; daher kann er sie auch so abhetzen; wenn wir aber auch so die ganze Nacht herumfahren wollten, würden unsere Pferde bald stehen bleiben.«

Er hüstelte.

»Wollen wir doch lieber umkehren, Herr, damit es kein Unglück gibt?«

»Warum? Wir werden doch irgendwohin kommen.«

»Wohin können wir kommen? Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als in der Steppe zu übernachten. Wie es nur stürmt . . . Herrgott im Himmel!«

Obwohl ich mich wunderte, daß der Fuhrknecht in der ersten Troika, der offenbar Weg und Richtung verloren hatte, gar nicht versuchte, den Weg zu finden, sondern unter lustigem Geschrei in vollem Trabe weiterfuhr, wollte ich doch nicht mehr hinter den andern Schlitten zurückbleiben.

»Fahr ihnen nach!« sagte ich.

Der Fuhrknecht tat, was ich ihn geheißen, trieb aber die Pferde noch mißmutiger an als vorhin und sprach nicht mehr mit mir.

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